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Online-Publikation: Freie Software im Unterricht

"Wo liegt das noch gleich? Da wollt ihr Computer hinbringen?"


Freie Software in IT-Entwicklungsprojekten und ihr Umfeld
Candida Coronato

Eine Zwischenbilanz von “Ganesha’s Projects” und zwei Reiseberichte: Nepal und St. Lucia (Karibik)

1. Nepal

Wir konnten es dann endlich besuchen, unser Projekt. Ende März flogen wir hin, für zehn Tage. Ins Terai, ein subtropisches Gebiet, zum Dorf Bachhauli bei Sauraha, am Eingang des Royal Chitwan National Park. In der schönsten Reisezeit, da in dieser Region im März Trockenzeit herrscht; der Monsun mit seinen bekannten Problemen wie Stromausfällen und Überschwemmungen ist dann noch weit entfernt.

Was sind Internet und email doch für prächtige Medien. Viele Photos hatten uns "über das Netz" monatelang die drei Projektgründer Kirstin Böttcher, Marcus Oliveira und Leonard Bonello, jetzt "Nepal-Team" genannt, von ihrer Arbeit dort geschickt. Phantastische Photos von Land und Leuten und Kultstätten, dann von der rituellen Segnung und Einweihung des Computerraums, von den Schülern. Und endlich auch von Kuma Raj Subedi (Kamal), dem Lehrer und Journalisten, der vom ersten Moment an mit einer fast unglaublichen Energie und Beharrlichkeit darum gekämpft hatte, das Projekt zum Starten zu bringen. Der vierte des "Nepal-Teams", Gründungsmitglied von nepalesischer Seite. Sie hatten es geschafft. Und sie hatten auch Photos geschickt, die in noch anderer Art zu denken gaben: Strassen im Ausnahmezustand, Müll fressende Kühe auf den Strassen von Kathmandu, Kinder, die mittendrin spielten. Das Ganze begleitet von Berichten per email. Ein sehr praktischer und bisweilen seltsamer Luxus, diese Berichte und Photos direkt an den Schreibtisch zu bekommen. Sie haben uns gut vorbereitet.

Und es ist wirklich eine phantastische Szenerie, die wir betreten dürfen, vom Augenblick unserer Ankunft in Kathmandu an. Wir kommen aus dem Gebäude des Tribhuvan International Airport: Ein wildes Chaos aus Menschen, Autos und Gepäck: Taxifahrer, Polizisten. Was sofort auffällt: Dieses Chaos, obwohl wirklich apokalyptisch, hat nichts Bedrohliches, gar nichts. Ein unglaubliches Gewühl, ja. Viele eilige Menschen, vor allem eine Unmenge Taxifahrer und Fremdenführer, die die Touristen ansprechen- ja, und keine Überraschung. Aber das erste, was man gleich nach all dem wahrnimmt, ist eine trotz allem paradox ruhige Atmosphäre - keine Aggression liegt in der Luft. Lautes und schnelles Sprechen da und dort, sicher. Aber kein Geschrei. Und sehr viele freundliche, offene Gesichter, nicht nur bei den Kindern.

Schwer vorstellbar, dass das ganze Land im Ausnahmezustand ist. Und dass vor vier Monaten ein paar hundert Meter vom Flughafengebäude entfernt von den Maoisten die Coca-Cola-Fabrik in die Luft gesprengt wurde. Es war ungemütlicherweise derselbe Tag, an dem unsere Hardware hier ankam und abgeholt werden musste. Ein denkwürdiger Tag und mit vielen Strapazen für unser Nepal-Team verbunden, aber die Sache ging gut.

Die Sicht "von aussen"

Wir anderen saßen damals ein paar Tage später gemütlich an unseren Computern in Berlin und sahen uns die Bilder an. Und bekamen langsam eine deutlichere Idee: Davon, was es heißt, ein solches IT-Projekt zu starten in einem Land, in dem nicht nur die Uhren anders gehen (in Nepal gelten fünf verschiedene Kalender, lies: Zeitrechnungen), sondern einfach alles. Nicht nur eine fremde Kultur, woher denn. Gleich ein ganzes Bündel, eine für uns Europäer verwirrende Mischung aus den Weltreligionen Hinduismus, Buddhismus und einigen anderen, nicht weniger bekannten.

Für die Linux-User (die sich wünschen mögen, dass ich endlich zum Punkt komme): Ein faszinierendes Paket, das es in Kopf und Herz zu installieren gilt. Nicht darauf zählen könnend, dass die Abhängigkeiten tatsächlich jemals aufgelöst...

Die Uhren gehen anders, wie kommen wir damit zurecht? Vor allem der Ausnahmezustand (Stand: April 2002): Vor wenigen Tagen sprengten die Maoisten den Telefontower von Bachhauli; seitdem sind dieses und auch die umliegenden Dörfer ohne Telefon. Das bedeutet auch einen harten Schlag für "Ganesha’s Project": Die Schule wird voraussichtlich monatelang offline arbeiten müssen. Um in Kontakt via email zu bleiben, muss das Nepal-Team fünfmal pro Woche zum 10 km entfernten Ort Tadi gelangen. Ein Preis für Entwicklungsprojekte in Krisengebieten.

Dabei sind unsere Leute bisher von keiner Seite Ziel der Angriffe. "Ganesha’s Project" wird sowohl von den Maoisten als auch ihren Gegnern gern gesehen, wird unseren Leuten immer wieder versichert. "Diese Sache mit den Computern und der kostenlosen Software für alle" fasziniert beide Seiten. Wegen den technischen Möglichkeiten, aber auch wegen der politisch neutralen Art des Angebotes: Weder Propaganda i.S. besseres oder schlechteres System, noch irgendwelche "Gesinnungs-"Forderungen sind mit ihm verbunden. Just knowledge. Sobald einige der Schüler entsprechend ausgebildet sind, werden sie das Wissen selbständig bewahren und weitergeben können, während die Helfer sich zurückziehen. Es scheint daher, als sei ein solches Projekt - IT-Unterricht und freie Software - sogar besonders gut geeignet in Ländern wie diesem, wo die politischen Unruhen nicht zuletzt auch durch mangelnde Ausbildung der Bevölkerung entstehen konnten. Die berühmte und vielzitierte Ursache-Wirkung-Kette. Wir hoffen deshalb, dass unser Projekt Fortschritte machen kann. Niemand kann jedoch vorhersagen, welche Gebiete als nächstes ebenfalls als "umkämpfte Gebiete" gelten werden. Und auch unser Team kann von Anfang an nur Schritt für Schritt sehen, ob und wie es weitergeht. Gleiches gilt nun für uns, zurück zum Tribhuvan Airport.

