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GrafStat - Unterrichtsmaterial Fußball und Nationalbewusstsein

M 01.12 Alte Rechnungen



Sie waren Freunde - bis 1940. Nun tragen Holländer und Deutsche auf dem Rasen aus, was sie aneinander nicht mögen. Szenen eines dreißigjährigen Krieges

Wenn heute die Teams aus Deutschland und den Niederlanden aufs Feld laufen, werden ihnen böse Geister im Nacken sitzen. Spiele zwischen den beiden Teams haben die kriegsähnlichsten Situationen ausgelöst, die man in der EU je erlebt hat. Sie haben einen Gedichtband auf holländischer und einen Erfolgsschlager auf deutscher Seite hervorgebracht. Ein deutscher Kanzler und ein holländischer Premierminister haben zusammen Länderspiele besucht, um den Fans ein friedfertiges Vorbild zu geben. Diese Fußballrivalität kratzt am europäischen Einheitsideal.

An einem Sommerabend 1988 in Hamburg schlug die Oranje-Elf die Deutschen im Halbfinale der Europameisterschaft 2:1, und daheim gelang dem bedächtigen Völkchen eine weitere Überraschung: Millionen strömten auf die Straßen und feierten. Es war Hollands größte Massenkundgebung seit der Befreiung 1945, und das an einem Dienstagabend.

"Es ist ein Gefühl, als hätten wir zuletzt doch noch den Krieg gewonnen", sagte ein ehemaliger holländischer Widerstandskämpfer im Fernsehen. Auf dem Leidseplein in Amsterdam warfen Leute Fahrräder in die Luft und johlten: "Hurra, wir haben unsere Räder wieder!" Die Deutschen hatten in der Besatzungszeit alle holländischen Räder beschlagnahmt.

Vor dem Krieg waren die Holländer überwiegend germanophil. Viele sprachen fließend Deutsch, und holländische Bücher und Zeitschriften waren mit Zitaten Goethes und Schillers gespickt. Im Fußball hatten sie sich jahrzehntelang ausgeglichene Freundschaftsspiele mit den Deutschen geliefert, die lange brauchten, bis sie das Spiel beherrschten. Das Verhältnis zwischen den beiden Völkern war so entspannt, dass sich am 10. Mai 1940, als die deutsche Wehrmacht überraschend in Holland einmarschierte, zunächst Verbrüderungsszenen abspielten. "Manche Frauen sind mit Tabletts voll dampfendem Kaffee aus dem Haus gekommen", hielt der Autor Anton Coolen fest. "Sie halten sie den Deutschen hin, die lachend ihre Karten zusammenfalten."

Nach dem Krieg war dieser die längste Zeit kein Thema, wenn Deutschland und Holland aufeinander trafen. Die Erinnerung war für die Holländer noch zu frisch und zu schmerzhaft, zumal man allen Grund hatte, sich zu schämen: Die Niederlande hatten die zahlenmäßig stärkste NS-Partei außerhalb Deutschlands hervorgebracht, hatten vor den Truppen Hitlers nach nur fünf Tagen kapituliert und in der Folge rund 80 Prozent ihrer jüdischen Bevölkerung verloren - einen höheren Anteil als jedes andere Land außer Polen. Nach Kriegsende hatten die Holländer genug mit dem Wiederaufbau zu tun.

Dann, 1974, standen sie plötzlich im WM-Endspiel gegen Deutschland. Kein Zweifel, dass einige von denen, die damals in München dabei waren, den Krieg im Hinterkopf hatten. Teamchef Rinus Michels hatte den schrecklichen "Hongerwinter" von 1944/45 als 17-Jähriger durchgemacht, halb verhungert im Bett gegen das Erfrieren kämpfend. Ruud Krol, linker defensiver Mittelfeldspieler, war der Sohn eines der wenigen Holländer, die wirklich Widerstand geleistet hatten (statt sich nur nach dem Krieg damit zu brüsten). Und Willem van Hanegem, Stürmer halblinks, hatte am 11. September 1944 als Säugling bei einem britischen Bombenangriff auf sein Heimatdorf den Vater und den Bruder verloren. Doch als ich Johnny Rep - auch er stand in der holländischen Endspielmannschaft von 1974 - fragte, ob im Quartier während des Turniers jemals vom Krieg gesprochen worden sei, lautete seine Antwort: "Nie."

Der Einzige, der in den Tagen vor dem Endspiel eine, wenn auch indirekte, Anspielung auf den Krieg machte, war offenbar van Hanegem: "Der Hass, er war immer da. Er hat Hintergründe, die jeder kennt und die noch nicht vergangen sind. Ich würde es bis an mein Lebensende nicht verwinden, wenn wir es nicht schafften zu verhindern, dass sie später grölen könnten, sie seien Weltmeister. Und wir nicht."

