Datenreport 2018

14.11.2018 | Von:
Manuela Nöthen

Kinder- und Jugendhilfe

Die vielfältigen – teils direkten, teils indirekten − Leistungen und Aufgaben der Kinder- und Jugendhilfe sind im Achten Buch Sozialgesetzbuch (SGB VIII) gesetzlich verankert. Sie reichen von der finanziellen Förderung der Jugendarbeit über die Gewährung von sozialpädagogischen Familienhilfen, die Einleitung von Heimerziehungen bis hin zu Inobhutnahmen von Kindern oder Jugendlichen zum Schutz vor Gewalt, Vernachlässigung oder Missbrauch. Damit sind die Ziele der Kinder- und Jugendhilfe bereits umrissen. Kurz gefasst, dient sie dem Schutz des Kindeswohls, der Förderung der Entwicklung, dem Abbau von Benachteiligungen, der Beratung und Unterstützung der Eltern und der Schaffung positiver Lebensbedingungen für junge Menschen und deren Familien. Auch wenn der Fokus auf Förderung, Hilfe und Unterstützung liegt, sind die Jugendämter zu Eingriffen in das Elternrecht im Rahmen des sogenannten Staatlichen Wächteramtes verpflichtet. Das gilt jedoch nur für akute Krisensituationen, in denen das Kindeswohl gefährdet ist oder bereits Schaden genommen hat, und dann in der Regel auch nur mit vorheriger Beteiligung eines Familiengerichts.
Das Kinder- und Jugendhilfegesetz und seine Bezüge zu den Kinder- und JugendhilfestatistikenDas Kinder- und Jugendhilfegesetz und seine Bezüge zu den Kinder- und Jugendhilfestatistiken Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Mit den Leistungen beziehungsweise Aufgaben der Kinder- und Jugendhilfe variieren auch ihre jeweiligen Zielgruppen: Im Kern richten sie sich an Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren − dazu zählten im Jahresdurchschnitt 2016 rund 13,4 Millionen Menschen beziehungsweise 16 % der Bevölkerung. Bestimmte Leistungen können bei Bedarf aber auch von jungen Volljährigen bis 21 Jahre, in begründeten Einzelfällen sogar bis 27 Jahre in Anspruch genommen werden. In dieser weiten Abgrenzung umfasste die Zielgruppe der Kinder- und Jugendhilfe im Jahr 2016 insgesamt rund 21,8 Millionen junge Menschen oder 27 % der Bevölkerung. Hinzu kommen die Leistungen, die sich an Familien als Ganzes wenden – dafür kamen im Jahr 2016 rund 8,2 Millionen Familien mit minderjährigen Kindern in Betracht (siehe Kapitel 2.1, Abb 1). Wahrgenommen werden die Aufgaben der Kinder- und Jugendhilfe von den öffentlichen Trägern der Jugendhilfe (wie den Jugendämtern) und teilweise zusätzlich von freien Trägern der Jugendhilfe (beispielsweise Kirchen und Wohlfahrtsverbänden).

Hilfe zur Erziehung oder bei seelischer Behinderung

Einer der Leistungssektoren, der – neben der Kindertagesbetreuung (siehe Kapitel 2.2) – relativ oft in Anspruch genommen wird, ist der Bereich "Hilfen zur Erziehung". Eltern haben einen Rechtsanspruch auf Hilfe zur Erziehung, wenn eine dem Kindeswohl entsprechende Erziehung nicht gewährleistet ist und die Hilfe für die Entwicklung geeignet und notwendig ist. Dieser Fall muss nicht selbst verschuldet sein, sondern kann infolge von Trennung, Erkrankung, Arbeitslosigkeit oder anderen Belastungen eintreten. Der Rechtsanspruch besteht auch für junge Volljährige, wenn und solange die Hilfe für die Persönlichkeitsentwicklung beziehungsweise eigenverantwortliche Lebensführung aufgrund ihrer individuellen Situation notwendig ist.

