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Datenreport 2018

Demografischer Wandel: Lebenserwartung, Hochaltrigkeit und Sterblichkeit

Demografischer Wandel ist auch in Deutschland mit der Alterung und Schrumpfung der Bevölkerung verbunden. Beide Entwicklungen werden hauptsächlich durch das anhaltend niedrige Fertilitätsniveau (etwa 1,4 Kinder je Frau) verursacht (siehe Kapitel 1.1.2). Seit etwa 40 Jahren wird die Elterngeneration nur zu zwei Dritteln durch Geburten ersetzt. Somit verschiebt sich die Altersstruktur der Bevölkerung in das höhere Alter. Eine weitere Ursache der Alterung der Bevölkerung ist die Lebensverlängerung durch ein höheres Sterbealter. Die Zunahme der Lebenserwartung und die Zunahme von Hochaltrigen, das heißt Menschen im Alter ab 80 Jahren, in der Bevölkerung ist das Thema des folgenden Beitrages.

Die Lebenserwartung ist ein demografischer Indikator, der die Sterblichkeit mithilfe von Sterbetafeln bewertet. Mit der Sterbetafel werden die kumulative Wirkung der Einflüsse der Vergangenheit und die aktuelle Wirkung der Sterblichkeit auf die Lebenserwartung abgebildet.

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Info 1

Sterbetafel

Die Sterbetafel zeigt die Altersverläufe der Sterblichkeit in einer Modellbevölkerung, die nicht mehr von der realen Altersstruktur der Bevölkerung abhängig ist (Standardisierung). Mit der Sterbetafel werden standardisierte Alterungsmaße berechnet (zum Beispiel mittlere Lebenserwartung, normale Lebensdauer, wahrscheinliche Lebensdauer).

Das Rechenprinzip: Ein Anfangsbestand von 100.000 Personen wird der altersspezifischen Sterblichkeit der realen Bevölkerung ausgesetzt. Für jedes Altersjahr werden die Gestorbenen durch Multiplikation der Sterbewahrscheinlichkeiten (der realen Bevölkerung) mit dem Anfangsbestand berechnet. Die jeweils überlebenden Personen sind der Anfangsbestand des nächsten Altersjahres. Daraus ergibt sich die Altersverteilung der Überlebenden, der Gestorbenen und der verlebten Zeit. Mit steigendem Alter verringert sich die Zahl der Überlebenden, bis der gesamte Anfangsbestand gestorben ist.

Beziehen sich die Sterbewahrscheinlichkeiten auf ein Kalenderjahr (oder mehrere Jahre), spricht man von einer Periodensterbetafel (Querschnitt); beziehen sie sich auf Geburtsjahrgänge, spricht man von einer Generationen- oder Kohortensterbetafel (Längsschnitt).

Während die Beobachtung der Sterblichkeit der Periodensterbetafel sich auf den Querschnitt bezieht, hat die Kohortensterbetafel einen Beobachtungszeitraum von über 100 Jahren. Nicht vollständig beobachtete Geburtsjahrgänge werden durch Modellrechnungen und Annahmen ergänzt. Eine vollständige Generationensterbetafel liegt erst vor, wenn der gesamte Geburtsjahrgang tatsächlich verstorben ist.

In den letzten 100 Jahren hat sich die Lebenserwartung in Deutschland verdoppelt; in den letzten 50 Kalenderjahren gab es eine Zunahme von elf Lebensjahren. Die Veränderung der Sterblichkeit ist das Resultat eines verbesserten Lebensniveaus und des medizinischen Fortschrittes. Die allmähliche Angleichung der Lebensbedingungen zwischen Ost- und Westdeutschland bildet sich auch in der Angleichung der Lebenserwartung ab. Frauen aller Altersgruppen und Männer im Alter über 60 Jahre haben von den Veränderungen nach der Wende am stärksten profitieren können.

