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Gewalt

Wie wirkt medial dargestellte Gewalt?



Ist Gewalt lustig? Erschrecken Sie auch manchmal, wenn Sie beobachten, dass ihr Kind gerade im Fernsehen eine gewalthaltige oder ''heftige'' Szene in einem Film sieht. Vielleicht handelt es sich sogar um einen Film, den Sie mit gutem Gewissen für ihr Kind ausgesucht haben. Was kommt bei den Kindern an, wenn ''Tom & Jerry'' sich wieder einmal gegenseitig in Stücke hauen oder wenn ''Popeye'' seine Gegner durch die Luft fliegen lässt. Entschärft das Lustige die Gewalt? Können Kinder überhaupt Gewalt und Komik unterscheiden? Eine Studie kam zu dem Schluss: Kinder im Alter von sechs bis zwölf Jahren unterscheiden zwischen ''schlimmen'' und ''weniger schlimmen'' Gewaltformen. ''Schlimm'' fanden sie Szenen, bei denen Waffen verwendet wurden, oder wo zwei gegen einen Gewalt ausüben. Als weniger dramatisch wurde psychische Gewalt (d.h. das Zufügen von seelischem Schaden ohne körperliche Gewaltanwendung) sowie Gewalt gegen Sachen eingeschätzt.

Jüngere Kinder amüsieren sich eher über Situationskomik, ältere Kinder verstehen auch Wortwitz. Beim Verständnis von ''lustiger'' Gewalt wurde als ein erster wichtiger Schritt die Unterscheidung zwischen Realität und Fiktion herausgestellt. Jüngere Kinder glauben zum Beispiel noch, dass Figuren in Zeichentrickfilmen wirklich Schmerzen und Verletzungen erleiden. Ältere Kinder erkennen den fiktiven Charakter von Zeichentrickfiguren, dass sie also nur ausgedacht sind. Diese Kinder haben aber noch Schwierigkeiten bei Realfilmen. Ob Gewalt als Realität wahrgenommen wird, hängt davon ab, ob Kinder Wirklichkeit und Film unterscheiden können und ob die Folgen von Gewalt dargestellt werden. Außerdem spielt die Identifikation mit den Figuren eine Rolle.

Gewalt, ein gewaltiges Thema
Das Thema Gewalt in den Medien ist eines der meist diskutierten, wenn es um den Einfluss von Fernsehen, Video oder Computer auf Kinder geht. Die Fachleute sind sich nicht einig, ob Gewaltszenen wirklich direkt dazu führen, dass Kinder und Jugendliche gewalttätig werden, oder ob dies nur bei einigen wenigen zutrifft. Die Vermutungen gehen mehr in die Richtung, dass die viele Gewalt in den Medien die Sichtweise der Kinder insgesamt verändert. Gewalt wird dann als etwas Alltägliches betrachtet und weniger geächtet. Gerade bei Kindern, die sehr viel Medien mit Gewaltthemen nutzen, ist nicht auszuschließen, dass sie gegen Gewalt abstumpfen oder diese auch im Alltag nachspielen.

Wenn Sie Ihr Kind dabei unterstützen zu verstehen, wann im Fernsehen Gewalt als Fiktion oder als Realität gezeigt wird, dann haben Sie innerhalb der Familie Medienerziehung geleistet und helfen Ihrem Kind, immer selbständiger mit den Medien umzugehen.

Wovon hängt die Wirkung ab? Der Medienwirkungsforscher Kunczik sieht Medienwirkungen im wesentlichen von drei Aspekten abhängig:
  • von der Art des Inhaltes, also z. B. wie nahe eine Fernsehsendung an der Realität ist (z.B. ''Aktenzeichen XY'' hat trotz nachgestellter Beiträge eine hohe Realitätsentsprechung)
  • von der Persönlichkeit der Rezipientinnen und Rezipienten: Alter, Geschlecht, Selbstwertgefühl, Intelligenz, Bildung, soziale Beziehungen, Schichtzugehörigkeit, Beruf, familiärer Status, politisch-soziale Situation;
  • von den situativen Bedingungen während und nach dem Medienkonsum, z.B. ob der Film allein oder in der Gruppe gesehen wird.
Mit Blick auf Vor- und Grundschulkinder lassen sich folgende Ergebnisse von Forschungen skizzenhaft zusammenfassen.
  • Filmgewalt wirkt immer in einem Kontext. Aggressive Medieninhalte führen nicht zu aggressivem Verhalten, sondern sie wirken vorrangig in einem Bündel von Faktoren (z.B. Umgang mit Gewalt in der Familie, Kindergarten oder Schule).
  • Gewalthaltige Szenen wirken nicht unbedingt, wenn sie besonders brutal, blutig oder gewalttätig sind, sondern wenn sie einen individuellen Sinn durch ihre Nähe zu den Erfahrungen der Rezipienten bekommen.
  • Die differenzierte Wahrnehmung von Gewaltszenen ist stark beeinflusst durch das Alter und Geschlecht der Kinder sowie ihr soziales Umfeld.
  • Die Fähigkeit, verschiedene Formen der Gewaltdarstellung (Nachrichten, Reality-TV, Spielfilm, Trickfilm usw.) zu erkennen, zu differenzieren und zu bewerten, nimmt mit Alter und Schulbildung zu.
  • Gewalthandlungen werden dann als solche erkannt und (negativ) bewertet, wenn die Folgen für das Opfer sichtbar sind, d.h. wenn das Opfer leidet, blutet, regungslos daliegt oder in ein Krankenhaus muss.
  • Jungen und Mädchen nehmen Gewalt im Fernsehen unterschiedlich wahr. Jungen sehen als Gewalt vorwiegend körperliche Verletzungen mit drastischen Folgen an, Mädchen hingegen stufen schon Prügeleien als Gewalt ein.
  • Action- und Zeichentrickgewalt wird als weniger ''schlimm'' angesehen, wenn sich die dargestellte Gewalt im Sinne des guten Medienhelden rechtfertigen lässt und wenn die Folgen der Gewalthandlungen nicht sichtbar sind.


