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GrafStat - Unterrichtsmaterial Fußball und Nationalbewusstsein
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M 04.21 Fußball im Prozess der Zivilisierung und Nationalisierung |

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In diesem Beitrag geht es nicht nur um Fußball, sondern im Mittelpunkt steht eine sozialwissenschaftliche Theorie, die "Zivilisations- und Staatsbildungstheorie" oder, wie von einigen moderneren Vertretern dieser Theorie auch gesagt wird, die "Prozess- und Figurationstheorie". Sie geht auf den großen Denker, Soziologen und Historiker Norbert Elias zurück, und in ihr spielen auch Sport und Fußball eine wichtige Rolle. Norbert Elias war in den 1950er Jahren regelmäßiger Besucher der Spiele seines Fußballclubs Leicester City. Leicester, eine Universitätsstadt in Mittelengland, wurde für lange Zeit der Lebensmittelpunkt für Elias, nachdem er 1933 nach Paris und dann nach London emigriert war. [...]
Grundlagen der Theorie des Prozesses der Zivilisation
Sowohl in der "Höfischen Gesellschaft" als auch im "Prozess der Zivilisation" ist von Fußball nichts zu lesen; allerdings spielen in beiden Grundschriften des Elias'schen Werks Körperlichkeit und Bewegung eine entscheidende Rolle. Der Umgang mit dem Körper und die Art und Weise des Bewegens sind für Elias Indikatoren des Zivilisationsprozesses. [...]
Die Lust zu kämpfen und zu töten ist aus zivilisierten Gesellschaften nicht verschwunden, sondern sie wurde zum einen "verfeinert", und zum anderen hat sie ihren Platz in eigens legitimierten Räumen und Situationen. "Die Kampf- und Angriffslust findet z.B. einen gesellschaftlich erlaubten Ausdruck im sportlichen Wettkampf", schreibt Elias im Prozess der Zivilisation. "Und sie äußert sich vor allem im 'Zusehen', etwa im Zusehen bei Boxkämpfen, in der tagtraumartigen Identifizierung mit einigen Wenigen, denen ein gemäßigter und genau geregelter Spielraum zur Entladung solcher Affekte gegeben wird. Und dieses Ausleben von Affekten im Zusehen oder selbst im bloßen Hören, etwa eines Radio-Berichts, ist ein besonders charakteristischer Zug der zivilisierten Gesellschaft. Er ist mitbestimmend für die Entwicklung von Buch und Theater, entscheidend für die Rolle des Kinos in unserer Welt. Schon in der Erziehung, in den Konditionierungsvorschriften für den jungen Menschen, wird diese Verwandlung dessen, was ursprünglich als aktive, oft aggressive Lustäußerung auftritt, in die passivere, gesittetere Lust am Zusehen, also in eine bloße Augenlust, in Angriff genommen". (Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen, 2Bd. , Frankfurt 1976, hier Bd. 1, S. 280). [...]
Fußball im Zivilisationsprozess
Nach der Lektüre dieser Abschnitte aus Elias' Buch "Im Prozess der Zivilisation" aus dem Jahr 1939 kann man verstehen, warum der moderne Sport in zivilisierten Gesellschaften, in denen von den Menschen ein hohes Maß an Kontrolle gefordert wird, eine so große Rolle spielt und warum dieser Sport inzwischen eine enge Verbindung mit der Unterhaltungsbranche und Kulturindustrie eingegangen ist.
Elias hat die Bedeutung des Sports oder sportlicher Kämpfe und Wettkämpfe im und für den Zivilisationsprozess bereits in den 1930er Jahren gesehen, aber erst in Leicester nahm er sich in Zusammenarbeit mit Eric Dunning, einem ehemals aktiven Fußballspieler und heute international renommierten Soziologen, dieses Themas besonders an. Sport und Fußball verdeutlichen für Elias und Dunning die wesentlichen Struktur- und Entwicklungsprozesse moderner Staatsgesellschaften des 19. und 20. Jahrhunderts. "The development of modern sport is an exemplification of the civilizing process", wie Dunning und Elias schreiben (Dies ist das Thema des Buches "Quest for Excitement. Sport und Leisure in the Civilising Process" von Elias/ Dunning, 1986, inzwischen in deutscher Übersetzung unter dem Titel "Sport und Spannung im Prozess der Zivilisation" als Band 7 der Gesammelten Schriften von Norbert Elias im Suhrkamp- Verlag, 2003, erschienen).