Unterwegs zum Projekt

Wir haben es geschafft, einen Kleinbus mit Fahrer zu mieten. Nicht unsere Leistung: Wir hatten kaum die Verhandlungen begonnen, da tauchte einer der "unseren" auf, Marcus Oliveira. Er hatte uns im Gewühl gefunden. Kein erschöpfendes Gefecht folgte, ein charmantes kurzes Gespräch war es: Brasilien gegen Nepal, 2:1., Verhandlung abgeschlossen. Keine 3 Minuten, aber alle Beteiligten sind zufrieden: Fünf Personen mit ihrem Gepäck plus Fahrer, für umgerechnet 70 US$. Es ist ein äußerst geschickter und sehr angenehmer Fahrer. Die Fahrt zum Royal Chitwan National Park soll etwa fünf Stunden dauern, aber bald merken wir, dass wir jeden Augenblick davon genießen werden.

Atemberaubend schöne und extrem wechselnde Landschaften, nicht weniger atemberaubender Verkehr in Kathmandu und anderen, kleineren Orten unterwegs. Kühe, mitten in der Strasse liegend wie Felsen in der Brandung. Not amused. Motorräder, Rikschas, über und über bunt bemalte und vollbeladene Lastwagen, alles weicht elegant aus, ein rasanter Tanz ohne Ende. Kaum heraus aus dem Kathmandu-Tal, die ersten Bergkurven. Jeder Lastwagen hat auf seinem Heck eine liebevoll blumenumrandete Aufschrift: "Horn, please." Manche: "NO FEAR." Oder "Speed thrills but kills". Es ist schnell gelernt: Kurven und nichts anderes gibt es, das Überholen ankündigen, keine nervöse Hetze, nicht zu schnell fahren. Was natürlich trotzdem immer wieder geschieht, aber mit einer derartigen Geschicklichkeit, dass es einfach eine unheimlich faszinierende Vorführung ist. Diese, zusammen mit der ständig wechselnden Szenerie von Landschaft und Menschen - in der Tat, sehr viele verschiedene Ethnien! - sorgt dafür, dass wir fünf Stunden später fast aufgekratzt und nahezu putzmunter aus dem Wagen steigen: Wir haben, vom sicheren Ausguck unseres Wagens aus, einen der spannendsten Filme unseres Lebens gesehen.

Wir sind in Bachhauli angekommen. Es ist längst dunkel und ruhig. Still ist es nicht: Grillen, wer könnte je sagen wie viele verschiedene Vögel, entfernt Hunde. Hier kommt die Müdigkeit, mit einer sanften Keule: Hibiskusduft, leise Stimmen, unsere Freunde sprechen mit dem Hotelbesitzer. Der geht voran, bringt uns zu unseren Zimmern. Wir schlafen wie Steine. Am nächsten Morgen, nach einem prächtigen Frühstück, werden wir abgeholt, es geht zur Schule. Nicht zu fassen, wer uns abholen kommt: Wie um alles in der Welt kommt man auf diese riesigen Elefanten? Die Kinder und die Mitarbeiter des Hotels haben einen großen Spaß, auch bei diesen milchfarbenen Touristen. Von denen nicht alle wissen, dass die Riesen gnädigerweise in die Knie gehen, Rätsels Lösung. Zum Glück hatte ich meine entsetzte Frage nicht laut ausgesprochen. Keiner hat etwas gemerkt. Ausgelassen sind die Kinder, gelassen und humorvoll die Elefantentreiber, am gelassensten die Elefanten selbst. Ein Cent für deren Gedanken. Auch für uns ist es lustig. Einmal hochgeklettert, ist es eine gemütliche Sache.

Das Projekt. Sehen, wovon man redet: Die Schule, die Schüler, die Lehrer

Ankunft bei der Schule. Ein unglaublicher, zauberhafter Empfang wird uns bereitet: Wie damals bei der Rückkehr der Projektgründer nach Bachhauli auch, haben sich Mädchen und Jungen auch für uns auf der Grasfläche vor dem Schulgebäude in einer langen Doppelreihe aufgestellt: Mit Blumen in der Hand, den feuerroten Hibiskusblumen. Fast alle haben sie ihre leuchtend blauen Schuluniformen angezogen. Es wirft uns fast um und wir geben uns alle Mühe, annähernd so wunderbar offen und unbefangen zu sein wie die Kinder. Die Sonne hilft uns dabei: Es ist noch Vormittag, aber schon richtig heiß. Unsere Steifheit wird buchstäblich weggeschmolzen und das dauert nicht lange.

Bald danach zerstreuen sich die Kinder auf dem Gelände. Wir werden später mit ihnen im Gras sitzen, sie mit Kumas Hilfe ein bisschen ausfragen und hören, was sie uns zu sagen haben. Zuerst aber gehen wir, blumenbeladen, in den kleinen schattigen Versammlungsraum im Erdgeschoss, wo wir u.a. mit folgenden Befürwortern und Unterstützern des Projektes zusammen sitzen: Schuldirektor Prahlad Tripathi, Ortsvorsteher Babu Ram Puri, Universitätsdozent Dan Raj Giri, Schriftsteller und Herausgeber der Zeitung "Chitwan Weekly" Govinda Raj Binodi, Kuma Raj Subedi und einigen seiner Lehrerkollegen. Jeder hält eine kurze Begrüßungsrede, man bedankt sich bei uns für unsere Arbeit. Auch von uns hält jeder eine kurze Ansprache; wir danken für den herzlichen Empfang und stellen uns und unseren jeweiligen Beitrag zum Projekt vor, in ein paar Sätzen, die Kuma mit beeindruckender Gewandtheit übersetzt. Weiter geht es zur Besichtigung der Räume im ersten Stock. Hier ist der Computerraum endlich im Original! Da stehen sie, unsere weitgereisten Rechner. Ganesh hat gut auf sie aufgepasst. Im Nebenraum: Die Anfänge einer Bibiliothek, der Raum sehr sorgfältig und liebevoll hergerichtet. "Oasis Library" wird sie genannt.

Wir hatten per email natürlich davon erfahren und jetzt besondere Bücher für diese Bibliothek mitgebracht: Der Verlag O’Reilly war sehr großzügig gewesen und hatte einen ganzen Stapel an Linux-und IT-Fachliteratur gespendet, natürlich in englischer Sprache: Vi-editor, Webmaster in a Nutshell, HTML... sie haben großen Erfolg.

