Alles unter Kontrolle?

Video-Überwachung der Staatsfeinde

von: Roland Jahn und Peter Wensierski

Die Überwachungskameras im Ost-Berliner Zentrum dienen offiziell nur der Verkehrsbeobachtung. KONTRASTE enthüllt, dass damit unliebsame Menschen observiert werden – vor und nach dem Mauerfall.

Inhalt

Zum Alltag in der DDR gehörte die flächendeckende Überwachung von fast allem und fast jedem. Die Menschen hatten sich daran scheinbar gewöhnt. Erst im Herbst 1989 brach manifest heraus, wie sehr dieses Überwachungssystem abgelehnt, wie verhasst und gefürchtet es war. Viele Menschen trauten sich bis dahin nur, in ihren eigenen vier Wänden offen und frei zu sprechen. Und selbst das war nicht immer gefahrlos, weil viele oft auch in ihrer Privatsphäre belauscht wurden. Gerade Bürgerrechtler erhielten plötzlich einen Telefonanschluss, der sonst eine Mangelware darstellte wie so vieles andere. Denn ein Telefon versprach dem MfS, noch stärker in den Privatbereich eindringen zu können und mittels Abhörmaßnahmen die ausspionierte Person noch besser "aufklären" zu können.

Für alle Menschen sichtbar wurden auch die großen Plätze, Bahnhöfe und andere "neuralgische Punkte" in den Innenstadtbereichen mittels Videokameras überwacht. Nichts sollte den Sicherheitskräften entgehen. Offiziell wurde behauptet, diese überall sichtbaren Kameras dienten nur dazu, den Verkehr zu überwachen. Das glaubte schon vor 1989 in der DDR kaum jemand. Aber erst nach dem Fall der Mauer am 9. November 1989 und der Erstürmung der MfS-Zentrale in Ost-Berlin am 15. Januar 1990 konnten Bürgerrechtler Beweise dafür vorlegen.

Diese Videokameras wurden tatsächlich dazu benutzt, um westliche Journalisten, Oppositionelle und andere auffällig gewordene Personen zu beobachten und zu verfolgen. Der Berliner Alexanderplatz, auf dem es seit Juni 1989 an jedem 7. eines Monats zu Demonstrationen gegen die Wahlfälschungen vom 7. Mai 1989 kam, war besonders stark überwacht. Die Demonstranten gegen die Wahlfälschungen wurden hier ebenso ins Visier genommen wie andere kritische Personen. Besonders gut dokumentiert dieses Beispiel, wie stark Volkspolizei und MfS Hand in Hand arbeiteten. Gleichzeitig zeigte sich, wie notwendig die Auflösung der alten Strukturen war. Funktionierten doch die alten Anlagen Anfang 1990 nicht nur noch immer, sie wurden sogar, wie der SDP-Mitbegründer Markus Meckel am Zentralen Runden Tisch in einer Anfrage an den DDR-Innenminister Lothar Ahrendt verdeutlichte, immer noch von den alten Kräften der Diktatur genutzt, um Bürgerrechtler auszuforschen. Sowohl Ahrendt wie auch sein Vorgänger Friedrich Dickel belogen ganz bewusst die Öffentlichkeit, als sie sagten, die Videokameras seien nur zur Verkehrsüberwachung benutzt worden. Die Originalfilme aus den Archiven des MfS zeigen etwas ganz anderes. (Dr. Ilko-Sascha Kowalczuk)

Quelle: Dieser Beitrag ist Teil der DVD-Edition "Kontraste - Auf den Spuren einer Diktatur".

Weitere Informationen

  • Schnitt: Gisela Thiemann

  • Produktion: 06.02.1990

  • Spieldauer: 00:09:34

  • hrsg. von: Bundeszentrale für politische Bildung und RBB

 
© RBB 2005.

Weitere Medien zum Thema

Aufbruch im Osten 1987 - 1989

Aufbruch im Osten 1987 - 1989

Geheime Videos und mutige Bürger

Der Opposition in der DDR ein Stimme zu verleihen, ist das Credo der 12 Fernsehbeiträge aus der Zeit vor dem Mauerfall 1989. KONTRASTE berichtet von Oppositionellen und Ausreisewilligen. Weiter...

Spontan leben

Spontan leben

Jugend in Jena

Jugendliche Spontanität und Selbständigkeit passen nicht ins sozialistische Weltbild der DDR-Führung und werden hart bestraft. KONTRASTE zeigt wie der Freiheitsdrang junger Menschen unterdrückt wird. Weiter...

Tanzen aus der Reihe

Tanzen aus der Reihe

Rebellion am Brandenburger Tor

Ostberliner Jugendliche wollen einem Open-Air-Konzert im Westen zuhören. Die DDR-Polizeit greift ein. Der KONTRASTE-Beitrag zeigt: der Ruf nach Demokratie und Freiheit wird immer lauter. Weiter...

Glasnost von unten

Glasnost von unten

Drang nach Pressefreiheit

Glasnost, die neue Offenheit in der sowjetischen Presse, bringt in der DDR keine Pressefreiheit. KONTRASTE zeigt Oppositionelle, die den staatlichen Medien eine alternative Öffentlichkeit gegenüberstellen. Weiter...

