Datenreport 2016

3.5.2016 | Von:
Gunter Brückner


Ökonomische Lage und Armutsgefährdung


Die ökonomische Situation von Menschen und den Haushalten, in denen sie leben, wird in erster Linie vom Erwerbseinkommen geprägt. Beim Vergleich der Erwerbseinkommen sind viele Faktoren zu berücksichtigen. Deshalb werden in diesem Abschnitt nur die Löhne und Gehälter von abhängig Beschäftigten mit einer ­wöchentlichen Arbeitszeit von 35 Stunden und mehr miteinander verglichen. Die Erwerbseinkommen von Selbstständigen, unbezahlt mithelfenden Familienangehörigen, Auszubildenden und in freiwilligen Diensten Beschäftigten bleiben dagegen unberücksichtigt. 


Die monatlichen Nettolöhne und ­-gehälter von Menschen mit Wurzeln im Ausland lagen 2014 um durchschnittlich 234 Euro oder 10 % unter jenen von Menschen ohne Migrationshintergrund. Innerhalb der Bevölkerung mit Migrationshintergrund reichte dabei die Spannweite der durchschnittlichen Einkommen von 1.984 Euro bei Ausländerinnen und Ausländern der ersten Generation bis 2.104 Euro bei Deutschen mit Migrationshintergrund der zweiten Generation. Dies entspricht einer Differenz von 120 Euro oder 6 %.
Abb 11 Persönliches monatliches Nettogehalt der abhängig Vollzeitbeschäftigten im Alter von 25 bis 64 Jahren nach Migrationsstatus 2014 — in EuroAbb 11 Persönliches monatliches Nettogehalt der abhängig Vollzeitbeschäftigten im Alter von 25 bis 64 Jahren nach Migrationsstatus 2014 — in Euro Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Unterscheidet man die Menschen mit Migrationshintergrund nach Herkunftsländern, so zeigt sich eine noch größere Spreizung der Löhne und Gehälter. Menschen mit Wurzeln in den neuen Mitgliedstaaten der EU verdienten mit durchschnittlich 1.789 Euro besonders wenig und Menschen mit Wurzeln in den Mitgliedstaaten der EU-15 (ohne die Gastarbeiter-Anwerbeländer Italien, Spanien, Griechenland, Portugal) verdienten mit 2.860 Euro überdurchschnittlich viel – nicht nur im Vergleich mit allen Menschen mit Migrationshintergrund (2.001 Euro), sondern auch mit denen ohne Migrationshintergrund (2.235 Euro). Nur geringfügig niedrigere durchschnittliche Nettolöhne und -gehälter erzielten mit 2.836 Euro Beschäftigte aus den OECD-Mitgliedstaaten, die nicht gleichzeitig der Europäischen Union angehören, beispielsweise aus der Schweiz oder den Vereinigten Staaten. 


Die Einkommensunterschiede zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund sind aber gering im Vergleich zu jenen, die abhängig von der beruflichen Qualifikation auftreten. Menschen ohne Migrationshintergrund mit mittlerem beruflichem Bildungsabschluss verdienten 2014 monatlich im Durchschnitt 311 Euro mehr als jene mit niedrigem und 963 Euro weniger als jene mit hohem beruflichem Abschluss. Bei Menschen mit Migrationshintergrund liegen die entsprechenden Beträge bei 272 Euro mehr beziehungsweise 683 Euro weniger. Innerhalb der Migrationsbevölkerung erzielen Ausländerinnen und Ausländer eine höhere Bildungsrendite als Deutsche mit Migrationshintergrund.
Tab 7 Persönliches monatliches Nettogehalt abhängig Vollzeitbeschäftigter im Alter von 25 bis 64 Jahren 
nach berufsqualifizierendem Abschluss 2014 — in EuroTab 7 Persönliches monatliches Nettogehalt abhängig Vollzeitbeschäftigter im Alter von 25 bis 64 Jahren nach berufsqualifizierendem Abschluss 2014 — in Euro Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Für Beschäftigte mit hoher beruflicher Qualifikation ist zudem für die Höhe von Lohn und Gehalt entscheidend, ob der berufsqualifizierende Abschluss im Inland oder im Ausland erworben wurde. Allerdings wirkt sich dies nicht immer in gleicher Weise aus: So verdienten zugewanderte Deutsche mit Migrationshintergrund und Abschluss im Inland 532 Euro mehr als jene mit Abschluss im Ausland, zugewanderte Ausländerinnen und Ausländer dagegen nur 106 Euro mehr. Für die Bevölkerung mit Migrationshintergrund insgesamt war ein inländischer Abschluss finanziell attraktiver (+ 172 Euro). Bei der Bevölkerung ohne Migrations­hintergrund wirkten sich dagegen im Ausland erworbene hohe berufsqualifizierende Abschlüsse einkommenssteigernd aus (+ 130 Euro). Das Gleiche gilt für Zugewanderte aus industriell hoch entwickelten Herkunftsländern, sei es aus der EU-15 (+ 224 Euro) oder aus den sonstigen OECD-Mitgliedstaaten (+ 300 Euro).


Im direkten Vergleich nehmen die Abstände der monatlichen Erwerbseinkommen zwischen der Bevölkerung mit und ohne Migrationshintergrund mit der beruflichen Qualifikation zu: Bei niedrigem berufsqualifizierenden Abschluss ­erzielten Beschäftigte ohne Migrationshintergrund durchschnittlich 76 Euro oder 4 % mehr als jene mit Migrationshintergrund; bei einem mittleren Abschluss waren es 115 Euro oder 5 % und bei einem hohen Abschluss 395 Euro oder 12 % mehr.


