"Sklavenarbeit"

War die NS-Zwangsarbeit Sklaverei?

von: Alexandra Neumann, Cord Pagenstecher

Am 1. Oktober 1946 endete der Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess, der die "Sklavenarbeit" als zentrales Kriegsverbrechen der Nationalsozialisten verurteilte. Im Video sprechen zwei Zeitzeugen und eine Zeitzeugin über Zwangsarbeit als Sklaverei. Sie verwenden den Begriff "Sklave" in unterschiedlichen Bedeutungen. Ausschnitte aus den Video-Interviews mit den Zwangsarbeitern Wasyl B., Bloeme E. und Claudio S. © Archiv "Zwangsarbeit 1939-1945"

Inhalt

"Die Polen sollen die Sklaven des Großdeutschen Weltreiches sein“, verkündete Generalgouverneur Hans Frank 1939. Die systematische Ausbeutung von über 12 Millionen Menschen hatte viel gemein mit anderen historischen (und aktuellen) Formen der unfreien Arbeit und des Sklavenhandels. Jedoch unterschied sich das NS-System von antiken oder amerikanischen Sklavenhaltergesellschaften, etwa indem die jüdischen KZ-Häftlinge letztlich vernichtet werden sollten – sie zählten "less than slaves“ (B. Ferencz).

Einige der nationalsozialistischen Sklavenhalter wurden bald nach Ende ihrer Herrschaft juristisch verfolgt: Die als "slave labour programme“ bezeichnete millionenfache Verschleppung der Zivilbevölkerung zur Zwangsarbeit war ein zentraler Anklagepunkt des Nürnberger Prozesses. Vor 65 Jahren, am 1. Oktober 1946, erging das Urteil, u. a. gegen Fritz Sauckel und Albert Speer.

In den Jahrzehnten danach wurde die Zwangsarbeit dagegen als übliche Kriegserscheinung und "Fremdarbeit“ bagatellisiert. Erst in den 1990er Jahren wurde der Begriff Sklavenarbeit wieder verwendet.

In der Debatte um eine Entschädigung wurde mit der Unterscheidung zwischen Zwangsarbeit und Sklavenarbeit vor allem das schreckliche Schicksal der KZ-Häftlinge hervorgehoben. Der Vergleich deutscher Unternehmen mit Sklavenhaltern unterstützte nicht nur die Entschädigungsforderungen, sondern half Überlebenden und Kommentatoren auch, die ungeheure Größe und Brutalität des nationalsozialistischen Arbeitseinsatzes einordnen zu können.

Auch in der individuellen Erinnerung der Überlebenden spielt der Begriff "Sklavenarbeit" eine Rolle. Manche, wenngleich bei weitem nicht alle ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter beschreiben sich selbst als "Sklaven“, vor allem, wenn sie über Demütigungen und die ihnen vorenthaltene Gerechtigkeit sprechen.


Biografische Daten


Wasyl B., ukrainischer Zwangsarbeiter, lebt in England
1923 Geburt in Wasilkovo (Rayon Spola)
1939 Beginn einer Ausbildung zum Chemiker, nach Kriegsbeginn 1941 Abbruch der Ausbildung
1942 Verschickung nach Deutschland zur Arbeit in der Aluminiumfabrik Naabwerk (Oberpfalz)
1945 Wasyl B. verlässt nach einem Bombenangriff die Fabrik und lässt sich auf einen Bauernhof versetzen
Nach Kriegsende kommt er in einem UNRRA-Lager unter.
1947 folgt er dem belgischen Angebot, dort in den Kohlegruben zu arbeiten.
1948 Rückkehr nach Deutschland, im selben Jahr Umzug nach England
1950 und 1966 Heirat, er bleibt mit seinen insgesamt 10 Kindern in England und arbeitet in einem Industriebetrieb.
Archiv "Zwangsarbeit 1939-1945", Interview za069 (Registrierung notwendig)
Dauer: 4:06 Stunden, Datum: 13.03.2006, Sprache: Englisch


Bloeme E., jüdische Auschwitz-Überlebende aus den Niederlanden
1926 Geburt in Amsterdam in einer jüdischen Arbeiterfamilie
1942 Einberufung zum Arbeitseinsatz, Flucht und Tätigkeit im linken Widerstand in Amsterdam
1943 Verhaftung und Deportation nach Auschwitz
1944 Zwangsarbeit in einer Panzer- und Schneekettenfabrik im KZ-Außenlager Liebau (Schlesien)
1945 Befreiung am 8. Mai, Rückkehr nach Amsterdam
1950 Heirat, sechs Kinder
1964 - 1999 Arbeit an der Universität von Amsterdam als Psychologin
Archiv "Zwangsarbeit 1939-1945", Interview za165 (Registrierung notwendig)
Dauer: 3:09 Stunden, Datum: 30.06.2005, Sprache: Niederländisch


Claudio S., italienischer Militärinternierter (IMI)
1920 Geburt in Genua
1939 Studium der Geologie
1943 Leutnant der königlichen italienischen Armee unter Marschall Badoglio. Nach dem Sturz Mussolinis am 25.7. und der deutschen Besetzung Italiens am 8.9.1943 von deutschen Truppen gefangen genommen.
1943 bis 1945: Kriegsgefangenschaft in Deutschland und dem besetzten Polen, u. a. in den Lagern Sandbostel, Tschenstochau, Chelm, Deblin, Oberlangen, Duisdorf, Köln, Forellenkrug und Wietzendorf. Verweigerung der Anwerbung zu faschistischen Truppen
1944 Straflager und Zwangsarbeit bei der Fallschirmfabrik Glanzstoff & Courtaulds in Köln, Krankenhausaufenthalt
1945 Befreiung in Wietzendorf / NIedersachsen; Rückkehr nach Italien und Fortsetzung des Studiums
1950 Heirat, als Geologe für die Ölfirma AGIP im In- und Ausland tätig
1980 Rente. Seither zahlreiche Publikationen über die italienischen Militärinternierten
Archiv "Zwangsarbeit 1939-1945", Interview za126 (Registrierung notwendig)
Dauer: 5:31 Stunden, Datum: 07.06.2005, 10.12.2005, 25.02.2006, Sprache: Italienisch

Weitere Informationen

  • Redaktion: Cord Pagenstecher

  • Kamera: Almut Leh, Stefan Bijnen, Maura Cosenza

  • Schnitt: Tobias Kilgus

  • Drehbuch: Alexandra Neumann, Cord Pagenstecher

  • Ton: Tobias Kilgus Interviewpartner/innen: Wasyl B. ("Ostarbeiter" aus der Ukraine in der Oberpfalz, später England), Bloeme E. (jüdische Auschwitz-Überlebende aus den Niederlanden), Claudio S. (italienischer Militärinternierter)

  • Interviewer/innen: Christoph Thonfeld (FernUniversität Hagen), Selma Leydesdorff (Universiteit van Amsterdam), Viviana Frenkel (Istituto Luce) im Rahmen eines vom Institut für Geschichte und Biographie der FernUniversität Hagen koordinierten Interviewprojekts

  • Produktion: 26.09.2011

  • hrsg. von: Freie Universität Berlin, Center für Digitale Systeme

 
© Archiv "Zwangsarbeit 1939-1945"

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