Datenreport 2018

Im Alter ohne Kinder

Die Frage nach der sozialen Qualität des Alterns und nach dem Wohlbefinden im Alter wird vielfach mit der Existenz eigener Kinder und Enkelkinder assoziiert. Kindern wird heutzutage ein hoher emotionaler Wert zugesprochen. Sie geben dem Leben einen Sinn, weil sie eine erstrebenswerte Lebensaufgabe sind und den Eltern das Gefühl vermitteln, gebraucht zu werden. Sie bilden aber auch eine wichtige funktionale und emotionale Ressource, wenn im Alter Hilfe und Unterstützung erforderlich werden.

Doch eigene Kinder gehören nicht selbstverständlich zur Lebensplanung junger Menschen beziehungsweise wird oder kann diese Planung nicht in jedem Fall wie gewünscht realisiert werden, wie die zunehmende Anzahl Kinderloser empirisch belegt. Gegenwärtig zeigen die für Deutschland aktuellsten Daten (Mikrozensus 2016; nur für Frauen) einen mit den Frauen der Geburtskohorte ab 1950 einsetzenden besonders starken Anstieg der Kinderlosigkeit. Dieser verlief in Ost- und Westdeutschland zeitversetzt und auf unterschiedlichen Niveaus (siehe Kapitel 2.4, Abb 1).

Im früheren Bundesgebiet wurde zunächst eine eher mäßige Zunahme der Kinderlosenquote von knapp 11 % von Frauen in der Geburtskohorte 1939 auf rund 14 % in der Geburtskohorte 1950 gemessen. Danach beschleunigte sich dieser Anstieg und die Kinderlosigkeit erreichte unter den 1967 geborenen Frauen den bisher höchsten Anteil von 22 %.

In den ostdeutschen Ländern erfolgte diese Entwicklung wesentlich moderater. Nach einem eher stabilen Verlauf auf relativ niedrigem Niveau unter 10 % stieg die Kinderlosenquote von Frauen erst seit der Geburtskohorte 1962 deutlich schneller auf den bisher höchsten Wert von rund 11 % des Geburtsjahrganges 1967.

Insgesamt ist ein starker Kohorteneffekt erkennbar: Die Kinderlosenquote ist umso höher und ihr Anstieg umso steiler, je jünger die Frauen sind. Auch die Daten des Deutschen Alterssurveys (DEAS) bestätigen das.

Die Ende der 1960er-Jahre geborenen Frauen und Männer mit der bisher höchsten Kinderlosigkeit sind gegenwärtig etwa 50 Jahre alt und damit noch relativ jung. Die Schwelle zum Altersruhestand haben sie noch nicht erreicht. Die zunehmende Verbreitung von Kinderlosigkeit im Altersruhestand, von der in etwa 15 Jahren nahezu jede fünfte westdeutsche und jede zehnte ostdeutsche Person betroffen sein wird, ist also vor allem ein Phänomen der nächsten Jahrzehnte. Hinzu kommt, dass diese Personen die zahlenmäßig stark besetzte Babyboomer-Generation repräsentieren.

Welche Lebenswege in die Kinderlosigkeit führen, ist bisher noch nicht systematisch erforscht. Vielschichtige Faktoren beeinflussen die Entscheidung für bestimmte Familienstrukturen und sind in unterschiedlicher Weise verhaltensrelevant. Die Literatur verweist vor allem auf die Partnerschafts- und Bildungsbiografien, nennt aber auch Erwerbsverläufe, materielle Ressourcen und individuelle Lebensziele.

Der Fokus des Kapitels liegt nicht auf den Ursachen für Kinderlosigkeit, gleichwohl diese nicht ohne Einfluss darauf sein dürften, wie kinderlose Personen diesen Umstand im Alter erleben und welche sozialen Konsequenzen das für sie im Alter hat.

