Tanzen aus der Reihe

Rebellion am Brandenburger Tor

von: Peter Wensierski und Ulrike Michels

Ostberliner Jugendliche wollen einem Open-Air-Konzert im Westen zuhören. Die DDR-Polizeit greift ein. Der KONTRASTE-Beitrag zeigt: der Ruf nach Demokratie und Freiheit wird immer lauter.

Inhalt

Vor allem Jugendliche fühlten sich in der DDR in den 1980er Jahren von der übrigen Welt immer mehr ausgeschlossen. Sie hörten jeden Tag Westradio, sahen täglich Westfernsehen und stießen jeden Tag in Ost-Berlin auch noch buchstäblich an die Grenzen und Mauern des kommunistischen Systems. Die westliche Kultur, vor allem die Rockmusik, hatte seit den 1960er Jahren den Wunsch vieler Jugendlicher beflügelt, frei leben zu können.

Die SED versuchte zwar, eine eigene "DDR-Rockmusik" zu gestatten, aber diese kam bei den jugendlichen Fans nur an, wenn sie sich an den großen westlichen Vorbildern orientierte. Immer wieder wurden Bands verboten, weil sie aufmüpfige Texte sangen. Zuweilen kamen Musiker auch ins Gefängnis. Fans initiierten in Ost-Berlin und an anderen Orten oft Proteste gegen das Regime, 1969 beispielsweise, als das Gerücht umging, die Rolling Stones würden auf dem Axel-Springer-Hochhaus direkt an der Berliner Mauer spielen oder 1977, als es am Rande eines Konzertes zum "Republikgeburtstag" zu blutigen Unruhen kam.

Zehn Jahre später, 1987, fanden direkt an der Mauer vor dem Reichstag in West-Berlin zwischen dem 6. und 8. Juni mehrere Konzerte statt. Dabei traten weltbekannte Rockgruppen und Künstler wie David Bowie, Phil Collins und die Eurythmics auf. Im Osten versammelten sich 4.000 junge Menschen, die der Musik lauschen wollten. Als Polizei- und MfS-Kräfte begannen, die jungen Fans vom Brandenburger Tor und anderen neuralgischen Punkten in der Innenstadt abzudrängen, weil Mauerdurchbrüche befürchtet wurden, eskalierte die Situation. Polizeihunde, Sperrketten, Schlagstöcke und elektrische "Schweinetreiber" gelangten seitens der Sicherheitskräfte zum Einsatz. Die jungen Menschen blieben gewaltfrei. Sie zitierten aus der kommunistischen Internationale "erkämpft das Menschenrecht", riefen "Gorbi, Gorbi" und skandierten "Die Mauer muss weg" sowie "Wir wollen Freiheit". Es kam zu Hunderten Festnahmen.

Nur wenige Tage später, am 13. Juni 1987, begrüßte der westdeutsche Liedermacher Konstantin Wecker auf dem Pressefest des SED-Zentralorgans "Neues Deutschland" seine etwa 10.000 begeisterten ostdeutschen Zuhörer und Zuhörerinnen. Er freue sich gerade heute hier in Ost-Berlin zu spielen, da sie doch gerade an der Mauer das Lied der Freiheit gesungen hätten. Tosende Beifallsstürme waren ebenso die Folge wie sichtbar verstärkte Polizei- und MfS-Kräfte.

Ein Jahr darauf fand vor dem Reichstag in West-Berlin abermals ein hochkarätig besetztes Rockspektakel statt. Die Musiker, darunter Michael Jackson, Pink Floyd, Nina Hagen und Udo Lindenberg, spielten zwischen dem 16. und 19. Juni 1988 auf. Die Machthaber im Osten wollten eine ähnliche Pleite wie im Jahr zuvor verhindern. Potenzielle "Störenfriede" zog das MfS nun bereits im Vorfeld aus dem Verkehr. Es kam zu etwa 100 Festnahmen und erneut zu "Die Mauer muss weg"- Rufen, hatten sich doch trotz scharfer Sicherheitsvorkehrungen 2.000 Jugendliche auf der Ostseite des Brandenburger Tors versammelt.

Es blieb aber insgesamt weitgehend ruhig. Das hing auch damit zusammen, dass zur selben Zeit im Ost-Berliner Stadtteil Weißensee ein mit vielen internationalen und westdeutschen Stars gespicktes Rockfeuerwerk entzündet worden war. Dorthin pilgerten an den drei Tagen etwa 260.000 junge Menschen. Selbst im Fernsehen liefen Rockmusiksendungen, um die jungen Menschen von einer Fahrt zum Brandenburger Tor abzuhalten. Die SED-Führung hatte die Lektion aber nur halb gelernt. Denn die Ursachen für die Freiheitsrufe und die Forderung "die Mauer muß weg" beseitigte sie nicht.

Quelle: Dieser Beitrag ist Teil der DVD-Edition "Kontraste - Auf den Spuren einer Diktatur".

Weitere Informationen

  • Schnitt: Jutta Kahlenberg

  • Produktion: 16.06.1987

  • Spieldauer: 00:09:13

  • hrsg. von: Bundeszentrale für politische Bildung und RBB

 
© 2005 Bundeszentrale für politische Bildung und RBB

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