Datenreport 2016

3.5.2016 | Von:
Reinhard Pollak


Chancengleichheit in der Gesellschaft


Die bisher dargestellten Ergebnisse beziehen sich auf die Mobilitätserfahrungen von Männern und Frauen seit Mitte der 1970er-Jahre in Westdeutschland und seit der Vereinigung in Ostdeutschland. Ein wesentlicher Faktor für die soziale Mobilität in dieser Zeit waren die Veränderungen in der Beschäftigtenstruktur. Die Anzahl der Facharbeiterpositionen ist in dieser Zeit gesunken, während zusätzliche Positionen vor allem bei einfachen Büroberufen und in der oberen Dienstklasse geschaffen worden sind. Im Vergleich zu den Klassenpositionen der Väter ist dieser Wandel noch ausgeprägter: Facharbeiterpositionen und Positionen in der Landwirtschaft haben stark abgenommen. Gleichzeitig gibt es zunehmend mehr Positionen in den beiden Dienstklassen und der Klasse der einfachen Büroberufe. Dieser strukturell bedingte Wandel beeinflusst die individuellen Mobilitätsmöglichkeiten. Wenn zum Beispiel Facharbeitersöhne aufgrund der abnehmenden Nachfrage nach Facharbeitern nicht mehr die gleiche Position wie ihre Väter einnehmen können, müssen sie zwangsläufig in andere Positionen ausweichen. Ein Teil der sozialen Mobilität – und damit auch mancher Auf- und Abstieg – beruht somit auf den Veränderungen in der Erwerbsstruktur.


Diese strukturell bedingte soziale Mobilität muss man herausrechnen, wenn man generell eine Aussage über die Chancengleichheit in der Gesellschaft treffen möchte. Daher werden die Auf- und 
Abstiegschancen einer Person aus einer bestimmten Herkunftsklasse mit den Auf- und Abstiegschancen einer Person aus einer anderen Herkunftsklasse verglichen. Mögliche Fragen lauten: Um wie viel geringer sind die Chancen für Personen aus der Facharbeiterklasse, eine Position in der oberen Dienstklasse zu erreichen, im Vergleich zu Personen, die bereits in der oberen Dienstklasse groß geworden sind? Und inwieweit haben sich diese Chancen über die Zeit verändert? Es ist denkbar, dass sich für beide die Chancen erhöht haben, eine Position in der oberen Dienstklasse zu erreichen, da die Zahl entsprechender Positionen zugenommen hat. Wenn sich dabei die Chancen für Personen aus Facharbeiterfamilien im genau gleichen Ausmaß erhöhten wie die Chancen der Personen aus der oberen Dienstklasse, dann bliebe die Chancengleichheit beziehungsweise Chancenungleichheit zwischen den beiden Herkunftsklassen nach wie vor unverändert.


Abschließend werden daher im Folgenden Chancengleichheiten beziehungsweise Chancenungleichheiten zwischen Personen mit unterschiedlicher Klassenherkunft untersucht. Für die 1970er-Jahre in Westdeutschland zeigt sich, dass Personen aus der oberen Dienstklasse circa 26-mal so große Chancen haben, statt der Facharbeiterklasse die obere Dienstklasse zu erreichen wie Personen aus der Fach­arbeiterklasse. Diese großen Chancen­ungleichheiten sind charakteristisch für Deutschland. Im Vergleich mit anderen industrialisierten Ländern weist Deutschland mit die höchsten Chancenungleichheiten auf.


Die folgende Analyse beschreibt die Entwicklung der Chancenungleichheiten in Deutschland in den vergangenen knapp 40 Jahren. Hierzu wurden für sämtliche Kombinationen von Klassenpositionen die oben dargestellten Chancenverhältnisse berechnet und diese in einem Modell zusammengefasst. Die Ergebnisse sind in den Abbildungen 1 und 2 dargestellt. 


