Datenreport 2016

3.5.2016 | Von:
Bernhard Weßels

Politisches Interesse und politische Partizipation


Das Ausmaß, in dem sich die Bürger für Politik interessieren, ist ein wichtiger Gradmesser, um festzustellen, inwieweit sie das politische Geschehen registrieren und an ihm teilnehmen. Das politische Interesse ist ein guter Indikator dafür, ob Politik für die Bürger wichtig genug ist, um sich darüber zu informieren und sich gegebenenfalls dafür zu engagieren. Das politische Interesse der Bürger wird durch die Frage "Wie stark interessieren Sie sich für Politik: sehr stark, stark, mittel, wenig oder überhaupt nicht?" bereits seit 1969 in repräsentativen Bevölkerungsumfragen erfasst. 


In den letzten Jahrzehnten hat sich der Anteil derjenigen, die sich stark oder sogar sehr stark für Politik interessieren, beständig und sehr dynamisch verändert. Im Zeitraum um die Vereinigung Deutschlands 1990 war er am höchsten und ist danach deutlich abgesunken. Seit 1994 liegt der Anteil derjenigen, die sich stark oder sogar sehr stark für Politik interessieren, in Westdeutschland im Durchschnitt bei 30 %, erreicht aber 2014 wieder einen so hohen Wert wie 1990. Der langfristige Vergleich zeigt, dass heute mehr Bürger am politischen Geschehen interessiert sind als noch Ende der 1960er-Jahre. So waren 1969 lediglich 18 % stark oder sogar sehr stark an Politik interessiert. In Ostdeutschland sind im Durchschnitt etwas weniger Bürger stark oder sehr stark an Politik interessiert als in Westdeutschland. Seit dem Jahr 2010 ist dieser Unterschied allerdings verschwunden und auch in Ostdeutschland erreicht das politische Interesse 2014 einen Spitzenwert.
Abb 1 Politisches Interesse in der Bundesrepublik 1980 – 2014 — in ProzentAbb 1 Politisches Interesse in der Bundesrepublik 1980 – 2014 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Deutlicher unterscheidet sich das Ausmaß des politischen Interesses zwischen den jüngeren und älteren Bürgern, was in West- und Ostdeutschland gleichermaßen zu beobachten ist. Unter den 18- bis 29-Jährigen finden sich weit weniger politisch Interessierte als im Bevölkerungsdurchschnitt. Dieser Unterschied zwischen den Altersgruppen existiert seit 1991. Davor war das Interesse der Jüngeren nur unmaßgeblich geringer ausgeprägt. Im Durchschnitt der Jahre 1994 bis heute liegt das Interesse an der Politik bei den 18- bis 29-Jährigen mit 21 % in West- und 19 % in Ostdeutschland etwa 8 bis 9 Prozentpunkte unter dem Bevölkerungsdurchschnitt. 2010 lag das Interesse der Jüngeren in Westdeutschland sogar 14 Prozentpunkte unter dem Bevölkerungsdurchschnitt. Zwar ist die Differenz zwischen Jüngeren und Bevölkerungsdurchschnitt auf 6 bis 7 Prozentpunkte zurückgegangen, sie liegt 2014 aber wieder bei über 10 Prozentpunkten. 


Noch größer als die Differenz zwischen jüngerer Bevölkerung und Bevölkerungsdurchschnitt ist die Differenz zwischen Bürgern ohne und Bürgern mit Hochschulabschluss. Unter den Bürgern mit Hochschulabschluss liegt der Anteil derjenigen, die sich stark oder sehr stark für Politik interessieren, in Westdeutschland 2014 bei 60 % und in den neuen Bundesländern bei 63 %. Damit liegt er im Westen 21 und im Osten 25 Prozentpunkte über dem Bevölkerungsdurchschnitt. Das politische Interesse ist also deutlich durch soziale Unterschiede geprägt, regionale Unterschiede zwischen Ost und West sind nicht mehr festzustellen. Die Unterschiede im politischen Interesse zwischen Bürgern mit und ohne Hochschulabschluss schwanken im Zeitverlauf. Sie liegen in der Regel zwischen etwas über 20 und 30 Prozentpunkten, weisen aber keinen Trend auf. Eine Zu- oder Abnahme bildungsbedingter Schichtung im politischen Interesse ist seit 1986 – seitdem liegen im ALLBUS Daten vor – also nicht festzustellen.