Sport besteht nach Elias und Dunning aus Kämpfen und Wettkämpfen nicht gewalttätiger Art, die durch körperliche Kraft und Geschicklichkeit gekennzeichnet sind. Kämpfe und Wettkämpfe sind das konstituierende Element des modernen Sports, wobei die damit verbundene körperliche Gewalt auf spezifische Weise kontrolliert wird. Ausprägung und Richtung dieser Verfeinerung körperorientierter Kämpfe und Wettkämpfe sind in den Zivilisations- und Staatsbildungsprozess der modernen Gesellschaften des 19. und 20. Jahrhunderts eingelassen, insbesondere in England. [...]
Transformationen des Sports: Fußball und der Habitus der Deutschen
Elias beschäftigte sich nicht nur mit dem nationalen Charakter der Engländer, sondern auch und vor allem mit dem der Deutschen. Michael Schröter gab 1989, kurz vor dem Tod von Elias, das Buch "Studien über die Deutschen" heraus, das aus einer Sammlung von Schriften von Elias über einen Zeitraum von mehr als vier Jahrzehnten besteht. In diesem Buch, das in der englischen Übersetzung von Dunning den Titel "The Germans" trägt, geht es im Kern um die Probleme der Formung des spezifischen Habitus der Deutschen im Prozess der Staats- und Nationsbildung. Die Frage, warum der Zivilisationsprozess in Deutschland einen besonderen Verlauf nahm, der neben der Höhe deutscher Kultur auch den Fall in tiefe Barbarei beinhaltete, ließ Elias zeit seines Lebens nicht los.
Der Habitus der Deutschen besteht nach Elias (und von mir in grober Verkürzung zusammengefasst) aus zwei wesentlichen Elementen: erstens aus einem relativ hohen Standard von Zivilität, Bildung, Disziplin und Selbstkontrolle und zweitens aus einer ausgeprägten Tendenz zu Aggressivität und Gewaltanwendung, die in der Geschichte der Deutschen immer wieder dominant wurde. Dieser betont "kriegerische Habitus" prägte sich in der "satisfaktionsfähigen Gesellschaft" des Kaiserreichs aus, weil damals Verhaltensmodelle eines in Deutschland nur in bescheidenem Maße höfisch gezähmten, militärischen Adels von weiten Kreisen des Bürgertums absorbiert wurden. Kriegerisches, militärisches Denken, Handeln und Fühlen prägte das, was man gewöhnlich den deutschen Nationalcharakter nennt, wie Elias schreibt (1989, S. 88). In zwei Weltkriegen manifestierte sich dieser deutsche Habitus, wobei besonders im Zuge der Herrschaft der Nationalsozialisten und während des Zweiten Weltkriegs die zivile gesellschaftliche Ordnung zerbrach und sich gleichsam unter staatlichem Schutz und in kontrollierten Formen ungezähmte aggressive, barbarische Instinkte austoben konnten. [...]
Zivilisationstheoretisch gesehen lässt sich die Verbreitung des Fußballspiels in Deutschland um die Jahrhundertwende und bis in die 1920er Jahre hinein als Teil und Ausdruck eines Informalisierungsschubes interpretieren; d.h., die Menschen in Deutschland lösten sich in ihrem Denken, Fühlen und Handeln von starren Regeln, gesellschaftlichen Konventionen und äußeren Zwängen. Auf unser Thema angewendet, fanden sie auch im Fußballspielen eine Möglichkeit, ihren aggressiven Leidenschaften freieren Raum zu lassen, ohne dass dies jedoch im Regelfall die gesellschaftlich noch akzeptierten Grenzen überschritten hätte. Dieser Informalisierungsprozess wirkte sich auch auf das deutsche Turnen, die Inhalte und Formen dieser spezifisch deutschen Körper- und Bewegungskultur und die sie tragenden Organisationen und Institutionen aus: die Vereine und Gliederungen der Deutschen Turnerschaft, aber auch das Schulturnen und das Turnen in der Armee. [...]