Die wesentlichen Gründe für die Steigerung der Lebenserwartung sind bessere Ernährung, gesündere Wohnsituationen, Verbesserung der sozialen Sicherheit und der medizinischen Versorgung. Trotz der relativ einheitlichen Trends im internationalen Vergleich gibt es Niveauunterschiede zu verschiedenen Zeitpunkten. Es zeigt sich, dass die Lebensdauer auch fallen kann, wenn sich die Lebensbedingungen verschlechtern. Es gibt keine Garantie für langes Leben. Die individuelle Lebensspanne ist das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels individueller Faktoren, zum Beispiel die genetische Disposition, die aktuelle Lebens- und Verhaltensweise oder die allgemeine Lebens- und Umweltbedingungen. Es gibt Hinweise, dass Bildung eine wesentliche Rolle spielt. Menschen mit einem hohen Bildungsniveau haben größere Chancen, bessere Lebensbedingungen und ein höheres Alter bei besserer Gesundheit zu erreichen (siehe Kapitel 10.3). Es ist auch bekannt, dass Frauen eine höhere Lebenserwartung haben als Männer. Dieser Sachverhalt führt zu einem höheren Anteil von Frauen im hohen Alter in Deutschland. Im Alter von 80 Jahren und älter kommen auf einen Mann etwa drei Frauen und im Alter von 100 Jahren und älter 7,5 Frauen. Ursache für die unterschiedliche Sterblichkeit sind verschiedene biologische und soziale Risiken im Lebensverlauf.

Die Sterblichkeit unterliegt weltweit einem stetigen Trend, bei dem die "Rekordlebenserwartung" linear ansteigt. Die Sterblichkeit verschiebt sich bei Lebensverlängerung systematisch in höhere Altersgruppen. Dieser Prozess begann bei der Säuglings- und Kindersterblichkeit und setzte sich nach und nach bis in die höheren Altersgruppen fort. Heute ist das Potenzial der weiteren Lebensverlängerung im jungen und mittleren Alter weitgehend ausgeschöpft, sodass die Lebenserwartung nunmehr vor allem durch die verringerte Sterblichkeit im hohen und höchsten Alter steigt. Seit den 1960er-Jahren ist die Zunahme der Bevölkerung im höchsten Alter empirisch sichtbar. Bislang sind für die menschliche Alterung keine biologischen Grenzen erkennbar. Für die zukünftige Entwicklung werden stetige Verläufe vorausgesagt, sodass in 100 Jahren über die Hälfte eines Geburtsjahrganges das Alter von 100 Jahren erreichen könnte.

Autor: Rembrandt Scholz, Berliner Institut für Sozialforschung und Max-Planck-Institut für demografische Forschung, Rostock
Herausgeber: WZB / SOEP

Datenreport: Kapitel 1.3.1

Entwicklung der Lebenserwartung

Der Text stellt die Trends der durchschnittlichen Lebenserwartung bei Geburt in Deutschland nach Geschlecht und Region dar. Bis Mitte der 1960er-Jahre bestanden kaum Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland.

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Datenreport: Kapitel 1.3.2

Verschiebung von Sterblichkeit in das höhere Alter

Der Beitrag stellt die Sterbewahrscheinlichkeiten von Männern ab dem Alter von 50 Jahren aus sogenannten Periodensterbetafeln zu verschiedenen Zeitpunkten für Deutschland (1871 bis 2015) dar, und zusätzlich für die Geburtsjahrgänge 1958 und 2017 die Generationensterbetafel.

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Datenreport: Kapitel 1.3.3

Bevölkerungsvorausberechnungen und zukünftige Entwicklung

In der realen Bevölkerungsentwicklung sind die Prozesse der Alterung nicht deutlich sichtbar, da die einzelnen Geburtsjahrgänge unterschiedlich stark besetzt sind. Die Alterspyramide wird sowohl durch Geburt, Migration und Tod beeinflusst als auch durch Ereignisse wie Kriege und Änderungen des sozialen Systems.

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