Zurück nach unten. Unsere kleine Konferenz löst sich auf: Mittagszeit. Die Sonne drängt zum Weiterziehen in den Schatten. Allerdings sind wir, mit Kuma noch auf dem Schulgelände, neugierig auf die Kinder und diese auf uns: Immer noch sind sie in der Nähe und beobachten uns. Kuma ruft sie zusammen und wir setzen uns alle ins Gras. Diesmal stellen wir uns zuerst vor, Kuma übersetzt. In Nepali und Tharu... Dann die Kinder. Sie sind zwischen 13 und 15 Jahre alt, siebte bzw. achte Klasse. Jeder von ihnen hat ein paar Sätze in englisch für uns - für viele die zweite "Fremdsprache", die sie lernen. Einige sind sehr schüchtern, fassen Mut zusammen. "You are like gods for us", hören wir mehr als einmal. "..cause you brought us computer here and we had nothing." Andere: "We are so happy that we will learn computer now. We will know what is happening in the world!" Irgendwann steht einer der Jungen auf. Nimmt sichtlich seinen Mut zusammen. Und dann sagt er: "It’s right, you are like gods for us. For me also." Pause, Luftholen. "But...we got a big problem with the power cuts, too! This is very important: Very often we have no energy supply for the computers! We must resolve that also, it is urgent - perhaps we can do that with the solar energy! Please think about that soon!" Es ist einer der schönsten Momente für uns.

Den Rest des Tages verbringen wir mit den anderen unseres Projekts am Fluss, nahe beim Dorf. Man läuft durch die "elephant stables" dorthin, gelangt auf eine ausgedehnte Weidefläche in sattem Grün, dann eine Biegung: Ein breites Silberband. Die Landschaft, es ist nicht zu fassen. Majestätische Ruhe, das passt, ist kein bisschen übertrieben. Elefanten wiegen vorbei, einer von ihnen trägt einen Baumstamm. Ohne zu hetzen, natürlich. Hier verweise ich auf die Bilder; es gibt einfach Dinge, die muss man gesehen haben.

Sie sind Könige, diese Kinder, wenn man sie so sieht: Wachsen in der Welt von Ryard Kiplings Dschungelbuch auf. Gibt es einen besseren Spielplatz und eine gründlichere Schule? Was das Leben in einem Paradies angeht- keine Frage. Aber überall gibt es deutliche Zeichen dafür, dass von Paradies zu sprechen nichts als Zynismus wäre. Die Armut ist sehr reell und präsent, das berühmt-berüchtigte globale Dorf wiederum ist nur noch wenige Ecken entfernt, jeder weiß es. Auch die Eltern der Kinder wussten es, als unser Team ihnen von der Projektidee erzählte und sie fragte, was sie davon hielten. Die meisten unserer kleinen Könige hier kümmert es natürlich noch nicht. Es ist ein tröstliches Gefühl zu wissen, dass wir hier sind, um mit zu helfen, sie darauf vorzubereiten. Und es sieht aus, als könnten wir uns tatsächlich sehr nützlich machen mit unserem Angebot, wenn wir es richtig anstellen. Wie stellt man es richtig an?

Was können die Nepalesen von uns gebrauchen, was gibt ihnen "Ganesha’s Projects", was sollen sie ausgerechnet hier mit IT und freier Software?

Hier ist als Beispiel für eine Möglichkeit die Hauptaufgabe, die sich "Ganseha’s Project" vorgenommen hat, unser Beitrag: Die Schüler in Bachhauli und anderswo werden lernen, was Computer und Netzwerke sind, wie man mit ihnen umgeht, sich freie Software beschafft und damit arbeitet, sich mit anderen austauscht. Muss es betont werden? Geschichte und Gedanke der freien Software spielen hierbei eine zentrale Rolle, denn sie stehen für die positivsten Seiten des globalen Dorfes: Weltweite Kooperation und gemeinsame Entwicklung eines interdisziplinären "Projektes", das allen großen Nutzen bringt, denn es kann an die verschiedensten Nutzer-Bedürfnisse angepasst werden. Somit wird niemand a priori ausgeschlossen, jeder kann etwas beitragen und damit selbst Einfluss nehmen auf die Entwicklung dieser Sache. Nicht unwichtig in Zeiten einer wachsenden Monopolisierung des Wissens. Die Grundkenntnisse, die es braucht, um an diesem Projekt teil zu nehmen, sind nicht schwerer zu lernen als andere, bisher "klassische" Schulfächer. Sie brauchen nur ebenfalls Zeit. Zeit, die dafür aber keinesfalls verschwendet ist, sondern vielmehr bestens investiert. Der Einsatz freier Software und das Arbeiten mit Betriebssystemen wie Linux fördert nachweislich nicht nur eine selbständige und flexible Denkweise bei den Schülern. Auch die Vorteile einer Zusammenarbeit mit anderen und einer konstruktiv (selbst-) kritischen Haltung werden den Schülern schnell erkennbar (siehe hierzu auch den Artikel von Kuma Raj Subedi, "Ganesha’s Project": Ein Vorreiter der Informationstechnologie in Bachhauli"). Verschiedene Denkweisen und Meinungen als kostbare Bereicherung, die deutlich nachvollziehbar wird - gesetzt, man lernt, andere daran teilhaben zu lassen. Und die Schüler werden lernen, wie man Datenbanken anlegt. Angefangen wurde mit einer Tierdatenbank. Da gibt es reichlich Material im Royal Chitwan National Park. Und es interessiert jeden. Archivierung, Bewahrung und Verbreitung von Wissen. Eine feine, sehr nützliche Sache, mit Sicherheit. Dictionaries für ihre Sprachen könnten sie sich auch zusammenstellen, vielleicht mehrsprachige, mit Bildern, ohne... Die Möglichkeiten sind endlos. Erstellung von Websites. Dann: Recherche. Sie werden lernen, wie sie an Informationen kommen, ohne davon erschlagen zu werden. Dafür haben sie geradezu ideale Voraussetzungen: Noch haben sie kaum eine Ahnung, was das Internet bereithält. Kaum jemand in Bachhauli hat Fernsehen. Aus unserer Sicht ein wunderbarer Zustand und zugleich eine klare Verantwortung der "Helfer" und der Lehrer. Denn die größte Herausforderung wird es ganz bestimmt sein, die Kinder von "Ganesha’s Projects" an dieses Meer von Informationen heranzuführen - und ihnen rechtzeitig, sagen wir, das Schwimmen gut beizubringen. Die Gefahr gewisser Strömungen. Was passiert, wenn man zu weit hinaus schwimmt. Das Einschätzen von Ebbe und Flut. Und hier taucht noch ein kritischer Punkt auf:

Wo hört Hilfe zur Selbsthilfe auf und beginnt die Einmischung der Helfer?

