Datenreport 2016

Einleitung

Statistische Daten und sozialwissenschaftliche Analysen

3.5.2016
Aufgrund der aktuellen Zuwanderungsbewegungen stehen die Themen Migration und Flucht derzeit im Zentrum der öffentlichen Debatten in Deutschland. Hierbei werden verstärkt Fragen nach den Herausforderungen und Chancen der Einwanderung aufgeworfen, die sich angesichts der kontinuierlichen Zuwanderung bereits seit den 1950er-Jahren stellen und kontrovers diskutiert werden. In Deutschland leben mittlerweile 16,4 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, das ist ein Fünftel der Gesamtbevölkerung (ohne die Zugewanderten des letzten Jahres). Auch wenn diese Menschen unter einem Begriff – dem der "Migranten" – zusammengefasst werden, ist dieser Teil der Bevölkerung sehr heterogen und unterscheidet sich beispielsweise nach Herkunft, Generation und Staatsangehörigkeit.


Die größte Gruppe der Bevölkerung mit Migrationshintergrund sind noch immer die Gastarbeiter und ihre Familien, die im Rahmen von Anwerbeabkommen in den 1950er- und 1960er-Jahren hauptsächlich aus Südeuropa nach Deutschland kamen. Eine zweite größere Gruppe bilden die (Spät-)Aussiedler, die vor allem zwischen 1990 und 2000 einwanderten. Die Migranten, die diesen beiden Gruppen angehören, leben im Durchschnitt seit über 30 Jahren in Deutschland. In jüngerer Zeit erfolgte Zuwanderung verstärkt aus den Staaten Mittelosteuropas, die seit 2004 der EU beigetreten sind. Darüber hinaus waren Flüchtlingsbewegungen für die Zuwanderung zu zwei Zeitpunkten von besonderer Bedeutung: Anfang der 1990er Jahre stiegen die Asylbewerberzahlen durch den Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien auf vorher ungekannte Werte und erreichten einen Höchstwert von rund 440.000 im Jahr 1992. Im Jahr 2015 wurde dieser Spitzenwert noch einmal deutlich übertroffen: Bis September stellten bereits mehr als 570.000 Flüchtlinge Asylanträge in Deutschland.


Über die Hälfte der Menschen mit Migrationshintergrund besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft. Zwei Drittel von ihnen sind selbst zugewandert, ein Drittel stellt die in Deutschland geborene zweite Generation dar. 


Wesentliche Daten und Fakten zu Zuwanderung und Integration der in Deutschland lebenden Migranten finden sich im "Datenreport 2016 – Ein Sozialbericht für die Bundesrepublik Deutschland". So schneiden Menschen mit Migrationshintergrund in Bezug auf viele sozio-ökonomische Faktoren schlechter ab als die Bevölkerung ohne Migrationshintergrund. Sie verfügen im Durchschnitt über niedrigere Bildungsabschlüsse und sind häufiger von Arbeitslosigkeit und Armut betroffen. Doch lässt sich dieses Muster nicht auf alle Bereiche verallgemeinern. Trotz der genannten Nachteile sind die Migranten etwas zufriedener mit ihrem Leben als die Mehrheitsbevölkerung ohne Migrationshintergrund. Zudem gibt es große Unterschiede sowohl zwischen den einzelnen Herkunftsgruppen als auch zwischen den Generationen. Migranten, die nach 2000 zugewandert sind, verfügen beispielsweise häufiger über einen Hochschulabschluss als Menschen ohne Migrationshintergrund der gleichen Altersgruppe. Die zweite Generation konnte sich in vielen Bereichen gegenüber ihren Eltern verbessern. Sie sprechen besser Deutsch, erzielen höhere Bildungsabschlüsse und weisen ein geringeres Armutsrisiko auf. Bezüglich der beruflichen Stellung verzeichnen sie hingegen nur leichte Aufstiegstendenzen gegenüber ihren Eltern.


