Der innere Feind

FEINDBILDER - Kapitel 7

von: Holger Kulick

Observation vermeintlicher Feinde aus dem eigenen Land. Die Beispiele des Liedermachers Wolf Biermann und des Oppositionspolitikers Robert Havemann.

Inhalt

Sicherlich das prominenteste Opfer von Stasi-Observanten war der kritische Liedermacher Wolf Biermann, der im Zentrum Ost-Berlins direkt gegenüber der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland wohnte. Rund um die Uhr wurde er von Stasi-Mitarbeitern bewacht, weil dem SED-Regime seine kritischen Texte nicht passten. Je nach ihrem Aussehen nannte Biermann seine Beobachter „Mehlhose, Blaujacke und Schiefmaul“ – so, wie es die Kinder im Kiez taten. Sein Alltag wurde sogar bis in eine Badeanstalt hinein mit versteckten Kameras ausgespäht. Er selbst kommentiert: „Ich wusste es, auch dass meine Bude von oben bis unten verwanzt war, das hab ich durch Experimente rausgekriegt, nicht durch Paranoia. Aber ich durfte das niemand erzählen: keinem aus dem Westen, Rudi Dutschke nicht, dann würde man sagen, dass ich einen Verfolgungswahn habe... und den Ostmenschen, meinen Leuten, konnte ich es auch nicht sagen, weil die schon Angst genug hatten. Und mehr als die Hälfte der Macht der Stasi fußte ja auf der Angst der Menschen vor dieser Firma.“ Biermann ließ sich nicht einschüchtern. Vor ihm bekam der SED-Staat Angst. Von langer Hand wurde geplant, wurde Biermann im November 1976 ausgebürgert. Von der Stasi fast noch intensiver bewacht wurde ein enger Weggefährte Biermanns: der populäre Chemiker und sozialistische Dissident Robert Havemann (siehe Glossar). Mit seiner Familie lebte Havemann in Grünheide im Osten Berlins. Dort wurde er zeitweise sogar unter Hausarrest gestellt und alle Besucher – selbst die, die sich dem Haus nur zufällig näherten – wurden aus Verstecken fotografiert. Die Überwachung Havemanns dauerte über seinen Tod im Jahre 1983 hinaus, wie seine Ehefrau Katja Havemann berichtet: „[...] wir sind zum Beispiel an seinem Geburtstag oder Todestag zum Friedhof spaziert und dann haben wir gemerkt, dass die Stasi-Leute hinter den Bäumen standen und fotografierten. Wir spotteten darüber: ist okay, wenn sie sich vor dem toten Havemann so fürchten, dass sie sogar sein Grab bewachen.“

Die Dokumentation „FEINDBILDER“ zeigt in 12 Kapiteln umfangreiches Originalmaterial aus den Bild- und Videoarchiven der DDR-Staatssicherheit.

Weitere Informationen

  • Kamera: Markus Stockhaus, Holger Eckermann

  • Schnitt: Anne Berrini, Karin Bölling, Holger Kulick

  • Didaktisches Material: Petra Anders

  • Produktion: 12.2006

  • Spieldauer: 00:13:49

  • hrsg. von: Bundeszentrale für politische Bildung

 
© 2006 Bundeszentrale für politische Bildung

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