Die Grenzen sind letztendlich natürlich fließend, weswegen alles mit transparenter Arbeitsweise und Respekt der Helfer gegenüber den "Hilfsempfängern" steht und fällt. Ohne eine aktive Miteinbeziehung der lokalen Bevölkerung und Experten, in diesem Fall vor allem der Lehrer, ist auch ein IT-Projekt mit Computern und freier Software nicht denkbar. Wie eingangs bereits angesprochen: Ein anderer und auch sehr wichtiger Punkt, der gerade angesichts der aktuellen politischen Wirren erwähnt werden soll, ist die Tatsache, dass "Ganseha’s Projects" in diesem politischen Konflikt weder für die eine noch für die andere Seite Partei ergreifen will. Aufgabe dieses Projekts ist es, ihnen IT-Unterricht anzubieten und ihnen zu zeigen, was freie Software und auch Open Source-Technologien bieten. Und die Schattenseiten der modernen Kommunikationsmittel dabei nicht zu "vergessen". Was die Schüler später damit anstellen, ist ebenso ungewiss wie bei den Alphabetisierungs-Projekten auch, da werden wir an unsere Grenzen kommen. Bringe ich einer Gruppe Kindern Computer bei, habe ich gesichert, dass sie in eine gute Zukunft gehen? Natürlich nicht. Aber es bietet, quasi als Nebeneffekt, etwas sehr nützliches: Neutrales Terrain für das Lernen wichtiger Schlüsselfähigkeiten.

Man zeigt ihnen beide Seiten der Medaille Informationstechnologie und bringt ihnen bei, kritisch zu sein gegenüber den Computern und dem Meer der Informationen. Haben wir Glück, dann werden sie dabei lernen bzw. sich erinnern, dass überhaupt alle Dinge zwei Seiten haben, eine gute und eine gefährliche. Und dass man nicht genug üben kann, die Balance zu finden. Haben die Schüler von Bachhauli einmal den Wert einer offenen, kritischen Haltung und die Vorteile des Austausches und der konstruktiven Konfrontation mit anderen gelernt, dann ist die Chance groß, dass sie sich so gleichzeitig immunisieren gegen Dogmen und Fanatismus jeglicher Art. Wir Helfer wiederum haben die Möglichkeit, hier einen brauchbaren, neutralen Beitrag zur Dialogfähigkeit leisten, ohne uns parteiergreifend in die Angelegenheiten der Nepali zu mischen.

Eine gute Methode ist hier beispielsweise auch, ihnen von der Geschichte des Computers und der freien Software zu berichten. Und ihnen damit ein weiteres wichtiges Werkzeug, wenn nicht die eigentliche Ausrüstung überhaupt zu geben, die sie fürs Informationszeitalter brauchen.

Die beiden Seiten der Medaille. An freier Software lässt sich wunderbar lernen, was die Technik für den Menschen tun kann, ohne ihn zu beherrschen oder zu behindern. In seinem Forscherdrang, seinem Ausdruck, seiner Kreativität etwa. Neil Postman wird nicht müde, darauf hinzuweisen, dass die Geschichte der Technik und Erfindungen immer auch eine Geschichte der Irrtümer ist. Und der Verbesserungen, denen eine (selbst-)kritische Einsicht vorausging. Der Einsatz freier Software, die von den Anwendern selbst mit weiter entwickelt wird, ist abgesehen davon und pädagogisch gesehen, ein gewaltiger Unterschied zum Einsatz kommerzieller Software, lies: Einem bereits fertigen, vom Nutzer unveränderbaren Produkt, das Schülern vorgesetzt wird und von dessen Entstehung sie nichts mitbekommen haben. Schüler, die dagegen den Umgang mit freier Software lernen, können den Prozess der Herstellung ebenso wie den der Weiterentwicklung weit besser nachvollziehen. Eine gute Chance für sie, das "Woher-wohin"-Denken kennen zu lernen, bevor es ihnen durch die gefährliche Bequemlichkeit der Maschinen abhanden kommt. Und dieses Denken später auf alle möglichen Bereiche ihres Lebens zu übertragen.

Ob ihre Eltern und Lehrer Möglichkeiten dieser Art inzwischen auch sähen, wollte das Team vor Ort wissen. Zu diesem Zweck wurde ein großes Treffen abgehalten, an dem die Eltern der Kinder teilnahmen. Sie erschienen zahlreich und die Resonanz war sehr positiv:

Erste Auswirkungen von "Ganseha’s Projects"

Anfangs wurde das Projekt hier und da logischerweise mit Misstrauen beobachtet - ein gesundes Misstrauen. Denn die meisten Menschen im ländlichen Bachhauli hatten selbst noch niemals mit Computern zu tun. Warum also sollten sie die Computer automatisch für etwas Gutes halten? Nur, weil einer der "ihren" sich unermüdlich und vehement dafür einsetzte, genau wie für die Fremden? Was, wenn er sich irrte? Mehr als verständlich, ihre Skepsis. Und nur mit positiven, greifbaren Erfahrungen zu verringern. Nach und nach geschah das dann, nicht von heute auf morgen. Inzwischen bekommt das "Ganesha’s Projects" ständig mehr Freunde (u.a. sehr gut beschrieben im bereits erwähnten Artikel von Kuma Raj Subedi): Die Schüler, die am Projekt teilnehmen, lernen mit einer Begeisterung, die sie in dieser Form vorher nie an den Tag gelegt hatten. Und es kommt vor, dass sich Schüler aus benachbarten Privatschulen mit in diesen Unterricht setzen - der Computer wegen. Vielleicht auch ein bisschen der exotischen Lehrer wegen. Jedenfalls lernen Mädchen und Jungen einträchtig zusammen und haben eine Menge Spaß. Wäre kein Wunder, wenn sie auch deswegen von woanders dazukämen.