Streben nach Mündigkeit

Streben nach Mündigkeit

Die unabhängige Friedensbewegung

Pazifisten, Bürgerrechtler und Umweltschützer formieren sich als Opposition zum SED-Staat. KONTRASTE berichtet über die immer stärker werdende unabhängige Friedensbewegung der DDR. Weiter...

Widerstehen

Widerstehen

Vom Staatskünstler zum Staatsfeind

Ihr Aufbegehren endete mit Gefängnis und Abschiebung in den Westen. KONTRASTE zeichnet den Lebensweg der Theaterregisseurin Freya Klier und des Musikers Stephan Krawczyk nach. Weiter...

Nicht mehr mitmachen

Nicht mehr mitmachen

Ausreise als Ausweg

KONTRASTE zeigt Menschen, die es trotz Wohlstand und Erfolg in der DDR nicht mehr aushielten. Sie erzählen, warum sie im Westen von vorne anfangen wollen. Weiter...

Nichts wie raus

Nichts wie raus

Flucht unter Lebensgefahr

Vor allem junge Menschen haben die Hoffnung auf eine Besserung der Verhältnisse in der DDR aufgegeben. KONTRASTE zeigt spektakuläre Aufnahmen gefährlicher Fluchtaktionen an der innerdeutschen Grenze. Weiter...

Protest gegen Zensur

Protest gegen Zensur

Die Zeitungen der Kirche

KONTRASTE zeigt auf, wie die kirchlichen Zeitungen in der DDR zensiert werden. Systemkritiker protestieren gegen die staatlichen Einschränkungen und bestehen auf Meinungs-, Presse- und Informationsfreiheit. Weiter...

Aufruf zum Boykott

Aufruf zum Boykott

Die Wahlen als Farce

KONTRASTE gibt der DDR-Opposition eine Stimme. Anlässlich der Kommunalwahlen 1989 fordern Bürgerrechtler statt Einheitsliste und Einheitspartei freie und geheime Wahlen oder aber einen Wahlboykott. Weiter...

Jetzt oder nie

Jetzt oder nie

Leipziger Montagsdemonstrationen

Die Leipziger Demonstrationen im Herbst 1989 sind der Ausgangspunkt für die friedliche Revolution in der DDR. KONTRASTE zeigt die Bilder der demonstrierenden Massen. Weiter...

Nichts geht mehr

Nichts geht mehr

Wo sind die Reformer?

Viele Menschen sehen keine Chance mehr und wollen in den Westen. KONTRASTE beschreibt die Situation in der DDR wenige Wochen vor der friedlichen Revolution. Weiter...

Stasi am Ende?

Stasi am Ende?

Die Auflösung des Geheimdienstes

Die Staatssicherheit versucht sich zu retten. Die Mitarbeiter wollen vertuschen, wie sie die Bevölkerung unterdrückt haben. KONTRASTE findet heraus, wie Akten abtransportiert und vernichtet werden. Weiter...

Den Bock zum Gärtner?

Den Bock zum Gärtner?

Der neue DDR-Justizminister Wünsche

Auch in der frei gewählten neuen DDR-Regierung sitzen alte Kader. Kurt Wünsche war schon einmal DDR-Justizminister. KONTRASTE zeichnet seine politische Laufbahn nach. Weiter...

Vom Rechtsbeuger zum Rechtsanwalt

Vom Rechtsbeuger zum Rechtsanwalt

Die Karriere von DDR-Juristen

In der DDR haben sie Bürgerrechtler zu Gefängnisstrafen verurteilt. KONTRASTE deckt auf, wie DDR-Richter nach dem Zusammenbruch des SED-Regimes nahtlos ins neue Rechtssystem wechseln. Weiter...

Unentdeckt in die deutsche Einheit

Unentdeckt in die deutsche Einheit

Die Stasi-Offiziere im "besonderen Einsatz"

Sie arbeiten heimlich für die Stasi und sitzen immer noch unerkannt an den Schaltstellen von DDR-Betrieben und –Behörden. Das KONTRASTE-Team spürt die "OibE" auf und enttarnt sie live vor der Kamera. Weiter...

Die Wahrheit muss raus

Die Wahrheit muss raus

Bekenntnisse einer Stasi-Agentin

Als inoffizielle Mitarbeiterin spionierte Monika Haeger die Berliner Oppositionsbewegung aus. Nach dem Mauerfall stellt KONTRASTE sie zur Rede und legt die Gedankenwelt eines Spitzels offen. Weiter...

Von der Stasi zum BGS

Von der Stasi zum BGS

Alte Schnüffler in neuen Uniformen

An den DDR-Grenzen kontrollierten Stasi-Offiziere die Pässe. KONTRASTE enthüllt: Jetzt arbeiten dieselben Leute für den Bundesgrenzschutz. Weiter...

Die Freunde als Stasi-Spitzel

Die Freunde als Stasi-Spitzel

Die Eröffnung der Gauckbehörde

Die erste offizielle Akteneinsicht offenbart es: die Stasi versuchte, ganze Biografien zu zerstören. KONTRASTE gewährt exklusive Einblicke in die Akten prominenter Bürgerrechtler. Weiter...