Datenreport 2016

Religiosität und Säkularisierung


Weil jeder Mensch weiß, dass er sterben wird, muss er zwischen der erfahrbaren, diesseitigen Welt und dem nicht erfahrbaren, nur vorstellbaren Jenseits differenzieren. Die Unterscheidung zwischen Diesseits und Jenseits – also zwischen Immanenz und Transzendenz – wirft die metaphysische Frage nach dem Woher und Wohin der Welt und des eigenen Lebens auf. Religion ist ein System von Lehren, das eine Antwort auf diese Frage anbietet. Religiosität hingegen ist ein Merkmal von Personen; man kann sie definieren als die Einstellung zur religiösen Frage. Religiöse Antworten auf diese entscheidenden Fragen des Lebens werden heutzutage jedoch zunehmend kritisch betrachtet und Alternativen in Philosophie und verschiedenen Weltanschauungen gesucht. Menschen gewinnen eine Antwort auf die religiöse Frage nicht mehr aus den Glaubenslehren der Religion über transzendente Welten, sondern aus Überzeugungen, die in dieser Welt gewonnen wurden und sich auf das Leben in ihr richten. Diese Bewegung hin zu diesseitigen Antworten auf die religiöse Frage kann man als Säkularisierung bezeichnen. Empirisch erfassen kann man sie in einer gegebenen Bevölkerung als Rückgang von Durchschnittswerten der Religiosität. 


Die Säkularisierung ist in Europa zwischen 1945 und 1990 auf zwei unterschiedliche Weisen vorangetrieben worden. In den damals staatssozialistischen Ländern Osteuropas wurde die Religion von der Politik bekämpft, in den kapitalistisch-demokratischen Ländern Westeuropas hingegen verlor sie ohne jeglichen Zwang ihre Anhänger.


Im Folgenden werden die erzwungene und die freiwillige Säkularisierung der beiden früheren Landesteile Deutschlands von 1990 bis 2012 an sechs Formen der Religiosität untersucht: der Mitgliedschaft in Kirchen; der öffentlich-kirchlichen Praxis des Kirchgangs; der privat-religiösen Praxis des Gebets; der diffusen Religiosität, die als religiöse Selbsteinschätzung und als Wichtigkeit von Religion und Kirche gemessen wird, und schließlich den religiösen Weltbildern, die entweder eine christliche oder eine immanente Antwort auf die religiöse Frage geben. Die Kirchenmitgliedschaft und der Kirchgang beziehen sich auf christliche Kirchen; erst 2012 wurden Mitglieder anderer Religionsgemeinschaften – 3,8 % der Stichprobe – nach dem "Besuch einer Moschee, Synagoge oder eines anderen Gotteshauses" gefragt. Auch das Gebet, die diffuse Religiosität und die religiösen Weltbilder werden nur für aktuelle oder frühere Mitglieder christlicher Kirchen, nicht aber anderer Religionsgemeinschaften berichtet.


Erwarten muss man, dass die erzwungene Säkularisierung in Ostdeutschland 1990 weiter fortgeschritten ist als die freiwillige Säkularisierung in Westdeutschland. Die Frage ist jedoch, ob der ostdeutsche Vorsprung bis 2012 bestehen bleibt oder zusammenschmilzt.


Herausgeber dieses Kapitels: WZB / SOEP

Datenreport: Kapitel 12.2.1

Kirchenmitgliedschaft und Kirchgangshäufigkeit


In Westdeutschland gehören 11 % im Jahr 1991 und 18 % im Jahr 2012 keiner Religionsgemeinschaft an, in Ostdeutschland sind es 65 % (1991) beziehungsweise 68 % (2012).

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Datenreport: Kapitel 12.2.2

Häufigkeit des Gebets


Nicht nur in der Kirche wird gebetet, sondern auch zu Hause. Die Frage "Wie oft beten Sie?" bezieht sich zunächst auf beides.

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Datenreport: Kapitel 12.2.3

Diffuse Religiosität


Die diffuse Religiosität bezieht sich weder auf Praktiken noch auf religiöse Weltbilder, sondern auf die Religion überhaupt. Sie kann als Religion in der Person und Religion für die Person betrachtet werden – als selbst eingeschätzte Religiosität und als Wichtigkeit von "Religion und Kirche" im Leben der Person.


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Datenreport: Kapitel 12.2.4

Religiöse Weltbilder


Die Religion ist die erste soziale Macht, die die religiöse Frage beantwortet. Aber die dominierende Religion des Abendlandes, das Christentum, hat in den letzten zwei Jahrhunderten zunehmend an Macht verloren, ihre Lehre durchzusetzen, sodass andere Mächte – Weltanschauungen und die Wissenschaft – mit ihr konkurrieren und religiöse Weltbilder Gegenstand der Wahl oder Konstruktion, kurz Privatsache geworden sind.

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Datenreport: Kapitel 12.2.5

Zusammenfassung 


Sowohl die Erwartung, dass die Ostdeutschen 1990 weniger religiös seien als die Westdeutschen, als auch die Frage, ob der ostdeutsche Vorsprung bestehen bleibt, wird bestätigt.

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