Den Eltern der Schüler entgeht das natürlich nicht. Sie sehen, dass ihre Kinder nicht nur beschäftigt sind, sondern auch offensichtlich etwas sehr nützliches lernen. Dass sich ihr Englisch verbessert, kommt ihnen zu Ohren. Viele von ihnen, so wird uns berichtet, beginnen jetzt langsam, für ihre Kinder eine positive Perspektive zu sehen - und, noch wichtiger, für möglich zu halten, was sie sehen. Und viel hätte man den Eltern erzählen können, gleich von Anfang an, aber wieso hätten sie es glauben sollen? Prozesse wie diese brauchen ihre Zeit. Inzwischen haben sie viele kleine Schritte des Nepal-Teams mit verfolgen können: Das Versprechen der Hardware, das Eintreffen der Hardware. Die Segnung des Computerraumes, den Unterrichtsbeginn. Die Stromausfälle und Unterbrechungen, die Fortsetzung des Unterrichts. Auch die Tatsache, dass das Team ein kleines Häuschen mitten im Dorf bezogen hat, in einem Nebenweg, wenig entfernt vom Haus des Lehrers Kuma Raj Subedi, und dass die drei dort mit einfachsten Mitteln leben, hat sicherlich zum wachsenden Vertrauen in sie beigetragen. Sie sind greifbar und schotten sich nicht ab, weichen Fragen und Diskussionen nicht aus, fühlen sich sichtlich wohl dort, wo sie sind.

Was dazu führte, dass eine Gruppe von Frauen begann, sich weiter Gedanken zu machen. Wie es aussah, würden nicht nur ihre Kinder nun tatsächlich in absehbarer Zeit mit dem Rest der Welt verbunden sein. Da konnte es nicht schaden, einiges über die "Außenwelt" zu wissen, um noch besser vorbereitet zu sein. Und dieses Wissen zu sammeln und allgemein verfügbar zu machen. Die Frauen beschlossen, eine öffentliche Bibliothek zu gründen.

Sie wussten, das Team hatte nicht vor, nach ein paar Monaten abzureisen und ihre Kinder von jetzt auf sofort alleine zu lassen. Es war bekannt: Erst wenn ein paar der Schüler als Tutoren und Administratoren des Netzwerkes ausgebildet waren, würden die Helfer gehen. So ließen sie anfragen, ob ihr Vorhaben unterstützt würde? Natürlich wurde es unterstützt. Und nicht nur von "Ganseha’s Projects". Die Männer dieser Frauen begannen, ein großes, zweistöckiges Gebäude zu errichten. Hell, schattig, freundlich. In Jhuwani, einem Nachbardorf in geringer Entfernung zu Bachhauli. Und sie leisteten sehr gute Arbeit, der Bau ging schnell voran.

Trotz aller möglichen, oft schwer fassbaren Hindernisse ist nach wie vor das Engagement aller Beteiligten, locals wie Fremde, ungebrochen. Und da Menschen nun mal keine Maschinen sind, kommt es natürlich auch zu nicht wenigen kleine und größeren Krisen. Die vielen mächtigen Faktoren, die die Arbeits- und Lebensbedingungen aller vor Ort präsenten Menschen bestimmen, fordern ihren Tribut. Begriffe wie Vernunft, Toleranz und Durchhaltevermögen bekommen eine recht erweiterte Bedeutung, ebenso Realismus, Weitblick, Mut, Kohärenz, die Liste ist lang.

Wir in Europa beobachten und unsere Leute vor Ort erfahren die wertvolle Schule, die sich im Kern dieser Berg- und Talfahrt verbirgt.

Sie ist exemplarisch für so viele Projekte in Entwicklungsländern, weswegen sich hier eine kurze Chronologie lohnt (auch unter http://www.ganeshas-project.org zu finden):

"Expect the unexpected"

Die schon erwähnte, extrem instabile politische Situation, so bestimmend für das tägliche Leben überall in Nepal, wurde tatsächlich für kurze Zeit auf den zweiten Platz verwiesen - nur die Natur selbst bringt das fertig. Am 28.April 2002 erfuhren wir per email, dass vier Tage zuvor ein Orkan halb Bachhauli und natürlich auch andere Dörfer verwüstet hat. Die Schattenseite der "wunderbaren Natur". Großse Teile der Ernte wurden vernichtet, einige Häuser standen unter Wasser. Weswegen in diesen Tagen natürlich kein Unterricht statt fand, sondern Reparaturarbeiten, an denen sich alle beteiligten. Angesichts solcher Vorfälle freuen wir uns doppelt über jeden, der uns Glück wünscht. Und gute Nachrichten bekommen dreifaches Gewicht: Zur Überbrückung der häufigen Stromausfälle kommt ein UPS (uninterrupted power supply), gespendet von der Nepalhilfe Aachen. Eine sehr wertvolle Hilfe, eingetroffen zur rechten Zeit.

Der Unterricht geht weiter. Im Mai stellt sich heraus, dass ein paar der Schüler nicht nur unregelmässig, sondern überhaupt nicht mehr zum Unterricht kommen. Eine Besprechung mit diesen Schülern ergibt, dass einige von ihnen doch verheiratet werden sollen, andere müssen Arbeit suchen. Zwölf Schueler sind betroffen. Es würde lächerlich kleine Beträge kosten, diesen paar Kindern auch hier zu helfen, aber unser Projekt hat trotzdem noch zuwenig Gelder, eine typische Schwachstelle junger Projekte: Die Fundraising-Aktivitäten in Europa gehen zu langsam voran, finden dort neben der 'normalen' Arbeit statt, in der Zeit, die diese übrig lässt. Gemessen an den Erfordernissen professioneller Fundraising-Arbeit, ist das sehr wenig Zeit. Sehr hart, aber wahr.

Der Orkan hatte natürlich auch die Telefonleitungen zerstört, weswegen unsere Leute nicht nur in den acht km entfernt gelegenen Nachbarort Tandi, sondern bis nach Kathmandu fahren mußten, um die aktualisierte Website ins Netz zu stellen.

Zurück in Bachhauli, wird der Unterricht fortgesetzt. Auch ein Picknick mit Tutoren/Lehrern und den Schülern wird am 1. Juni organisiert - von letzteren selbst, mit Bravour. 17 USD ergeben ein reichliches Picknick für 35 Personen. Es wird ein sehr schöner Tag und einige wichtige Dinge werden besprochen, wie das Projekt weiter gehen soll. Eine Woche später, 8.Juni. Ein Bote des District Education Officer kommt zur Shree Bachhauli Secondary School, erklärt die sofortige Schließung aller Schulen im Chitwan District für 45 Tage: Eine Typhus-Epidemie ist ausgebrochen, im 17 km entfernten Bharatpur hat sie bereits 20 Opfer gefordert. Ein Treffen mit den Eltern wird einberufen. Die Zwangspause wird so produktiv wie möglich überbrückt.