Solche Daten und Fakten sind gut geeignet, ein allzu schnelles Urteil über den Zustand und die Entwicklung unserer Gesellschaft zu revidieren. Es bedarf jedoch einer spezifischen Kombination unterschiedlicher Datenquellen: Um die Lebensbedingungen und die Lebensqualität in Deutschland auf der Grundlage der besten zur Verfügung stehenden empirischen Informationen umfassend und differenziert zu untersuchen, vereinigt der Datenreport die Ergebnisse der amtlichen Statistik und die Befunde der sozialwissenschaftlichen Sozialberichterstattung. Die amtliche Statistik ist mit ihren umfangreichen, vielfältigen und kontinuierlich durchgeführten Erhebungen nach wie vor der wichtigste Anbieter von Informationen über die Lebensverhältnisse und die Entwicklung der deutschen Gesellschaft. Die Erfahrung hat aber auch gezeigt, dass eine leistungsfähige sozialwissenschaftliche Datengrundlage für eine aktuelle und differenzierte Sozialberichterstattung ebenso notwendig ist. Mit ihren speziell für die gesellschaftliche Dauerbeobachtung konzipierten sozialwissenschaftlichen Erhebungen stellt die wissenschaftliche Sozialberichterstattung nicht nur Informationen zu Themen und Fragestellungen bereit, die außerhalb des gesetzlich festgelegten Erhebungsprogramms der amtlichen Statistik liegen, wie zum Beispiel subjektive Wahrnehmungen, Einstellungen und Bewertungen. Sie ergänzt und bereichert das Informations- und Analysepotential auch in konzeptioneller und methodischer Hinsicht. 


Mit der Ausgabe des Datenreport 2008 wurde die bis dahin strikte Zweiteilung des Sozialberichtes in die Beiträge der amtlichen Statistik und die der wissenschaftlichen Sozialberichterstattung aufgegeben und eine integrierte, nach Themenbereichen strukturierte Gliederung vorgelegt. Die institutionelle Einbindung der Abschnitte und Kapitel wird seither durch eine farbige Zuordnung zu amtlicher Statistik (blau) und wissenschaftlicher Sozialberichterstattung (orange) unterstützt.


Die vorliegende Ausgabe 2016 enthält neue Abschnitte zur Bevölkerung mit Migrationshintergrund, zur Lebenssituation älterer Menschen mit Migrationshintergrund und zu Asylsuchenden. Des Weiteren befassen sich neue Abschnitte mit den Themen Wohnen, Zeitverwendung, Vermögen, Berufspendler und Lebensqualität und Identität in der Europäischen Union. Das bereits vorhandene Kapitel Einstellungen zur Rolle der Frau wurde erstmals um Einstellungen zur Rolle des Mannes ergänzt. 


Obwohl seit der deutschen Vereinigung inzwischen mehr als 25 Jahre vergangen sind, verdient die Beobachtung des Zusammenwachsens und der Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse in Ost- und Westdeutschland weiterhin besondere Aufmerksamkeit. Der Datenreport informiert daher über noch vorhandene Disparitäten in verschiedenen Bereichen der Lebensbedingungen sowie über Unterschiede in Verhaltensweisen, Einstellungen und Wertorientierungen, aber auch über die bisher erzielten Erfolge des Vereinigungsprozesses und die sukzessive Angleichung der Lebenslagen in Ost- und Westdeutschland. 


Der Datenreport, der mit dieser Ausgabe 2016 seit mehr als drei Jahrzehnten erscheint, ist ein einzigartiges Gemeinschaftsprojekt von amtlicher Statistik und wissenschaftlicher Sozialberichterstattung, das im Veröffentlichungsprogramm der Bundeszentrale für politische Bildung einen ganz besonderen Stellenwert einnimmt. 


Mit seiner umfassenden Bilanzierung der Lebensverhältnisse in Deutschland zielt der Datenreport auch darauf ab, den Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft handlungsrelevante Informationen zur Verfügung zu stellen. Insbesondere stellt er sich – als ein im Programm der Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlichter Sozialbericht – der Aufgabe, dem Informationsbedürfnis einer interessierten Öffentlichkeit in einer demokratischen Gesellschaft gerecht zu werden. 


Auf den Internetseiten der beteiligten Institutionen steht der Datenreport in elektronischer Form ganz oder kapitelweise zum Download zur Verfügung. Weiterführende Informationen zu den Daten, die der Veröffentlichung zugrunde liegen, und zum Datenangebot des Statistischen Bundesamtes finden Sie im Anhang.

Die Herausgeber

Forscher, Redakteur und Menschenfreund. Zum Tod von Roland Habich (1953–2015)




 

Zahlen und Fakten

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