Datenreport 2016

3.5.2016 | Von:
Reinhard Pollak


Besetzung von Klassen­positionen nach sozialer Herkunft


Für die nachfolgenden Ergebnisse wurden verschiedene Bevölkerungsumfragen aus den Jahren 1976 bis 2014 zusammengefasst. Die betrachteten Personen waren zum Zeitpunkt der Befragung zwischen 18 und 64 Jahre alt, entweder berufstätig oder arbeitsuchend und hatten aus Vergleichsgründen alle die deutsche Staatsangehörigkeit. Für Ostdeutschland werden Bevölkerungsumfragen ab 1990 berücksichtigt. Als Maß für die soziale Herkunft, das heißt für die Position der Elterngeneration, wird die Klassenposition des Vaters zu dem Zeitpunkt herangezogen, als die jeweiligen Befragten ungefähr 15 Jahre alt waren. Angaben zur Klassenposition der Mutter wurden insbesondere in älteren Umfragen leider nur lückenhaft oder gar nicht erhoben.


Tabelle 1 beschreibt den Grad der Selbstrekrutierung bestimmter Klassenpositionen, sprich den Anteil der Befragten, deren Väter bereits eine identische Klassenposition innehatten. Dabei werden sieben Klassenpositionen unterschieden: Obere Dienstklasse (zum Beispiel leitende Angestellte, freie Berufe); untere Dienstklasse (zum Beispiel hochqualifizierte Angestellte, gehobene Beamte); einfache Büroberufe (zum Beispiel Sekretärinnen, Buchhalter); Selbstständige bis zu 49 Mitarbeitern (in Handel und Handwerk); Landwirte; Facharbeiter (auch Meister und Techniker) und schließlich die Klasse der ungelernten Arbeiter und Angestellten. 


Am anschaulichsten kann der Grad der Selbstrekrutierung anhand der Betrachtung der Landwirte (Männer) in Westdeutschland dargestellt werden: Bis zur Jahrtausendwende haben gut 90 % der Landwirte einen Vater, der ebenfalls Landwirt war; fast alle Landwirte kommen folglich aus einer Bauernfamilie. Im neuen Jahrtausend nimmt die Selbstrekrutierung von Landwirten jedoch etwas ab. Bei Arbeiterpositionen findet man ebenfalls eine beachtliche Selbstrekrutierungsquote. Gut die Hälfte der Facharbeiter in Westdeutschland (54 %) haben einen Facharbeiter zum Vater. Dieser Anteil ist in der Tendenz heute eher höher als in früheren Jahrzehnten, die Klasse der heutigen Facharbeiter ist also bezüglich ihrer sozialen Herkunft homogener geworden. Die Gruppe der Selbstständigen ist da­gegen deutlich heterogener geworden: ­Haben die Selbstständigen in den 1970er- und 1980er-Jahren noch Selbstrekrutierungsraten von circa 36 %, so ist der Anteil im letzten Jahrzehnt auf 21 % gesunken. Bei allen anderen Klassen zeigen sich zwar leichte Schwankungen, ein deutlicher Trend bezüglich der Selbstrekrutierungsraten ist jedoch für diese Klassen nicht zu beobachten. Für Frauen in Westdeutschland sind hohe Selbstrekrutierungsraten unter den Landwirtinnen, bei Facharbeiterinnen und in der oberen Dienstklasse zu finden. Während diese Raten für westdeutsche Landwirtinnen und Facharbeiterinnen etwas geringer sind als bei westdeutschen Männern, rekrutieren sich westdeutsche Frauen in der oberen Dienstklasse viel häufiger aus dieser Klasse als westdeutsche Männer, mit steigender Tendenz. Frauen in Selbstständigkeit in Westdeutschland haben in den 2000er-Jahren eher seltener einen selbstständigen Vater. Bei den übrigen Klassenpositionen ergeben sich wenige Veränderungen über die Zeit. 


