Datenreport 2016

Entwicklung der Altersrenten



3.5.2016
Die Summe der persönlichen Entgeltpunkte spiegelt die Anwartschaften der Versicherten gegenüber der gRV wider. Sie können als Bilanz der Erwerbs- beziehungsweise Versicherungsbiografien interpretiert werden. Vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Erwerbsbiografien von Frauen und Männern in den jeweiligen Regionen werden die empirischen Befunde differenziert nach Geschlecht sowie für Ost- und Westdeutschland in Dezilen ausgewiesen. Die Darstellung zeigt die Entwicklung der Lebensarbeitseinkommen in Entgeltpunkten beim Rentenzugang innerhalb der zurückliegenden 21 Jahre, zwischen kurz nach der Deutschen Einheit (1993) und dem aktuellen statistischen Rand (2014). 


Für männliche Neurentner in Westdeutschland zeigt sich dabei ein deutlicher Rückgang ihrer EP: Die Anwartschaften des Medianrentners (siehe Abbildung 2) sinken im Zeitverlauf von etwa 47 im Jahr 1993 um 6 % auf 44 EP im Jahr 2014. Damit verzeichnen Neurentner des Jahres 2014 im Durchschnitt geringere Anwartschaften als Rentner, die in früheren Jahren in Rente gingen. Dieser negative Trend erfasst insbesondere niedrige bis mittlere gRV-Renten. Die von der gRV ausbezahlte Median-Bruttorente steigt von 1.072 Euro im Jahr 1993 um knapp 60 Euro auf 1.131 Euro im Jahr 2014.

Medianrentner


Zur besseren Veranschaulichung wird die Verteilung der Entgeltpunkte (EP) in sogenannten Dezilen dargestellt. Das heißt, aus der Rangordnung nach der Höhe ihrer EP werden zehn gleich große Gruppen gebildet. Die Dezile geben dann die Grenzen an, an denen die jeweils nächsthöhere Gruppe beginnt. Das erste Dezil grenzt die unteren zehn Prozent von den zweiten zehn Prozent ab, und so weiter. Der Median bildet in dieser Rangordnung genau die Mitte: die Hälfte aller Personen hat EP in einer Höhe, die über beziehungsweise unter dem Median liegt.

Abb 2 Entwicklung und Verteilung der Summe persönlicher Entgeltpunkte
bei Altersrenten von Männern in Westdeutschland 1993 – 2014 ¹ - in DezilenAbb 2 Entwicklung und Verteilung der Summe persönlicher Entgeltpunkte bei Altersrenten von Männern in Westdeutschland 1993 – 2014 ¹ - in Dezilen Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Insgesamt hat die Spreizung der EP und damit der Auszahlungen aus der gesetzlichen Rentenversicherung durch sinkende Niedrigrenten und geringfügig steigende Höchstrenten zugenommen: Erreichten die untersten zehn Prozent der westdeutschen Neurentner 1993 noch rund 22 % der EP der obersten Rentnergruppe, so liegt dieser Anteil im Jahr 2014 mit rund 12 % deutlich niedriger. Während die Anwartschaften im unteren Segment sinken, lassen sich im oberen Segment steigende Anwartschaften feststellen. Bei Neurentnern der drei unteren Dezile gehen die Entgeltpunkte um bis zu 7 EP zurück. Demgegenüber verzeichnen Bezieher von Altersrenten in den drei höchsten Dezilen gleichbleibende bis geringfügig zunehmende Anwartschaften. Entgeltpunktsummen jenseits 60 EP verweisen auf langjährige, weit überdurchschnittlich bezahlte Beschäftigung: Zum Beispiel nahezu 40 Jahre Vollzeitbeschäftigung mit einem Lohnniveau, das etwa beim eineinhalbfachen Durchschnittslohn liegt (West 2014: 52.286 Euro pro Jahr). Anzumerken ist an dieser Stelle, dass Löhne in dieser Größenordnung bei jüngeren Beschäftigten nach dem beruflichen Einstieg eher selten vorkommen. 


