Datenreport 2016

3.5.2016 | Von:
Bernhard Weßels

Bindung an Interessengruppen und politische Parteien


Die Mitgliedschaft in Interessengruppen und politischen Parteien ist ein weiterer Indikator für die Integration der Bürger in den politischen Prozess. Diese Organisationen sind häufig durch gesellschaftliche Selbstorganisation entstanden und dienen dem Zweck der Vertretung gemeinsamer politischer, wirtschaftlicher, sozialer oder kultureller Interessen. Interessengruppen setzen sich auf verschiedene Weise für die Anliegen ihrer Mitglieder ein, zum Beispiel durch das Einwirken auf Parteien, Parlamente, Regierungen und Behörden oder die Öffentlichkeit im Allgemeinen. Politische Parteien sind unmittelbare Akteure des Regierungssystems. Da die Mitgliedschaft freiwillig ist, ist der Grad, zu dem Bürger sich in Interessengruppen und politischen Parteien organisieren, ein zentrales Merkmal der politischen Integration. Anders als die Wahlbeteiligung oder Formen nicht-institutionalisierter Beteiligung, die für den Einzelnen singuläre Ereignisse bleiben können, zeichnen sich Mitgliedschaften in Interessengruppen und politischen Parteien dadurch aus, dass sie in der Regel langfristig sind. Verliert die Mitgliedschaft in Interessengruppen und politischen Parteien für den Einzelnen an Attraktivität, so ist dies zunächst ein Warnsignal für die jeweilige Organisation. Geschieht dies jedoch in großem Umfang, weist es darüber hinaus auf generelle Probleme der Interessenvermittlung in einem politischen Gemeinwesen hin. 


Im internationalen Vergleich zeichnet sich die alte Bundesrepublik durch einen recht hohen Organisationsgrad aus. In Westeuropa sind nur die Bürger der Niederlande und der skandinavischen Länder stärker organisiert. Ein langfristiger Vergleich ist aufgrund von Unterschieden in den Befragungsinstrumenten leider nicht möglich. Eine lange Reihe von Vergleichen von 1986 bis 1998 zeigt, dass der Anteil der Bürger, die Mitglieder in Interessengruppen im engeren Sinne sind, in den alten Bundesländern für diese Zeit relativ konstant bei etwa 30 % liegt. Im selben Zeitraum ist der Anteil der Bevölkerung, der in Freizeitorganisationen, allen voran den Sportvereinen, organisiert ist, von 29 auf 43 % gestiegen. Der Anteil derjenigen, die nur in Freizeitvereinigungen Mitglied sind, hat sich von knapp 16 auf 26 % erhöht. In den neuen Bundesländern liegt 1992 der Anteil derjenigen, die in Interessengruppen organisiert waren, noch 9 Prozentpunkte über dem Anteil in Westdeutschland, der Anteil der Mitglieder in Freizeitvereinigungen dagegen 26 Prozentpunkte unter dem westdeutschen Durchschnitt. Bezogen auf die Mitgliedschaft in Interessengruppen hat es in Ostdeutschland eine dramatische Entwicklung gegeben, die vor allem zulasten der Gewerkschaften gegangen ist. Zwischen 1992 und 1998 ist der Prozentsatz derjenigen, die in Interessengruppen organisiert sind, von knapp 40 auf 25 % zurückgegangen. Im Freizeitbereich lässt sich in Ostdeutschland eine kleine Steigerung der Mitgliederanteile um 3 Prozentpunkte feststellen. Relativ gesehen haben sich also politikbezogene und freizeitbezogene Mitgliedschaften auseinanderentwickelt. Interessengruppen konnten an dem generellen Aufwärtstrend der Mitgliedschaften nicht teilhaben. 