Wie verarbeiten Kinder Fernsehgewalt?
Kinderzeichnung
Grossansicht des Bildes
Kinderzeichnung zu ''Jurassic-Park'' © Neuß
Natürlich können auch Gewaltdarstellungen Kinder verunsichern. In einer Untersuchung haben Kinder zu der Frage gezeichnet, was ihnen im Fernsehen Angst gemacht hat. Der sechsjährige Tobi fertigt eine Zeichnung zum Film ''Jurassic Park'' an und erläutert sie im anschließenden Gespräch. Auf dem Bild sind ein Kriegsschiff, ein Tyrannosaurus und ein amerikanisches Kriegsflugzeug dargestellt. Der Dinosaurier ist in die rechte untere Ecke gedrängt und hat seine Vorderläufe/Arme nach oben erhoben. Als sich Tobi an den Film ''Jurassic Park'' erinnert, hebt er insbesondere die Bedrohung eines Menschen hervor, der ''beinah'' durch den ''Tyrannosaurus'' aufgefressen wird. In dem gesamten Film wird aber nur an einer Stelle gezeigt, wie ein Mensch gefressen wird. Tobis Angstgefühl entsteht im Wesentlichen durch die Bedrohung der Menschen in dem Film, die sich alle versteckt halten. Dass es gerade Kinder sind, die in dem Film in der geschilderten Weise bedroht werden, trägt wesentlich zu der empfundenen Angst bei. Das Auffällige an diesem Bild ist die martialische Ausstattung, die sich gegen den Dinosaurier richtet. In dem Film wird aber an keiner Stelle ein Dinosaurier mit einem Schiff oder Flugzeug angegriffen. Tobi hat hier ein Schiff und ein Flugzeug dazu gezeichnet und verwendet sie beim zeichnen, um das ''Monster abzuballern''. Während für ihn sehr wichtig ist, dass in dem Film beinahe etwas Schlimmes passiert wäre, lässt er keinen Zweifel daran, dass der Tyrannosaurus auf der Zeichnung besiegt wird. Indem Tobi die Bildelemente Kriegsschiff und Kriegsflugzeug in das Bild und die Medienerinnerung integriert, bringt er auch die eigene Erinnerung zu einem befriedigenden Ende. Im Vordergrund seiner Zeichnung überwiegt die Wehrhaftigkeit gegen den Dinosaurier. Im Film ''Jurassic Park I'' werden die Dinosaurier nicht besiegt. Die Menschen fliehen in einem Hubschrauber von der Insel. Tobi stellt in seiner Zeichnungen durch das Besiegen des Dinosauriers das her, was der Film nicht leistet. Auf diese Weise findet eine emotionale Entlastung statt.

Worauf müssen Eltern achten? Dass ein sechsjähriger ''Jurassic Park'' gesehen hat, darf nicht zu einer gelassenen pädagogischen Haltung gegenüber diesen Medienerlebnissen führen. Klar muss sein, dass für Kinder Medienverbote an den Stellen nötig sind, wo gesetzliche Kinder- und Jugendschutzbestimmungen bestehen. Das betrifft z.B. im familiären Bereich Videofilme, die Altersbeschränkungen unterliegen (''Jurassic Park'' ist erst ab zwölf Jahren freigegeben), sowie Fernsehbeiträge, die durch ihre späte Sendezeit als für Kinder ungeeignet gekennzeichnet sind.
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10. Februar 2012
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