Datenreport 2018

14.11.2018 | Von:
Rembrandt Scholz

Verschiebung von Sterblichkeit in das höhere Alter

In Abbildung 2 werden die Sterbewahrscheinlichkeiten von Männern ab dem Alter von 50 Jahren aus sogenannten Periodensterbetafeln zu verschiedenen Zeitpunkten für Deutschland (1871 bis 2015) dargestellt, und zusätzlich für die Geburtsjahrgänge 1958 und 2017 die Generationensterbetafel (Statistisches Bundesamt Variante 2). Mit dieser Darstellung kann man die Sterbeverhältnisse einzelner Altersjahre über den Zeitraum von 1871 bis heute nachzeichnen. Dabei zeigt sich zum Beispiel für das Alter von 60 Jahren, dass sich die Sterbeverhältnisse zwischen 1871 und 2015 um 16 Jahre verschoben haben; bei der Berücksichtigung der erwarteten künftigen Sterblichkeitsreduktion für den Geburtsjahrgang 1958 sind es insgesamt 19 Jahre. Die altersspezifischen Sterbeverhältnisse der 80-Jährigen von 1871 werden von dem Geburtsjahrgang 1958 voraussichtlich im Kalenderjahr 2051 im Alter von 93 Jahren erreicht.
Sterbewahrscheinlichkeiten von Männern nach Alter 1871– 2015 und Modellrechnungen für die Geburtsjahrgänge 1958 und 2017Sterbewahrscheinlichkeiten von Männern nach Alter 1871– 2015 und Modellrechnungen für die Geburtsjahrgänge 1958 und 2017 Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Tabelle 1 fasst die verschiedenen Mittelwerte von Sterbetafelfunktionen zusammen, die geeignet sind, die Sterblichkeit und die Lebensdauer einer Bevölkerung zu beschreiben: die mittlere Lebenserwartung, die wahrscheinliche Lebensdauer und die normale Lebensdauer. Die Parameter der Sterbetafel hängen nicht von der Altersstruktur der Bevölkerung ab. Dies gilt auch für die bereinigte Sterblichkeit, das heißt die Sterblichkeit der Sterbetafelbevölkerung (Gestorbene geteilt durch die mittlere Bevölkerung, gemessen je 1.000 Personen der Bevölkerung).
Kennziffern zur Beschreibung von Lebensverlängerung in Deutschland nach Geschlecht 2013/2015Kennziffern zur Beschreibung von Lebensverlängerung in Deutschland nach Geschlecht 2013/2015 Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Der arithmetische Mittelwert der Gestorbenen nach dem Alter ist die mittlere beziehungsweise durchschnittliche Lebenserwartung. Mit der normalen Lebensdauer ist das Alter gemeint, in dem die meisten Personen des Anfangsbestandes (100.000 Personen) versterben. Die wahrscheinliche Lebensdauer schließlich ist das Alter, bei dem 50 % des Anfangsbestandes verstorben sind. Über 50 % aller Sterbefälle finden heute im Alter ab 81,3 Jahren für Männer und 86 Jahren für Frauen statt. Die letztgenannte Kennziffer ist in Abbildung 3 für Deutschland von 1900 bis 2015 dargestellt, ergänzt um je eine Kurve für Schweden 1770/1774 und Japan 2014. Im historischen Vergleich verschiedener Zeiträume lassen sich so die Veränderungen der Sterblichkeit durch die Änderung in der Altersverteilung anhand der Mittelwerte nachvollziehen. Der historische Prozess der Lebensverlängerung gestaltet sich in allen Ländern sehr ähnlich. Schweden mit den historisch ältesten Daten zeigt den Beginn der Entwicklung und Japan mit der weltweit höchsten Lebenserwartung die mögliche zukünftige Verteilung nach dem Alter. Bislang gibt es keine Anzeichen, dass sich diese Dynamik des Lebensverlängerungsprozesses abschwächen wird. Man kann durchaus davon ausgehen, dass sich die wahrscheinliche Lebensdauer im Durchschnitt in den nächsten 100 Kalenderjahren für Frauen in ein Alter von über 100 Lebensjahren verschieben wird.
Altersverteilung der Überlebenden von 100 000 der Sterbetafel und der Mittelwert der wahrscheinlichen Lebensdauer von Frauen in Deutschland 1900 – 2015, Schweden 1770/1774 und Japan 2014Altersverteilung der Überlebenden von 100 000 der Sterbetafel und der Mittelwert der wahrscheinlichen Lebensdauer von Frauen in Deutschland 1900 – 2015, Schweden 1770/1774 und Japan 2014 Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

In Abbildung 4 wird die Altersverteilung der Sterbefälle in den verschiedenen Zeiträumen gegenübergestellt. Es zeigen sich deutliche Verschiebungen der Sterbefälle in ein immer höheres Alter, was einem Anstieg der normalen Lebenserwartung entspricht.
Alterverteilung der Gestorbenen und der Mittelwert der normalen Lebensdauer von Frauen in Deutschland 1900 − 2015, Schweden 1770/1774 und Japan 2014 (auf 100 000 normiert)Alterverteilung der Gestorbenen und der Mittelwert der normalen Lebensdauer von Frauen in Deutschland 1900 − 2015, Schweden 1770/1774 und Japan 2014 (auf 100 000 normiert) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Mit der Alterung der Bevölkerung steigt der Bedarf an verlässlichen Daten für das hohe Alter. Die Fortschreibung des Bevölkerungsbestandes wird schnell ungenau, wenn nicht in regelmäßigen Abständen Volkszählungen durchgeführt werden (siehe Kapitel 1.1). Die hohen Altersklassen sind auch heute noch sehr schwach besetzt und daher anfällig für Fortschreibungsfehler. Da die Bevölkerungsstatistik mit einer großen, nach oben offenen Altersklasse arbeitet, können Entwicklungen der Sterblichkeit, die zum größten Teil in dieser hohen Altersgruppe stattfinden, nicht abgebildet werden.

