Datenreport 2018

14.11.2018 | Von:
Claire Grobecker, Elle Krack-Roberg, Olga Pötzsch, Bettina Sommer

Auswirkungen des demografischen Wandels

Ein Vergleich des Altersaufbaus der Bevölkerung im Jahr 2016 und im Jahr der deutschen Vereinigung 1990 zeigt anschaulich, dass sich Deutschland bereits mitten im demografischen Wandel befindet. Zwischen 1990 und 2011 hat die Zahl der Geborenen fast stetig abgenommen. Seit 2012 nahmen die Geburten zwar etwas zu, die jüngeren Jahrgänge sind aber immer noch relativ gering besetzt. Die stark besetzten Jahrgänge der 1950er- und 1960er-Jahre sind in das höhere Erwerbsalter gekommen. Die Anzahl der ab 70-Jährigen ist von 8,1 Millionen auf 12,9 Millionen Personen gestiegen. Das Medianalter – also das Alter, das die Bevölkerung in eine jüngere und eine ältere Hälfte teilt – hat sich infolgedessen um acht Jahre von 37 auf 45 Jahre erhöht. Gleichzeitig ist die "Bevölkerungspyramide" symmetrischer geworden. Insbesondere bei den oberen Altersklassen macht sich bemerkbar, dass mittlerweile nicht nur Frauen, sondern auch Männer ein höheres Lebensalter erreichen. Der aktuelle Altersaufbau wird für die künftige Bevölkerungsentwicklung – trotz Zuwanderung und Geburtenanstieg der letzten Jahre – große Herausforderungen für Wirtschaft und soziale Sicherungssysteme mit sich bringen.

Eine Vorstellung darüber, wie sich die Bevölkerung künftig entwickeln wird, kann mithilfe von Bevölkerungsvorausberechnungen gewonnen werden.

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Info 7

Bevölkerungsvorausberechnung

Die langfristigen Bevölkerungsvorausberechnungen zeigen, wie sich Bevölkerungszahl und -struktur unter bestimmten Annahmen zum Geburtenverhalten, zur Sterblichkeit und zu den Wanderungen entwickeln werden. Sie liefern somit "Wenn-dann-Aussagen" und helfen, den Einfluss der demografischen Prozesse auf die Bevölkerungsdynamik zu verstehen.

Da sich demografische Prozesse nur sehr allmählich vollziehen, entfaltet sich das volle Ausmaß ihres Einflusses erst nach mehreren Jahrzehnten. Deshalb kann eine Bevölkerungsvorausberechnung nur dann ihren Zweck erfüllen, wenn sie entsprechend lange Zeiträume umfasst. Um neuere Entwicklungen zu berücksichtigen, aktualisieren die statistischen Ämter ihre Bevölkerungsvorausberechnungen regelmäßig.

In der Regel werden mehrere Varianten der künftigen Entwicklung berechnet. Damit werden einerseits unterschiedliche Tendenzen in den demografischen Prozessen berücksichtigt und andererseits Unsicherheiten der Zukunftsannahmen verdeutlicht.

Eine ausführliche Darstellung der Annahmen und Ergebnisse der 13. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung sowie der auf Basis des Jahres 2015 aktualisierten Rechnung (Variante 2A "Kontinuierliche Entwicklung bei stärkerer Zuwanderung") ist unter www.destatis.de abrufbar. Die Veränderungen im Altersaufbau der Bevölkerung werden anhand der animierten Bevölkerungspyramiden veranschaulicht. Die interaktive Anwendung bietet auch die Möglichkeit, die Veränderungen gleichzeitig in drei verschiedenen Bundesländern zu verfolgen.

Die 14. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung ist für 2019 geplant.
Eine aktualisierte Variante der 13. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung geht vom Bevölkerungsstand am Ende des Jahres 2015 aus und nimmt auch eine kontinuierliche demografische Entwicklung an. Im Einzelnen beruht sie auf den folgenden Hypothesen:

  • zusammengefasste Geburtenziffer von 1,5 Kindern je Frau bei einem steigenden durchschnittlichen Alter der Frau bei der Geburt des ersten Kindes,
  • Zunahme der Lebenserwartung um 6,5 Jahre bei Männern beziehungsweise 5,5 Jahre bei Frauen,
  • Abflachen der anfangs sehr hohen jährlichen Nettozuwanderung von 750.000 Personen auf 200.000 Personen innerhalb von fünf Jahren bis zum Jahr 2021; Wanderungssaldo anschließend bei 200.000 Personen pro Jahr.
Trotz einer verbesserten Ausgangslage, die durch den bereits vorangeschrittenen demografischen Wandel, eine starke Nettozuwanderung und gestiegene Geburtenzahlen bedingt ist, ist ein Bevölkerungsrückgang in Deutschland auf lange Sicht kaum zu vermeiden. Die wesentliche Ursache des Bevölkerungsrückgangs – weniger Neugeborene als Sterbefälle – besteht weiter fort und wird sich langfristig noch stärker als in der Vergangenheit auswirken.

