Einleitung
Annegret Ehmann, Christian Geißler-Jagodzinski, Horst Peter Gerlich, Anna Pukajlo, Hanns-Fred Rathenow, Thomas Spahn
7.11.2008
"Erziehung nach Auschwitz" ist nach der für die Pädagogik bis heute gültigen Abhandlung von Theodor W. Adorno aus dem Jahr 1966 nicht nur die Vermittlung von Wissen über die Geschichte des Nationalsozialismus einschließlich der Verbrechen des Massen- und Völkermords. Schulen oder Museen und Gedenkstätten sollen nach dem Frankfurter Philosophen und Sozialwissenschaftler auch zur Mündigkeit erziehen, um eine "Kraft zur Reflexion, zur Selbstbestimmung, zum Nicht-Mitmachen" zu entwickeln. Damit sich Auschwitz nicht wiederholt.
Viele Pädagoginnen und Pädagogen verstehen Adornos Abhandlung als Aufforderung, Prozesse zu initiieren, in denen aus der Geschichte gelernt werden soll. Sie verbinden das historische Lernen mit ausdrücklich gegenwartsorientierten Fragestellungen, aus deren Beantwortung die Lernenden Hinweise für das eigene aktuelle Denken und Handeln ableiten sollen. Aus "Lernen über die Geschichte" wird ein "Geschichte begreifen". Ob und wie sich diese Verbindung herstellen lässt, ist eine viel diskutierte und offensichtlich nicht einfach zu beantwortende Frage. Einige Überlegungen dazu können dem Ausblick dieser Publikation entnommen werden.
Die Vorstellungen darüber, was Jugendliche über die Themen Nationalsozialismus und Holocaust lernen sollen, sind am Lernort Schule relativ einheitlich. Alle 16 Bundesländer beschreiben "Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg" mit den Stichworten "Konzentrationslager", "Vernichtungslager" oder "Holocaust" als verbindlich für die 9. oder 10. Jahrgangsstufe. Dafür stehen im Durchschnitt in der Sekundarstufe I (5. bzw. 7. bis 10. Jahrgangsstufe) rund 20 Wochenstunden zur Verfügung.
In der Sekundarstufe II wird die Thematik des Nationalsozialismus noch einmal vertieft. Um die Mündigkeit von Jugendlichen ernst zu nehmen, stellt dieses Dossier methodische Zugänge und Praxisbeispiele für Geschichte begreifen vor, die ergebnisoffen sind und Impulse für den Diskurs mit anderen über unterschiedliche Deutungen zulassen. Jugendliche können so selbst erkennen, ob und welche gegenwartsbezogenen Schlussfolgerungen sich aus einem Lernen über die Geschichte des Nationalsozialismus ergeben.
Dossier
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