Datenreport 2016

3.5.2016 | Von:
Kristina Kott, Birgit Kuchler

Armutsgefährdung

Die Messung der Armutsgefährdung in der europäischen Sozialberichterstattung orientiert sich an einer relativen Definition von Armut und folgt damit einem Ratsbeschluss der Europäischen Union von 1984 über gezielte Maßnahmen zur Bekämpfung der Armut auf Gemeinschaftsebene. Danach gelten Personen als "verarmt", "wenn sie über so geringe (materielle, kulturelle und soziale) Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedstaat, in dem sie leben, als Minimum annehmbar ist". Ausgehend von dieser Sichtweise gilt in EU-SILC eine Person als armutsgefährdet, wenn ihr Nettoäquivalenzeinkommen weniger als 60 % des nationalen Medianeinkommens beträgt.

Bei einem Medianeinkommen von 19.733 Euro im Jahr 2014 lag der Schwellenwert für die Armutsgefährdung bei 11.840 Euro (60 % vom Medianeinkommen). Umgerechnet auf das monatliche Einkommen bedeutet dies, dass in Deutschland im Jahr 2014 eine Person als armutsgefährdet galt, wenn ihr Nettoäquivalenzeinkommen weniger als 987 Euro im Monat betrug.

Dies traf im Jahr 2014 in Deutschland für 16,7 % der Bevölkerung zu. Seit dem Jahr 2008 (15,2 %) ist der Anteil der von relativer Armut bedrohten Bevölkerung stetig angestiegen.
Abb 1 Ausgewählte Indikatoren zur Messung von Armut und 
materieller Entbehrung — in ProzentAbb 1 Ausgewählte Indikatoren zur Messung von Armut und materieller Entbehrung — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Die Armutsgefährdungsquote von Frauen lag 2014 mit 17,4 % etwas höher als die von Männern (15,9 %). Frauen waren in fast allen Altersgruppen von einer höheren Armutsgefährdung betroffen als Männer. Das höchste Armutsgefährdungsrisiko im Hinblick auf die Merkmale Alter und Geschlecht wiesen Frauen in der Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen auf. Hier waren 24,0 % der Frauen armutsgefährdet. Bei den Männern dieser Altersgruppe war die Armutsgefährdungsquote um knapp 7 Prozentpunkte niedriger (17,4 %), aber ebenfalls überdurchschnittlich hoch. Darüber hinaus haben sowohl Frauen als auch Männer gegen Ende ihres Erwerbslebens ein überdurchschnittlich hohes Armutsgefährdungsrisiko. So waren 19,4 % der Frauen und 21,6 % der Männer in der Altersgruppe der 55- bis 64-Jährigen armutsgefährdet. In der Altersgruppe der 65-Jährigen und Älteren beziehungsweise in der Phase des Ruhestands sinkt das Armutsgefährdungsrisiko bei Frauen und Männern – allerdings in unterschiedlichem Maße. Während die Armutsgefährdungsquote bei den Frauen in dieser Altersgruppe mit 18,4 % überdurchschnittlich blieb, hatten Männer in diesem Alter mit 14,0 % ein deutlich unterdurchschnittliches Risiko.
Tab 2 Schwellenwert für Armutsgefährdung und ArmutsgefährdungsquoteTab 2 Schwellenwert für Armutsgefährdung und Armutsgefährdungsquote Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Bezogen auf verschiedene Haushaltstypen zeigt sich, dass im Jahr 2014 mit 29,4 % fast jede dritte Person in Haushalten von Alleinerziehenden armutsgefährdet war. Noch etwas höher war das Armutsgefährdungsrisiko bei Alleinlebenden (32,9 %). Leben zwei Erwachsene – allein oder mit Kind(ern) – in einem Haushalt ist das Armutsgefährdungsrisiko dagegen deutlich geringer. So waren 11,6 % der Personen aus Haushalten armutsgefährdet, in denen nur zwei Erwachsene unter 65 Jahren lebten und nur 11,3 % der Personen aus Haushalten mit zwei Erwachsenen und Kind(ern). Von allen Haushaltstypen haben Personen aus Haushalten von Alleinerziehenden und Alleinlebende ein deutlich überdurchschnittliches Armutsgefährdungsrisiko, während dieses Risiko bei den anderen Haushaltstypen unterdurchschnittlich niedrig ist.

