Datenreport 2016

3.5.2016 | Von:
Heiner Meulemann

Diffuse Religiosität


Die diffuse Religiosität bezieht sich weder auf Praktiken noch auf religiöse Weltbilder (siehe 12.2.4), sondern auf die Religion überhaupt. Sie kann als Religion in der Person und Religion für die Person betrachtet werden – als selbst eingeschätzte Religiosität und als Wichtigkeit von "Religion und Kirche" im Leben der Person.


Die selbst eingeschätzte Religiosität wurde in der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS) 1982, 1992, 2000, 2002 und 2012 auf einer zehnstufigen Skala und im International Social Survey Programme (ISSP) 2008 auf einer siebenstufigen Skala, die auf zehn Stufen umgerechnet wurde, erfragt. Die Mittelwerte der Antworten sind in Abbildung 3 dargestellt.
Abb 3 Selbsteinschätzung der Religiosität in Westdeutschland 1982 – 2012 
und in Ostdeutschland 1992 – 2012 — MittelwerteAbb 3 Selbsteinschätzung der Religiosität in Westdeutschland 1982 – 2012 und in Ostdeutschland 1992 – 2012 — Mittelwerte Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Die Westdeutschen schätzen sich konstant religiöser ein als die Ostdeutschen. Ihr Vorsprung schwankt unregelmäßig zwischen 2,2 und 2,5 Skalenpunkten. Auch hier bleiben die Nachwirkungen der erzwungenen Säkularisierung unvermindert bis heute bestehen.


Im ALLBUS wurde 1980, 1982, 1986, 1990, 1992, 1996 und 2012 den Befragten eine Liste von Lebensbereichen – darunter auch "Religion und Kirche" – vorgegeben, deren Wichtigkeit zwischen 1 (unwichtig) und 7 (sehr wichtig) bewertet werden musste. Nimmt man 2012 in Gesamtdeutschland den Anteil der höchsten Wichtigkeit (Wert 7) als Maß, so ist "Eigene Familie und Kinder" mit 76,1 % der bei weitem wichtigste Lebensbereich, gefolgt von "Beruf und Arbeit" mit 37,6 %. Im Mittelfeld liegen "Freizeit und Erholung" mit 29,9 %, "Freunde und Bekannte" mit 28,7 % und "Verwandtschaft" mit 23,5 %; im unteren Bereich "Nachbarschaft" mit 12,5 %, "Religion und Kirche" mit 9,6 % und "Politik und öffentliches Leben" mit 5,8 %. Die Mittelwerte der westdeutschen Bevölkerung seit 1980 und der ostdeutschen Bevölkerung seit 1991 für "Religion und Kirche" sind in Abbildung 4 dargestellt.


Beide Landesteile säkularisieren sich. In Westdeutschland ist die Wichtigkeit von Religion und Kirche seit 1980 um 0,34 Skalenpunkte, in Ostdeutschland seit 1991 um 0,15 Skalenpunkte zurück gegangen. Ostdeutschland ist sehr viel stärker als Westdeutschland säkularisiert; der Abstand schwankt ohne Richtung zwischen 1,10 und 1,43 Skalenpunkten.
Abb 4 Wichtigkeit von Religion und Kirche in Westdeutschland 1980 – 2012 und 
in Ostdeutschland 1991– 2012 — Mittelwerte¹Abb 4 Wichtigkeit von Religion und Kirche in Westdeutschland 1980 – 2012 und in Ostdeutschland 1991– 2012 — Mittelwerte¹ Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)