Datenreport 2016

3.5.2016 | Von:
Mareike Bünning


Subjektive Schichtzugehörigkeit


Eine relevante Ergänzung des im Wesentlichen auf objektiven Informationen zur Stellung zum und im Erwerbsleben beruhenden Bildes der Lebenslagen- und Klassenstruktur liefern Informationen über die subjektive Schichteinstufung. Angaben darüber, wie sich Personen in eine vorgegebene Rangordnung sozialer Schichten einstufen, bieten vor allem Aufschlüsse darüber, wie verschiedene Bevölkerungsgruppen innerhalb der Gesellschaft ihren eigenen Status im Vergleich zu anderen wahrnehmen und bewerten, welchem sozialen Milieu sie sich zuordnen und aus welcher Perspektive sie am gesellschaftlichen Leben teilhaben können – Fragen, die auch für das Jahr 2014 im Vergleich von Ost- und Westdeutschland von erheblichem Interesse sind. 


In Westdeutschland ordnet sich im Jahr 2014 jeder Vierte der erwachsenen Bevölkerung der Unter- oder Arbeiterschicht zu, knapp zwei Drittel der Mittelschicht und jeder Siebte der oberen Mittel- oder Oberschicht. In Ostdeutschland stuft sich 2010 zum ersten Mal die Hälfte der Bevölkerung in die Mittelschicht ein – dieser Anteil nimmt bis 2014 weiter zu (57 %). Ein Drittel identifiziert sich weiterhin mit der Arbeiterschicht und lediglich jeder Zwanzigste mit der oberen Mittel- oder Oberschicht. Der Unterschicht im engeren Sinne zugehörig betrachtet sich in West- wie Ostdeutschland mit 3 beziehungsweise 2 % nur ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung.
Abb 3 Subjektive Schichtzugehörigkeit 1990 und 2014 — in ProzentAbb 3 Subjektive Schichtzugehörigkeit 1990 und 2014 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Die Unterschiede in der Struktur der sozialen Schichtung, die sich auf der Basis der subjektiven Einstufung der Befragten im Vergleich von West- und Ostdeutschland ergeben, sind damit auch heute noch bemerkenswert, haben sich aber deutlich verringert. Die in den früheren Jahren in Ostdeutschland zu beobachtende pyramidenförmige Schichtstruktur einer Arbeitergesellschaft hat sich allmählich der zwiebelförmigen – für Mittelschichtgesellschaften charakteristischen – Verteilung in Westdeutschland angenähert. Die Entwicklungen deuten somit auf einen signifikanten Wandel in der Wahrnehmung der eigenen Position in der hierarchischen Struktur der Gesellschaft hin.
Tab 4 Subjektive Schichtzugehörigkeit in Deutschland 1980 – 2014 — in ProzentTab 4 Subjektive Schichtzugehörigkeit in Deutschland 1980 – 2014 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Auch in Westdeutschland hat der Anteil derjenigen, die sich der Arbeiterschicht zugehörig fühlen, in den letzten Jahren abgenommen. Betrachtet man die Entwicklung über den gesamten Zeitraum seit 1980, zeigt sich jedoch, dass die subjektive Schichteinstufung in Westdeutschland über die vergangenen 35 Jahre weitgehend unverändert geblieben, das heißt außer zyklischen Schwankungen kein Trend zu beobachten ist. Aktuelle Thesen über das Entstehen einer "neuen Unterschicht" und ein erhebliches Schrumpfen der Mittelschicht finden zumindest auf der Grundlage der subjektiven Schichtidentifikation keine empirische Bestätigung.


Die subjektive Schichtzugehörigkeit wird nicht nur von objektiven Faktoren bestimmt, sondern hängt darüber hinaus von dem jeweils zugrunde liegenden Bezugsrahmen und den verwendeten Vergleichs- und Bewertungsmaßstäben ab. Dennoch bestimmt der faktische sozioökonomische Status beziehungsweise die soziale Lage maßgeblich die subjektive Schichteinstufung. Personen, die eine Arbeiterposition einnehmen oder früher eingenommen haben (Rentner), identifizieren sich – insbesondere in Ostdeutschland – auch subjektiv weit überwiegend mit der Arbeiterschicht. Personen mit einem Angestellten- oder Beamtenstatus sowie Selbständige ordnen sich dagegen mit zum Teil überwiegender Mehrheit der Mittelschicht zu. In die obere Mittel- und Oberschicht stufen sich insbesondere leitende und höhere Angestellte und Beamte ein, in Westdeutschland darüber hinaus auch Selbstständige.
Tab 5  Subjektive Schichtzugehörigkeit nach sozialen Lagen 2014 — in ProzentTab 5  Subjektive Schichtzugehörigkeit nach sozialen Lagen 2014 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Ostdeutsche identifizieren sich im Vergleich zu den Westdeutschen auch im Jahr 2014 noch über nahezu alle sozialen Lagen hinweg zu größeren Anteilen mit der Arbeiterschicht und zu geringeren Teilen mit der Mittel- oder gar der Oberschicht. Dieser Befund deutet darauf hin, dass sich die weiterhin bestehenden auffälligen Ost-West-Differenzen in der subjektiven Schichteinstufung nur partiell durch Unterschiede in der Verteilung auf die verschiedenen Statuslagen erklären lassen. Es ist vielmehr davon auszugehen, dass sich die ostdeutsche Bevölkerung innerhalb des gesamtgesellschaftlichen Schichtungsgefüges deshalb tendenziell niedriger einstuft, weil sie sich nach wie vor mit der westdeutschen vergleicht und aus dieser Perspektive Statusdefizite wahrnimmt.