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Datenreport 2018

14.11.2018 | Von:
Oliver Bruttel, Ralf Himmelreicher

Steigende Stundenlöhne im unteren Lohnbereich

Häufig wird zwischen Mindest- und Niedriglohn unterschieden (siehe Kapitel 5.2.2). Der Mindestlohn ist eine gesetzlich festgelegte Lohnuntergrenze. Die Niedriglohnschwelle wird hingegen relativ zu anderen Löhnen definiert, nämlich als zwei Drittel des Medianlohns. Der Medianlohn ist dabei der Lohn, der sich genau in der Mitte der betrachteten und nach Größe sortierten Löhne befindet, weshalb er häufig auch als mittlerer Lohn bezeichnet wird – eine Hälfte der Beschäftigten verdient weniger, die andere Hälfte mehr als den Medianlohn. Die Niedriglohnschwelle liegt derzeit, je nach Datenbasis, bei rund 10 Euro pro Stunde.

Geringe Stundenverdienste, egal ob im Mindest- oder im Niedriglohnbereich, sind überdurchschnittlich häufig in Ostdeutschland, bei geringfügig Beschäftigten ("Minijobs"), un- oder angelernten Beschäftigten, Frauen sowie Beschäftigten in kleineren sowie nicht tarifgebundenen Unternehmen anzutreffen. Zudem gibt es bestimmte Branchen, in denen niedrige Löhne besonders häufig verbreitet sind. Im Jahr 2014, vor Einführung des gesetzlichen Mindestlohns, wiesen vor allem folgende Branchen hohe Anteile von Stundenlöhnen auf, die unterhalb von 8,50 Euro lagen: das Taxigewerbe, in dem rund 70 % der Beschäftigten weniger als 8,50 Euro erhielten, das Gastronomiegewerbe (52 %), Friseur- und Kosmetiksalons (44 %), die Landwirtschaft (36 %), das Beherbergungsgewerbe (33 %), private Wach- und Sicherheitsdienste (32 %), Call Center (30 %) sowie der Einzelhandel (22 %).

Seit der Einführung des Mindestlohns stiegen die Stundenlöhne von Beschäftigten, die zuvor unter 8,50 Euro pro Stunde verdienten, deutlich an. Dies wird besonders deutlich, wenn man innerhalb der vom Mindestlohn hoch betroffenen Branchen Männer und Frauen sowie verschiedene Qualifikationsgruppen getrennt betrachtet. Bei An- und vor allem Ungelernten waren für das Jahr 2015 weit überdurchschnittliche Lohnsteigerungen erkennbar. In Ostdeutschland stieg der Bruttostundenverdienst von ungelernten Männern im Jahr 2015 um 13,5 %, von ungelernten Frauen um 12,6 %. Für angelernte Männer und Frauen waren es 9,4 % beziehungsweise 9,9 %. Auch in Westdeutschland stiegen bei an- und ungelernten Arbeitskräften in den vom Mindestlohn hoch betroffenen Branchen die Löhne überdurchschnittlich an, wenngleich auf deutlich niedrigerem Niveau. Bei ungelernten Männern waren es im Jahr 2015 4,0 %, bei ungelernten Frauen 4,2 %; bei angelernten Männern und Frauen jeweils 2,6 %. Nach Anpassung des Mindestlohns zum Januar 2017 verzeichneten in den vom Mindestlohn hoch betroffenen Branchen vor allem ungelernte Frauen und Männer in Ostdeutschland mit etwa 5 % im Vergleich zu den anderen Leistungsgruppen stärkere Erhöhungen ihrer Stundenverdienste.
Abb 1 Veränderung der Stundenlöhne gegenüber dem Vorjahr in 
vom Mindestlohn hoch betroffenen Branchen 2014–2017 — in ProzentAbb 1 Veränderung der Stundenlöhne gegenüber dem Vorjahr in vom Mindestlohn hoch betroffenen Branchen 2014–2017 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Geringfügig Beschäftigte sind eine weitere Gruppe, die vor der Einführung des Mindestlohns besonders häufig Stundenlöhne unterhalb von 8,50 Euro aufwiesen. Auch in dieser Gruppe stiegen die Löhne in den letzten Jahren deutlich an. Erneut zeigen sich die mit der Einführung des Mindestlohns verbundenen Veränderungen vor allem in Ostdeutschland (ohne Berlin). Dort stiegen, berechnet als Mittelwert der einzelnen Quartale, die durchschnittlichen Bruttomonatslöhne von geringfügig Beschäftigten im Jahr 2014 – im Vorfeld der Mindestlohneinführung – um 13 %, im Jahr 2015 um 16 % und im Jahr 2016 um 11 %, während die Lohnsteigerung von Voll- und Teilzeitbeschäftigten in dieser Zeit rund 3 % pro Jahr betrug. Zu Beginn des Jahres 2017 näherte sich die Verdienstentwicklung geringfügig Beschäftigter der Entwicklung bei Voll- und Teilzeitbeschäftigten an. In Westdeutschland (einschließlich Berlin) stiegen die Verdienste geringfügig Beschäftigter in den Jahren 2013 bis 2016 ebenfalls etwas stärker als die von Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigten, im Vergleich zu Ostdeutschland war dieser Anstieg jedoch deutlich schwächer ausgeprägt. Der augenfällig starke Anstieg im Jahr 2013 dürfte in Zusammenhang mit der Anhebung der Geringfügigkeitsgrenze von 400 auf 450 Euro stehen. Im Jahr 2015 stiegen die Bruttomonatslöhne von geringfügig Beschäftigten in Westdeutschland um 3,8 %, im Jahr 2016 um 3,7 %. Vollzeitbeschäftigte erhielten im gleichen Zeitraum Verdienststeigerungen von 2,3 % beziehungsweise 2,2 %, Teilzeitbeschäftigte von 2,7 % beziehungsweise 3,0 %.
Abb 2 Veränderung der Monatslöhne gegenüber dem Vorjahresquartal 
nach Beschäftigungsform 2011–2017 — in ProzentAbb 2 Veränderung der Monatslöhne gegenüber dem Vorjahresquartal nach Beschäftigungsform 2011–2017 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)



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