Bundesweit wurden im Jahr 2016 gut 1,08 Millionen junge Menschen unter 27 Jahren durch eine der rund 956.000 erzieherischen Hilfen erreicht. In rund 812.000 Fällen handelte es sich dabei um Einzelhilfen und in 144.000 Fällen um Familienhilfen, die teilweise mehreren Kindern zugutekamen. Mit anderen Worten: Im Jahr 2016 hatte rein rechnerisch etwa jeder 20. junge Mensch allein oder gemeinsam mit der Familie eine erzieherische Hilfe in Anspruch genommen.
Hilfen zur Erziehung einschließlich Hilfen für junge Volljährige nach Angebotsformen 2016Hilfen zur Erziehung einschließlich Hilfen für junge Volljährige nach Angebotsformen 2016 Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Die Hilfen zur Erziehung werden üblicherweise in einem Hilfeplanverfahren unter Beteiligung der betroffenen Kinder und ihrer Sorgeberechtigten mit dem Jugendamt besprochen und festgelegt – dabei sind auch Kombinationen möglich. Das Gesetz unterscheidet dazu idealtypisch acht gleichwertige Hilfearten, die sich – auch als Ausdruck des Subsidiaritätsprinzips − grob in familienunterstützende (vorrangig ambulante), familienergänzende (teilstationäre) und familienersetzende (stationäre) Hilfen unterscheiden lassen. Mit den flexiblen Hilfen hat der Gesetzgeber zusätzlichen Gestaltungsspielraum geschaffen, um bei Bedarf weitere maßgeschneiderte Hilfeformen für den Einzelfall zu entwickeln.

Von den erzieherischen Hilfen werden mit Abstand am häufigsten familienunterstützende Angebote genutzt. Dazu zählen vor allem niedrigschwellige ambulante Hilfen, die Klärungen herbeiführen, Belastungen in der Familie abbauen oder die Erziehungsfähigkeit stärken. Im Jahr 2016 fielen darunter gut 639.000 Einzel- oder Familienhilfen (67 %). Dabei spielten die 449.000 Erziehungsberatungen eine Hauptrolle und machten fast die Hälfte aller erzieherischen Hilfen aus. Am häufigsten wurden diese Beratungsangebote zwar von den Eltern allein wahrgenommen (54 %), in einem Drittel der Fälle (33 %) nutzten Eltern und Kinder sie jedoch gemeinsam und in immerhin 12 % aller Fälle ließen sich die Kinder oder jungen Menschen allein beraten. Verstärkt wurde von den familienunterstützenden Angeboten auch die sozialpädagogische Familienhilfe in Anspruch genommen (12 %). Im Rahmen einer solchen Familienhilfe wird die gesamte Familie durch eine Fachkraft aufgesucht und über einen längeren Zeitraum mit dem Ziel begleitet, Problemsituationen und Alltag künftig (wieder) allein bewältigen zu können. Weitere familienunterstützende Hilfen, die zum Einsatz kamen, waren Einzelbetreuungen durch Erziehungsbeistände oder Betreuungshelferinnen und -helfer (6,2 %) sowie soziale Gruppenarbeit (1,7 %).

In rund 241.000 Fällen (25 %) führten die Jugendämter im Jahr 2016 familienersetzende Hilfen außerhalb des Elternhauses durch. Dabei standen Heimerziehungen und betreute Wohnformen im Vordergrund (15 %). Während Unterbringungen in Pflegefamilien hier ebenfalls von Bedeutung waren (9,4 %), wurden intensive sozialpädagogische Einzelbetreuungen eher selten in Anspruch genommen (1,0 %). Die Hintergründe für die familienersetzenden Hilfen sind oft tragisch: In fast jedem dritten Fall (31 %) hatte das Familiengericht den Personensorgeberechtigten zuvor die elterliche Sorge aufgrund einer Kindeswohlgefährdung teilweise oder vollständig entzogen.