Die männlichen Rentenzugänge in Ostdeutschland weisen im Untersuchungszeitraum einen deutlichen Rückgang ihrer Anwartschaften auf. Die EP des Medianrentners sinken seit der deutschen Einheit von 51 EP um knapp ein Viertel auf 39 EP in 2014. Durch die Rentenanpassungen ergibt sich eine Steigerung der Median-Bruttorente von 844 Euro im Jahr 1993 auf knapp 937 Euro in 2014.
Abb 3 Entwicklung und Verteilung der Summe persönlicher Entgeltpunkte
bei Altersrenten von Männern in Ostdeutschland 1993 – 2014 ¹ — in DezilenAbb 3 Entwicklung und Verteilung der Summe persönlicher Entgeltpunkte bei Altersrenten von Männern in Ostdeutschland 1993 – 2014 ¹ — in Dezilen Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Auch in Ostdeutschland ist bei den männlichen Neurentnern die Verteilung der Anwartschaften erkennbar ungleicher geworden: Erreichten Neurentner des untersten Dezils 1993 noch fast 60 % der EP des obersten Dezils, so kommen diejenigen des Jahres 2014 lediglich auf etwa 44 %. Die Ungleichheit der Anwartschaften der ostdeutschen Neurentner nimmt mit zunehmendem zeitlichem Abstand zur deutschen Einheit zu und die Anwartschaften nehmen tendenziell ab. Anders formuliert: Je kürzer die DDR-geprägten Erwerbsbiografien (das heißt ohne Arbeitslosigkeit und mit geringer Lohnspreizung) sind, desto niedriger werden die Anwartschaften und umso höher deren Spreizung. 

809 €

betrug die Rente von ostdeutschen Frauen im Jahr 2014. Im Jahr 1993 waren es 450 €.

