Datenreport 2016

3.5.2016 | Von:

Michaela Kreyenfeld
, 
Sandra Krapf

Lebensformen und die Bedeutung nichtehelichen Zusammenlebens 


Abgesehen vom Wandel des generativen Verhaltens verändern sich auch die Lebens- und Familienformen in Deutschland, welche in der Vergangenheit häufig mit der Begrifflichkeit der "Pluralisierung" auf den Punkt gebracht worden sind. Ausgehend vom Bezugspunkt der ehelichen Familien sind demnach "alternative", "nicht-traditionelle" oder "neue" Lebensformen hinzugetreten. In der familiensoziologischen Forschung existiert eine Vielzahl von Vorschlägen zur Operationalisierung von Lebens- und Familienformen. Zentrale Dimensionen, die bei der Bestimmung von Lebens- und Familienformen herangezogen werden, sind der Familienstand und das Zusammenleben mit einem Partner beziehungsweise einer Partnerin. Letztere Information erlaubt es, nichteheliche Lebensgemeinschaften abzugrenzen. Die Anzahl der Kinder und der Beziehungsstatus zu den Kindern (leibliche Kinder, Stiefkinder, Adoptiv- und Pflegekinder) stellen weitere zentrale Dimensionen dar, auf deren Basis Lebens- und Familienformen operationalisiert werden können. In der familiensoziologischen Forschung ist zudem in der jüngeren Vergangenheit das Vorhandensein einer Paarbeziehung als Unterscheidungskriterium herangezogen worden, um sogenannte Living-Apart-Together-Beziehungen (LAT-Beziehungen), also Paare ohne gemeinsamen Haushalt, abzugrenzen. Mit amtlichen Daten wie dem Mikrozensus lassen sich diese Lebensformen allerdings nicht identifizieren, da nur Beziehungsgefüge innerhalb eines Haushalts erfasst werden. Auch lassen sich Stieffamilien mit den amtlichen Daten nicht von Kernfamilien unterscheiden. 


Eine der wesentlichen Veränderungen in den Lebens- und Familienformen stellt die wachsende Bedeutung nichtehelichen Zusammenlebens dar. Ähnlich wie in anderen europäischen Ländern ist auch in Deutschland der Anteil der Personen, die direkt, das heißt ohne voreheliches Zusammenleben, heiraten, seit den 1970er-Jahren rapide zurückgegangen. Die Eheschließung ist zunehmend auf ein späteres Alter verschoben worden, und es hat sich eine Phase im Lebenslauf herausgebildet, in der Paare nichtehelich zusammenleben. Abbildung 3 gibt vor diesem Hintergrund die Lebensformen von Personen nach Alter und Geschlecht im Jahr 2012 wieder. Angemerkt sei, dass in der amtlichen Statistik häufig die Familie als Untersuchungseinheit herangezogen wird, um den Wandel der Familienformen abzubilden. Hingegen wird in familiensoziologischen Forschungen zumeist das Individuum als Untersuchungseinheit verwendet, das heißt, es wird dargestellt, wie viele Männer und Frauen in bestimmten Lebensformen leben. Dieses Vorgehen ist auch in Abbildung 3 (und Tabelle 3) gewählt worden. 


Die Abbildung zeigt auf, dass die nichteheliche Lebensgemeinschaft (NEL) vor allem im frühen Lebensalter verbreitet ist. Etwa 20 % der 25- bis 29-jährigen westdeutschen Männer und Frauen leben in dieser Lebensform. Bei den ostdeutschen Frauen desselben Alters sind es sogar fast 30 %. Bei den ostdeutschen Männern kommt der NEL mit 25 % vor allem in der Altersklasse 30 bis 34 eine hohe Bedeutung zu. Die Abbildung suggeriert, dass mit zunehmendem Alter die nichteheliche Lebensgemeinschaft (NEL) an Bedeutung verliert und die Ehe sie als dominante Lebensform zunehmend verdrängt. So leben unter Frauen und Männern im Alter von 45 bis 49 12 % oder weniger in einer NEL. Die Mehrheit der Personen ist in diesem Alter verheiratet. Prinzipiell zeigt sich in diesem Muster, dass Eheschließungen im späteren Lebenslauf vollzogen werden. Dennoch ist hier zu beachten, dass sich bei dieser Querschnittsbetrachtung Kohorten- und Alterseffekte vermischen. Die heute 45- bis 54-Jährigen haben zum Teil noch vor der deutschen Vereinigung geheiratet. Die Lebensformen der ostdeutschen Personen, die heute 45 Jahre und älter sind, reflektieren damit in gewissem Maße noch die demografischen Verhaltensweisen, die in der DDR typisch waren.
Lebensform nach Lebensalter und Geschlecht 2012 — in ProzentLebensform nach Lebensalter und Geschlecht 2012 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)