Schließlich zählte die Statistik noch rund 24.000 familienergänzende Hilfen (2,5 %), bei denen die Kinder und Jugendlichen zwar prinzipiell in ihren Familien verblieben, die Wochentage aber zeitweise in einer Tagesgruppe verbrachten. Als Ergänzung zu diesem Hilfespektrum hat der Gesetzgeber die Möglichkeit geschaffen, je nach Bedarf und individueller Situation, flexible Hilfen für den Einzelfall zu entwickeln – seien sie ambulant oder stationär, als Einzel- oder Familienhilfe konzipiert. Flexible Hilfen wurden im Jahr 2016 in rund 52.000 Fällen genutzt (5,5 %). Dabei handelte es sich am häufigsten um Familienhilfen (3,0 %) oder um ambulante beziehungsweise teilstationäre Angebote (2,0 %).

Die Gründe für die Gewährung einer erzieherischen Hilfe sind vielfältig: Während bei der Erziehungsberatung mit 31 % die Belastungen des jungen Menschen durch familiäre Konflikte im Vordergrund stehen, war es bei der sozialpädagogischen Familienhilfe mit 28 % die eingeschränkte Erziehungskompetenz der Eltern oder Personensorgeberechtigten. Dagegen führte die Unversorgtheit des jungen Menschen, beispielsweise aufgrund von Krankheit, stationärer Unterbringung, Inhaftierung oder dem Tod der Bezugsperson, in mehr als einem Viertel der Fälle (27 %) zur Aufnahme in einem Heim oder einer sonstigen betreuten Wohnform.

Eine Sonderrolle nehmen in diesem Kontext die Eingliederungshilfen bei drohender oder bereits vorliegender seelischer Behinderung ein. Seelische Störungen, die einen Anspruch begründen, sind zum Beispiel Ängste, Depressivität, Traumatisierungen oder Essstörungen, unter bestimmten Umständen auch schulische Teilleistungsstörungen. Anders als bei den erzieherischen Hilfen hat der Gesetzgeber den betroffenen Kindern oder Jugendlichen hier einen eigenen Rechtsanspruch eingeräumt. Voraussetzung dafür ist nicht nur der Nachweis einer (drohenden) Beeinträchtigung der seelischen Gesundheit, sondern auch, dass dadurch die Teilhabe am sozialen Leben eingeschränkt wird. Im Jahr 2016 wurden solche Eingliederungshilfen rund 94.000 mal in Anspruch genommen. Zum Vergleich: Rein zahlenmäßig entspricht das in etwa dem Niveau an Kindern beziehungsweise jungen Menschen, die im gleichen Jahr in Pflegefamilien untergebracht waren. Auffallend ist der Unterschied zwischen den Geschlechtern: Eingliederungshilfen wurden zu 71 % von Jungen oder jungen Männern und zu 29 % von Mädchen beziehungsweise jungen Frauen in Anspruch genommen. Dieses Geschlechterverhältnis war auch deutlich ausgeprägter als bei den erzieherischen Hilfen mit 58 % männlichen zu 42 % weiblichen jungen Menschen.

Unter den ambulanten Hilfen wird die Erziehungsberatung am häufigsten in Anspruch genommen. Sie ist auch die zahlenmäßig bedeutendste Hilfeart im Gesamt-spektrum der erzieherischen Hilfen. Im Jahr 2016 beendeten 303.000 junge Menschen eine Erziehungsberatung. Gegenüber 1991, dem Jahr des Inkrafttretens des Kinder- und Jugendhilfegesetzes, ist die Nachfrage nach dieser Hilfe nahezu kontinuierlich gestiegen und hat sich bis 2016 mehr als verdoppelt. Die Beratungsquote nahm von 5,9 auf 13,9 Beratungen je 1.000 junger Menschen unter 27 Jahren zu. Hilfe für einzelne junge Menschen in Problem- und Konfliktsituationen wird durch Erziehungsbeistände beziehungsweise Betreuungshelferinnen und -helfer oder in Form von sozialer Gruppenarbeit geleistet. Im Jahr 2016 haben 74.700 junge Menschen eine der vorgenannten individuellen Betreuungsleistungen erhalten (beendete und über den Jahreswechsel andauernde Hilfen). Dies bedeutet gegenüber 1991 eine Steigerung um 268 %.