Der Monsun beginnt, wochenlang zunehmend heftige Regenfälle, steigende Hitze. 17.Juni: Einladung beim Department of Education in Bhaktapur, Treffen mit dessen Direktoren und dem Direktor des 'Curriculum Development Center'. Vorstellung von 'Ganesha's Project'. Unserem Projekt wird alle nur mögliche Unterstützung zugesagt, auch bekommen wir 200 Bücher mit, fuer die Oasis Library. Tapfer bleiben solle unser Team und nicht aufgeben, vor allem angesichts der bevorstehenden Kämpfe um Verlängerung der Aufenthaltsvisa.

Visa. Das Thema Visa verdient eigentlich ein eigenes Buch. Insgesamt zwei Monate geht das unglaubliche, bizarre Tauziehen. Es ist schwer vorstellbar, aber die Visabestimmungen Nepals sind tatsächlich eins der massivsten Probleme fuer Hilfsorganisationen, nicht nur für unsere NGO. Es gibt Business-Visa, aber sie kosten Geld, das auch unsere noch kleine Non-Profit-NGO einfach noch nicht hat. Reguläre Visa dagegen kosten 540 USD pro Person und Jahr, gleichzeitig muss nachgewiesen werden, dass man über ausreichend Geldmittel verfügt. Unser Team sammelt über 1.000 Unterschriften und umgerechnet 3.000 USD, unternimmt damit fünf mehr als strapaziöse Reisen nach Kathmandu, mit zahllosen Erdrutschen und endlosem Regen unterwegs. Spricht in Kathmandu mit Ministern, Parlamentsmitgliedern, mit der deutschen Botschaft. Am 19. Juli ist es dann endlich geschafft: Verlängerung der Visa – 6 Monate für zwei unserer Leute, soweit reichen die dreitausend Dollar. Das dritte Teammitglied kann damit ebenfalls noch ein bißchen bleiben: Vier Monate. Genug zum weiter arbeiten, zuwenig für konkrete, langfristige Pläne.

Nicht zu unterschätzen, diese Bestimmungen für viele NGOs. Sie sind mit Sicherheit verbesserungsbedürftig. In unserem Fall kämpften wir auch mit den Einfuhrbestimmungen für die Hardware unseres Projekts: Auch hier wochenlanges Tauziehen mit Ministerien, schliesslich dann die Befreiung von Einfuhrzöllen für unsere gespendetetn Computer- sie hätten einen großen Teil unserer Projektkosten verschluckt. Das aber war zu Projektbeginn, kehren wir zurueck zum Juli 2002:
Die Regenfälle werden stets heftiger. Unsere Leute sind glücklich zurück in Bachhauli mit ihren taufrischen Visa. Zwei Tage später, in der Nacht von 20. auf 21. Juli. Der Wasserstand steigt in wenigen Stunden auf über acht Meter, weit über die Ufer des nah gelegen, 50 Meter breiten Rapti-Rivers. Der ganze Chitwan District wird überflutet in dieser Nacht, kilometerweit nichts als Wasser. Fast alle Häuser in Bachhauli werden weggeschwemmt. Telefon und Elektrizitätsversorgung brechen zusammen; eine staatliche Schule, in die 400 Schüler gingen, verschwindet vollständig. Es ist die schlimmste Flut seit zehn Jahren und die Bilanz ist entsprechend: In und nahe Bachhauli 19 Tote, landesweit über 600, hauptsächlich nahe Kathmandu. 80% Viehverlust, über 50% der Felder zerstört. Selbstredend, dass unter solchen Umständen der Computerunterricht auch unmöglich ist, obwohl die Computer selbst, im 2.Stock eines stabileren Gebäudes untergebracht, die Flut glücklicherweise gut üeberstanden hatten. Nach zehn Tagen kommt die Elektrizität zurück, wenn auch noch mit zahllosen Unterbrechungen.

Langsam kehrt Bachhauli zur seiner 'Normalität' zurück. Im September gibt es das nächste Elterntreffen, auf dem der Stand der Dinge besprochen wird. Am 21.September 2002 dann die offizielle Einweihung dieser Bibliothek, 'Jhuwani Community Library' wurde sie genannt. 300 Gäste. Und über 3.000 Buecher hat die Bibliothek bereits und es gibt drei Abteilungen: Nepali, Hindi und englische Buecher. Nicht zu vergessen eine Spielecke für kleine Kinder, die mit ihrer Mutter zur Bibliothek kommen. Ein paar der Mädchen, die verheiratet werden sollten, bekommen nun ein kleines Gehalt und arbeiten in der Bibliothek mit.

Im Frühjahr 2003 nähert sich die erste Computerklasse dem Ende ihres ersten Unterrichts. Es ist tatsächlich gelungen, ein paar dieser Schüler so zu trainieren, dass sie nun selbst Computer-Unterricht an andere geben können und auch an der Verwaltung des Netzwerks mitarbeiten. Die Arbeit der kommenden Monate läuft unter dem Stichwort 'Nachhaltigkeit' - alles wird verstärkt darauf angelegt, dass die jetzigen Schüler in absehbarer Zeit selbständig ihr Netzwerk betreiben und verwalten und den Unterricht selbst fortsetzen können, mit Hilfe einiger der lokalen Lehrer, ganz besonders Kuma Raj Subedi.

Blick nach vorn

Und so geht es weiter, Schritt für Schritt. Wir hoffen sehr, dass sich die politischen Unruhen in Nepal bald wenigstens teilweise legen werden. Und sind unverändert davon überzeugt, mit unserem Projekt und seinem politisch und religiös neutralen Angebot auf lange Sicht einen wenn auch kleinen Beitrag zur Verbesserung der Lebensbedingungen in Nepal zu leisten, via Verbesserung der Ausbildung.

Bleibt zu erwähnen, dass unsere Rückreise im März 2002 ohne Probleme verlief und wir "Besucher" alle trotz der nach wie vor sehr unruhigen Lage in Nepal sofort dorthin zurückkehren würden. Gleiches gilt für die Vertreter von mindestens 25 weiteren in Nepal präsenten, deutschen NGO’s, die Anfang Juni 2002 zum jährlichen Treffen der deutschen Nepal-NGOs nach Köln kamen und auch diesen Juni sicherlich wieder zusammen kommen werden: Alle verfolgen wir mit Spannung und Unruhe die politischen Entwicklungen, während wir gleichzeitig unsere Arbeit fortsetzen und neue Kooperationen besprechen. Bei dieser Gelegenheit haben wir erfahren, dass auch einige "nicht-IT"-Entwicklungsprojekte großes Interesse am Einsatz freier Software und entsprechender IT-Schulung haben. Wer denkt da an eine Pause?

