Datenreport 2016

3.5.2016 | Von:
Kristina Kott, Birgit Kuchler

Einkommensverteilung

Grundlage für die Ermittlung des Einkommens einer Person ist die möglichst umfassende Messung des verfügbaren jährlichen Nettoeinkommens des Haushalts, in dem die Person lebt. Berichtszeitraum für die Einkommensmessung in EU-SILC ist das gesamte vorangegangene Kalenderjahr. Neben den regelmäßigen monatlichen Einkünften werden auch jene Einkünfte mit berücksichtigt, die unregelmäßig oder nur einmal im Jahr (zum Beispiel das Weihnachtsgeld) gezahlt werden. Das Haushaltseinkommen setzt sich aus den Einkünften aller Haushaltsmitglieder zusammen, die im Laufe eines Kalenderjahres gezahlt wurden und somit Einfluss auf die allgemeine finanzielle Situation des Haushalts haben.

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Haushaltsnettoeinkommen

Grundlage für Einkommens- und Armutsanalysen bei LEBEN IN EUROPA ist das verfügbare Haushaltsnettoeinkommen aus dem Vorjahr der Erhebung (Einkommensbezugsjahr), das sich ergibt aus dem Bruttoeinkommen eines Haushalts nach Abzug von:
  • Steuern,
  • Sozialversicherungsbeiträgen,
  • regelmäßigen Vermögensteuern und
  • regelmäßig zwischen Privathaushalten geleisteten Zahlungen.
Das Bruttoeinkommen eines Haushalts besteht aus haushalts- und personenbezogenen Komponenten.

Zum haushaltsbezogenen Bruttoeinkommen zählen:
  • Einkommen aus Vermietung und Verpachtung,
  • Familienleistungen (Kindergeld) und Wohnungsbeihilfen,
  • Sozialgeld, Sozialhilfe, bedarfsorientierte Grundsicherung,
  • regelmäßig empfangene Geldtransfers zwischen privaten Haushalten (zum Beispiel Unterhaltszahlungen),
  • Zinsen, Dividenden und Gewinne aus Kapitalanlagen,
  • Einkünfte von Haushaltsmitgliedern unter 16 Jahren.
Hinweis: Schätzwerte für unterstellte Mieten bei selbst genutztem Wohneigentum (sogenannte Eigentümermietwerte) werden hier, anders als in anderen amtlichen Statistiken (zum Beispiel der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe), nicht zum verfügbaren Haushaltseinkommen hinzugerechnet. Zum personenbezogenen Bruttoeinkommen zählen:
  • Bruttoeinkommen aus unselbstständiger Tätigkeit in Form von Geld oder geldwerten Sachleistungen und/oder Sachleistungen (zum Beispiel Firmenwagen),
  • Bruttoeinkommen aus unselbstständiger Tätigkeit in Form von Geld oder geldwerten Sachleistungen
  • und/oder Sachleistungen (zum Beispiel Firmenwagen),
  • Bruttogewinne und -verluste aus selbstständiger Tätigkeit in Form von Geldleistungen (einschließlich Lizenzgebühren),
  • Arbeitslosengeld I und II, Übertragungen der Arbeitsförderung,
  • Alters- und Hinterbliebenenleistungen,
  • Krankengeld und Invaliditätsleistungen,
  • ausbildungsbezogene Leistungen.


Zudem wird angenommen, dass

  • alle Haushaltsmitglieder ihre Einkünfte zur Verfügung stellen,
  • alle Haushaltsmitglieder das gleiche Wohlfahrtsniveau erreichen,
  • Mehrpersonenhaushalte gegenüber Einpersonenhaushalten Einspareffekte aufgrund des gemeinsamen Wirtschaftens haben.
Anschließend wird das Haushaltsnettoeinkommen in ein gewichtetes Pro-Kopf-Einkommen, das sogenannte Nettoäquivalenzeinkommen umgewandelt.

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Nettoäquivalenzeinkommen

Das Nettoäquivalenzeinkommen ist ein Pro-Kopf-Einkommen, das berücksichtigt, in welcher Art von Haushalt die Menschen leben, um das Wohlstandsniveau von Haushalten unterschiedlicher Größe und Zusammensetzung vergleichbar zu machen.

