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GrafStat - Unterrichtsmaterial Fußball und Nationalbewusstsein

M 04.17 Die Mission der Elefanten



Dass Sport und Politik miteinander nichts zu tun hätten, darüber können die Nationalspieler der Elfenbeinküste nur lachen. Sie werden bei der WM auch um den Frieden in ihrem Land kämpfen. [...]

Zokora trägt die Nummer 5 der Nationalmannschaft von Côte d'Ivoire. Mit 17 schon, vor 8 Jahren, machte er sein erstes Spiel für die Elefanten, es gab ein 2:2 gegen Tunesien, 1998 in Abidjan. Zokora kam damals zur Halbzeit, und er wurde seitdem nicht mehr oft ausgewechselt. [...]

Zokora ist schnell, und er war es von klein auf. In den Straßen um sein Elternhaus finden sich Augenzeugen dafür in Scharen, Freunde von damals, gealterte Talente, die mit ihm spielten im Staub der Straßen. Er war nicht nur ein schneller Läufer, sondern schnell vor allem in den Hüften, in den Schultern, im Becken, er ist es geblieben, bis heute, und das bringt ihm, Mann gegen Mann, endlose Möglichkeiten der Täuschung. [...]

Seine Karriere lässt sich auf viele Weisen erzählen: Die einfache Variante ist die Geschichte vom Kind aus armer afrikanischer Vorstadt, das durch Talent und Fleiß und Gottesglauben seine Ziele erreicht. Er wurde entdeckt erst in seiner Straße, dann in seinem Viertel, dann in Yopougon, dann kannte man ihn bald in ganz Abidjan. Er spielte für ASEC Mimosas, das ist das Bayern München West¬afrikas, er wurde gezogen für die Nationalmannschaft der Junioren, reiste mit ihr zu Turnieren, wurde entdeckt, gekauft, und jetzt findet um ihn, in diesen Wochen und Monaten vor der WM 2006, ein Bietergefecht statt, in dem es um Millionen geht. [...]

Es hätte aus Didier Zokora und den anderen Söhnen weit weniger und weit weniger Vorzeigbares werden können, das betrifft eine andere Möglichkeit, die Geschichte Zokoras zu erzählen. Denn als er reif wurde, vor sechs Jahren, für die europäischen Ligen, als sich für ihn die kühnen Hoffnungen erfüllten, zerfiel in seinem Rücken die Heimat, Stück für Stück. [...]

Zokora wurde mit Genk 2002 belgischer Fußballmeister. In der Champions League schieden sie sieglos nach der Vorrunde aus, unter anderem von Real Madrid mit 6:0 nach Hause geschickt. In der Elfenbeinküste brach jetzt der Krieg aus. Das Land zerfiel in Nord und Süd, Teile der Armee desertierten und formierten sich im Norden neu als Rebellenbewegung. Es wurde entlang willkürlichen ethnischen und religiösen Linien gekämpft, es wurde geschossen, gebombt, gestorben. [...]

Mit der Nationalmannschaft spielte Zokora um die Qualifikation für die WM in Deutschland. Sie spielten, bis auf den Torhüter alle europäische Exilanten, mit bangem Herzen für ihr Land, in dem die meisten von ihnen Kinder waren, Kinder des Nordens, Kinder des Südens. Bis heute ist die Equipe eine Melange der Ethnien und Religionen kreuz und quer zu den Bürgerkriegsfronten, niemand stört sich daran bei Siegesfeiern, und im Team hätte keiner sich je die Frage gestellt, ob er ein "richtiger" oder ein nur "zugewanderter" Ivorer sei. [...]

Dass Sport und Politik miteinander nichts zu tun hätten, das ist kaum irgendwo eine so leere Behauptung wie im Lande Côte d'Ivoire. Die Unruhe in der Heimat überträgt sich auf die Nationalmannschaft der Fußballer und auf ihr Spiel, das war nirgends deutlicher zu spüren während des Afrika-Cups im Januar und Februar dieses Jahres.

Im Mannschaftshotel weit draußen am Kairoer Airport herrschte gedämpfte Stimmung selbst nach den schönen Siegen gegen Kamerun und Nigeria. Junge Spieler kamen bedrückt die Treppe vom Speisesaal herunter, und wer sie nach dem Grund fragte, bekam zur Antwort, dass es zu Hause schlechte Nachrichten gebe.

Didier Drogba, Chelseas Star, brach Gespräche ab, mit dem italienischen Fernsehen einmal, als er merkte, dass seine Gegenüber nichts von der Lage in der Elfenbeinküste wussten. Bei allen Begegnungen mit den Spielern herrschte eine Stimmung, als hätten sie keine Lust, über Fußball zu reden, wo es so viel Wichtigeres, Existentielleres zu besprechen gab.

Henri Michel, der französische Trainer der Elefanten, Kettenraucher und ein Genie seines Fachs, der 1994 Kamerun zur WM in die USA coachte, 1998 Marokko zur WM in Frankreich, jetzt die Elfenbeinküste, er machte im Garten des Mövenpick mehrmals hintereinander eine Bewegung, als müsste er einen tonnenschweren Rucksack schultern. "Das ist die Lage meiner Leute", sagte er. "Sie laufen mit viel Gepäck auf. Sie glauben, der Frieden hängt von ihnen ab." Er sagte das ohne Ironie.

Einer wie er, abgebrüht durch jahrelange Erfahrungen mit Afrika, durch die Welt gekommen, kann sich darüber mokieren, wenn in Abidjan von Zeit zu Zeit "Menschen meiner Hautfarbe nicht so gern gesehen werden". Aber um seine Leute ist es ihm bang. Sie sind jung, sie sind naiv, sie nehmen die Dinge persönlich. Er bekniet sie zwar, an nichts als an Fußball zu denken, wenn sie beim Anpfiff stehen. Er predigt ihnen, dass Fußball die eine Sache sei und Politik eine andere. Dass Schüsse auf dem Spielfeld mit Schüssen aus Gewehren nichts zu tun haben. Aber die prekäre Lage in der Heimat läuft immer mit aufs Feld, als zwölfter Mann, wenn die Elefanten kommen. Sie fühlen sich zum Siegen moralisch verpflichtet, weil Siege die Nerven beruhigen. Niederlagen aber verschärfen die Wut. Sie wollen, in der Gefahr, das Rettende sein. [...]

Aus: Der Spiegel: Die Mission der Elefanten, 14/2006, S. 70-78.
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20. März 2010
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