Datenreport 2016

3.5.2016 | Von:
Heiner Meulemann

Religiöse Weltbilder


Die Religion ist die erste soziale Macht, die die religiöse Frage beantwortet. Aber die dominierende Religion des Abendlandes, das Christentum, hat in den letzten zwei Jahrhunderten zunehmend an Macht verloren, ihre Lehre durchzusetzen, sodass andere Mächte – Weltanschauungen und die Wissenschaft – mit ihr konkurrieren und religiöse Weltbilder Gegenstand der Wahl oder Konstruktion, kurz Privatsache geworden sind. Man kann demnach religiöse Weltbilder nach ihrem Säkularisierungsgrad betrachten – danach, wieweit sie auf einem Glauben an transzendente oder immanente Mächte beruhen, christlich oder säkular sind. Drei Säkularisierungsstufen wurden erfragt:

  1. die theistische und deistische, die hier zusammenfassend als christlich bezeichnet werden,
  2. die immanente, die den Sinn des Lebens im Leben selber sieht, und schließlich
  3. Sinnlosigkeit.
Christliche Weltbilder werden durch vier Aussagen erfasst (siehe Kasten). Das immanente Weltbild wird durch existentialistische und naturalistische Vorgaben erfasst. Sinnlosigkeit wird durch eine Aussage erfasst.

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Religiöse Weltbilder


Christliches Weltbild:
Zustimmung zu folgenden Aussagen:

  • "Es gibt einen Gott, der sich mit jedem Menschen persönlich befasst" (PERSÖN)

  • "Es gibt einen Gott, der Gott für uns sein will" (FÜRUNS)

  • "Das Leben hat nur eine Bedeutung, weil es einen Gott gibt" (GOTT)

  • "Das Leben hat einen Sinn, weil es nach dem Tod noch etwas gibt" (TOD)

Immanentes Weltbild:
Zustimmung zu folgenden Aussagen:


Existenzialistisch:
  • "Das Leben hat nur dann einen Sinn, wenn man ihm selber einen Sinn gibt" (SELBER)

Naturalistisch:

  • "Unser Leben wird letzten Endes bestimmt durch die Gesetze der Natur" (NATGES)

  • "Das Leben ist nur ein Teil der Entwicklung der Natur" (NATENT)

Sinnlosigkeit:
Zustimmung zu folgender Aussage:

  • "Das Leben hat meiner Meinung nach wenig Sinn" (WENSINN)

Für alle Aussagen werden fünf Zustimmungsstufen von 1 "stimme voll und ganz zu" bis 5 "stimme überhaupt nicht zu" vorgegeben sowie eine Vorgabe "darüber habe ich noch nicht nachgedacht", die mit der mittleren Stufe ("habe dazu keine feste Meinung") zusammengefasst wurde. Die Antworten der westdeutschen Bevölkerung 1982, 1991, 1992, 2002 und 2007 und der ostdeutschen Bevölkerung 1991, 1992, 2002 und 2007 sind in Abbildung 5 dargestellt. Zur besseren Lesbarkeit sind die Mittelwerte der christlichen Aussagen mit durchgezogenen Linien, die Mittelwerte der übrigen Aussagen mit gestrichelten Linien verbunden. Vgl. auch Abb 5.


In Westdeutschland lebende Personen unterstützen die existentialistische Aussage stärker als die beiden naturalistischen, diese stärker als die vier christlichen, und diese wiederum stärker als die Sinnlosigkeit. Die Rangfolge bleibt über die Jahre konstant – mit nur einer Ausnahme: 1982 hat der Glaube, dass es einen Gott gibt, der für uns Gott sein will (FÜRUNS) etwas mehr Anhänger als die beiden naturalistischen Aussagen. Die Weltbilder liegen gleichsam wie Schichten übereinander, die die Historie spiegeln: Die Religion des Abendlandes wird von modernen Weltanschauungen, dem Naturalismus und dem Existentialismus, überlagert. Das Christentum ist folglich nicht mehr die vorherrschende religiöse Weltdeutung in Westdeutschland.

Abb 5 Religiöse Weltbilder in Westdeutschland 1982 – 2012 und in Ostdeutschland 1991– 2012 — MittelwerteAbb 5 Religiöse Weltbilder in Westdeutschland 1982 – 2012 und in Ostdeutschland 1991– 2012 — Mittelwerte Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


In Ostdeutschland finden alle immanenten Aussagen deutlich mehr Zustimmung als die christlichen Vorgaben und die Sinnlosigkeit. Es liegen hier die gleichen Schichten übereinander wie in Westdeutschland. Auch hier steigt die Zustimmung zu den christlichen Aussagen leicht, ebenso wie die zu allen säkularen Aussagen mit Ausnahme der Aussage, dass das Leben nur ein Teil der Entwicklung der Natur ist (NATENT). Dennoch fällt ein Unterschied auf: Das existentialistische und das naturalistische Weltbild liegen enger zusammen und weiter vom christlichen entfernt.


In beiden Landesteilen rangieren also immanente Weltbilder vor christlichen. Dennoch hat die zwangsweise Entkirchlichung der DDR christliche Weltbilder in Ostdeutschland stärker zurückgedrängt als die freiwillige Säkularisierung in Westdeutschland.