Datenreport 2016

3.5.2016 | Von:
Heiner Meulemann

Zusammenfassung 


Sowohl die Erwartung, dass die Ostdeutschen 1990 weniger religiös seien als die Westdeutschen, als auch die Frage, ob der ostdeutsche Vorsprung bestehen bleibt, wird bestätigt. Während politische Einstellungen und moralische Überzeugungen sich in den zwanzig Jahren nach der Vereinigung weitgehend angeglichen haben, bleibt die geringere Religiosität der Ostdeutschen als einer der stärksten Einstellungsunterschiede zwischen den beiden Landesteilen bestehen. Warum?


Vermutlich konnte die erzwungene Säkularisierung deshalb leichter fortwirken, weil ihre Folgen mit der neuen Sozialordnung weniger in Widerspruch gerieten als andere Nötigungen des Staatssozialismus. Die politische Ordnung des Staatssozialismus wurde durch ihren Zusammenbruch diskreditiert, der ihre Ineffizienz und Ungerechtigkeit offenlegte. Daher haben die meisten Ostdeutschen sich auch innerlich von ihr gelöst. Ebenso hat die "sozialistische Moral", die in der DDR einen Gemeinschaftssinn stiften sollte, sich als desorientierend in einer Sozialordnung erwiesen, in der unterschiedliche Interessen anerkannt und Konflikte zwischen ihnen gelöst werden müssen. Deshalb haben sich fast alle Ostdeutschen von dieser Moral distanziert. Sie sahen nach der deutschen Vereinigung jedoch keinen Anlass, sich von ihrer säkularen Weltsicht zu lösen. Sie hat sich weder wie die staatssozialistische Ordnung diskreditiert noch in der neuen Sozialordnung als desorientierend erwiesen. Im Gegenteil: sie ist – wie die nahezu gleiche Unterstützung immanenter Weltbilder in beiden Landesteilen zeigt – mit der neuen Sozialordnung vereinbar.


In Westdeutschland schreitet die freiwillige Säkularisierung eher voran als dass sie zurückgeht. Die Konfessionen verlieren leicht an Mitgliedern, die Kirchen leicht an Besuchern, die christlichen Überzeugungen leicht an Anhängern; die Gebetshäufigkeit und die diffuse Religiosität bleiben hingegen weitgehend konstant. Von einer Wiederkehr der Religion kann also in keinem Landesteil die Rede sein.