Die Täter

FEINDBILDER - Kapitel 11

von: Holger Kulick

Zwischen Verweigerung von Selbstreflexion und mühsamen Eingeständnissen: Die Helfer der Stasi.

Inhalt

Als privater Gast schoss Monika H., eine Ost-Berliner Fotografin, für die Stasi Bilder in der Wohnung der Malerin und Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley, mit der sie sogar befreundet war. Ein einziges Mal bekannte sie sich sehr offen in der ARD-Sendereihe Kontraste zu ihren Motiven, warum sie Bilder ihrer vermeintlich besten Freunde an die Stasi weitergab: „Das waren doch meine Feinde“. Ein schlechtes Gewissen habe sie nicht gehabt: „Du siehst dich ja immer nur als ganz kleines Teil. Als Miniteilchen. Du gehst ja nicht davon aus, dass deine Beobachtung, nennen wir es ruhig Spitzelei […] die ich aus Überzeugung gemacht habe, du denkst immer, dass deine kleine Sache, nicht das ist, was die Leute ins Gefängnis bringt.“ Die Verantwortlichen für die Verführung von IM und für gesetzeswidriges Ausspionieren von Bürgern ihres Staates scheuen bis heute vor Reflexionen über ihre Vergangenheit zurück. Eine Ausnahme ergab sich im Gespräch mit dem ehemaligen Stasi-Oberst Peter Rauscher, der stellvertretender Leiter der Hauptabteilung VIII war, die für Observationen zuständig gewesen ist. Er rechtfertigt sich im Gespräch mit Klischees: „In der Tätigkeit, in der man tätig war, gibt es immer Dinge, die anrüchig sind, die Menschen anders beurteilen, die außen stehen. Es ist immer mit Täuschung und Konspiration verbunden, okay. Aber das werden Sie in jedem Geheimdienst der Welt finden.“ Auf die Frage, ob er darin nicht eine Verletzung der Bürgerrechte sähe, erwidert Rauscher: „Da gibt’s eben unterschiedliche Standpunkte, unterschiedliche Positionen. Wissen Sie, dieser kleine Staat, der am Anfang stand, der war umzingelt von allen Seiten. Diesen Versuch, die Geburt in der Wiege zu ersticken, da musste man sich eben wehren [...].“ Die Stasi war nicht nur bemüht, heimlich Bilder aufzunehmen. Sie verhinderte auch Bilder über der DDR, die aus ihrer Sicht unbequem waren. Daher wurden auch viele Pressefotografen als Stasi-Mitarbeiter angeworben. Zu ihnen gehörte der Sohn von Eugen Heilig, einem renommierten Arbeiterfotografen: Walter Heilig, der im September 2006 verstarb, war Fotoreporter und einer der späteren Bildchefs des Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienstes (ADN), der staatlichen Nachrichtenagentur der DDR. Schon 1954 unterzeichnete er eine Verpflichtungserklärung als „geheimer Informator“ und diente der Stasi bis in die Wende hinein im Herbst 1989. Nach anfänglichem Leugnen vor der Kamera gab er seine Spitzel-Tätigkeit zu – 15 Jahre nach der Wende. Warum er der Stasi gedient hat, begründete er mit Feigheit: „Was jetzt meine Person betrifft. So manche Sache, die mir missfallen hat, hat man geschluckt, und nicht protestiert, nicht aufgetreten. Hinterher kann man sagen, das war ein Fehler. Aber wissen Sie, das klingt jetzt vielleicht billig, man hat Familie gehabt, man hat Kinder gehabt, und ich hatte keine Lust, irgendwo subaltern zu arbeiten. Als Bildreporter plötzlich nicht mehr zu arbeiten, sondern die Braunkohle zu besuchen. Ich sag das ganz offen: feige. Aber ob man mir das zum Vorwurf machen kann, weiß ich nicht. Wenn ich der Einzige wäre, wäre ich ein Feigling, aber nicht mit Tausenden, Hunderttausenden, denen es genauso gegangen ist.“ Die Frage, ob eine Institution wie der ADN auf diese Weise auch Wirklichkeit verfälscht hat, bejaht Heilig: „Natürlich, zwangsläufig, na klar. Wenn ich nur strahlende Gesichter herausbringe, zum Beispiel bei einer Manifestation, aber nicht auch zeige, wer um die Ecke geht und meckert. Und solche Dinge mehren sich doch, nicht?“

Die Dokumentation „FEINDBILDER“ zeigt in 12 Kapiteln umfangreiches Originalmaterial aus den Bild- und Videoarchiven der DDR-Staatssicherheit.

Weitere Informationen

  • Kamera: Markus Stockhaus, Holger Eckermann

  • Schnitt: Anne Berrini, Karin Bölling, Holger Kulick

  • Didaktisches Material: Petra Anders

  • Produktion: 12.2006

  • Spieldauer: 00:17:35

  • hrsg. von: Bundeszentrale für politische Bildung

 
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