Fußball in der Weimarer Zeit
Der Deutsche Fußballbund entwickelte sich damals rasch neben der Deutschen Turnerschaft zum größten Sportfachverband in Deutschland, und der Fußballsport wurde zu einem echten Massensport. Hier fanden die Menschen sowohl als aktive Spieler als auch als Massenpublikum bei den Spielen von Schalke, Hertha oder auch Preußen Münster eine Möglichkeit, ihre aggressiven Leidenschaften zu befriedigen und die Spannungen, die sie in ihrem Arbeits- und Familienleben zu überwältigen drohten, zu lösen. Während in der Kaiserzeit, der "guten alten Zeit", wie romantisierend gesagt wurde, innere Sicherheit und sozialer Friede noch weitgehend durch einen starken Staat garantiert werden konnten, war dies in der liberalen und demokratisch verfassten Republik von Weimar nicht mehr der Fall. Viele Menschen wollten deshalb zwar die Freiheiten, die ihnen dieser schwache Staat bot, nicht missen, aber sie sehnten sich auch nach mehr Sicherheit, sozialem Frieden und innerer Einheit. Nur ein starker Staat schien dies garantieren zu können. Die rechten Parteien im breit gefächerten politischen Spektrum der Weimarer Republik vertraten diese Hoffnung der Massen nach Sicherheit und nationaler Einheit am erfolgreichsten. Sie bedienten sich dabei neben einer aggressiv nationalistischen Rhetorik auch der Mittel des physischen Terrors.
In diesen politisch-gesellschaftlichen Zusammenhang sind auch die Versuche einzuordnen, Sport und Fußball zu verdeutschen oder besser zu germanisieren; d.h., das Spiel dem Habitus der Deutschen zu adaptieren. Im Sinne der alten Turner der Kaiserzeit bedeutete dies, dass sie auf ein entsprechendes turnerisches Niveau gehoben, verfeinert und zivilisiert und der nationalen Idee des deutschen Turnens angepasst werden sollten. Nicht nur an Barren und Reck sollte fürs Vaterland geturnt, sondern auch auf dem Fußballfeld fürs Vaterland gestürmt, gekämpft und gesiegt werden. Allein an diesem Sprachspiel kann man jedoch erkennen, dass sich der Kampfsport Fußball für aggressive nationalistische und militaristische Funktionalisierungen weit besser eignete als das biedere Turnen. [...]
Fußball als deutsches Kampfspiel
Der Tübinger Universitätsturnlehrer Paul Sturm und seine Ideologie des deutschen Kampfspiels Fußball können als Beispiel für diese Entwicklung herangezogen werden. [...]
In Sturms Interpretation des Kampfmotivs beim Fußball lässt sich ein typisch deutsches Verständnis von Kampf und Wettkampf erkennen, das bereits im alten deutschen Turnen angelegt ist. Der Kampf spielte eine große Rolle in der Tradition der deutschen Leibesübungen; aber nicht im Sinne des sportlich-fairen Wettkampfs, sondern zur Stärkung des "Wir-Gefühls" der Deutschen und um die Kräfte des Volkes gegen äußere Feinde zu mobilisieren. In diesem Sinn entdeckte Sturm den Fußball als "deutsches Kampfspiel". Aber nicht nur herausragende körperliche und kämpferische Fähigkeiten sowie spielerisches Können seien nötig, schreibt Sturm, um eine Mannschaft zum Sieg zu führen, sondern vor allem Disziplin, Kampfgeist und mannschaftliche Geschlossenheit. Bis heute gelten diese drei Elemente als die besonderen fußballerischen Tugenden der Deutschen, denen man bekanntlich nachsagt und die auch von sich selber sagen, dass sie in der Regel über den Kampf zum Spiel finden würden; vorausgesetzt sie finden überhaupt dazu. [...]