Doch Holland verlor 1:2 - und nahm die Niederlage klaglos hin. Zwar ging van Hanegem weinend vom Platz, eine Stimmung wie 1988 herrschte damals aber noch nicht. Vielmehr schienen holländische und deutsche Spieler 1974 aus demselben Holz geschnitzt. Beide Kapitäne, Franz Beckenbauer und Johan Cruyff, waren befreundet, und Rep und Paul Breitner überlisteten das von der Fifa erlassene Verbot des Trikottauschens auf dem Platz, indem sie beim Festbankett nach dem Finale Jacke und Krawatte tauschten.

In den Jahren danach wurde den Holländern klar, dass sie 1974 ihre große Chance verpasst hatten, mit dem Gewinn der WM-Trophäe so etwas wie eine symbolische Vergeltung für den Krieg zu üben, der ab etwa 1980 in ihrem Land eine Art Auferstehung erlebte: Holocaust-Mahnmale wurden errichtet, der 5. Mai - der Tag der Befreiung - wurde wieder gesetzlicher Feiertag. Und immer wieder die Beschwörung des Finales von 1974.

Ab den späten Siebzigern wurde in den nun häufigeren holländisch-deutschen Fußballduellen deutlich, dass es für viele Oranje-Spieler um mehr ging als nur um ein Spiel. Als die beiden Teams 1978 bei der WM in Argentinien aufeinander trafen, boxte Dick Nanninga Bernd Hölzenbein in den Magen, woraufhin dieser ihn an der Nase packte. Nanninga flog vom Platz.

Gleich beim nächsten Turnier, der EM 1980, versetzte Rep dem deutschen Torhüter Toni Schumacher einen Tritt in den Bauch, als beide eine Flanke zu erlaufen versuchten. Schumacher sprach später vom "bislang schlimmsten Erlebnis in meiner sportlichen Laufbahn". Ein deutscher Ersatzspieler wurde mit dem Auftrag, beruhigend auf Schumacher einzuwirken, hinter dem Tor postiert. 1988 erreichte die Fieberkurve der antideutschen Ressentiments einen Höhepunkt. In Holland erschienen in dichter Folge Bücher, die den Krieg als Showdown zwischen "guten" Holländern und "fehlgeleiteten" Deutschen beschrieben.

Dies ausgerechnet in einer Zeit, in der die Nationalteams beider Länder - damals wahrscheinlich die besten in Europa - diese moralische Dichotomie perfekt zu illustrieren schienen: Die Deutschen um Lothar Matthäus, Rudi Völler und Jürgen Kohler waren in holländischen Augen grätschende Monster, die keinen schönen Fußball spielen konnten und sinnbildlich für die Wehrmacht standen. Die Teams verkörperten das Bild, das die Holländer sich von sich selbst und ihren Nachbarn machten. Sie selbst waren wie Ruud Gullit, die Deutschen waren wie Matthäus.

Das Spiel vom 21. Juni 1988 war, kurz gesagt, eine romantisch verklärte Revanche für den Krieg. Da es in Hamburg stattfand, konnte es als symbolische Vergeltung für den deutschen Einmarsch 1940 dienen. Eine holländische Streitmacht in orangefarbener Uniform fiel per Autokorso in Deutschland ein - und trug den Sieg davon. In Holland sangen sie auf den Straßen: "1940 kamen sie / 1988 kamen wir / Holadije, holadijo." Noch dazu endete das Spiel mit einer symbolischen Revanche für 1974: 2:1 für Holland. Doch anders als 1974, ließen die Holländer dieses Mal Gehässigkeiten vom Stapel: Ronald Koeman wischte mit Olaf Thons Trikot andeutungsweise seinen Hintern ab. Van Basten schwärmte von einem "wunderbaren Gefühl, besonders weil wir auf dem Weg ins Finale diese widerwärtigen Deutschen rausgeworfen haben". Es war der erste niederländische Sieg über Deutschland in elf Begegnungen seit 1956.

Erst 1990 hoben die Deutschen den Fehdehandschuh auf. Als die beiden Länder bei der Weltmeisterschaft in Italien aufeinander trafen, spuckte Frank Rijkaard seinen deutschen Gegenspieler Völler drei Mal an. Beide sahen die Rote Karte. Die Speichelattacke bildete den Höhepunkt jahrelanger holländischer Gehässigkeiten gegen den Fußball-Erzrivalen, auch wenn Rijkaards Motive eher Frustration über Querelen im eigenen Lager und über die Trennung von seiner Frau waren als antideutsche Gefühle. Er entschuldigte sich später bei Völler.