Die Zahl der Geborenen wird voraussichtlich bis zum Jahr 2020 stabil bleiben. Dafür sorgt eine derzeit günstige Altersstruktur in Bezug auf potenzielle Mütter: Die relativ gut besetzten 1980er-Jahrgänge (Kinder der sogenannten Babyboom-Generation) sind noch einige Jahre im Alter von Mitte 20 bis Mitte 30, in dem die Geburtenhäufigkeit besonders hoch ist. Anschließend wird aber die Zahl der potenziellen Mütter deutlich sinken, da die schwach besetzten Jahrgänge der 1990er-Jahre dieses wichtige gebärfähige Alter erreichen werden. Die Zahl der Geborenen wird dadurch auch bei einer stabilen Geburtenziffer zurückgehen und im Jahr 2060 voraussichtlich gut 600.000 betragen.

Die Zahl der Sterbefälle wird dagegen steigen, da die geburtenstarken Jahrgänge, die heute im mittleren Alter sind, im Vorausberechnungszeitraum in das hohe Alter aufrücken, in dem die Sterblichkeit natürlicherweise größer ist. Diesem Effekt der aktuellen Altersstruktur steht die zunehmende Lebenserwartung der Bevölkerung gegenüber. Sie verlangsamt den Anstieg der Sterbefälle. Die Zahl der Gestorbenen wird demnach von 925.000 im Jahr 2015 auf fast 1,1 Millionen Personen Anfang der 2050er-Jahre steigen und anschließend bis zum Jahr 2060 auf etwa 1,05 Millionen Personen sinken.

Das Geburtendefizit wird sich infolge dieser Entwicklung der Geburten und Sterbefälle erheblich vergrößern. Im Jahr 2015 betrug es 188.000 Personen. Es wird sich bis 2060 auf gut 400.000 Personen mehr als verdoppeln. Die Nettozuwanderung wird diese immer stärker aufklaffende Lücke auf Dauer kaum schließen können und die Bevölkerungszahl wird ab den 2030er-Jahren spürbar sinken.

Die Relation zwischen Alt und Jung wird sich stark verändern. Ende 2015 waren noch 18 % der Bevölkerung jünger als 20 Jahre und auf die 65-Jährigen und Älteren entfielen 21 %. Die Personen im sogenannten Erwerbsalter (hier von 20 bis 64 Jahre, siehe Info 3) stellten 61 % der Bevölkerung. Im Jahr 2060 werden dagegen 17 % unter 20 Jahre alt sein und 31 % 65 Jahre oder älter. Im Erwerbsalter wird sich dann nur etwa die Hälfte der Bevölkerung (52 %) befinden.

Die Gesamtzahl der unter 20-Jährigen war im Ausgangsjahr 2015 mit 15,1 Millionen Kindern und Jugendlichen nahezu um 2,6 Millionen geringer als noch vor 20 Jahren (1995: 17,6 Millionen Personen). Sie wird bis zum Jahr 2060 bei einer kontinuierlichen demografischen Entwicklung auf 13,2 Millionen sinken. Die Anzahl der Kinder unter 6 Jahren wird von der Geburtenentwicklung bestimmt. Sie wird von 4,3 Millionen Kindern im Jahr 2015 bis Anfang der 2020er-Jahre voraussichtlich auf 4,6 Millionen zunehmen und dann allmählich bis 2040 auf 3,9 Millionen Kinder abnehmen und anschließend relativ stabil bleiben. Die Anzahl der 6- bis 17-Jährigen wird von 9 Millionen im Jahr 2015 bis Anfang der 2030er-Jahre um etwa 400.000 junge Menschen steigen und anschließend bis 2050 auf 8 Millionen sinken.