Abbildung 1 zeigt für Männer die Entwicklung der Stärke des Zusammenhangs zwischen der sozialen Herkunft und der 
eigenen Klassenposition. Die Stärke des Zusammenhangs ist auf der y-Achse dargestellt. Für das erste Jahr der Analyse – 1976 – wurde dieser Zusammenhang auf den Wert "0" als Ausgangsniveau fest­gesetzt. Die Abweichung zu diesem Wert gibt dann die prozentuale Veränderung zu diesem Ausgangsniveau an, wobei negative Werte bedeuten, dass der Zusammenhang schwächer wird, die Chancengleichheit also steigt. Die dargestellte Linie ist eine über die einzelnen Jahresbeobachtungen hinweg gemittelte Kurve. Die Stärke des Zusammenhangs nimmt für Männer in Westdeutschland im gesamten Zeitraum kontinuierlich ab. Für das aktuelle Jahrzehnt gilt, dass sich der ursprüngliche Zusammenhang zwischen der Herkunftsklasse und der eigenen Klassenposition um circa 21 % verringert hat. Der Einfluss der sozialen Herkunft auf die eigene Klassenposition hat sich somit seit 1976 deutlich abgeschwächt, die Chancengleichheit für Männer in Westdeutschland hat sich also im betreffenden Zeitraum erhöht. Für ostdeutsche Männer ist dagegen eine umgekehrte Entwicklung zu beobachten. Hier hat sich der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und eigener Klassenposition im Zeitverlauf verstärkt, das heißt die Bedeutung der Herkunftsklasse für die eigene spätere Klassenposition hat insbesondere im ersten 
Jahrzehnt des neuen Jahrtausends zugenommen. Das Ausmaß der Zunahme des Herkunftseffekts im Osten entspricht ungefähr dem Ausmaß der Abnahme des Effekts im Westen für den gleichen Zeitraum. Trotz des Trends ist der Zusammenhang zwischen Herkunftsklasse und eigener Klassenposition für ostdeutsche Männer jedoch weiterhin schwächer ausgeprägt als für westdeutsche Männer. Inwieweit es bei der Entwicklung in Ostdeutschland zu einer fort­währenden Konsolidierung kommt oder inwieweit sich der Trend gar umkehrt, wird sich erst mit zukünftigen Daten sagen lassen. Für westdeutsche Männer gibt es wenig Anhaltspunkte, dass sich der Trend hin zu mehr Chancengleichheit abschwächt.
Abb 1 Relative Veränderungen des Zusammenhangs zwischen sozialer Herkunft und 
eigener Klassenposition für Männer 1976 – 2014Abb 1 Relative Veränderungen des Zusammenhangs zwischen sozialer Herkunft und eigener Klassenposition für Männer 1976 – 2014 Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Bei den Frauen zeigten sich nach der Vereinigung ebenfalls deutliche Unterschiede zwischen Ost und West. Auch hier gilt, dass der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und eigener Klassenposition in Ostdeutschland deutlich schwächer ausgeprägt ist als in Westdeutschland. Und auch hier gibt es gegenläufige Trends. Für westdeutsche Frauen nimmt der Zusammenhang zwischen Herkunft und eigener Position über die Zeit hinweg leicht ab, diese Abnahme ist jedoch weniger stark ausgeprägt als bei westdeutschen Männern. Für ostdeutsche Frauen hingegen verstärkt sich der Zusammenhang merklich bis ins erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends. Diese Befunde ähneln stark den Befunden für ostdeutsche Männer. Es bleibt auch hier offen, ob dieser Trend sich konsolidiert oder gar abschwächt und inwieweit es zu einer weiteren Angleichung der Chancengleichheiten zwischen West und Ost kommt.
Abb 2 Relative Veränderungen des Zusammenhangs zwischen sozialer Herkunft und 
eigener Klassenposition für Frauen 1976 – 2014Abb 2 Relative Veränderungen des Zusammenhangs zwischen sozialer Herkunft und eigener Klassenposition für Frauen 1976 – 2014 Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)