Datenreport 2016

3.5.2016 | Von:
Michael Blohm, Jessica Walter

Traditionelle und egalitäre Einstellungen zur Rolle der Frau im Zeitverlauf


Hinsichtlich der Einstellungen zur Rolle der Frau können mit den Daten der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS) zwei theoretisch bedeutsame Dimensionen unterschieden werden: die Vorstellungen zur Rollenverteilung zwischen Mann und Frau und die Einstellungen zu den Konsequenzen der Frauenerwerbstätigkeit. Erstere bezieht sich auf Vorstellungen über die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung hinsichtlich der Erwerbsarbeit sowie auf Vorstellungen über den Stellenwert der Berufstätigkeit der Frau. Letztere betrifft die Einstellungen zu den Konsequenzen, die sich aus der Berufstätigkeit von Frauen insbesondere für die Erziehung und die Entwicklung der Kinder ergeben können.
Traditionelle und egalitäre Einstellungen zur Rolle der FrauTraditionelle und egalitäre Einstellungen zur Rolle der Frau Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Die vorliegende Analyse unterscheidet zwischen einem "traditionellen" und einem "egalitären" Verständnis der Frauenrolle. Ein "traditionelles" Rollenverständnis geht davon aus, dass die Frau primär zu Hause bleiben und sich um die Erziehung der Kinder und um den Haushalt kümmern soll, während der Mann für die Erwerbstätigkeit zuständig ist; die berufliche Karriere der Frau hat demnach einen geringen Stellenwert. In einem "egalitären" Rollenverständnis hingegen wird nicht nach den Geschlechtern differenziert, vielmehr wird eine Rollenangleichung von Mann und Frau befürwortet. Bei der Interpretation der Geschlechterrollen-Vorstellung ist zu berücksichtigen, dass einer Erwerbsbeteiligung von Frauen nicht nur im Sinne einer Gleichstellung der Geschlechter, sondern auch aus ökonomischen Gründen zugestimmt werden kann. Werden die Konsequenzen der Erwerbstätigkeit der Frau für deren Kinder als positiv beziehungsweise als nicht negativ eingeschätzt, so werden diese Einstellungen als "egalitär" gewertet. Wird die Erwerbstätigkeit von Frauen hingegen als hinderlich für die Entwicklung der Kinder betrachtet, so gelten diese Einstellungen als "traditionell".


Den Tabellen 1 und 2 ist zu entnehmen, dass der Anteil von – in diesem Sinne – egalitären Einstellungen über die Jahre in West- und Ostdeutschland zugenommen hat. Für die Einstellungen zur Rollenverteilung zwischen Mann und Frau war für beide Landesteile, nach nur geringen Veränderungen in den 1990er- Jahren, zwischen 2000 und 2004 eine verstärkte Zunahme egalitärer Einstellungen festzustellen. Dieser Trend war in Westdeutschland bis 2012 zu verzeichnen. Im Jahr 2012 vertraten über drei Viertel der westdeutschen Bevölkerung eine egalitäre Einstellung, 1991 war es nur etwas über die Hälfte. In Ostdeutschland schwächte sich diese Entwicklung allerdings ab. Für das Jahr 2012 wurden mit 86 % vergleichbare Zustimmungswerte zu egalitären Einstellungen gemessen wie schon im Jahr 2004. Auch die Einschätzungen der Konsequenzen der Erwerbstätigkeit der Frau folgten einer ähnlichen Entwicklung. Die Einstellungen wurden insgesamt in West und Ost egalitärer. Im Westen hielt dieser Trend bis 2012 an; auch diesbezüglich waren nunmehr knapp drei Viertel der Westdeutschen egalitär eingestellt. In Ostdeutschland hingegen wurden 2012 keine egalitäreren Einstellungen gemessen als im Jahr 2008. Insgesamt äußerten sich die Ostdeutschen im Hinblick auf die Vorstellungen zur Rollenverteilung zwischen Mann und Frau und die Konsequenzen der Berufstätigkeit der Frau deutlich egalitärer als die Westdeutschen, wobei diese Unterschiede bei der Einschätzung der Konsequenzen der Berufstätigkeit der Frau größer waren als bei den Aussagen zur Rollenverteilung. Dieser Befund ist sehr wahrscheinlich auf die unterschiedlichen sozialen und ökonomischen Kontextbedingungen zurückzuführen, die in den neuen Bundesländern eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit ermöglichen beziehungsweise notwendig machen.
Tab 2 Konsequenzen der Erwerbstätigkeit der Frau 1982 – 2012 — in ProzentTab 2 Konsequenzen der Erwerbstätigkeit der Frau 1982 – 2012 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Tab 1 Vorstellungen zur Rollenverteilung zwischen Mann und Frau 1982 – 2012 — in ProzentTab 1 Vorstellungen zur Rollenverteilung zwischen Mann und Frau 1982 – 2012 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Interessant ist, dass sich die Einstellungen in beiden Dimensionen über die Jahre zwischen West- und Ostdeutschland nicht angeglichen haben, obwohl dies nach den sozialpolitischen und ideologischen Änderungen insbesondere in Ostdeutschland nach der deutschen Vereinigung von vielen erwartet wurde. Vielmehr haben sich die Unterschiede in den Vorstellungen zur Rollenverteilung zwischen Mann und Frau seit den frühen 1990er-Jahren zwischen West und Ost teilweise sogar vergrößert. Erst zwischen 2008 und 2012 haben sich die Einstellungen zwischen West- und Ostdeutschland angenähert und der Unterschied war 2012 für den gesamten Beobachtungszeitraum am geringsten. Zwar haben sich die Einstellungen der West- und Ostdeutschen bezüglich der Konsequenzen der Erwerbstätigkeit der Frau angenähert, aber nicht angeglichen. Diese Annäherung spiegelt wider, dass sich die Erwerbsquoten der Frauen in West und Ost im Trend annähern und sich zugleich die Zahl der Kinderbetreuungsmöglichkeiten in Westdeutschland vergrößert, aber im Vergleich zu Ostdeutschland immer noch deutlich niedriger ist.