Dieses Mal siegte Deutschland 2:1, und später am Abend kam es an der holländisch-deutschen Grenze zu Ausschreitungen. Nicht zuletzt weil die Deutschen in der Folge den WM-Titel errangen, gewann für ihre Fans dieser Sieg eine legendäre Qualität. 1993 legte das Clingendael-Institut für Internationale Beziehungen eine Studie über die Einstellung der holländischen Jugend zu Deutschland vor. In einer Tabelle, in der die Teenager Sympathiepunkte für die Mitgliedsländer der EU vergaben, landete Deutschland auf dem letzten Platz. Den Deutschen wurde unterstellt, sie seien im Geiste Nazis und wollten wieder einen Krieg anzetteln. Die Studie zeigte, dass die Jugendlichen ein weit negativeres Bild hatten als die meisten erwachsenen Holländer. Nur die, die noch selbst die NS-Besetzung erlebt hatten, dachten ähnlich.

Doch damit war die Talsohle durchschritten, zumindest was die Holländer betraf. Ihre Angst vor den Deutschen verflüchtigte sich in den Neunzigern. Als 1989 die Berliner Mauer fiel, sprach sich Ruud Lubbers im Chor mit Margaret Thatcher und François Mitterrand für die Beibehaltung der deutschen Teilung aus. Innerhalb nur weniger Jahre jedoch wurde klar, dass ihre Furcht vor einem deutschen Rückfall in alte Laster unbegründet war.

Bald war für die Holländer der typische Deutsche nicht mehr der bierbäuchige BMW-Fahrer aus München, sondern der arbeitslose Skinhead aus Halle. Auch begann den Holländern zu dämmern, dass sie im Krieg nicht so "gut" gewesen waren, wie sie es sich immer eingebildet hatten. Es erschienen immer mehr Artikel, die schilderten, wie viele Holländer die Judendeportationen genutzt hatten, um sich zu bereichern. Die Zeitschrift "Groene Amsterdammer" fand heraus, dass noch Ende der sechziger Jahre Beamte des Finanzministeriums auf einem internen Flohmarkt Gold- und Silberschmuck ermordeter Juden ersteigert hatten.

Der neue Konsens holländischer Historiker besagte, dass die meisten Holländer in der Besatzungszeit weder "gut" noch "fehlgeleitet" waren, sondern einfach versuchten, ihr Leben zu meistern, ohne große moralische Grundentscheidungen zu treffen. Entsprechend schwerer fiel es ihren Nachfahren nun, deutsche Schlechtigkeit mit eigener Tugendhaftigkeit zu kontrastieren. In der Folge entkrampfte sich das Verhältnis zu den Deutschen.

Zur symbolischen Aussöhnung kam es im Februar 2000, als Lothar Matthäus in Amsterdam zu seinem 144. Länderspiel antrat. Vorher überreichte der niederländische Spielführer Edgar Davids ihm ein Blumengebinde. Als Matthäus den Strauß winkend hochhielt, erntete er mehr Applaus als Buhrufe. Die Holländer hatten den Mann, der das deutsche Feindbild wie kein anderer verkörperte ("Matthäus = Hitler", verkündete ein holländisches Fan-Transparent 1989), akzeptiert.

Auch als vor einigen Monaten Bernd Hölzenbein und Johnny Rep im Rotterdamer Goethe-Institut zusammentrafen, zeigte sich der Stimmungswandel. Hölzenbein war der Buhmann für die traumatische Niederlage von 1974 gewesen: ein verbissener Klein-Klein-Spieler, der nach holländischer Lesart mit einer "Schwalbe" über das lange Bein von Wim Jansen den entscheidenden Strafstoß für die Deutschen herausgeholt hatte. Nun, 30 Jahre später, lachten alle über seine Scherze und plauderten beim anschließenden Cocktailempfang locker mit ihm, wobei allerdings auffiel, dass die Konversation vorwiegend auf Englisch stattfand. Die Holländer haben sich ihr Deutsch in den letzten 50 Jahren abgewöhnt.

Angesichts des Niedergangs der deutschen Sprache (und des deutschen Fußballs) interessieren sie sich einfach nicht mehr so brennend für die Nachbarnation. Den Vormarsch der Deutschen bis ins WM-Finale 2002 ignorierten sie, indem sie so taten, als finde das Turnier gar nicht statt (ihre Mannschaft hatte sich nicht qualifiziert).

Dafür interessieren sich die Deutschen heute brennend für die Holländer. Sie haben das Heft der Rivalität weit gehend in die Hand genommen. Im Vorfeld des letzten WM-Turniers amüsierten sie sich monatelang, indem sie den Gassenhauer "Ohne Holland fahrn wir zur WM" sangen. Die Holländer könnten dem die Frage entgegenhalten, ob es nicht etwas jämmerlich sei, wenn ein großes Land wie Deutschland auf einem kleinen wie Holland herumhackt.

Doch wahrscheinlich finden die Deutschen das Leben im europäischen Haus einfach behaglicher, seitdem sie kein Furcht einflößender Riese mehr sind.

Aus: DIE WELT, Simon Kuper: Alte Rechnungen, 15.06.2004, http://www.welt.de/data/2004/06/15/291691.html?prx=1 (03.05.2011)
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