Es tut sich eine Menge auf dem Feld der IT- Entwicklungsprojekte. Open Source und Freie Software spielen dabei eine sehr große Rolle, besonders auch Linux.

Am 17. März 2003 gab es in Berlin eine sehr interessante Tagung, an der wir teilnahmen. Thema: 'Brücken über die digitale Kluft', ermöglicht durch eine Kooperation der Alcatel SEL Stiftung für Kommunikationsforschung (mehr zu dieser Stiftung hier http://www2.alcatel.de/stiftung/index.htm) und der Dienstleistungsgesellschaft Ver.di. Veranstalter der Tagung war ein Verein, der sich im Juni 2002 gegründet hatte und sehr erfolgreich Networking betreibt. Verrückter Zufall ist der Name dieses Vereins: 'Digitale Brücke e.V.' http://www.digitalebruecke.org. Eine immer wieder faszinierende Sache, wie Bewegungen entstehen. Unsere beiden Vereine wussten nichts voneinander, sie haben sich erst ein bzw. 1 1/2 Jahre nach ihrer Gründung getroffen. Mehr Informationen ueber die Tagung und ihre verschiedenen Teilnehmer (u.a.United Nations ICT Task Force, UNESCO, Auswärtiges Amt, Deutsches Institut für Entwicklungspolitik, Schoolnet Africa http://www.schoolnetafrica.net) gibt es hier: http://www.verdi.de. Es war ein sehr positives Treffen und wir haben wertvolle Informationen und Anregungen bekommen, man darf neugierig bleiben. Wie es nun weiter geht mit unserer Arbeit, darüber berichten wir auch auf unseren Websites: http://www.dbev.de und http://www.ganeshas-project.org. Anderswo geht es weitaus friedlicher zu und auch dort sind mittlerweile IT-Projekte von "Ganseha’s Projects" am Start. Eines ist schon richtig angelaufen und wird, genügend Hardware vorausgesetzt, bald starten können: In der Karibik, genauer: Auf St. Lucia. Gemeinsame Elemente mit "Ganesha’s Project", der als Dachverein fungiert. Auch dieses Projekt entstand nach einer Reise, die zunächst nichts mit IT zu tun hatte. Hier kommt der zweite Reisebericht:

2. St. Lucia

http://www.gros-islet.org

St. Lucia ist ein kleiner Inselstaat im südlichen Bereich der kleinen Antillen zwischen 13°42' und 14°07' nördlicher Breite und 60°54' und 61°05' westlicher Länge. 622 km² "groß", 141.000 Einwohner. Mehrmals wechselte die Insel in der Vergangenheit den Besitzer bzw. Besatzer; mal gehörte sie zu Frankreich, dann wieder zu Großbritannien. Seit 1979 ist die Insel unabhängig. 98% der Bevölkerung sind Schwarze und Mulatten. Sie sprechen englisch und Patois, eine Sprache, die stark mit afrikanischen Elementen durchsetzt ist. Die Insel ist ein tropisches Naturparadies. Wasserfälle, Urwald mit entsprechend reicher Tier- und Pflanzenwelt, Vulkankrater, auch die Basis der beiden Gipfel der fast 800 m hohen "Pitons", den Wahrzeichen St. Lucias.

Die Wirtschaft des jungen Staates ist noch sehr instabil. Die landwirtschaftlichen Haupterzeugnisse waren bisher Bananen, Kokosnüsse und Kakao. Aufgrund des EU-Binnenmarktes wurden jedoch alle Zollvergünstigungen abgeschafft, was den Bananenhandel besonders hart traf. 1994 verwüstete zusätzlich der Wirbelsturm Debbie große Teile der Insel, 68% der Bananenernte wurden zerstört. Die Landwirtschaft der Insel wurde daraufhin teilweise diversifiziert und z. B. Mangos und Avocados für den europäischen Markt produziert. Die sonstige Industrieproduktion ist gering (Textilien, Plastik, elektronische Bauteile). So setzt auch St. Lucia immer stärker auf den Tourismus, der auf der Insel eine mittlerweile sehr weit ausgebaute Infrastruktur entstehen ließ.

Noch gibt es die kleinen Fischerdörfer, die Spuren legendärer Piratenverstecke, die Reste der ehemaligen Forts und die reiche Tier- und Pflanzenwelt. Die internationalen Hotelketten haben zwar die schönsten Strände besetzt, aber vorerst noch ein paar davon übrig gelassen. St. Lucia steht weit oben auf der Liste der beliebten Touristenziele, vor allem bei Tauchern, Seglern und Wanderern. Ein kleiner Teil der Bevölkerung profitiert davon.

Jacques van Seventer, technischer Erfinder und begeisterter Segler seit vielen Jahren, ist seit November 2001 in "Ganesha’s Project" involviert. März 2002 sollte er ein Boot überführen, das jahrelang auf St. Lucia gelegen hatte. Aus der Überführung wurde nichts, das Boot war in einem fürchterlichen Zustand, wie sich schnell heraus stellte. Nach ein paar Wochen fand sich Jacques damit ab. Während dieser Zeit hatte er beinahe täglich beim örtlichen Internetcafe in Gros Islet vorbei geschaut, um emails abzuschicken oder zu lesen. Dabei war er mit der Betreiberin des Cafes, Mrs. Shirley Duval, ins Gespräch gekommen, und auch mit einer Fundraiserin aus England, die sich per Zufall ebenfalls dort aufhielt. Zufälle der pokernden Götter, hätten die Piraten der Karibik vor langer Zeit vielleicht gesagt. Die Betreiberin des Cafes hatte vor, ein Hilfsprojekt für die jungen Leute vor Ort zu starten: Sie sollten von der Strasse wegkommen und weiter lernen. Aufgefallen war ihr längst, dass "the kids" viel interessierter lernten, wenn sie vor einem Computer saßen.

So hatte sie die naheliegende Idee, den Mädchen und Jungen Dinge wie Maschinenschreiben und allgemein den Umgang mit Computern bei zu bringen. Schöne und sehr geeignete Räumlichkeiten sind zwar bereits vorhanden, bislang war das Projekt jedoch noch nicht gestartet: Es fehlte an Computern, an bezahlbarer Software, an Lehrern.

Jacques stellte die Linux-/freie Software-Idee vor, man war begeistert. Viele Gespräche und Diskussionen folgten, das Für und Wider wurde ausgiebig besprochen. Jacques berichtete von Ganesha’s Project in Nepal, zeigte die Website. Sehr interessant auch hier wieder die kulturellen Unterschiede.