Eine Sonderstellung unter den ambulanten Hilfearten nehmen die sozialpädagogische und die flexible Familienhilfe ein, weil hier die ganze Familie Adressat der Hilfe ist. Im Jahr 2016 wurden rund 144.000 Familien durch eine sozialpädagogische oder flexible Familienhilfe unterstützt (beendete und am Jahresende bestehende Hilfen). Im Jahr 1991 hatten nur 13.000 Familien eine familienorientierte Hilfe in Anspruch genommen.

Auch die Hilfen außerhalb des Elternhauses sind gestiegen: Während Ende 1991 insgesamt 125.000 bestehende Hilfen außerhalb des Elternhauses registriert wurden, lag die Zahl am Jahresende 2016 bei 191.000. Dies bedeutet einen Anstieg um rund 53 %. Die einzelnen Hilfearten nahmen während dieses Zeitraums eine deutlich unterschiedliche Entwicklung: Während sich die Zahl der Hilfen in einer Tagesgruppe von knapp 8.000 auf knapp 16.000 verdoppelt hat, erhöhte sich die Zahl der jungen Menschen in Vollzeitpflege um 54 % von 48.000 auf 74.000. Die Zahl der im Heim oder einer sonstigen betreuten Wohnform untergebrachten jungen Menschen erhöhte sich um 40 % auf 95.600. Die Steigerung bei der Heimerziehung ist vermutlich auch eine Folge des Aufkommens an unbegleitet eingereisten Minderjährigen in den vergangenen Jahren. Die intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung verzeichnete prozentual gesehen den größten Zuwachs (+ 467 %) auf 5.100 Hilfen, bei einer Ausgangszahl von knapp 900 Hilfen am Jahresende 1991. Diese Hilfeart spielt allerdings anteilsmäßig mit 2,7 % eine vergleichsweise geringe Rolle.

Differenziert nach Bundesländern ergeben sich deutliche Unterschiede in der Inanspruchnahme der verschiedenen Hilfearten, beispielsweise bei den Erziehungsberatungen: Schleswig-Holstein erreichte 2016 die höchste Inanspruchnahmequote mit 20,9 begonnenen Beratungen je 1.000 junger Menschen unter 27 Jahren, während Mecklenburg-Vorpommern mit einer Quote von 8,3 und das Saarland mit einer Quote von 7,5 bei neu gewährten Beratungen weit dahinter lagen.
Begonnene Erziehungsberatungen, ambulante Hilfen und Hilfen außerhalb des Elternhauses 2016 — je 1 000 junger Menschen unter 27 JahrenBegonnene Erziehungsberatungen, ambulante Hilfen und Hilfen außerhalb des Elternhauses 2016 — je 1 000 junger Menschen unter 27 Jahren Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Die höchste Inanspruchnahme von ambulanten Hilfen (ohne Erziehungsberatung) war in Hamburg zu beobachten: Mit 14,6 Hilfen je 1.000 junger Menschen unter 27 Jahren war die Quote hier 3,5-mal so hoch wie in Bayern, wo mit 4,2 begonnenen Hilfen je 1.000 junger Menschen unter 27 Jahren am seltensten ambulante Hilfen gewährt wurden.

Bei den neu gewährten Hilfen außerhalb des Elternhauses wies Bremen mit einer Quote von 9,4 Hilfen je 1.000 junger Menschen unter 27 Jahren die höchste und Bayern mit 2,9 Hilfen die geringste Inanspruchnahme auf. In allen Bundesländern außer in Bremen lag die Quote außerhalb des Elternhauses in Anspruch genommener Hilfen niedriger als die Quote der ambulanten Hilfen (ohne Erziehungsberatung).