Politisches Interesse ist sicher förderlich für politische Beteiligung. Das Repertoire der Beteiligungsformen hat sich über klassische, institutionalisierte Formen wie Wahlen hinaus in den vergangenen Jahrzehnten stark ausgeweitet. Neben institutionellen Formen der Beteiligung nutzen Bürger sehr stark Formen nicht-institutionalisierter Beteiligung wie Unterschriftensammlungen, Demonstrationen, Bürgerinitiativen, politische Versammlungen oder Ähnliches, um ihren Interessen Ausdruck zu verleihen und am politischen Leben teilzuhaben. Diese Arten politischer Aktivität haben in Deutschland seit Ende der 1950er-Jahre kontinuierlich zugenommen. In diesem Zusammenhang wurde von einer "partizipatorischen Revolution" gesprochen, mit der sich nicht nur in Deutschland, sondern in allen modernen Demokratien neue Formen der Beteiligung als normale politische Handlungsformen etablierten. Die Anteile derjenigen, die angeben, an den beiden häufigsten Formen der sogenannten "unkonventionellen" politischen Beteiligung, Unterschriftensammlungen und Demonstrationen, mitgewirkt zu haben, sind in den 1990er-Jahren recht stabil und steigen am Anfang des neuen Jahrtausends sogar an. 1998 liegt der Anteil bei 37 %, 2002 mit 63 % sehr hoch, 2008 bei knapp der Hälfte der Bürger und 2014 wieder bei 60 %. An Demonstrationen nimmt in den 1990erJahren knapp ein Fünftel der Bevölkerung teil, 2002 sowie 2014 sind es sogar über 30 %. Nicht-institutionalisierte, sogenannte "unkonventionelle" Formen der Beteiligung werden häufig den Jüngeren zugeschrieben. Dementsprechend ist bei diesen Formen der Beteiligung keine Lücke zulasten der Jüngeren zu erwarten, sondern eher, dass der Durchschnitt der Bevölkerung sich deutlich weniger in dieser Form beteiligt als die Jüngeren. Diese Erwartung trifft allerdings nicht zu, der Unterschied existiert nicht mehr. Eine "Konventionalisierung" des "Unkonventionellen" hat stattgefunden und Unterschriftensammlungen und Demonstrationen gehören inzwischen zu den normalen politischen Beteiligungsformen der Bürger, egal ob jung oder alt. Der Unterschied zwischen den Jüngeren und dem Bevölkerungsdurchschnitt geht sogar eher zulasten der Jüngeren – wiederum ein Zeichen, wie "normal" sogenannte unkonventionelle Formen der Partizipation inzwischen geworden sind.
Abb 2 Nicht-institutionalisierte Beteiligung unter Jüngeren und im Durchschnitt 1998, 2002, 2008 und 2014 — in ProzentAbb 2 Nicht-institutionalisierte Beteiligung unter Jüngeren und im Durchschnitt 1998, 2002, 2008 und 2014 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Während sich von 1998 bis 2008 ähnlich hohe Anteile aus beiden Landesteilen an Demonstrationen beteiligen, liegt der Anteil der Ostdeutschen 2014 deutlich höher. Etwas anders sieht es bei der Mitarbeit in Bürgerinitiativen aus. Westdeutsche Bürger sind mit Anteilen von 10 bis 20 % etwas stärker engagiert als Bürger in Ostdeutschland mit Anteilen zwischen 6 und 13 %.
Abb 3 Nicht-institutionalisierte Beteiligung in Ost- und Westdeutschland 1998, 
2002, 2008 und 2014 — in ProzentAbb 3 Nicht-institutionalisierte Beteiligung in Ost- und Westdeutschland 1998, 2002, 2008 und 2014 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Allerdings existieren hier ähnlich starke bildungsgruppenbezogene Unterschiede wie beim politischen Interesse. Unter akademisch gebildeten Bürgerinnen und Bürgern liegt der Anteil derjenigen, die sich an Unterschriftensammlungen beteiligen, mit knapp 80 % mehr als 20 Prozentpunkte höher als bei denjenigen ohne Hochschulabschluss. Bei Demonstrationen ist der Unterschied noch größer: Etwa 60 % der Hochschulabsolventen, aber lediglich etwa ein Viertel derjenigen ohne Hochschulabschluss beteiligen sich 2014 an Demonstrationen. Ähnlich groß fallen die Unterschiede hinsichtlich des Besuchs politischer Versammlungen aus. Demgegenüber erscheinen die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschen und zwischen Jüngeren und Älteren marginal. Die bildungsbezogenen Unterschiede in der politischen Beteiligung verweisen auf eine sozial induzierte politische Ungleichheit, diese wiederum auf Defizite in der politischen Integration.
Abb 4 Nicht-institutionalisierte Beteiligung nach Bildung, Region und Alter 2014
— in ProzentAbb 4 Nicht-institutionalisierte Beteiligung nach Bildung, Region und Alter 2014 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)