Es ist überraschend, dass die Spätaussiedlerinnen und -aussiedler sowie ihre Nachkommen mit 2.291 Euro von ­allen Zugewanderten das niedrigste Erwerbseinkommen erzielten, wenn sie über eine hohe berufliche Qualifikation ver­fügten und diese im Ausland erworben hatten, denn sie hatten im Gegensatz zu allen ­anderen Zugewanderten von Anfang an einen gesetzlichen Anspruch auf Aner­kennung ihrer im Ausland erworbenen Abschlüsse. Es liegt deshalb nahe zu ver­muten, dass es für diese Einkommensunterschiede noch andere Ursachen gibt, beispielsweise die Wahl des Arbeitsplatzes.


Insgesamt bestätigen die Daten einen Zusammenhang zwischen beruflicher Qualifikation und Höhe des erzielten Erwerbseinkommens. Diese Bildungsrendite ist für Menschen ohne Migrationshintergrund allerdings höher als für jene mit Migrationshintergrund und führt dazu, dass die Einkommensdifferenzen mit zunehmender Bildung ansteigen. Die Einkommen einzelner Zuwanderergruppen werden zudem von weiteren Faktoren, wie zum Beispiel der Berufserfahrung beeinflusst, die mit den aus dem Mikrozensus vorliegenden Daten nicht analysiert werden können.


Seit mehreren Jahren werden die statistischen Größen Nettoäquivalenzeinkommen und Armutsgefährdungsquote errechnet, um die ökonomische Situation von Personen und Haushalten zu beschreiben. Das Nettoäquivalenzeinkommen berücksichtigt neben dem im vorigen Abschnitt verwendeten verfügbaren Einkommen auch die Einspareffekte, die sich durch das gemeinsame Wirtschaften und Konsumieren in Mehrpersonenhaushalten gegenüber alleinlebenden Konsumenten ergeben. 


Im Jahr 2014 galten nach dem Mikrozensus 15 % der Bevölkerung in Deutschland als armutsgefährdet. Seit 2005 schwankte dieser Anteil zwischen 14 % und 16 %. Kinder unter 18 Jahren waren 2014 mit 19 % überdurchschnittlich häufig armutsgefährdet; dieser ­Anteil steigt auf 41 %, wenn sie bei Alleinerziehenden aufwachsen. Dagegen waren nur 14 % aller ab 65-Jährigen armutsgefährdet.
Abb 12 Armutsgefährdungsquoten nach Migrationsstatus 2014 — Anteil in ProzentAbb 12 Armutsgefährdungsquoten nach Migrationsstatus 2014 — Anteil in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Die ökonomische Situation von Menschen mit Migrationshintergrund stellt sich im Vergleich dazu völlig anders dar. Ihre Armutsgefährdungsquote lag 2014 mit 27 % mehr als doppelt so hoch wie die der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund (12 %). Für Ausländerinnen und Ausländer lag der Anteil mit 32 % noch höher. Bei einer Unterscheidung nach Herkunftsländern gibt es deutliche Unterschiede zwischen Spätaussiedlerinnen und -aussiedlern (18 %) auf der einen Seite und Menschen mit Wurzeln in Gastarbeiter-Anwerbeländern (30 %) oder in Drittstaaten (36 %) auf der anderen. Wie schon zuvor bei den Einkommen der abhängig Vollzeitbeschäftigten bilden auch hier die hoch entwickelten EU-15- Mitgliedsländer mit 11 % eine gesonderte Länderkategorie. 


Kinder sind in der Bevölkerung mit Migrationshintergrund mit 30 % deutlich häufiger armutsgefährdet als Kinder in der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund (14 %). Sie haben im Vergleich zu den jeweiligen Erwachsenen auch ein deutlich höheres zusätzliches Armutsrisiko: In der Bevölkerung mit Migrationshintergrund lag die Armutsgefährdungsquote der ­Kinder um 4 Prozentpunkte über der der Erwachsenen, in der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund betrug der Abstand dagegen nur + 1 Prozentpunkt. 


Ein ausgeprägtes Risiko für Altersarmut gab es 2014 bei der Bevölkerung mit Migrationshintergrund. Rund 32 % aller ab 65-jährigen Migrantinnen und Migranten waren armutsgefährdet; das waren 5 Prozentpunkte mehr als in der Bevölkerung mit Migrationshintergrund insgesamt. Die Werte schwankten je nach Herkunftsland zwischen 26 % bei den Spätaussiedlerinnen und -aussiedlern und 46 % bei den Menschen aus Drittstaaten. Von den Gastarbeiterinnen und Gastarbeitern im Rentenalter waren 41 % armutsgefährdet. Aus den vorliegenden Daten ist nicht zu erkennen, ob das erhöhte Risiko der Altersarmut bei Migrantinnen und Migranten auf eine niedrige Rente als Folge weniger ­Erwerbsjahre in Deutschland – sei es aufgrund unterbrochener Erwerbsbiogra­fien oder einer späten Zuwanderung – zurückzuführen ist, oder ob aus einer Rente mehr Haushaltsmitglieder ohne eigenes Einkommen mitversorgt werden müssen als dies bei der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund der Fall ist.