Kinderlosigkeit soll hier aus einer alterswissenschaftlichen Perspektive thematisiert werden. Der Blick wird auf die Lebenssituation älterer Menschen gerichtet, die – freiwillig oder unfreiwillig – kinderlos geblieben sind.

i

Info 1

Kinderlose ältere Menschen

Die Festlegung der Untersuchungseinheit "ältere Menschen" orientiert sich aufgrund der biologischen Konstitution an den Frauen. Für diese ist in der Regel im Alter von 50 Jahren die Phase der Familiengründung beendet. Wurden bis dahin keine Kinder geboren, kann von einer endgültigen biologischen Kinderlosigkeit gesprochen werden. Wenngleich eine solche Festlegung für Männer aufgrund ihrer lebenszeitlich nahezu unbegrenzten Zeugungsfähigkeit nicht immer zutreffend ist, werden hier sowohl Frauen als auch Männer betrachtet, die ihr 50. Lebensjahr erreicht oder überschritten haben. Die Analysen beziehen sich auf die Geburtskohorten 1941 bis 1966.

Im ersten Teil wird die Ausprägung von Kinderlosigkeit in Abhängigkeit von soziodemografischen Faktoren beschrieben. Im zweiten Teil werden die Netzwerke und Unterstützungspotenziale kinderloser älterer Personen analysiert. Der dritte Teil befasst sich mit Faktoren der subjektiven Lebensqualität dieser Personen. Analysiert wird, ob Unterschiede zwischen Eltern und Kinderlosen auf das Fehlen von Kindern an sich oder auf soziodemografische Merkmale zurückzuführen sind. So lässt sich feststellen, ob das Fehlen von Kindern als einer wichtigen funktionalen und emotionalen Ressource ein selbstbestimmtes Leben im Alter beeinträchtigt.

Autorinnen: Elke Hoffmann, Laura Romeu Gordo; DZA Berlin
Herausgeber: WZB / SOEP

Datenreport: Kapitel 2.6.1

Kinderlosigkeit nach soziodemografischen Merkmalen

Analysen zur Kinderlosigkeit beziehen sich häufiger auf Frauen. Für sie lässt sich Kinderlosigkeit anhand der ausbleibenden Geburt von Kindern in einem klaren biologischen Zeitfenster messen. Neben der Schwierigkeit, statistisch belastbare Daten für Männer zu finden, besteht ein weiteres Problem in der begrifflichen Deutung von "kinderlos".

Mehr lesen

Datenreport: Kapitel 2.6.2

Soziale Netzwerke und Unterstützungspotenzial

Der anhaltende Trend zur Kinderlosigkeit provoziert die Frage, ob kinderlose ältere Menschen über kleinere Netzwerke verfügen, was ihr Hilfe- und Unterstützungspotenzial beschränken könnte. Zumal nicht nur die Kinder fehlen, sondern zum Teil auch die Partner.

Mehr lesen

Datenreport: Kapitel 2.6.3

Einsamkeit, Depressivität und Lebenszufriedenheit

Die Analyse der Struktur und Qualität der sozialen Netzwerke von älteren kinderlosen Frauen und Männern hat gezeigt, dass eine einseitig negative Sicht auf kinderlose Erwachsene als sozial isoliert und mit einem Mangel an Unterstützung nicht der Realität entspricht.

Mehr lesen

Lexika-Suche

Zahlen und Fakten

Die soziale Situation in Deutschland

Wie sind die sozialen Aufgaben in Deutschland verteilt? Und für welche Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft müssen Lösungen gefunden werden? Das Online-Angebot hilft dabei, die soziale Situation in Deutschland besser einschätzen und beurteilen zu können.

Mehr lesen

Zahlen und Fakten

Globalisierung

Kaum ein Thema wird so intensiv und kontrovers diskutiert wie die Globalisierung. "Zahlen und Fakten" liefert Grafiken, Texte und Tabellen zu einem der wichtigsten und vielschichtigsten Prozesse der Gegenwart.

Mehr lesen