Bis Mitte der 1990er-Jahre war über die Sterblichkeit von Personen über 80 Jahre sehr wenig bekannt. Mit Modellannahmen des Sterblichkeitsverlaufes hat man sich über die empirische Ungenauigkeit hinweggeholfen. Erst durch die systematischen Sammlungen der Bevölkerungsdaten von Väinö Kannisto und Roger Thatcher erfolgte eine international vergleichbare Sammlung und Aufbereitung von Daten für den hohen Altersbereich. Die Bemühungen zielen darauf, den ungenauen Bestand der Bevölkerung im höchsten Alter durch systematische Schätzungen zu ersetzen, die auf den Altersangaben der Sterbefälle beruhen. Die hohe Qualität der Bevölkerungsregister beispielsweise in den skandinavischen Ländern zeigt die Validität dieser Vorgehensweise. Heute stehen diese Bevölkerungsdaten für das Alter bis 110 + zur Verfügung (www.mortality.org).

Abbildung 5 stellt die Entwicklung der Personen im Alter von 80 Jahren und älter in Relation zum Bestand von 1960 dar. Es zeigen sich für alle Länder starke Zunahmen. Für einige Länder sind auch die Auswirkungen der Weltkriege sichtbar. Die wichtigste Ursache für den Anstieg der Bevölkerungsanteile im höheren Alter ist der Sterblichkeitsrückgang, besonders nach 1980. Bei den 100-Jährigen und Älteren ist die relative Zunahme am stärksten. Das extrem hohe Alter ist nach wie vor sehr selten und der Anteil dieser Altersgruppe an der Gesamtbevölkerung entsprechend gering: Er beträgt weniger als 0,5 %.
Relative Zunahme der Personen im Alter ab 80 Jahren in ausgewählten Ländern 1960 – 2016 — bezogen auf das Jahr 1960 = 1Relative Zunahme der Personen im Alter ab 80 Jahren in ausgewählten Ländern 1960 – 2016 — bezogen auf das Jahr 1960 = 1 Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Bei beiden Geschlechtern gehen die Sterblichkeitsentwicklungen systematisch vom hohen Alter in ein noch höheres Alter über. Im Jahr 1960 erreichten 20 % der Frauen und 15 % der Männer, die den 80. Geburtstag feiern konnten, das Alter von 90 Jahren. 40 Jahre später waren es 45 % der Frauen und 30 % der Männer. Die Anteile derer, die sogar das 100. Lebensjahr erreichen, sind deutlich geringer. In absoluten Zahlen gemessen ist das höchste Alter in der Bevölkerung sehr gering besetzt, hat sich aber stetig vervielfacht und wird voraussichtlich auch in Zukunft weiter ansteigen.

Das individuelle Interesse, alt zu werden, und die Vermeidung von gesundheitlichen Risiken erhöhen die Lebenserwartung. Allerdings gibt es eine Reihe von Verhaltensweisen und Gesundheitsrisiken, die von Teilen der Bevölkerung als erhöhtes Sterberisiko in Kauf genommen werden (Alkohol, Rauchen, Übergewicht). Sofern sich diese gesundheitsgefährdenden Verhaltensweisen innerhalb der Bevölkerung nicht verbreiten, ist auch in Zukunft von einem weiteren Zuwachs der Lebenserwartung auszugehen. Die sozialen Fortschritte werden sich auch in einer Verbesserung des Gesundheitszustandes umsetzen. Es erreichen mehr Personen ein höheres Alter mit einem besseren Gesundheitszustand.

Wer sehr lange lebt, unterliegt mit steigender Lebensdauer verstärkt Risiken körperlicher und kognitiver Einschränkungen und Erkrankungen. Es liegen oft mehrere Krankheiten (Multimorbidität) vor. Generell bleiben ältere Menschen heute länger gesund und ihr Wohlbefinden hat sich erhöht. Auch künftig ist zu erwarten, dass die gesunden Lebensjahre und die behinderungsfreie Lebenserwartung zunehmen werden. Da gleichzeitig jedoch mehr Menschen ein höheres Alter erreichen, wird es voraussichtlich mehr Pflegebedürftige geben. Der Vergleich der Jahre 2001 und 2015 lässt eine steigende Lebenserwartung erkennen, die auf einer Zunahme der Lebenszeit sowohl innerhalb als auch außerhalb der Pflege beruht. Der größte absolute Zuwachs an Lebensjahren erfolgt bei beiden Geschlechtern außerhalb der Pflege, die relative Zunahme ist bei der Pflegedauer besonders hoch.
Aufteilung der Lebenserwartung in pflegefreie Lebenszeit und die Lebenszeit in Pflege nach Geschlecht 2001 und 2015Aufteilung der Lebenserwartung in pflegefreie Lebenszeit und die Lebenszeit in Pflege nach Geschlecht 2001 und 2015 Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)



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