Fußball ist - mit anderen Worten - nur dann erfolgreich, wenn es den Spielern gelingt, ihre Affekte zu kontrollieren und diszipliniert zu kämpfen. Die Leidenschaften und Energien der Einzelnen müssen in den Dienst an der und für die Mannschaft gestellt werden. Die "Mannschaft" steht bei Sturm stellvertretend für die gesamte "Volksgemeinschaft"; wie überhaupt für ihn das Kampfspiel Fußball eine Metapher für den Krieg ist. [...]
Diese Taktik stellte sich zwar in den Weltkriegen für die Deutschen als nicht besonders erfolgreich heraus. Aber nach jedem verlorenen Weltkrieg erlebte der Fußball in Deutschland einen gewaltigen Aufschwung - sowohl an aktiven Spielern als auch an Zuschauern. Das "Wunder von Stalingrad" blieb aus, aber dafür bekamen die Deutschen 1954 ihr "Wunder von Bern"; es machte Stalingrad nicht vergessen, aber der Sieg im Ersatzkrieg Fußball tröstete darüber hinweg. [...]
Das Akzeptieren-Können von Niederlagen ist ein grundlegendes Merkmal zivilisierten Verhaltens. Fair play oder Fairness wird heute als eine weit über den Sport hinausreichende Art des Denkens und Verhaltens verstanden, die international kommunikations- und konsensfahig ist. Diese "Kultur des Sports", meinte beispielsweise der ZEIT-Kolumnist Warnfried Dettling (ZEIT vom 12.2.1998), könne als Vorbild für eine "faire" Gesellschaft der Zukunft dienen. Fußballplätze sind, so gesehen, nicht nur Schauplätze von Ersatzkriegen, sondern auch Übungs- und Trainingsgelände für soziales und faires Verhalten.
Jedes Fußballspiel und alles, was heute dazu gehört, ist ein Gradmesser für das Niveau der Staats- und Gewissensbildung, der Zivilisierung einer Gesellschaft und ihrer Mitglieder. Man kann daran auch sehen, wie weit sie vom Ideal der Fairness entfernt ist. Norbert Elias war in der Einschätzung des erreichten Standes des Prozesses der Zivilisation nicht sehr optimistisch. Er bezeichnete uns (und sich selbst) als "late barbarians" - nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.
Aus: Michael Krüger: Fußball im Prozess der Zivilisierung und Nationalisierung des Sports und der Deutschen, in: Dieter H. Jütting (Hrsg.): Die lokal-globale Fußballkultur-wissenschaftlich beobachtet, Münster 2004, S. 121-136. |
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20. März 2010
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Dossier Fußball-WM 2006 |
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Fußball-WM 2006
2006 war die Fußball-Welt zu Gast in Deutschland. Die bpb stellt weiterhin alle Länder vor, die teilgenommen haben. Und in der Presseschau können Sie alles Wichtige zum Turnier nachlesen. |
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fluter (Nr. 18) |
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Spiel der Welt – Fußball
Fußball hat heute eine immense gesellschaftliche Bedeutung, keine Frage. Aber warum ist das eigentlich so? Im April ergründet fluter die Faszination des Weltsports Nummer Eins. |
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Themenblätter im Unterricht |
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Nr. 29 - Nationale Symbole
Nationale Symbole treten nicht nur an Dienstgebäuden auf, auch das Singen der Nationalhymne zu Beginn eines Fussball-Länderspieles gehört dazu. Wie definieren sich solche Symbole? Welche Wirkung haben sie auf uns? |
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Informationen zur politischen Bildung (Heft 290) |
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Fußball - mehr als ein Spiel
Fußball ist zu einem globalen Sport geworden, der Millionen Menschen fasziniert. Er hat einen wachsenden Stellenwert in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft und spiegelt gesamtgesellschaftliche Entwicklungen wider. |
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