Männer und Frauen unterschieden sich kaum im Hinblick auf die Vorstellungen zur Rollenverteilung zwischen Mann und Frau, wobei Frauen sich geringfügig egalitärer äußerten als Männer; dies galt für West- und Ostdeutschland. Frauen schätzten auch in beiden Landesteilen die Konsequenzen der Erwerbstätigkeit von Frauen für die Kinder weniger negativ ein als die Männer. Dieser Unterschied war im Westen deutlich größer als im Osten. Auch diese Beobachtung kann mit der Erfahrung ostdeutscher Familien mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf erklärt werden: In Ostdeutschland konnten und können mehr Männer die Erfahrung machen, dass sich die Erwerbstätigkeit der Frau nicht negativ auf die Entwicklung der Kinder auswirkt. Zwischen 1991 und 2012 haben sich die Unterschiede in den Einstellungen der Geschlechter bezüglich der Konsequenzen der Erwerbstätigkeit der Frau in Westdeutschland vergrößert – in Ostdeutschland dagegen tendenziell verringert, da die egalitären Einstellungen der Männer stärker zugenommen haben als die der Frauen. 


Einen großen Einfluss auf die Einstellungen zur Rolle der Frau im Erwerbsleben hatte das Alter der Befragten. Im Großen und Ganzen waren jüngere Menschen egalitärer eingestellt als ältere. Dies galt für beide untersuchten Dimensionen und traf auf West- und Ostdeutschland gleichermaßen zu. Eine Ausnahme bildete die Einstellung zu den Konsequenzen der Erwerbstätigkeit. Hier waren die jüngsten Befragten in Ostdeutschland weniger egalitär eingestellt als ältere Befragte.


Aus Tabelle 1 ist ersichtlich, dass sich in Ostdeutschland die Einstellungen der unterschiedlichen Altersgruppen zur traditionellen Rollenverteilung zwischen 1991 und 2012 angenähert haben. Betrug die Differenz bei der Zustimmung 1991 noch 49 Prozentpunkte zwischen der Gruppe der 18- bis 30-Jährigen und den über 65-Jährigen, so hat sich diese bis 2012 auf 19 Prozentpunkte verringert. Im Gegensatz dazu haben sich die Einstellungen der einzelnen Altersgruppen im Westen für den Zeitraum 1982 bis 2012 kaum angenähert, sondern waren – mit Ausnahme von 1996 – relativ stabil. Eine Trendwende hin zu eher traditionellen Vorstellungen, die sich bei den 18- bis 30-Jährigen in West- und Ostdeutschland zwischen 1996 und 2000 angedeutet hatte, konnte nicht weiter festgestellt werden, da der Anteil egalitärer Einstellungen 2004 und 2008 wieder zugenommen hat beziehungsweise in Ostdeutschland konstant geblieben ist. Der Trend zu egalitären Werten bei den älteren Generationen war dagegen im Westen über die Zeit ungebrochen. Im Osten ließ sich ab 2008 eine Abnahme egalitärerer Einstellung feststellen.


Die Unterschiede zwischen den Altersgruppen im Westen und im Osten in Bezug auf die Einschätzung der Konsequenzen der Erwerbstätigkeit der Frau sind über die Zeit relativ stabil geblieben. Im Osten fanden sich dabei nur geringe Unterschiede zwischen den Altersgruppen, während im Westen die jüngeren Gruppen deutlich seltener als die älteren negative Konsequenzen für die Erziehung der Kinder erwarteten, wenn die Frau erwerbstätig ist.