
Baustein 4: "Wir" werden Europameister?! – Fußball und Nationalbewusstsein |  |
| Andrea Meschede / Wolfgang Sander / Julia Behr |
Dieser Baustein behandelt das zentrale Thema der Unterrichtsreihe: den Zusammenhang zwischen Fußball und Nationalbewusstsein. Fußball ist mehr als Sport, in seiner Verbreitung und Beliebtheit über Alters- und Landesgrenzen hinweg spielt er eine große Rolle bei der Identitätsbildung und im kollektives Gedächtnis der Gesellschaft(en). Fußball und insbesondere internationale Turniere wie die WM oder EM schaffen es scheinbar leicht, als nicht-politischer Faktor mit vielen Emotionen ein "Wir"-Gefühl hervorzurufen – selbst bei den ansonsten eher zurückhaltenden Deutschen. Doch dieses Nationalbewusstsein kann auch negative Auswirkungen haben, wenn es in gewalttätige Ausschreitungen oder rassistische Angriffe mündet. Hinzu kommt die dem Fußball zugeschriebene Rolle als "Brücke zur Verständigung", die gerade in den Tagen rund um die internationalien Turniere häufig zitiert wird.
Diese komplexen Zusammenhänge werden mit Hilfe der Methode "Talkshow" im Unterricht bearbeitet. Mit dieser noch nicht so weit verbreiteten Makromethode können politische Themen inhaltlich verarbeitet sowie personalisiert und kontrovers in unterhaltsamer Weise präsentiert werden. Dabei setzt der Moderator bzw. die Moderatorin Impulse für das Gespräch und die Gäste nehmen in ihren Rollen vor Publikum Stellung zur jeweiligen Fragestellung. Für das Thema dieses Bausteins ist die Talkshow besonders geeignet, weil damit die Mischung kontroverser und zum Teil auch kompromissfähiger Diskussionsteilnehmer am besten ins Gespräch kommen kann. Der Bekanntheitsgrad von Talkshows in der Alltagswelt ist hilfreich dabei, die Schülerinnen und Schülern zu Durchführung der Methode zu motivieren.
Zum Einstieg werden mit Hilfe des Gedichtes "Nationalismus" (M 04.01) der Beschäftigung mit den Gründen für die Faszination des Fußballs (M 04.02), einer Grafik zum weltweiten Interesse an der WM 2006 (M 04.03) oder von Texten zur Identifikation der Fußballzuschauer (M 04.04, M 04.05) die Auswirkungen des Fußballs auf das "Wir"-Gefühl der Zuschauer und Fans thematisiert.
Talkshow: Fußball-WM: Ein (Bären-)dienst für Nation und Völkerfreundschaft?
Die weiteren Inhalte werden mit Hilfe der Methode "Talkshow" erarbeitet und diskutiert. Das Thema und die Beispieltexte behandeln zwar eine Diskussion anlässlich einer Fußball-Weltmeisterschaft, sind aber beispielhaft auch anlässlich eines anderen internationalen Fußball-Turniers einsetzbar. Die Lehrperson übernimmt in der Vorbereitung die Rolle der Regie, der Sendeleitung und der Moderation, letztere kann aber durchaus ein/eine fachlich und rhetorisch gute Schülerin bzw. guter Schüler übernehmen.
Schülerinnen und Schüler werden in sechs Gruppen aufgeteilt, die sich mit Hilfe der angegebenen Materialien auf die Talkshow vorbereiten. Alle lesen und beraten denjenigen/diejenige, der bzw. die als Gruppenvertreter in der entsprechenden Rolle an der Talkshow teilnimmt. Dabei sollte die Lehrperson bei der Gruppeneinteilung darauf achten, dass die verschiedenen Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler in etwa gleich verteilt sind und in jeder Gruppe ein sprachlich versierter Teilnehmer für die Talkshow gefunden werden kann. Die Gruppenmitglieder, die nicht an der Podiumsdiskussion teilnehmen, übernehmen die Rolle der Zuschauer und unterstützen dabei ihren Gruppenvertreter (Applaus etc.), intervenieren mit Fragen und notieren ihre Eindrücke auf einem Bewertungsbogen. Die Zuschauerinnen und Zuschauer bekommen dafür einen bestimmten Gast zugeteilt, dessen Argumente und Diskussionsverhalten sie protokollieren sollen, wobei niemand einen Gast aus seiner eigenen Gruppe beurteilen sollte.