Unter anderem musste Jacques erklären, wieso das Nepal-Projekt den Hindu-Gott Ganesha als Symbol hat. Man befürchtete, es könnte sich um eine religiöse Sekte handeln, die versucht, Einfluss zu nehmen. Gar kein so abwegiger Gedanke und vor allem wiederum Zeichen einer gesunden Skepsis. Wenn sich irgend jemand auskennt mit den schädlichen Auswirkungen von Missionierung und Kolonisierung, dann sicherlich auch die Karibik-Staaten. Es sind eben doch ein bisschen viele scheinbar harmlos freundliche Europäer aufgetaucht in den letzten 500 Jahren (Die Bevölkerung St. Lucias, ist heute zu 79% katholisch, 19,4% protestantisch, Rest "andere"..). Jacques erklärte, dass "Ganesha’s Project" versuche, so weit wie möglich dem jeweiligen kulturellen Kontext zu entsprechen. Der Hindu-Gott der Weisheit und der Problemlösung also als glückbringendes Omen. Auch sollten bald für die Website ihr eigenes Symbol für das Projekt wählen. Das wurde schnell allseits verstanden und akzeptiert. Für uns war es gleichzeitig Anlass, uns Gedanken zu machen über eine neue Namensgebung für unseren Dachverein. Es ist daher möglich, dass "Ganesha’s Projects e.V." bald umbenannt werden wird - sollte der Fall sein, so werden wir das natürlich auf seiner Website bekannt geben.

Was ist genau geplant für St. Lucia?

Dieses Projekt soll drei Einrichtungen gleichzeitig fördern, die miteinander kooperieren: In den bereits bestehenden Räumlichkeiten des Internetcafes soll der allgemeine IT-Unterricht statt finden, bei dem die Schüler mit Linux vertraut gemacht werden. In Anlehnung an den Unterricht in Nepal, d.h., ein lokales Netzwerk wird aufgebaut und eine Gruppe von Schülern unterrichtet, bis einige dieser Schüler später in der Lage sind, das Netzwerk selbständig zu verwalten und ihr Wissen weiter zu geben. Und gleichzeitig kleine Dienstleistungen anzubieten wie Fotokopien, das Schreiben von Briefen und Rechnungen für lokale Betriebe, Recherchen, Erstellung von Websites. Gegen Geld, das zum Teil an sie, zum Teil zurück in die Projektfinanzierung gehen wird. Dokumentiert und nachweisbar.

Die nah gelegene Grundschule verfügt ebenfalls bereits über etwas, das man "einen guten Start" nennen könnte: 30 Computer, die vor einiger Zeit von den Behörden zur Verfügung gestellt wurden. Leider ohne die Lehrer dazu. Dieser kleine, aber entscheidende Schritt soll jetzt nachgeholt werden, damit die Kinder dieser Schule mit Computern umzugehen und vielleicht bald auch die Methode des e-learning kennen lernen.

Das dritte Vorhaben im Bunde? Die Erwachsenenbildung. Gegen eine geringe Gebühr - die ebenfalls zurück in die Projektfinanzierung fließen wird, damit sich dieses in naher Zukunft selbst trägt - können Erwachsene ebenfalls den Umgang mit Computern lernen. Die jungen Erwachsenen haben den Anschluss an die "höhere Bildung" verpasst, weil es an Geld für Schuluniformen und Büchern gemangelt hatte, nicht etwa an "Eignung" oder Interesse. Auch hier hoffen wir, dass unser Projekt gute Früchte tragen wird. Im besten Sinne der Hilfe zur Selbsthife: Die Insel"besitzer" von morgen sollen später in der Lage sein, die Geschicke ihrer Insel selbst in die Hand zu nehmen. Was Bildung, Ausbildung, Erschließung neuer Einnahmequellen und vieles mehr angeht. Der kulturelle und wissenschaftliche Austausch mit anderen schließlich sowie die aktive Beschaffung von objektiver und umfassender Information zu Themen ihrer Wahl wird ebenfalls mit Sicherheit zu interessanten und positiven Entwicklungen führen.

Abschließend sei noch ein drittes Projekt erwähnt, das ebenfalls seinen Schwerpunkt auf freier Software hat:

Laos

http://www.tadlo.net

Torsten Oettel, Nachrichtentechniker und Informatikstudent, kam von einer Reise nach Laos zurück-mit dem Plan, dort ein IT-Entwicklungsprojekt aufzuziehen Sein ausführlicher Reisebericht findet sich auf der hier genannten Website. Ganesha’s Projects unterstützt auch dieses Projekt. Auch hier gilt: Hilfe zur Selbsthilfe, daher Schwerpunkt auf freier Software. Beide Projekte, St. Lucia und Laos, haben außerdem gemein, dass für ihren Zweck lokale NGOs gegründet werden, deren Dachverband "Digital Bridges e.V." in Berlin ist. "Digital Bridges e.V." hat hierbei koordinierende, beratende und unterstützende Funktion, während die NGO’s vor Ort eigenverantwortlich handeln. Auch St. Lucia und Laos veröffentlichen die Ergebnisse ihrer Arbeit laufend im Internet.

Die Ergebnisse unserer bisherigen Arbeit geben uns viel Mut: Wir bleiben Optimisten. Verbesserliche Optimisten, die für Vorschläge und Kritiken jeglicher Art jederzeit offen und dankbar sind.

  • Digital Bridges e.V.
  • Pilotprojekt "Ganesha's Project" in Nepal
  • "Tadlo- a school goes online" in Laos
  • "The Upper Room IT Learning Center" in St.Lucia
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    10. Februar 2012
    Online-Publikation

    Freie Software im Unterricht

    1.1 Einführung

    2.1 Von Computern und Menschen

    2.2 Freie Software im Informatikunterricht

    2.3 LAMP(en) für Gewässer

    2.4 Pingaea

    2.5 Squeak

    3.1 Linux in der Schule - weltweit

    3.2 Freie Software in Entwicklungsländern

    3.3 "Wo liegt das noch gleich?"

    3.4 Ein Vorreiter der Informationstechnologie
    Schriftenreihe
    Freie Software - zwischen Privat- und Gemeineigentum
    Freie Software - zwischen Privat- und Gemeineigentum
    Freie Software (wie z.B. das Betriebssystem GNU/Linux) ist eines der verblüffendsten Wissensphänomene unserer Zeit. Der Band bietet allgemein verständliche Einführung in die Thematik - auch für Leser ohne technische Vorkenntnisse.
    Freie Software - zwischen Privat- und Gemeineigentum