Datenreport 2016

3.5.2016 | Von:

Michaela Kreyenfeld, 
Sandra Krapf

Unverheiratete Elternschaft 


Ein Kristallisationspunkt familiensoziologischer Debatten ist die Frage, ob die nichteheliche Lebensgemeinschaft das eheliche Lebensmodell verdrängt hat oder ob es sich beim Rückgang der Heiratsneigung in erster Linie um "Timing-Effekte" handelt, also Eheschließungen im Lebenslauf nur aufgeschoben werden und spätestens dann geheiratet wird, wenn das erste Kind geboren wird. Der Anstieg der Nichtehelichenquote (Anteil der nichtehelich geborenen Kinder an allen Kindern) deutet darauf hin, dass die Kopplung von Eheschließung und Familiengründung sich in den letzten Jahrzehnten deutlich gelockert hat. Demnach waren im Jahr 2012 fast 30 % der Geburten in Westdeutschland und rund 60 % der Geburten in Ostdeutschland nichtehelich. Bei den Erstgeburten ist der Anteil mit knapp 38 % in Westdeutschland und 74 % in Ostdeutschland deutlich höher. Beim zweiten Kind reduziert sich die Nichtehelichenquote auf etwa 50 % in Ost- und 20 % in Westdeutschland. Dieser Rückgang deutet zum einen darauf hin, dass ein relevanter Anteil von Personen zwischen der Geburt des ersten und zweiten Kindes heiratet. Zum anderen ist der Unterschied darauf zurückzuführen, dass verheiratete Frauen häufiger zweite und weitere Kinder bekommen als jene, die unverheiratet sind. 


Mit einer doppelt so hohen Nichtehelichenquote in Ostdeutschland wie in Westdeutschland existieren auch mehr als zwanzig Jahre nach der deutschen Vereinigung noch deutliche Ost-West-Unterschiede im familialen Verhalten. Während die Verhaltensweisen in Westdeutschland noch weitgehend dem Muster der "kindorientierten Eheschließung" entsprechen und die Mehrzahl der westdeutschen Paare vor der Geburt des ersten Kindes heiratet, ist die Kopplung von Eheschließung und Familiengründung in Ostdeutschland eher locker ausgeprägt. Als Ursachen für diese spezifischen Muster gelten unter anderem die geringe konfessionelle Bindung in Ostdeutschland und die hohe Erwerbsneigung ostdeutscher Frauen, durch die die ökonomischen Vorteile einer Eheschließung weniger relevant sind als für westdeutsche Frauen. Weitere Ursachen könnten in den unsicheren Beschäftigungsoptionen und hohen Arbeitslosenquoten in Ostdeutschland liegen, deren negative Wirkung auf die Heiratsneigung sich in internationalen Studien ebenfalls erwiesen hat.
Anteil der nichtehelich Lebendgeborenen an allen Lebendgeborenen 1980, 1990, 2000, 2010 und 2012 und nach Geburtsordnung im Jahr 2012 — in ProzentAnteil der nichtehelich Lebendgeborenen an allen Lebendgeborenen 1980, 1990, 2000, 2010 und 2012 und nach Geburtsordnung im Jahr 2012 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)