Der Erwerbsstatus von Personen wird in der EU-SILC-Erhebung im Rahmen einer Selbsteinschätzung erfragt, in der die Personen angeben, welcher Erwerbsstatus beziehungsweise welche Lebenssituation derzeit auf sie zutrifft. Die Analyse nach dem Merkmal "Erwerbsstatus" von Personen über 18 Jahren zeigt, dass bei den erwerbstätigen Personen nur 9,9 % in Haushalten lebten, in denen die Personen als armutsgefährdet galten. Bei den arbeitslosen Personen waren es dagegen 67,4 %. Und bei den Personen im Ruhestand lebten 16,7 % in Haushalten, in denen die Personen als armutsgefährdet galten.

Da bei dieser Betrachtung der Erwerbsstatus der anderen erwachsenen und somit potenziell erwerbsfähigen Haushaltsmitglieder im Haushalt unberücksichtigt bleibt, ist es sinnvoll, zusätzlich die Arbeitsmarktbeteiligung beziehungsweise Erwerbsintensität (work intensity) des gesamten Haushalts einzubeziehen.

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Erwerbsintensität (work intensity)

Die Erwerbsintensität ist ein Haushaltsmerkmal, bei dem jedes Haushaltsmitglied zwischen 18 und 59 Jahren als potenziell erwerbsfähig betrachtet wird. Die Ergebnisse sollen sich nur auf Haushalte beziehen, in denen Personen wohnen, die sich noch in der Erwerbsphase befinden. Reine Rentnerhaushalte sind bei dieser Analyse ausgeschlossen beziehungsweise werden hier nicht berücksichtigt. Ein Haushalt erzielt 100 % bei der Erwerbsintensität, wenn alle erwerbsfähigen Haushaltsmitglieder auch vollzeiterwerbstätig sind. Ist dagegen keines der potenziell erwerbsfähigen Haushaltsmitglieder im Haushalt erwerbstätig, beträgt die Erwerbsintensität in diesem Haushalt 0 %. Auf diese Weise wird einem Zweipersonenhaushalt mit zwei vollzeiterwerbstätigen Personen eine Erwerbsintensität von 100 % zugewiesen, während ein Zweipersonenhaushalt mit einer vollzeiterwerbstätigen Person und einer nicht erwerbstätigen aber erwerbsfähigen Person eine Erwerbsintensität von insgesamt 50 % erhält. Arbeitet in einem Zweipersonenhaushalt die einzige erwerbstätige Person nur die Hälfte der Arbeitszeit, so sinkt die Erwerbsintensität für diesen Haushalt auf 25 %.


Danach hatten Personen aus Haushalten mit einer sehr geringen Erwerbsintensität (weniger als 20 %) ein Armutsgefährdungsrisiko von 65,0 %. War die Arbeitsmarktbeteiligung des Haushalts insgesamt höher aber noch unter 45 % (geringe Erwerbsbeteiligung), so war das Armutsgefährdungsrisiko der Personen nur noch halb so hoch (31,6 %). Wie erwartet, wiesen Personen aus Haushalten mit einer Erwerbsintensität von mindestens 85 % das geringste Armutsgefährdungsrisiko auf (6,9 %). Je höher also die Arbeitsmarktbeteiligung der potenziell erwerbsfähigen Haushaltsmitglieder und damit des Haushalts insgesamt ist, desto geringer ist folglich auch das Armutsgefährdungsrisiko der Personen in diesen Haushalten.

Neben dem Erwerbsstatus werden die Personen auch zu ihrem erreichten Bildungsabschluss befragt. Mit Blick auf das Armutsgefährdungsrisiko waren 10,5 % der Personen mit einem hohen Bildungsstand und 16,0 % der Personen mit einem mittleren Bildungsstand armutsgefährdet. Bei Personen mit einem niedrigen Bildungsstand waren 29,1 % armutsgefährdet.