Die Gruppen bzw. Rollen sind wie folgt verteilt – siehe auch PDF-Datei "Rollen und Meinungen in der Talkshow":
Gruppe 1: Sportfunktionäre (Rolle: DFB-Vorsitzender Franz Fuffziger)
Gruppe 2: Politiker A (Rolle: Innenminister/in Paul/a Eichholz)
Gruppe 3: Afrikanische Fußballer (Rolle: Aruna Ivory, Nationalspieler Elfenbeinküste)
Gruppe 4: Wissenschaftler (Rolle: Prof. Dr. Karl/Karin Offenberg)
Gruppe 5: Fußball-Fans (Rolle: Werner Redlich, Gründer einer Fan-Initiative gegen rechte Diskriminierung)
Gruppe 6: Politiker B (Rolle: Jan/Janine Grünbaum, MdB)
Für jede Gruppe stehen eine Rollenbeschreibung (M 04.33
bis M 04.38) und mehrere Texte verschiedener Schwierigkeitsstufen zur Verfügung (M 04.06
bis M 04.30
), mit denen die Rolleninhaber auf ihren Auftritt vorbereitet werden können. Die Moderation erhält für ihre Vorbereitung mit ihrer Rollenbeschreibung eine Übersicht über alle Gäste und die zentralen Fragen (M 04.32).
Nach der inhaltlichen Vorbereitung der Rolleninhaber kann die Talkshow durchgeführt werden. Die Sitzordnung hat großen Einfluss darauf, wie eine Talkshow abläuft, sie erleichtert den Akteuren und Zuschauern die Identifikation mit ihrer Rolle. Der Moderator/die Moderatorin sollte von ihrem Platz aus strukturierend eingreifen können, die Vertreter kontroverser Positionen sollten sich auch räumlich "auseinandersetzen" können.
Die oft schwierige Anfangssituation kann aufgelockert werden, indem die Gäste von der Moderation aufgefordert werden, sich selbst in ihrer Rolle kurz vorzustellen (noch ohne inhaltlich Stellung zu nehmen). Danach läuft das Gespräch unter Leitung der Moderation, strukturiert durch die beiden Leitfragen der Talkshow. Dabei sollte er/sie seine Rolle vor allem darin sehen, Ordnung in das Gespräch zu bringen, neue Stichworte für eine eventuelle stockende Diskussion zu liefern und die Positionen der Gäste zu akzentuieren (Vorbereitung der Ergebnissicherung).
Nach dem Ende der Talkshow empfiehlt sich zur Wiederherstellung der Rollendistanz ein kurzes Blitzlicht, in dem die Schülerinnen und Schüler beschreiben, wie sie sich in ihrer Rolle gefühlt haben.
In der nun beginnenden Auswertungsphase stellen die Zuschauer ihre Beobachtungen zu den kommunikativen Fähigkeiten der Akteure und der Überzeugungskraft ihrer Statements vor. Wer hatte die besseren Argumente? Wer hat sie am überzeugendsten vertreten? Dabei werden vor allem die Notizen der Beobachterinnen und Beobachter herangezogen, die sie während des laufenden Gesprächs aufgezeichnet haben (M 04.39).
An welchen Stellen hat sich die Meinung der Zuschauerinnen und Zuschauer durch die Argumente der "Gäste" deutlich verändert? Zu Beantwortung dieser Frage kann zunächst die Abstimmung im Publikum durch den Moderator vor und nach der Fragerunde 2 zur Frage " " herangezogen werden.
Abschließend sollte auch die Unterrichtseinheit als Ganzes von den Schülerinnen und Schülern beurteilt werden.
Literaturtipp:
Hans-Werner Kuhn: Die Talkshow, in: Methodentraining für den Politikunterricht, Themen und Materialien, bpb: Bonn 2004, S. 117-144.
23. Mai 2008 |  |
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