Eine andere Entwicklung ist bei den Frauen beim Übergang in eine Altersrente festzustellen. Die Summe der persönlichen EP von Frauen in Westdeutschland hat im Beobachtungszeitraum bei der Medianrentnerin zwar um rund 30 % zugenommen, jedoch vollzieht sich diese relative Veränderung vor dem Hintergrund niedriger absoluter Werte: von 12 im Jahr 1993 auf 15 EP in 2014 (siehe Abbildung 4) oder in ausgezahlten Beträgen von 261 Euro auf annähernd 386 Euro Median-Bruttorente. Ähnlich wie bei den Männern ist auch bei den Frauen die Spreizung der Rentenbezüge in Westdeutschland größer als in Ostdeutschland. Neurentnerinnen im untersten Dezil erreichen in 2014 4 EP und damit weniger als 10 % der Anwartschaften des obersten Dezils mit 43 EP. Die Ungleichverteilung der Altersrenten bei westdeutschen Frauen im Beobachtungsfenster hat somit vor allem deshalb stark zugenommen, weil in unteren Dezilen kaum Veränderungen festzustellen sind, während zunehmend mehr Frauen höhere Entgeltpunktpositionen erreichen. Diese Entwicklung basiert einerseits auf zunehmender Frauenerwerbstätigkeit, gekennzeichnet durch längere Erwerbsbiografien mit höheren Löhnen, und andererseits auf einer verbesserten Anerkennung von Kindererziehungszeiten (Stichwort: Mütterrente) in der Rentenversicherung. Sie zeigt, dass ein zunehmender Anteil westdeutscher Frauen eine eigenständige Altersvorsorge aus der gRV erzielt, die in individueller Betrachtung die Grundsicherungsschwelle (30 EP) übersteigt. Sie zeigt jedoch auch, dass mit rund 70 % das Gros der westdeutschen Frauen über sehr niedrige individuelle Anwartschaften verfügt, die unter der Grundsicherungsschwelle liegen. Allerdings ist darauf hinzuweisen, dass diese Rentnerinnen im Haushaltskontext unter Umständen über ihre (Ehe-)Partner sowie weitere Alterseinkünfte hinreichend abgesichert sein können. Dennoch besteht der politische Wille, die eigenständige Altersvorsorge von (westdeutschen) Frauen zu stärken; nicht zuletzt wegen zunehmender Scheidungen und meist fehlender Hinterbliebenenversicherung bei der (staatlich geförderten) privaten wie betrieblichen Altersvorsorge. Außerdem gehen die Anwartschaften der Männer – wie eben beschrieben – im Zeitverlauf tendenziell zurück, weshalb davon abgeleitete Witwenrenten ebenfalls tendenziell sinken.
Abb 4 Entwicklung und Verteilung der Summe persönlicher Entgeltpunkte
bei Altersrenten von Frauen in Westdeutschland 1993 – 2014 ¹ — in DezilenAbb 4 Entwicklung und Verteilung der Summe persönlicher Entgeltpunkte bei Altersrenten von Frauen in Westdeutschland 1993 – 2014 ¹ — in Dezilen Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Die Anwartschaften von ostdeutschen Frauen beim Rentenzugang haben im untersuchten Zeitraum zugenommen: 1993 betragen sie bei der Medianrentnerin 31 EP, im Jahr 2014 34 EP (siehe Abbildung 5). In ausgezahlten Brutto-Beträgen entspricht dies einer Medianrente von knapp 450 EUR in 1993 und nahezu 809 EUR in 2014. Die Entwicklung der Anwartschaften verläuft dabei nicht einheitlich: Während die gRV-Ansprüche im unteren Dezil auf demselben Niveau verharren, steigen sie in den darüber liegenden Dezilen seit 2011 tendenziell an. Ähnlich wie bei den männlichen Neurentnern im Osten sind auch bei den Frauen die Unterschiede zwischen den niedrigsten und höchsten gRV-Renten vergleichsweise gering. Allerdings verfolgen die Entgeltpunkte der Frauen im Osten einen ansteigenden Pfad, die der Männer einen absteigenden. Im Ergebnis liegen die Entgeltpunkte 2014 im Osten in den jeweiligen Dezilen bei den Männern etwa 5 EP über jenen der Frauen, Tendenz sinkend. Im Westen ist die geschlechtsspezifische Rentenlücke der Frauen wesentlich höher und liegt bei Medianrentnern des Jahres 2014 bei 29 EP.
Abb 5 Entwicklung und Verteilung der Summe persönlicher Entgeltpunkte
bei Altersrenten von Frauen in Ostdeutschland 1993 – 2014 ¹ — in DezilenAbb 5 Entwicklung und Verteilung der Summe persönlicher Entgeltpunkte bei Altersrenten von Frauen in Ostdeutschland 1993 – 2014 ¹ — in Dezilen Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Der Rückgang der Anwartschaften ist bei Männern im Osten besonders stark ausgeprägt: Während Männer im Westen und Frauen in beiden Regionen tendenziell gleichbleibende bis geringfügig steigende EP verzeichnen können, gehen die Ansprüche der Männer in Ostdeutschland sukzessive zurück, und das trotz einer im Vergleich zu westdeutschen Durchschnittslöhnen derzeitig überproportionalen Aufwertung der ostdeutschen Durchschnittslöhne. Je länger der Zeitraum zwischen deutscher Einheit und individuellem Rentenzugang ist, desto niedriger werden die Anwartschaften. Hieran sowie anhand des insbesondere bei älteren Beschäftigten weit verbreiteten Niedriglohns werden die Probleme auf dem ostdeutschen Arbeitsmarkt besonders deutlich. Auf der anderen Seite sind ostdeutsche Männer mit der geringsten Spreizung ihrer Altersrenten die homogenste Bezugsgruppe. Vom Aufwärtstrend bei den Frauen in beiden Landesteilen profitiert das obere Drittel stärker als Bezieherinnen mittlerer und niedriger Altersrenten. Hinsichtlich der Verteilung ihrer Anwartschaften bilden Neurentnerinnen in den alten Bundesländern nach wie vor eine besonders heterogene Gruppe. 