Aktiver Kinderschutz

Seit der Jahrtausendwende haben Kinder in Deutschland ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind danach verboten und stellen darüber hinaus einen Verstoß gegen die von Deutschland ratifizierte UN-Kinderrechtskonvention dar. Bei akuten Kindeswohlgefährdungen – sei es durch Vernachlässigung, massive körperliche, psychische oder sexualisierte Gewalt – ist der Staat im Rahmen seines Wächteramtes verpflichtet, Kinder wirksam zu schützen. Auch hier stehen zunächst einmal Hilfs- und Unterstützungsangebote für Eltern, Kinder und Familien zur Behebung von Missständen im Vordergrund. Insbesondere wenn die Eltern aber nicht bereit oder in der Lage sind, mit dem Jugendamt zu kooperieren, muss der Kinderschutz unter Umständen auch gegen den Willen der Sorgeberechtigten durchgesetzt werden – gegebenenfalls unter Beteiligung eines Familiengerichts. Der Gesetzgeber hat in diesem Zusammenhang den Kinderschutzauftrag der öffentlichen und freien Träger der Jugendhilfe im Jahr 2012 konkretisiert (§ 8a SGB VIII). Demzufolge sind die Jugendämter bei gewichtigen Anhaltspunkten für eine Kindeswohlgefährdung dazu verpflichtet, das Gefährdungsrisiko im Zusammenwirken mehrerer Fachkräfte abzuschätzen. Bestandteil dieser Gefährdungseinschätzung ist unter anderem, sich bei fachlicher Notwendigkeit einen unmittelbaren Eindruck vom Kind und seiner Umgebung zu verschaffen (Hausbesuch). Dazu gehört auch, die Problemsituation – sofern vertretbar, gemeinsam mit den Sorgeberechtigten und dem Kind – zu erörtern und bei Bedarf Hilfen und Unterstützung anzubieten.

Im Jahr 2016 haben die Jugendämter insgesamt rund 136.900 Gefährdungseinschätzungen vorgenommen − das waren 6 % mehr als im Vorjahr. In rund 21.600 Fällen (16 %) stellten sie eine akute Kindeswohlgefährdung fest. Bei 24.200 Verfahren (18 %) konnte eine Kindeswohlgefährdung nicht sicher ausgeschlossen werden, sodass ein ernstzunehmender Verdacht auf eine Kindeswohlgefährdung verblieb; dieser Fall wird als latente Kindeswohlgefährdung bezeichnet. Bei weiteren rund 46.600 Verfahren (34 %) kamen die Fachkräfte des Jugendamtes zu dem Ergebnis, dass zwar keine Kindeswohlgefährdung vorlag, aber ein weiterer Hilfe- oder Unterstützungsbedarf. Und in gut 44.500 Fällen (33 %) wurden weder eine Kindeswohlgefährdung noch ein weiterer Hilfebedarf festgestellt.
Gefährdungseinschätzungen nach Ergebnis und Art der Kindeswohlgefährdung 2016Gefährdungseinschätzungen nach Ergebnis und Art der Kindeswohlgefährdung 2016 Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Die meisten der rund 45.800 Kinder, bei denen eine akute oder latente Kindeswohlgefährdung vorlag, wiesen Anzeichen von Vernachlässigung auf (61 %). In 28 % der Fälle gab es Anhaltspunkte für psychische Misshandlungen, wie Demütigungen, Ausgrenzung, Einschüchterung, Bloßstellung, Isolierung und emotionale Kälte. Bei 26 % aller Verfahren wurden Hinweise auf körperliche Misshandlung gefunden. Anzeichen für sexuelle Gewalt gab es in 4,4 % der Fälle von akuter oder latenter Kindeswohlgefährdung, wobei Experten gerade hier immer wieder auf das große Dunkelfeld hinweisen. Berücksichtigt wurden hier also nur Anzeigen von Kindeswohlgefährdungen, die dem Jugendamt bekannt geworden sind. Da es an dieser Stelle Mehrfachbetroffene der unterschiedlichen Formen von Gewalt gab, waren in der Statistik auch Mehrfachnennungen möglich.

