Datenreport 2016

3.5.2016 | Von:
Kristina Kott, Birgit Kuchler

Materielle Entbehrung

Messung der materiellen Entbehrung

Während für die Definition von Armutsgefährdung die finanziellen Ressourcen bei der Beschreibung der Lebenslage ausschlaggebend sind, geht es bei der Messung der materiellen Entbehrung vor allem um eine Bewertung der eigenen Situation in den verschiedenen Lebensbereichen. Dieser in der europäischen Sozialberichterstattung verwendete Ansatz geht auf den relativen Deprivationsansatz von Peter Townsend zurück, der davon ausging, dass es in einer Gesellschaft – trotz der Pluralität von Lebensstilen und den unterschiedlichen Bedürfnissen von Haushalten unterschiedlicher Größe und Struktur – so etwas wie einen messbaren allgemeinen Lebensstil oder allgemeinen Lebensstandard gibt. Je weniger eine Person an diesem allgemeinen Lebensstandard teilhaben kann, umso höher ist das Ausmaß ihrer materiellen Entbehrung oder Deprivation. Ähnlich wie bei der Messung der Armutsgefährdung wird dabei ein Schwellenwert zugrunde gelegt, ab dem von materieller Entbehrung beziehungsweise einem unfreiwilligen Ausschluss vom aktuellen allgemeinen Lebensstandard ausgegangen wird. Dafür muss der aktuelle allgemeine Lebensstandard bekannt sein und es muss bei der Messung der materiellen Entbehrung sichergestellt sein, dass zwischen einem freiwilligen Verzicht (zum Beispiel Autoverzicht) und einem unfreiwilligen Verzicht unterschieden wird. Andernfalls besteht die Gefahr, dass hier eher verschiedene Lebensstile an Stelle von materieller Entbehrung abgebildet werden. Ferner muss zwischen Ressourcen unterschieden werden, über die ein Haushalt autonom verfügen kann beziehungsweise die er kaufen kann, und Ressourcen, bei denen dies nicht der Fall ist (zum Beispiel die Infrastruktur in seiner Wohnumgebung: Gesundheitsversorgung am Ort, Zugang zum öffentlichen Nahverkehr).

Aus Sicht einer kontinuierlichen europäischen Sozialberichterstattung ergeben sich weitere Anforderungen an die Messung der materiellen Entbehrung: Die Ergebnisse zwischen den Mitgliedstaaten der EU sollen vergleichbar sein, aber auch die unterschiedlichen Lebensbedingungen sowie die Entwicklungen in den jeweiligen Gesellschaften berücksichtigen. Aus diesen Gründen erfolgt die Messung der materiellen Entbehrung auf der Grundlage von neun sogenannten Deprivationskriterien. Ein Kriterium bezieht sich auf Zahlungsrückstände bezüglich Wohnkosten und Krediten. Vier Kriterien beziehen sich auf die Einschätzung des Haushalts bezüglich dessen, was er sich aus seiner Sicht "leisten kann", und vier Kriterien beziehen sich direkt auf die Ausstattung des Haushalts mit den Konsumgütern Auto, Waschmaschine, Farbfernseher und Telefon. Verneint der Haushalt das Vorhandensein eines Konsumgutes, wird er gefragt, ob finanzielle oder sonstige Gründe dafür ausschlaggebend sind. Auf diese Weise kann zwischen einem freiwilligen und einem unfreiwilligen Verzicht unterschieden werden. Bei der Messung der materiellen Entbehrung wird nur der unfreiwillige Verzicht berücksichtigt. Die europäische Sozialberichterstattung unterscheidet zwischen materieller Entbehrung und erheblicher materieller Entbehrung.

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Materielle Entbehrung

Die materielle Entbehrung umfasst einerseits verschiedene Formen wirtschaftlicher Belastung wie zum Beispiel Hypotheken- oder Mietschulden, Zahlungsrückstände oder Probleme, die Rechnungen von Versorgungsbetrieben zu begleichen. Andererseits umfasst sie einen aus finanziellen Gründen erzwungenen Mangel an Gebrauchsgütern, wobei der Mangel durch die unfreiwillige Unfähigkeit – im Unterschied zur Wahlfreiheit – bedingt ist, für gewisse Ausgaben aufkommen zu können. Materielle Entbehrung liegt nach der EU-Definition für EU-SILC dann vor, wenn aufgrund der Selbsteinschätzung des Haushalts mindestens drei der folgenden neun Kriterien erfüllt sind: 


  1. Zahlungsrückstände (in den letzten zwölf Monaten) bei Hypotheken, Miete, Konsumentenkrediten oder Rechnungen von Versorgungsbetrieben (zum Beispiel Stromrechnung, Gasrechnung);

  2. Finanzielles Problem, die Wohnung angemessen heizen zu können;

  3. Finanzielles Problem, unerwartete Ausgaben in einer bestimmten Höhe aus eigenen finanziellen Mitteln bestreiten zu können;

  4. Finanzielles Problem, jeden zweiten Tag Fleisch, Fisch oder eine gleichwertige vegetarische Mahlzeit einnehmen zu können;

  5. Finanzielles Problem, jährlich eine Woche Urlaub woanders als zu Hause zu verbringen;

  6. Fehlen eines Personenkraftwagens im Haushalt aus finanziellen Gründen;

  7. Fehlen einer Waschmaschine im Haushalt aus finanziellen Gründen;

  8. Fehlen eines Farbfernsehgeräts im Haushalt aus finanziellen Gründen;

  9. Fehlen eines Telefons im Haushalt aus finanziellen Gründen.


In der europäischen Sozialberichterstattung wird zwischen materieller Entbehrung und erheblicher materieller Entbehrung unterschieden. Materielle Entbehrung liegt vor, wenn für einen Haushalt mindestens drei der neun aufgeführten Kriterien zutreffen. Erhebliche materielle Entbehrung wird dagegen bei Haushalten angenommen, bei denen mindestens vier der neun Kriterien zutreffen.