Die Ergebnisse für Ostdeutschland sind aufgrund der Fallzahlen und der besonderen Umbruchsituation in den ersten Jahren nach der deutschen Vereinigung mit Vorsicht zu interpretieren. Es werden daher in den Tabellen nur solche Werte ausgewiesen, die auf belastbaren Fallzahlen basieren. Die meisten Beschäftigten in Ostdeutschland befinden sich in der oberen und unteren Dienstklasse sowie in der Facharbeiterklasse und der Klasse der ungelernten Arbeiter und Angestellten. Bei den Männern kann für die obere Dienstklasse eine deutliche Zunahme der Selbstrekrutierungsrate festgestellt werden: Während kurz nach der Wende nur circa 19 % der Mitglieder dieser Klasse auch aus einem solchen Elternhaus kommen, sind es im Zeitraum 2000 bis 2009 bereits 30 % und im aktuellen Jahrzehnt 34 %. Diese Werte sind ­damit sogar etwas höher als in Westdeutschland. Bei der unteren Dienst­klasse hingegen fallen im laufenden Jahrzehnt die Raten von 20 % auf 15 % etwas ab. Für Selbstständige ergibt sich ähnlich wie in Westdeutschland eine Tendenz zur Abnahme der Selbstrekrutierung. Die Facharbeiterklasse ist in Ostdeutschland sogar noch homogener als in Westdeutschland, und der zunehmende Trend zur gleichen Herkunft in dieser Klasse zeigt sich auch für diesen Teil Deutschlands. Circa 61 % der ostdeutschen Facharbeiter haben heute einen Facharbeiter als Vater. Bei ungelernten Arbeitern und Angestellten liegt diese Rate nur halb so hoch und zeigt auch keinen robusten Trend über die Zeit.


Ostdeutsche Frauen in der oberen Dienstklasse haben mittlerweile ähnliche Selbstrekrutierungsraten wie ostdeutsche Männer; sie kommen immer häufiger aus einem Elternhaus, in dem der Vater bereits in der oberen Dienstklasse war. Für die untere Dienstklasse, für die Klasse der Facharbeiterinnen und für die Klasse der ungelernten Arbeiterinnen und Angestellten zeigen sich hingegen keine langfristigen Trends: Bei der unteren Dienstklasse gibt es kaum Veränderungen, bei Facharbeiterinnen scheint sich die Selbstrekrutierung aus der Facharbeiter­klasse nach einem Anstieg Anfang des Jahrtausends wieder abzuschwächen. Bei Frauen aus der Klasse der ungelernten Arbeiterinnen und Angestellten ist es umgekehrt, die Rate steigt wieder an, nachdem es einen massiven Rückgang im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts gegeben hat. 


Auffallend ist, dass ostdeutsche Frauen in der Facharbeiterklasse eine deutlich stärkere Selbstrekrutierung aufweisen als westdeutsche Facharbeiterinnen (53 versus 41 % im aktuellen Jahrzehnt). Bei den beiden Dienstklassen gibt es keine großen Unterschiede zwischen Ost und West, bei den Klassen der ungelernten Arbeiterinnen und Angestellten weisen die ostdeutschen Frauen eine etwas geringere Selbstrekrutierung auf. 


Bei allen genannten Unterschieden im Detail zeigt sich für Ost- und Westdeutschland eine eher hohe Stabilität in den Selbstrekrutierungsraten. Eine wichtige Ausnahme hiervon ist die zunehmende Selbstrekrutierung der oberen Dienstklasse. Das bedeutet, dass die höchsten gesellschaftlichen Positionen in zunehmendem Maße von Personen besetzt werden, deren Eltern bereits diese vorteilhaften Positionen innehatten. Die Gruppe wird homogener, es gibt anteilig weniger Personen, die es mit einem anderen familiären Hintergrund in die vorteilhafteste Klasse schaffen. Bei der Facharbeiter/innenklasse deutet sich ebenfalls eine zunehmende Homogenisierung an.
Tab 1 Selbstrekrutierungsraten – Anteil von Männern und Frauen, deren Väter bereits eine identische 
berufliche Position innehatten — in ProzentTab 1 Selbstrekrutierungsraten – Anteil von Männern und Frauen, deren Väter bereits eine identische berufliche Position innehatten — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Auch wenn die Arbeitslosigkeit in Ost und West in den vergangenen Jahren merklich gesunken ist, gibt es anteilig nach wie vor mehr arbeitslose Menschen in Ostdeutschland als in Westdeutschland. Aus welchen Herkunftsklassen kommen die Arbeitslosen und zeigen sich unterschiedliche Muster zwischen Ost und West? Zusätzliche – hier nicht im Einzelnen dargestellte – Analysen zeigen, dass von den heute arbeitslosen Männern und Frauen in Westdeutschland ungefähr zwei Drittel einen Vater aus der Facharbeiterklasse beziehungsweise der Klasse der ungelernten Arbeiter und Angestellten haben. In Ostdeutschland entstammen sogar vier Fünftel der Arbeitslosen einem solchen Haushalt. Dabei ist der durchschnittliche Anteil an Menschen, deren Vater aus einer der beiden Arbeiter­klassen kommt, in beiden Teilen Deutschlands wesentlich geringer (53 % in West beziehungsweise 63 % in Ost). In beiden Landesteilen rekrutiert sich die Gruppe der arbeitslosen Männer und Frauen damit überproportional stark aus den beiden Arbeiterklassen, in Ostdeutschland ist dies noch etwas stärker ausgeprägt als in Westdeutschland.