Als besonders vulnerabel (verletzlich) gilt in diesem Kontext die Altersgruppe der Säuglinge und Kleinkinder: Die Statistik zeigt, dass Vernachlässigungen und Gewalt für eine beträchtliche Zahl der Kinder bereits in diesem Alter Realität sind. Danach waren fast 10.000 Säuglinge und Kleinkinder im Jahr 2016 von einer akuten oder latenten Kindeswohlgefährdung betroffen. Ein besonderes Problem stellten in diesem Alter Vernachlässigungen (71 %) und psychische Misshandlungen (24 %) dar. Aber auch körperliche Misshandlungen (18 %) waren bereits bei den Kleinkindern von Relevanz. Besonders bedrückend ist die Tatsache, dass bereits in diesem Alter akute oder latente Kindeswohlgefährdungen durch sexuelle Gewalt auftraten (1,3 %). Auch wenn der entsprechende Anteil in dieser Altersgruppe unterdurchschnittlich war, bedeutet das konkret für 2016: Bei 126 Kleinkindern (bis 3 Jahre) wurden im Rahmen einer Gefährdungseinschätzung gewichtige Anhaltspunkte für sexuelle Gewalt gefunden, darunter waren 34 Säuglinge (bis 1 Jahr).
Gefährdungseinschätzungen nach Alter der Kinder und Ergebnis der Gefährdungseinschätzung 2016Gefährdungseinschätzungen nach Alter der Kinder und Ergebnis der Gefährdungseinschätzung 2016 Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Insgesamt haben die Jugendämter nach der Feststellung einer akuten oder latenten Kindeswohlgefährdung rund 47.300 (weitere) Hilfen oder andere Maßnahmen gewährt. In knapp jedem fünften (19 %) der insgesamt rund 45.800 Fälle von akuter oder latenter Kindeswohlgefährdung wurde das Familiengericht angerufen. Das Familiengericht wird eingeschaltet, wenn aus Sicht des Jugendamts ein Eingriff in das elterliche Sorgerecht erforderlich ist. Es entscheidet dann gegebenenfalls über Auflagen, Gebote, Verbote oder auch den teilweisen oder vollständigen Entzug des Sorgerechts.

Besteht eine dringende Gefahr für das Kindeswohl, sodass die Entscheidung eines Familiengerichts nicht abgewartet werden kann, ist das Jugendamt verpflichtet, die betroffenen Kinder oder Jugendlichen zu ihrem Schutz vorübergehend in Obhut zu nehmen. Diese sogenannten vorläufigen Schutzmaßnahmen – oder kurz: Inobhutnahmen – sind als sozialpädagogische Hilfe für akute Krisen- oder Gefahrensituationen gedacht. Vorläufige Schutzmaßnahmen werden nicht nur in dringenden Fällen von Kindeswohlgefährdung durchgeführt, sondern auch wenn Kinder oder Jugendliche das Jugendamt aus eigener Initiative um Inobhutnahme bitten sowie bei unbegleiteten Einreisen Minderjähriger aus dem Ausland. Im Jahr 2016 führten die Jugendämter in Deutschland insgesamt rund 84.200 vorläufige Schutzmaßnahmen durch. In knapp jedem fünften Fall (19 %) hatten die betroffenen Jungen oder Mädchen selbst um Inobhutnahme gebeten.
Vorläufige Schutzmaßnahmen nach Institutionen / Personen, die auf die Problemlage aufmerksam gemacht haben 2016 — in ProzentVorläufige Schutzmaßnahmen nach Institutionen / Personen, die auf die Problemlage aufmerksam gemacht haben 2016 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

i

Unbegleitete Einreisen Minderjähriger

Die Jugendämter sind berechtigt und verpflichtet, vorläufige Maßnahmen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen (kurz: Inobhutnahmen) durchzuführen. Nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz können diese unter anderem nach einer unbegleiteten Einreise aus dem Ausland eingeleitet werden. Bis eine Lösung für die Problemsituation gefunden ist, werden die jungen Menschen zu ihrem Schutz vom Jugendamt vorübergehend in Obhut genommen.