Es ist eine fiktive Rechengröße, die aus der Haushaltszusammensetzung und dem Haushaltsnettoeinkommen abgeleitet wird. Bei diesem Verfahren wird dem ersten erwachsenen Haushaltsmitglied ein Bedarfsgewicht von 1,0 und jedem weiteren Haushaltsmitglied ab 14 Jahren ein Bedarfsgewicht von 0,5 sowie Haushaltsmitgliedern unter 14 Jahren ein Bedarfsgewicht von 0,3 zugeordnet (nach modifizierter OECD-Skala). Das Haushaltsnettoeinkommen wird durch die Summe der Bedarfsgewichte (Gesamtbedarfsgewicht) geteilt und der sich daraus ergebende Betrag jedem Haushaltsmitglied als sein persönliches Nettoäquivalenzeinkommen beziehungsweise Pro-Kopf-Einkommen zugewiesen. Durch diese Äquivalenzgewichtung ist die Einkommenssituation einer Person aus einem Einpersonenhaushalt nun direkt vergleichbar mit der Einkommenssituation einer Person aus einem Mehrpersonenhaushalt. Zugleich kann die Einkommensverteilung in der Gesamtbevölkerung betrachtet werden.

Ein Beispiel: Zwei Erwachsene mit zwei Kindern unter 14 Jahren erhalten ein Gesamtbedarfsgewicht von 2,1 (1,0 + 0,5 + 0,3 + 0,3). Beläuft sich das verfügbare Nettoeinkommen eines solchen Haushalts auf 2.000 Euro monatlich, so ergibt sich als Nettoäquivalenzeinkommen 952,38 Euro monatlich (= 2.000 Euro geteilt durch 2,1), das jedem Haushaltsmitglied zugewiesen wird. Es wird also nicht die Zahl der Köpfe zugrunde gelegt, sondern das Gesamtbedarfsgewicht, das (mit Ausnahme von Einpersonenhaushalten) immer niedriger ist als die tatsächliche Anzahl der Personen im Haushalt, da in größeren Haushalten wirtschaftliche Einspareffekte auftreten (zum Beispiel durch gemeinsame Nutzung von Wohnraum und Haushaltsgeräten). Der Vier-Personen-Beispielhaushalt mit zwei erwachsenen Personen und zwei Kindern unter 14 Jahren benötigt bei der Berechnung also deshalb nicht das Vierfache, sondern nur das 2,1-Fache des Einkommens eines Einpersonenhaushalts, um das gleiche Wohlstandsniveau wie der Einpersonenhaushalt zu erreichen.


Wie hoch sind die durchschnittlichen Einkommen und die Einkommensunterschiede zwischen den verschiedenen sozialen Gruppen?


Im Jahr 2014 betrug das Medianeinkommen in Deutschland 19.733 Euro. Danach hatte die eine Hälfte der Bevölkerung mindestens 19.733 Euro zur Verfügung, die andere Hälfte weniger. Der Mittelwert lag dagegen mit 22.537 Euro etwas höher.

Wird nur der obere und der untere Rand der Einkommensverteilung betrachtet, so verfügten die ärmsten 10 % der Bevölkerung nur über knapp die Hälfte des Medianeinkommens (Verhältnis des 1. Dezils zum 5. Dezil). Die reichsten 10 % der Bevölkerung hatten dagegen fast das Doppelte des Medianeinkommens zur Verfügung (Verhältnis des 5. Dezils zum 9. Dezil).

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Medianeinkommen, Mittelwert und Dezile

Das durchschnittliche Einkommen in der Bevölkerung wird in der Regel durch das Medianeinkommen oder durch den Mittelwert dargestellt. Bei der Ermittlung des Medianeinkommens werden die Einkommen der Personen der Höhe nach angeordnet. Das Medianeinkommen präsentiert hierbei den Einkommensbetrag, der die Bevölkerung in zwei Hälften teilt: Die 
untere Hälfte der Bevölkerung hat weniger als das Medianeinkommen zur Verfügung; die obere Hälfte hat mehr als das Medianeinkommen zur Verfügung.

Bei der Ermittlung des Mittelwerts (arithmetischer Mittelwert, Durchschnitt) wird die Summe der Einkommen von allen Personen gebildet. Diese Summe wird anschließend durch die Anzahl der Personen geteilt. Das Ergebnis ist ein Einkommensbetrag, der den Mittelwert über alle Einkommen präsentiert.

