Die Angst vor Kunst und Kirche

FEINDBILDER - Kapitel 8

von: Holger Kulick

Misstrauisch beäugt die Stasi nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns das Heranwachsen einer neuen inneren Opposition.

Inhalt

Nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns rückten zwangsläufig jüngere Künstler ins Blickfeld der Stasi, die befürchtete, dass ein neuer Biermann heranwachsen könnte. In Kirchen und Privaträumen schufen sich junge Leute zunehmend selbstbewusst Freiräume. Unter ihnen witterten SED und Stasi einen neuen inneren Feind, den es aus ihrer Sicht zu unterwandern und zu zersetzen galt. Fotos aus dieser Szene – etwa des Ost-Berliner Fotografen Harald Hauswald – versuchte die Stasi aus dem Verkehr zu ziehen. Hauswald reflektiert heute: „Sie wollten das Land natürlich immer schön clean nach außen darstellen. So hab ich das Land nie empfunden, das habe ich versucht, mit Bildern zu zeigen, dass es doch nicht so ist, wie sie es sich da bunt malen.“ Er resümiert, dass die Stasi Angst hatte vor der Realität: „Wenn sie keine Angst vor der Wirklichkeit gehabt hätten, hätten sie sich nicht so einen Staatsapparat aufblähen müssen.“ Die Suche junger Leute nach Freiräumen – von der staatsunabhängigen Kita bis zum Konzertraum unter dem schützenden Kirchendach – konnte die Stasi kaum noch bremsen, zumal viele Pfarrer immer selbstbewusster Räume zur Verfügung stellten. Auf „feindlich-dekadente klerikale kirchliche Kräfte“ schimpfte die Stasi. Für den damaligen Pfarrer Rainer Eppelmann, den Initiator so genannter Bluesmessen in Ost-Berliner Kirchen, zu denen Jugendliche aus der ganzen DDR strömten, wurde die Kirche zum „Loch im Fahrradschlauch DDR“. Dazu führt er weiter aus: „Das Ende der DDR, die Zigtausenden, die dann nachher auf der Straße gewesen sind, die Millionen, wären nicht denkbar gewesen ohne das Probierfeld Demokratie in den Kirchen. Die einzigen freien Wahlen, die es in der DDR gab, waren die zu Gemeindekirchenräten. Die einzige freie Rede, die öffentlich geführt worden ist, ist in Synoden geführt worden. Relativ freie Rede, wo man sagte, was man dachte, in den Gemeindekreisen, auch wenn man spürte, dass da welche sind, die das aufschreiben und berichten. Das, was es später an Riesenmengen auf der Straße gegeben hat in Berlin und später Leipzig, wäre nicht denkbar gewesen ohne die hunderte kleiner Veranstaltungen und Gottesdienste, die es in kirchlichen Räumen gegeben hat.“ Im Schutz der Kirche entstand im Herbst 1986 auch die Umwelt- Bibliothek in Ost-Berlin (siehe Glossar). Ihr Mitbegründer Wolfgang Rüddenklau beurteilt rückblickend seine Haltung zur Überwachung durch die Stasi: „Wir haben zwar angenommen, dass die überall ihre Spitzel eingesetzt haben. Wir haben die Dimension nicht geahnt. Schon deshalb, weil wir uns nicht in dieser Weise wichtig nehmen wollten, wie die uns wichtig genommen haben. Es ist auch wichtig, sich nichts einzubilden auf die Aufmerksamkeit von solchen Verfolgungswahnsinnigen. Sonst fängt man an durchzudrehen.“ Die Stasi gewann auch IM in solchen Kirchenkreisen und in Freundeskreisen von Oppositionellen. So wurde die Malerin und Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley von einer guten Freundin ausspioniert. Bohley kommentiert im Blick zurück: „Sie wissen doch, dass das soweit ging, dass das bis in die Familien hineinging. Der Mann hat berichtet, was die Frau gemacht hat. Das war so eine furchtbare Gesellschaft, in der so viel Zersetzung von Menschen stattgefunden hat. Das kann man einfach nicht zu den Akten legen, wenn man in dieser Gesellschaft gelebt hat. Deshalb halte ich Aufarbeitung nach wie vor für wichtig. Und ich halte auch nach wie vor für wichtig, dass sich auch der Westen damit auseinandersetzt. Denn meine Erfahrung ist jetzt, die Demokratie ist ziemlich dünn und sehr leicht verletzbar [...] Deshalb muss man noch mal ganz genau überlegen: Was ist eine Diktatur? Nicht nur das Nazireich war eine Diktatur. Diktatur hat viele Gesichter.“

Die Dokumentation „FEINDBILDER“ zeigt in 12 Kapiteln umfangreiches Originalmaterial aus den Bild- und Videoarchiven der DDR-Staatssicherheit.

Weitere Informationen

  • Kamera: Markus Stockhaus, Holger Eckermann

  • Schnitt: Anne Berrini, Karin Bölling, Holger Kulick

  • Didaktisches Material: Petra Anders

  • Produktion: 12.2006

  • Spieldauer: 00:19:23

  • hrsg. von: Bundeszentrale für politische Bildung

 
© 2006 Bundeszentrale für politische Bildung

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