In den letzten Jahren – insbesondere aber ab dem Jahr 2014 − hat der Zuzug von Schutzsuchenden stark zugenommen. Dabei stieg auch die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die infolge einer unbegleiteten Einreise aus dem Ausland in Deutschland in Obhut genommen wurden, deutlich an. Der Zuwachs fiel von 2014 auf 2015 so hoch aus, dass in diesem Jahr erstmals mehr Inobhutnahmen aufgrund unbegleiteter Einreisen durchgeführt wurden (54 %) als aus anderen Gründen, etwa zum Schutz vor Gewalt. Von 2015 auf 2016 setzte sich dieser Anstieg fort, wenn auch in deutlich abgeschwächter Form. Als Ergebnis dieser Entwicklung lag die Zahl der Inobhutnahmen von unbegleitet eingereisten Kindern und Jugendlichen mit rund 44.900 Betroffenen im Jahr 2016 fast viermal so hoch wie im Jahr 2014 (11.600).

Bei dem Großteil der betroffenen Minderjährigen handelt es sich um männliche Jugendliche: So waren im Jahr 2016 rund 92 % der unbegleitet eingereisten Minderjährigen männlich, 67 % aller unbegleitet eingereisten Minderjährigen waren junge Männer im Alter von 16 oder 17 Jahren. Zum Vergleich: Nur in 5 % aller Fälle handelte es sich um junge Frauen im Alter von 16 oder 17 Jahren.
Inobhutnahmen insgesamt und Anteil wegen unbegleiteter EinreisenInobhutnahmen insgesamt und Anteil wegen unbegleiteter Einreisen Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Rund 21.700 aller Minderjährigen, die 2016 in Obhut genommen wurden, waren jünger als 14 Jahre. In diesem Alter wurden die Kinder am häufigsten wegen Überforderung der Eltern beziehungsweise eines Elternteils (45 %) und zum Schutz vor Vernachlässigung (19 %) in Obhut genommen. Auch die unbegleitete Einreise (15 %) und der Schutz vor Misshandlung (13 %) spielten hier eine größere Rolle.

Bei den 62.500 Jugendlichen von 14 bis 17 Jahren, die in Obhut genommen wurden, stand dagegen mit Abstand die unbegleitete Einreise aus dem Ausland im Vordergrund (67 %). Weitere bedeutende Anlässe waren in diesem Alter die Überforderung der Eltern beziehungsweise eines Elternteils (12 %) und Beziehungsprobleme (6 %).

Auch bei der Dauer der vorläufigen Schutzmaßnahmen gab es altersspezifische Unterschiede: Während bei den unter 14-jährigen Kindern 46 % der Inobhutnahmen nach spätestens zwei Wochen beendet werden konnten, traf dies nur auf 34 % der Inobhutnahmen von 14- bis 17-jährigen Jugendlichen zu.

Die meisten Inobhutnahmen endeten bei den Kindern unter 14 Jahren mit der Rückkehr zu den Sorgeberechtigten (41 %) oder der Einleitung einer erzieherischen Hilfe außerhalb des Elternhauses, also in einer Pflegefamilie oder einem Heim (28 %). Die Jugendlichen von 14 bis 17 Jahren kehrten dagegen deutlich seltener zu den Sorgeberechtigten zurück (13 %): Hier leitete das Jugendamt am häufigsten eine erzieherische Hilfe in einer Pflegefamilie, einem Heim beziehungsweise einer betreuten Wohnform ein (26 %) oder vermittelte den Jugendlichen eine sonstige stationäre Hilfe, zum Beispiel einen Aufenthalt in der Jugendpsychiatrie oder einem Krankenhaus (24 %).


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