Jüngere Daten für 2010 und 2014, die aufgrund unterschiedlicher Erhebungsverfahren nicht mit früheren Daten vergleichbar sind, erlauben keine Schlussfolgerungen über die Mitgliederentwicklung. Es liegt aber nahe zu vermuten, dass die Mitgliedschaft in Interessengruppen weiter zurückgegangen ist. Der Anteil nicht-aktiver Mitgliedschaften liegt 2014 deutlich niedriger als 2010.
Tab 1 Mitgliedschaft in Organisationen 2010 und 2014 — in ProzentTab 1 Mitgliedschaft in Organisationen 2010 und 2014 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Regionale Unterschiede zwischen Ost und West sind eher zu vernachlässigen. Auch existieren kaum Unterschiede zwischen dem Durchschnitt der Bürger und den Jüngeren in Bezug auf Mitgliedschaftsanteile, ob inaktiv oder aktiv, bei den Organisationen ohne Gewerkschaften und politischen Parteien. Das lässt sich jedoch nicht in Bezug auf Hochschulabsolventen sagen. Hier ergeben sich deutlich höhere Anteile für Akademiker als für den Bevölkerungsdurchschnitt. Auch bezogen auf Organisationsmitgliedschaften verteilt sich die Teilhabe ungleich zugunsten der besser Gebildeten.


Die langfristige Entwicklung der Mitgliedschaften der Bürger in Deutschland lässt sich aufgrund veränderter Frageformate in den ALLBUS-Studien leider nicht über alle Organisationsbereiche hinweg beurteilen. Allerdings ist eine solche Beurteilung hinsichtlich der Gewerkschaftsmitgliedschaften möglich. Der massive Rückgang von Gewerkschaftsmitgliedern hat sich in den Jahren 1992 bis 1998 zwar deutlich abgeschwächt, setzt sich aber bis etwa 2008 fort. Seitdem scheint sich der gewerkschaftliche Organisationsgrad der erwachsenen Bevölkerung auf gleichem Niveau mit leichten Schwankungen zu halten. Die am Anfang der 1990er-Jahre noch stark ausgeprägten Unterschiede zwischen Ost und West im durchschnittlichen Organisationsgrad sind fast verschwunden. Auch die deutliche Kluft zwischen der jüngeren Bevölkerung der 18- bis 29-Jährigen und dem Durchschnitt, die in Westdeutschland besonders deutlich 2004 und in Ostdeutschland besonders 2008 zu beobachten war, ist geringer geworden. Bildungsunterschiede im gewerkschaftlichen Organisationsgrad fallen im Unterschied zu politischem Interesse, politischer Beteiligung und anderen Mitgliedschaften zugunsten von Bürgern ohne Hochschulabschluss aus. Akademiker waren 2014 lediglich zu knapp 10 % gewerkschaftlich organisiert, also etwas weniger als der Durchschnitt. Bei den Gewerkschaftsmitgliedschaften ergeben sich damit zwar keine regionalen, sozialen oder demografischen Ungleichheiten mehr. Die Integrationskraft hat aber dennoch stark nachgelassen, weil insgesamt nur noch ein relativ kleiner Teil der deutschen Bevölkerung in Gewerkschaften organisiert ist.
Abb 5 Gewerkschaftsmitgliedschaft 1980–2014 — in ProzentAbb 5 Gewerkschaftsmitgliedschaft 1980–2014 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Die Mitgliedschaft in politischen Parteien verzeichnet sogar eine noch dramatischere Entwicklung. Die starken Mitgliederrückgänge bei den Gewerkschaften seit der Vereinigung fallen – relativ gesehen zu denen der politischen Parteien – noch moderat aus. Anhand der von den Parteien berichteten Mitgliederzahlen lässt sich nachvollziehen, dass die politischen Parteien innerhalb von zweieinhalb Jahrzehnten etwa eine Million und damit etwa 40 % ihrer Mitglieder verloren haben. 1990 waren noch 3,8 % der Wahlberechtigten in politischen Parteien organisiert, 2014 waren es nur noch 2 %.
Abb 6 Parteimitgliedschaft im Zeitverlauf 1990 – 2014Abb 6 Parteimitgliedschaft im Zeitverlauf 1990 – 2014 Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Nimmt man alle Interessenorganisationen einschließlich der Gewerkschaften und politischen Parteien zusammen, sind das drastische Entwicklungen, die die Frage aufwerfen, ob und inwieweit primär auf die politische Interessenvertretung und -vermittlung ausgerichtete Organisationen zukünftig noch in der Lage sein werden, ihren Beitrag zur politischen Willensbildung und politischen Integration zu leisten.