Datenreport 2018

14.11.2018 | Von:
Elke Hoffmann, Laura Romeu Gordo

Kinderlosigkeit nach soziodemografischen Merkmalen

Analysen zur Kinderlosigkeit beziehen sich häufiger auf Frauen. Für sie lässt sich Kinderlosigkeit anhand der ausbleibenden Geburt von Kindern in einem klaren biologischen Zeitfenster messen.

Neben der Schwierigkeit, statistisch belastbare Daten für Männer zu finden, besteht ein weiteres Problem in der begrifflichen Deutung von "kinderlos". Mit der Frage nach der Geburt oder nach der Zeugung von Kindern kann nur die biologische Kinderlosigkeit gemessen werden. Eine Familiengründung ist aber ebenso mit Adoptiv- oder Pflegekindern denkbar oder mit nicht leiblichen Kindern, die zum Beispiel der Partner oder die Partnerin in die Familie mitbringt.

Diese Möglichkeiten erfragt der DEAS, indem er leibliche, nicht leibliche, Adoptiv- und Pflegekinder erfasst. Damit kann zwischen einer biologischen Elternschaft (ausschließlich eigene leibliche Kinder) und einer sozialen Elternschaft (nicht leibliche, Adoptiv- und Pflegekinder) unterschieden werden. Der DEAS zeigt: Von jenen Personen der Geburtskohorten 1941 bis 1966, die leibliche Kinder oder bei ihnen aufgewachsene Kinder haben, sind 98 % entweder nur biologische oder sowohl biologische wie auch soziale Eltern. Die restlichen zwei Prozent sind ausschließlich soziale Eltern nicht leiblicher Kinder.

Im Folgenden werden im Interesse der Vergleichbarkeit die Kriterien von Kinderlosigkeit im DEAS zunächst an die des Mikrozensus angepasst. Die Daten berichten damit über eine Kinderlosigkeit, die auf der biologischen Kinderlosigkeit basiert, aber eine soziale Elternschaft einschließen kann: Kinderlos ist, wer keine leiblichen Kinder hat, aber bei dem nicht leibliche, Adoptiv- oder Pflegekinder aufgewachsen sein können.

Im Kontext der Familiengründung betont die Literatur die zentrale Bedeutung partnerschaftlicher Lebensformen. Wird im entsprechenden biografischen Zeitfenster kein passender Partner für eine stabile, zukunftsfähige Partnerschaft gefunden, ist eine Familiengründung eher unwahrscheinlich. Im Kontext von Kinderlosigkeit werden eher fehlende Partnerschaften sowie fragmentierte, unstete Paarbeziehungen nachgewiesen.

Dieser Zusammenhang lässt sich auch noch bei älteren Frauen und Männern nachweisen: Sie sind dann am häufigsten kinderlos, wenn sie als ledige Person allein im Haushalt leben. Laut Mikrozensus waren 2016 etwa 70 % bis 75 % der älteren allein lebenden ledigen Frauen kinderlos. Die anderen 25 % bis 30 % dieser Gruppe hatten Kinder. Der DEAS verweist auf 67 % bis 70 % kinderlose allein lebende ledige Frauen und auf 83 % bis 94 % kinderlose allein lebende ledige Männer.
Tab 1 Anteil kinderloser Frauen und Männer nach Geburtskohorten 
und soziodemografischen Merkmalen — in ProzentTab 1 Anteil kinderloser Frauen und Männer nach Geburtskohorten und soziodemografischen Merkmalen — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Die Kinderlosenquoten sind dann etwas geringer, wenn die älteren Personen zwar ledig sind, jedoch mit einem Partner in einem gemeinsamen Haushalt leben. Von den in einer Partnerschaft lebenden ledigen Frauen hatte etwa die Hälfte keine Kinder geboren (Mikrozensus). Am seltensten ist Kinderlosigkeit bei verheirateten Partnern zu finden. Sie betraf nur etwa 10 % der verheirateten Frauen und Männer.

Vergleicht man die Geburtsjahrgänge 1941 bis 1951 mit den Jahrgängen 1952 bis 1966, so sind Kohorteneffekte bei der Zunahme von Kinderlosigkeit besonders bei partnerlosen Frauen und Männern erkennbar, sowie bei Frauen und Männern, die in nicht ehelichen Lebensgemeinschaften leben. Insgesamt zeigen diese Daten, wie stark Kinderlosigkeit und Partnerschaftsstatus auch im Alter noch verknüpft sind.

