Datenreport 2016

27.4.2016 | Von:
Gunter Brückner


Arbeitsmarktbeteiligung und Lebensunterhalt


Die Beteiligung am Arbeitsmarkt wird üblicherweise durch die Erwerbsquote gemessen. Hierbei werden die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehenden Erwerbspersonen, das heißt Erwerbstätige und Erwerbslose, zur Bevölkerung im Alter von 15 bis 64 Jahren in Relation gesetzt. Siehe hierzu auch Kapitel 5.1, Kasten 1. Die Erwerbsquoten der Bevölkerung mit Migrationshintergrund (71 %) und ohne (80 %) unterschieden sich im Jahr 2014 deutlich. Dies ist eine Folge der verschieden hohen Zahlen von Nichterwerbs­personen, die keine Arbeit suchen, weil sie sich in Ausbildung befinden oder ihre Rolle als Hausfrau beziehungsweise -mann in der Familie sehen.
Tab 6 Erwerbsquote und Erwerbstätigenquote der Bevölkerung 
nach Migrationsstatus 2014 — in ProzentTab 6 Erwerbsquote und Erwerbstätigenquote der Bevölkerung nach Migrationsstatus 2014 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

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Definitionen

Die Erwerbstätigenquote bezieht die Erwerbstätigen auf die Bevölkerung im Alter zwischen 15 und 64 Jahren und lässt die Erwerbslosen unberücksichtigt, während die Erwerbsquote die Erwerbs­personen (Erwerbstätige und Erwerbslose) auf die Bevölkerung zwischen 15 und 64 Jahren bezieht.

Bei der Berechnung des Nettoäquivalenzeinkommens wird das verfügbare Einkommen von ­Haushalten zusammengefasst und zur Haushaltsgröße in Bezug gesetzt. Dabei werden den Haushaltsmitgliedern je nach ihrem Alter unterschiedliche Gewichte zugeordnet. Das Nettoäquivalenz­einkommen eines Ehepaares mit zwei Kindern im Alter von acht und zehn Jahren und einem ­verfügbaren Ein­kommen von 5.250 Euro entspricht daher dem Nettoäquivalenzeinkommen eines Einpersonenhaushaltes mit einem verfügbaren Einkommen von 2.500 Euro. Um die ökonomische ­Situation der ­individuellen Personen und der Haushalte zu beurteilen, ist der gesamtgesellschaft­liche Median dieses Nettoäquivalenzeinkommens die Bezugsgröße. Der Median ist rechnerisch 
die Zahl, die genau in der Mitte liegt, wenn man die Werte der Größe nach sortiert. 


Als armutsgefährdet gelten Betroffene nach internationalen Gepflogenheiten, wenn das individuelle Nettoäquivalenzeinkommen den Schwellenwert von 60 % des Median unterschreitet. Überschreitet es den Schwellenwert von 200 % gelten sie als reich. Die Armutsgefährdungsquote bezeichnet demnach den Anteil der Personen, deren Nettoäquivalenzeinkommen weniger als 60 % des Median beträgt.


Bei den Deutschen mit Migrationshintergrund der zweiten Generation war 2014 der Anteil der Nichterwerbspersonen mit 51 % hoch, weil sich diese aufgrund ihres niedrigen Durchschnitts­alters besonders häufig noch in Aus­bildung befanden. Der ebenfalls hohe Anteil bei Ausländerinnen und Ausländern mit 30 % beziehungs­weise 31 % resultierte dagegen vor allem aus der hohen Zahl von Frauen, die sich auf ihre Rolle im Haushalt beschränkten. Insgesamt standen 37 % aller Frauen mit Migrationshintergrund im Alter zwischen 15 und 64 Jahren dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung. Bei Frauen ohne Migrationshintergrund waren es 24 %. Bei den Männern unterschieden sich die Anteile dagegen weniger (21 % beziehungsweise 16 %).

Abb 9 Bevölkerung im Alter von 15 bis  64 Jahren nach Migrationsstatus und 
Erwerbsstatus 2014 — Anteil in ProzentAbb 9 Bevölkerung im Alter von 15 bis 64 Jahren nach Migrationsstatus und Erwerbsstatus 2014 — Anteil in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Der Unterschied zwischen den Erwerbstätigenquoten der Bevölkerung mit Migrationshintergrund (65 %) und ohne (76 %) war 2014 größer als jener zwischen den Erwerbsquoten (71 % mit Migrationshintergrund und 80 % ohne), weil die Erwerbslosigkeit bei der Bevölkerung mit Migrationshintergrund eine merklich größere Bedeutung hat als bei der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund.


Der Anteil der Erwerbslosen an der Erwerbsbevölkerung war bei der Bevölkerung mit Migrationshintergrund (6,7 %) beinahe doppelt so hoch wie bei der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund (4,1 %). Dies lag vor allem an der hohen Erwerbslosigkeit der Migranten aus Gastarbeiter-Anwerbeländern (7,1 %) und aus Drittstaaten (8,3 %).