Aussagen über die damit verbundene Einkommensspreizung in der Bevölkerung werden möglich, wenn die Bevölkerung – nach der Höhe der Einkommen – in gleich große Gruppen unterteilt wird. Wird die Bevölkerung zum Beispiel in zehn gleiche große Gruppen (Dezile) unterteilt, können die ärmsten 10 % der Bevölkerung mit den reichsten 10 % der Bevölkerung verglichen werden. Das Maximum des 5. Dezils präsentiert hierbei den Wert, der auch als Medianeinkommen bekannt ist, weil das 1. bis 5. Dezil die untere Hälfte der Bevölkerung abbildet und das 6. bis 10. Dezil die obere Hälfte der Bevölkerung.


Tab 1 EinkommensverteilungTab 1 Einkommensverteilung Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Einen Überblick über die Einkommensspreizung in der Bevölkerung geben die relativen Einkommenspositionen. Hierbei wird das Nettoäquivalenzeinkommen einer Person ins Verhältnis zum Medianeinkommen gesetzt und als relativer Anteil vom Medianeinkommen ausgewiesen. Danach standen im Jahr 2014 knapp 11 % der Bevölkerung die Hälfte oder weniger des Medianeinkommens zur Verfügung. Weitere 18 % der Bevölkerung verfügten über ein Nettoäquivalenzeinkommen zwischen 50 % und 75 % des Medianeinkommens. Etwa 13 % der Bevölkerung verfügten über ein Nettoäquivalenzeinkommen zwischen 151 % und 200 % des Medianeinkommens. Knapp 8 % standen mehr als 200 % und damit mehr als das Doppelte des Medianeinkommens zur Verfügung.

Auf europäischer Ebene werden als Maß für die Einkommensungleichheit die S80 / S20 Rate und der Gini-Koeffizient herangezogen. Danach stand den reichsten 20 % der Bevölkerung im Jahr 2014 in der Summe rund fünfmal so viel Einkommen zur Verfügung wie den ärmsten 20 % der Bevölkerung. Der Gini-Koeffizient wies für Deutschland im Jahr 2014 einen Wert von 0,31 auf.

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S80 / S20 Verhältnis und Gini-Koeffizient

Um den relativen Einkommensabstand zwischen dem oberen und unteren Rand der Einkommensverteilung (das sogenannte S80 / S20-Verhältnis) zu beschreiben, wird das Nettoäquivalenzeinkommen der Personen der Höhe nach geordnet und in Quintile (fünf gleich große Teile) geteilt. Das unterste Quintil repräsentiert dabei das Fünftel der Bevölkerung mit den niedrigsten Einkommen, das oberste Quintil das Fünftel der Bevölkerung mit den höchsten Einkommen. Die Summe der Einkommen aus dem obersten Quintil, dividiert durch die Summe der Einkommen aus dem untersten Quintil, ergibt dann den Wert für das S80 / S20-Verhältnis. Dieser Wert beschreibt, um wie viel höher das Einkommen des obersten Fünftels im Vergleich zum untersten Fünftel ist. Allerdings ist diese Darstellung empfindlich gegenüber Ausreißern, weil hier nicht die Quintilsgrenzen, sondern die Summe der Einkommen aus dem untersten Quintil mit der Summe der Einkommen aus dem obersten Quintil verglichen wird. Die Angaben einer einzelnen Person können die jeweilige Summe und damit das Ergebnis stark beeinflussen.


Ein anderes, häufig benutztes Verteilungsmaß ist der Gini-Koeffizient, ein statistisches Konzentrationsmaß. Auf Einkommensdaten angewendet zeigt der Gini-Koeffizient an, wie gleich oder ungleich Einkommen über eine Personengruppe verteilt sind. Bei der Berechnung wird die Ungleichheit in der Einkommensverteilung auf Basis aller individuellen Nettoäquivalenzeinkommen einer Personengruppe ermittelt. Der Gini-Koeffizient kann Werte zwischen Null (absolute Gleichheit) und 1 (absolute Konzentration) annehmen. Je näher der Wert an 1 liegt, desto größer ist die Ungleichheit in der Einkommensverteilung.