Die größte Aufmerksamkeit in der Diskussion um die Ursachen steigender Kinderlosigkeit erlangt zweifellos das Bildungsniveau. Der Zusammenhang zwischen Familiengründung, Bildungs- und Erwerbsbiografien von Frauen ist mittlerweile relativ gut erforscht. Es gilt als empirisch nachgewiesen, dass hohe Bildungsambitionen und erreichte hohe Bildungsabschlüsse die Familiengründung verzögern und zunehmend verhindern. Der Mikrozensus macht diesen Effekt auch bei älteren Frauen sichtbar: Höher gebildete Frauen waren auch im Alter noch deutlich häufiger kinderlos.

Aus diesen Daten kann allerdings nicht abgeleitet werden, ob die Bildungskarrieren kinderloser Frauen seit dem Ende der Familiengründungsphase anders verliefen als bei Frauen mit Kindern. Einerseits beeinflusst hohe Bildung die Familiengründung und begünstigt Kinderlosigkeit. Andererseits kann endgültige Kinderlosigkeit weitere Bildungschancen eröffnen, da kein Vereinbarkeitskonflikt mit dem Familienleben besteht, sodass Bildungsunterschiede in späteren Lebensphasen neu entstehen oder verstärkt werden können.

Hinsichtlich des Bildungsniveaus finden sich im DEAS für Frauen und Männer gegensätzliche Befunde. Während Frauen mit höherer Bildung häufiger kinderlos blieben als Frauen mit einem niedrigen beruflichen oder allgemeinen Bildungsabschluss, gilt für Männer das Gegenteil: Bei älteren Männern war die höchste Kinderlosigkeit in der Gruppe der Niedriggebildeten zu finden. Die Literatur verweist hier auf sozioökonomisch benachteiligte Männer, die teilweise arbeitslos oder in prekären Beschäftigungsverhältnissen des Niedriglohnsektors zu finden sind. Diese Männer haben oft auch auf dem Heiratsmarkt geringere Chancen und bleiben ohne Partnerin, weil niedrige Einkommen keine günstige Voraussetzung für eine Familiengründung sind.

Der eingangs beschriebene Kohorteneffekt zwischen den 1941 bis 1951 und den 1952 bis 1966 Geborenen war sowohl im Mikrozensus als auch im DEAS in allen drei Bildungsniveaus zu finden. Mit diesen Daten konnten keine Bildungseffekte beim Anstieg der kohortenspezifischen Kinderlosenquoten gemessen werden. Der Anstieg wurde sowohl bei den Frauen als auch bei den Männern von allen Bildungsgruppen getragen.

Die jüngere der hier betrachteten Kohorten, also die 1952 bis 1966 geborenen Personen, befindet sich gegenwärtig noch im erwerbsfähigen Alter. Es sind keine Unterschiede in der Kinderlosenquote bei nicht erwerbstätigen und erwerbstätigen Frauen dieser Altersgruppe zu finden: Sie lag zwischen 17 % und 18 % im Mikrozensus, bei 13 % bis 14 % im DEAS. Allerdings sind deutliche Unterschiede hinsichtlich des gewählten Beschäftigungstyps erkennbar: Die Kinderlosenquote der erwerbstätigen Frauen war bei Vollzeitbeschäftigten fast doppelt so hoch wie bei Teilzeitbeschäftigten. Das heißt, kinderlose ältere Frauen unterschieden sich zwar nicht hinsichtlich der Erwerbsbeteiligung von gleichaltrigen Müttern, sie waren jedoch hinsichtlich der Arbeitszeitmodelle intensiver in den Arbeitsmarkt integriert. Bei den Männern ist die Situation umgekehrt: Nicht erwerbstätige Männer der hier betrachteten Kohorte waren zu 28 % kinderlos. Unter den Erwerbstätigen waren es nur 18 %. Dieses Ergebnis stützt die oben erwähnte These der hinsichtlich ihrer Bildungs-, Erwerbs- und Familienbiografien benachteiligten Männer.


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