Ähnlich wie bei der Armutsgefährdungsmessung wird das ermittelte Ergebnis allen Haushaltsmitgliedern in einem Haushalt zugeordnet und bei der Ergebnisdarstellung als Ergebnis für die Gesamtbevölkerung ausgewiesen.

Materielle Entbehrung nach Einzelkriterien

Im Jahr 2014 gaben knapp 6 % der Bevölkerung Zahlungsrückstande in den letzten zwölf Monaten bei Hypotheken, Konsumentenkrediten, Miete oder Rechnungen von Versorgungsbetrieben (zum Beispiel Stromrechnung, Gasrechnung) an. Etwa 5 % der Bevölkerung konnten die Wohnung aus finanziellen Gründen nicht angemessen heizen. Knapp 33 % und damit jeder Dritte in der Bevölkerung konnte unerwartet anfallende Ausgaben in einer bestimmten Höhe (2014: 980 Euro) nicht aus eigenen Finanzmitteln bestreiten. Für knapp 8 % der Bevölkerung war es aus finanziellen Gründen nicht möglich, jeden zweiten Tag eine Mahlzeit mit Fleisch, Geflügel oder Fisch oder eine hochwertige vegetarische Mahlzeit zu essen. Jährlich eine Woche Urlaub woanders als zu Hause zu verbringen, war für 21 % der Bevölkerung finanzbedingt nicht möglich. Bei der Frage nach der Ausstattung mit einem Auto sollten nur Autos berücksichtigt werden, die keine Dienst- oder Firmenwagen sind. Danach verzichteten knapp 7 % der Bevölkerung aus finanziellen Gründen auf ein privates Auto im Haushalt. Sehr gering war dagegen der Anteil in der Bevölkerung, der aus Geldgründen auf eine Waschmaschine (0,5 %), einen Farbfernseher (0,3 %) oder auf ein Telefon (0,3 %) verzichtete.
Tab 3 Materielle Entbehrung nach einzelnen Kriterien 
— in Prozent der BevölkerungTab 3 Materielle Entbehrung nach einzelnen Kriterien — in Prozent der Bevölkerung Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Diese Ergebnisse zeigen einerseits, dass für eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung die erfragten Kriterien zum allgemeinen Lebensstandard gehören. Andererseits wird auch deutlich, dass die Bestreitung von unerwartet anfallenden Ausgaben (33 %) und die finanziellen Möglichkeiten für eine jährliche Fahrt in den Urlaub (21 %) für einen relativ hohen Anteil in der Bevölkerung nicht selbstverständlich sind.

Materielle Entbehrung und erhebliche materielle Entbehrung


Abb 2 Materielle Entbehrung 
nach der Anzahl der Kriterien 2014 
— in Prozent der BevölkerungAbb 2 Materielle Entbehrung nach der Anzahl der Kriterien 2014 — in Prozent der Bevölkerung Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Werden alle neun Kriterien für die Messung der materiellen Entbehrung betrachtet, so ergibt sich für das Jahr 2014 folgendes Bild: Für knapp 62 % der Bevölkerung traf keines der neun Kriterien zu. Diese Personen hatten weder Zahlungsrückstände bei den Wohnkosten und Kreditzahlungen noch mussten sie sich in einem der hier betrachteten Aspekte des allgemeinen Lebensstandards aus finanziellen Gründen einschränken. Bei rund 16 % der Bevölkerung traf genau ein Kriterium zu; bei weiteren 11 % trafen bereits zwei Kriterien zu.

Wie bereits erwähnt, liegt materielle Entbehrung vor, wenn mindestens drei der neun Einzelkriterien zutreffen. 11,3 % der Bevölkerung waren danach von materieller Entbehrung betroffen. Erhebliche materielle Entbehrung (vier von neun Kriterien) kam bei 5,0 % der Bevölkerung vor. Der Anteil der von erheblicher materieller Entbehrung betroffenen Bevölkerung schwankt im Zeitverlauf. Im Jahr 2008 lag er bei 5,5 %, wies aber durchaus in den Jahren 2010 und 2012 mit 4,5 % und 4,9 % Werte von unter 5 % auf.

Der enge Zusammenhang zwischen den finanziellen Ressourcen eines Haushalts und der Teilhabe am allgemeinen Lebensstandard wird deutlich, wenn die Einkommenssituation der Personen und das Vorhandensein von erheblicher materieller Entbehrung zusammen betrachtet werden.

Hierfür wurde das Nettoäquivalenzeinkommen der Personen der Höhe nach angeordnet und die Bevölkerung schließlich in fünf gleich große Teile (Quintile) unterteilt. Danach waren im Jahr 2014 bei den einkommensärmsten 20 % der Bevölkerung (erstes Quintil) knapp 17 % von erheblicher materieller Entbehrung betroffen.

In der nächst höheren Einkommensschicht (zweites Quintil) traf dies für 6 % zu. In den Einkommensschichten des dritten, vierten und fünften Quintils kam erhebliche materielle Entbehrung kaum vor.
Abb 3 Erhebliche materielle Entbehrung nach Einkommensquintilen 2014 — in ProzentAbb 3 Erhebliche materielle Entbehrung nach Einkommensquintilen 2014 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)