Wenig überraschend ist, dass es zwischen beruflicher Qualifikation und Erwerbslosigkeit einen Zusammenhang gibt. Der Anteil der Erwerbslosen bei Personen ohne berufsqualifizierenden Abschluss lag in der Bevölkerung mit Migrationshintergrund bei 10 % und ohne Migrationshintergrund bei 11 %. Mit steigender beruflicher Qualifikation sank das Risiko der Erwerbslosigkeit – jedoch bei Menschen mit und ohne Migrationshintergrund nicht im gleichen Umfang. Der Abstand zwischen den Erwerbslosenanteilen nahm vielmehr mit steigender Qualifikation zu, von 2 Prozentpunkten bei niedriger Qualifikation bis auf 4 Prozentpunkte bei (Fach-)Hochschulabsolventen.


Das Risiko der Erwerbslosigkeit wird aber nicht nur von der beruflichen Qualifikation beeinflusst, sondern auch davon, ob der berufsqualifizierende Abschluss im Inland oder im Ausland erworben wurde. Zugewanderte mit im Ausland erworbenen Abschlüssen haben bei gleicher Qualifikation einen um rund 2 Prozentpunkte höheren Anteil Erwerbsloser als jene mit im Inland erworbenen Abschlüssen.


Erwerbstätige mit Migrationshintergrund profitierten weniger vom Strukturwandel in den Wirtschaftsbereichen: Sie waren vorwiegend in Sektoren mit einem hohen Anteil gering qualifizierter Tätigkeiten beschäftigt, zum Beispiel im Produzierenden Gewerbe oder in den Bereichen Handel, Gastgewerbe und Verkehr innerhalb des Dienstleistungssektors. Dies gilt sowohl für Vertreter der ersten (63 %) als auch der zweiten (65 %) Migrantengeneration.


Ein weiterer relevanter sozioökonomischer Indikator ist der überwiegende Lebensunterhalt, der die Hauptquelle des ­eigenen Einkommens anzeigt. Bei Erwerbstätigen ist dies in der Regel das Erwerbseinkommen und bei der Bevölkerung ab 65 Jahren sind es Rente und ­Pension. Erwerbslose bestreiten ihren Lebensunterhalt vorwiegend durch das ­sogenannte Sozialeinkommen in Form von Arbeitslosengeld oder -hilfe, bei Nichterwerbstätigen sind sowohl Sozialeinkommen als auch Unterstützung durch Angehörige denkbar. Ist der Haupteinkommensbezieher im Haushalt erwerbstätig, überwiegt bei den Nichterwerbspersonen in diesem Haushalt die Unterstützung durch Angehörige. Bei ­einem erwerbs­losen Haupteinkommensbezieher sind dagegen auch alle anderen nicht erwerbstätigen Familienmitglieder von Sozialeinkommen abhängig.


Der Anteil der Personen, die 2014 ihren Lebensunterhalt überwiegend aus Erwerbstätigkeit bestritten, lag bei der Bevölkerung mit und ohne Migrationshintergrund bei 51 % und unterschied sich somit nicht. Dies überrascht, da die Erwerbstätigenquoten in der Bevölkerung zwischen 15 und 64 Jahren mit 65 % (mit Migrationshintergrund) beziehungsweise 76 % (ohne Migrationshintergrund) deutlich voneinander abweichen (siehe Tabelle 6). Der scheinbare Widerspruch löst sich aber auf, wenn man bedenkt, dass die 65-Jährigen und Älteren 24 % der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund, aber nur 10 % der Bevölkerung mit Migrationshintergrund ausmachten. Daher bestritten auch 30 % der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund ihren Lebensunterhalt aus Rente, Pension und Vermögen gegenüber 13 % bei der Bevölkerung mit Migrationshintergrund.
Abb 10 Bevölkerung im Alter von über 15 Jahren nach Migrationsstatus und 
überwiegendem Lebensunterhalt 2014 — Anteil in ProzentAbb 10 Bevölkerung im Alter von über 15 Jahren nach Migrationsstatus und überwiegendem Lebensunterhalt 2014 — Anteil in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Die Bedeutung der Unterstützung durch Angehörige war mit 13 % für Personen ohne Migrationshintergrund deutlich geringer als für die Bevölkerung mit Migrationshintergrund (22 %). Bei der Abhängigkeit von Sozialeinkommen gilt das Gleiche in noch größerem Maß: Rund 6 % der Menschen ohne Migrationshintergrund lebten von Sozialeinkommen gegenüber 14 % der Personen mit Wurzeln im Ausland.

Die deutlichen Abweichungen innerhalb der Bevölkerung mit Migrationshintergrund lassen sich auf die Unterschiede in der Altersstruktur und bei der Erwerbsbeteiligung zurückführen. Bei zugewanderten Menschen ohne deutschen Pass haben Sozialeinkommen als überwiegende Quelle des Lebensunterhaltes mit 17 % eine überproportional hohe Bedeutung. 


Seit 2005 zeichnen sich positive Trends ab, die vor allem aus der erhöhten Beschäftigung resultieren, und von denen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund gleichermaßen profitieren konnten. So ist der Anteil des Erwerbseinkommens am überwiegenden Lebensunterhalt von 2005 bis 2013 für Menschen ohne Migrationshintergrund von 47 % auf 51 % gestiegen und für Menschen mit Migrationshintergrund von 46 % auf 51 %. Im Gegenzug sanken jeweils die Anteile der Sozialeinkommen und der Unterstützung durch Angehörige. Bei zugewanderten Ausländerinnen und Ausländern betrugen die Rückgänge 3 beziehungsweise 5 Prozentpunkte und waren damit besonders ausgeprägt.