"Es hat nie eine Vertreibung als Selbstzweck gegeben."

Eine Diskussion über Vertreibung und Versöhnung.

Im Rahmen einer Podiumsdiskussion thematisieren die Kinder von Vertriebenen verschiedene Arten der Reflektion von Geschichte. Auch über ein Zentrum gegen Vertreibungen wird dabei diskutiert.

Inhalt

Die Notwendigkeit einer Aufarbeitung von Flucht und Vertreibung steht außer Frage. Dennoch werden öffentlich verschiedene Arten der Reflektion von Geschichte verhandelt. Im Rahmen einer Podiumsdiskussion erörtern die Kinder von Vertriebenen verschiedene Herangehensweisen. Die Einstellung der Eltern zu ihrem Schicksal spielt bei der Argumentation der Kinder eine entscheidende Rolle. Rupert Neudeck flieht 1945 aus Gdańsk/ Danzig (Polen). Erst 1989 sieht er als Reporter für den Deutschlandfunk die Geburtsstadt wieder. Mit Stolz erfüllt ihn damals die Tatsache, dass Gdańsk/ Danzig (Polen) die Heimat einer der größten Weltbewegungen – der Solidarność – ist. Bis heute fühlt er sich der Stadt tief verbunden. Stefan Chwin, polnischer Schriftsteller, hat die Meinung seines Vaters zur Vertreibung in einem Artikel verarbeitet. Für den Vater – selbst Opfer von Vertreibung – haben die Deutschen ein Glückslos in der Lotterie gezogen, weil sie „hinter die Elbe“ kamen und nicht im „roten Lager“ bleiben mussten. Als Vergeltungsmaßnahme für das erlittene Leid der Polen während der nationalsozialistischen Okkupation schlägt er vor, in der Nähe von Berlin eine Kopie des Konzentrationslagers Auschwitz zu bauen, um dort alle Deutschen mit Zyklon B zu vergasen. Chwin bekräftigt, dass der Vater mit seiner radikalen Meinung nicht allein steht: unter den polnischen Vertriebenen gibt es keine Empathie für die Deutschen. Erst der Generationswechsel brachte die Versöhnung. Leszek Budrewicz, Journalist und Autor aus Wrocław/ Breslau (Polen), ist Teil dieser jungen, weltoffenen Generation. Wie viele seiner Landsleute räumt er allen Opfern von Krieg und Vertreibung ein Recht auf einen Ort des Gedenkens ein. Einem Zentrum gegen Vertreibungen steht er dennoch ablehnend entgegen. Eine ähnliche Meinung vertritt Daniela Dahn, Autorin aus Berlin. „Vertreibung als Selbstzweck“ hat es – ihrer Meinung nach – nie gegeben. Bei der Reflektion von Vertreibungsgeschichte muss daher zwingend eine Einbettung in den Kontext erfolgen. Nur in Zusammenhang mit dem durch die Nationalsozialisten initiierten Krieg kann ein Zentrum gegen Vertreibungen seine volle Wirkung entfalten.

Weitere Informationen

  • Redaktion: Lothar G. Kopp

  • Produktion: 30.01.2004

  • Spieldauer: 00:26:38

  • hrsg. von: Bundeszentrale für politische Bildung

 
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