Die Bevölkerungszahl im erwerbsfähigen Alter (hier: von 20 bis 64 Jahren) wird in den nächsten Jahrzehnten voraussichtlich fast kontinuierlich abnehmen. Denn die stark besetzten Jahrgänge der Babyboomer, die derzeit die ältere Hälfte der Bevölkerung im Erwerbsalter stellen, werden in den kommenden zwei Jahrzehnten schrittweise aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Ihnen folgen dann die deutlich geringer besetzten Geburtsjahrgänge der 1970er- und 1980er-Jahre. Im Jahr 2015 waren 49,8 Millionen Menschen im Alter zwischen 20 und 64 Jahren. Ihre Zahl wird demnach ab 2020 deutlich zurückgehen und 2035 etwa 44 Millionen Personen betragen. Im Jahr 2060 werden dann etwa 40 Millionen Menschen im Erwerbsalter sein (– 20 %). Wird das Erwerbsalter mit 67 statt mit 65 Jahren abgegrenzt, so werden 2035 noch etwa 46 Millionen Personen und 2060 noch knapp 42 Millionen Personen dazugehören. Das wären 2060 dann rund 2 Millionen Personen mehr als bei der Altersgrenze 65 Jahre.

Die Anzahl der ab 65-Jährigen wird besonders deutlich in den kommenden Jahrzehnten bis zum Jahr 2036 wachsen. Bei einer kontinuierlichen demografischen Entwicklung entsprechend den getroffenen Annahmen wird sie 2037 gut 23,5 Millionen Personen betragen und damit um etwa 36 % höher sein als im Jahr 2015 (17,3 Millionen Personen). Zwischen 2036 und 2060 wird diese Altersgruppe – trotz einer voraussichtlich sinkenden Zahl der Gesamtbevölkerung – fast unverändert bleiben.

Die Entwicklungen bei den 65- bis 79-Jährigen und bei den ab 80-Jährigen unterscheiden sich indessen deutlich. Die jüngere Seniorengruppe wird vor allem zwischen 2025 und 2035 deutlich wachsen, bis die stark besetzten Jahrgänge allmählich ins höhere Alter wechseln. Die Zahl der Hochbetagten – also der ab 80-Jährigen – wird dagegen fast kontinuierlich bis 2050 zunehmen. Um 2050 wird sie ihr Höchstniveau mit knapp 10 Millionen Personen erreichen. Dann wird sie mehr als doppelt so groß sein wie im Jahr 2015 (4,7 Millionen Menschen).

Der Bevölkerung im Erwerbsalter werden künftig immer mehr Senioren gegenüberstehen. Im Jahr 2015 entfielen auf 100 Personen im Erwerbsalter (20 bis 64 Jahre) 35 Ältere (65 oder mehr Jahre). Im Jahr 2060 werden es bei einer kontinuierlichen demografischen Entwicklung 60 ältere Menschen sein.

Eine Heraufsetzung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre bedeutet weniger Menschen im Renten- und mehr im Erwerbsalter, das dann von 20 bis 66 Jahren reicht. Die Anhebung führt damit zu einem niedrigeren Altenquotienten im Jahr 2060 von 52.

Der Jugendquotient (siehe Info 3) wird im Vorausberechnungszeitraum zwischen 29 und 32 liegen.

Der Gesamtquotient – als Summe des Jugend- und Altenquotienten – wird unter Voraussetzung einer stabilen Geburtenrate von der Entwicklung des Altenquotienten dominiert. Unter den getroffenen Annahmen wird er von 65 im Jahr 2015 bis zum Jahr 2036 auf 87 steigen, sich danach bis Mitte der 2040er-Jahre stabilisieren und anschließend bis zum Jahr 2060 auf 93 klettern.

Die 13. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung zeigt, dass die Alterung der Bevölkerung in den nächsten Jahrzehnten unabwendbar ist. Die aktuelle Altersstruktur führt dazu, dass ab Mitte der 2020er-Jahre immer mehr Menschen im Rentenalter verhältnismäßig schwach besetzten Jahrgängen im Erwerbsalter gegenüberstehen. Im Jahr 2030 werden die Angehörigen des Jahrgangs 1964, des geburtenstärksten Jahrgangs der Nachkriegszeit, 66 Jahre alt. Von diesen Veränderungen werden viele Lebensbereiche betroffen sein. Sie werden nicht erst in 50 Jahren spürbar sein, sondern auch schon in den nächsten zwei Jahrzehnten eine große Herausforderung darstellen.


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