Die Veränderungen der Ansprüche der Versicherten an die gRV ergeben sich aus den in der Rentenformel genannten Parametern. Dies sind bei Altersrenten und bei gegebenem aktuellem Rentenwert die persönlichen Entgeltpunkte und der überwiegend um Abschläge reduzierte Zugangsfaktor. Der Einfluss unterschiedlicher Erwerbsverläufe – seien sie unterbrochen, diskontinuierlich oder perforiert (Schlagwort sind die sogenannten Patchwork-Biografien) – und deren Zusammenhang mit Abschlägen beziehungsweise verschiedenen Entlohnungsregimen im Lebensverlauf der Versicherten soll hier nicht untersucht werden. Stattdessen fokussiert die Analyse auf Veränderungen in den institutionellen Rahmenbedingungen der gRV: Nach dem Rentenreformgesetz 1992 können Altersrenten vorgezogen in Anspruch genommen werden, allerdings werden pro Monat eines vorgezogenen Rentenzugangs Abschläge in Höhe von 0,3 % fällig; wird die Rente nach der Regelaltersgrenze beantragt, werden Zuschläge in Höhe von 0,5 % pro Monat ausgezahlt. Hinsichtlich der Wirkung der Abschläge ist neben rentenmindernden Abschlägen ein weiterer Aspekt zu berücksichtigen: Bei einem vorgezogenen Rentenbeginn fallen die Anwartschaften zugleich niedriger aus, weil die Versicherten nicht bis zum Erreichen der Regelaltersgrenze weitergearbeitet haben. Beide Effekte zusammengenommen können eine Reduzierung der Rente um mehr als 20 % bewirken.


Der Anteil der von Abschlägen betroffenen Neurentner ist bis 2010 gestiegen und in den letzten Jahren mit der Verbesserung der Arbeitsmarktlage vor allem für ältere Beschäftigte wieder etwas zurückgegangen. Dennoch sind im Jahr 2014 in Bezug auf alle Zugänge in Altersrenten in Ostdeutschland rund 32 % der Neurentner beziehungsweise 41 % der Neurentnerinnen von rentenmindernden Abschlägen betroffen; in Westdeutschland sind es rund 25 % der Neurentner beziehungsweise 19 % der Neurentnerinnen. Diese erheblichen Unterschiede zwischen den Abschlägen spiegeln regionale Besonderheiten auf den Arbeitsmärkten für über 60-jährige Versicherte wider. Da die Abschläge die Rentenhöhe lebenslang reduzieren, verstärken sie somit das Rentengefälle zwischen Ost- und Westdeutschland. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Betroffenheit von Abschlägen mit der Entwicklung und Verteilung der Anwartschaften insofern zusammenhängt, dass vor allem männliche Neurentner in Ostdeutschland, deren Anwartschaften erheblich gesunken sind, auch besonders von höheren Abschlägen mit stark rentenmindernder Wirkung betroffen sind. 


Reduzierte Altersrenten sind für Rentnerinnen und Rentner in Ostdeutschland besonders problematisch, weil ihre Alterseinkünfte nach Ergebnissen der Studie Alterssicherung in Deutschland (ASID 2011) zu 92 % aus der gesetzlichen Rentenversicherung stammen, im Vergleich zu 59 % in den alten Bundesländern. Zudem standen Neuzugängern in die Altersrente im Osten lediglich 25 Jahre zur Verfügung, um private und/oder betriebliche Altersvorsorge zu betreiben oder Vermögen zu akkumulieren. Dies zeigt sich unter anderem an den Wohneigentumsquoten in Ost- verglichen mit Westdeutschland (West 43 %, Ost 32 %) sowie den im Durchschnitt deutlich höheren Marktwerten der Immobilien in Westdeutschland.



 

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