Datenreport 2018

14.11.2018 | Von:
Elke Hoffmann, Laura Romeu Gordo

Soziale Netzwerke und Unterstützungspotenzial

Der anhaltende Trend zur Kinderlosigkeit provoziert die Frage, ob kinderlose ältere Menschen über kleinere Netzwerke verfügen, was ihr Hilfe- und Unterstützungspotenzial beschränken könnte. Zumal nicht nur die Kinder fehlen, sondern zum Teil auch die Partner, da Kinderlose zugleich auch öfter partnerlos sind. Als kinderlos gilt hier im Gegensatz zu den Analysen unter 2.6.1 die biologische und soziale Kinderlosigkeit.

Abbildung 1 zeigt, mit wie vielen Personen ältere Menschen mit und ohne Kinder enge und sehr enge Beziehungen pflegen. Das sind bei allen Gruppen im Durchschnitt etwa vier Personen. Unterschiede werden sichtbar, wenn nach Beziehungen zu Personen gefragt wird, die nicht zum engeren Familienkreis (Kinder, Enkel, Partner) gehören. Sowohl kinderlose ältere Frauen (87 %) als auch Männer (76 %) berichteten öfter als Eltern (69 % der Mütter und 58 % der Väter) über enge oder sehr enge Beziehungen zu außerfamilialen Personen. Gemeint sind damit fernere Verwandte, Freunde, Bekannte und sonstige Personen. Auch zahlenmäßig berichteten kinderlose Personen über größere außerfamiliale Netzwerke als Eltern.
Größe der Netzwerke mit Personen, zu denen enge und sehr enge Beziehungen bestehen — durchschnittliche Personenzahl im gesamten und im außerfamilialen NetzwerkGröße der Netzwerke mit Personen, zu denen enge und sehr enge Beziehungen bestehen — durchschnittliche Personenzahl im gesamten und im außerfamilialen Netzwerk Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Diese Ergebnisse bestätigen, dass die Netzwerke kinderloser Personen nicht kleiner sind, sich jedoch in ihrer Struktur unterscheiden. Anstelle familialer Beziehungen werden deutlich umfangreichere Netzwerke mit Freundinnen und Freunden, Bekannten und ferneren Verwandten gepflegt.

Doch sind diese Besonderheiten primär mit dem Fehlen von Kindern oder durch die nachgewiesenen soziodemografischen Unterschiede zwischen Eltern und Kinderlosen zu erklären? Die Antwort auf diese Frage wird mit einem Matching-Verfahren möglich, bei dem nur kinderlose und nicht kinderlose Frauen beziehungsweise Männer gleichen Alters verglichen werden, die auch das gleiche Bildungsniveau und den gleichen Partnerschaftsstatus haben.

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Info 2

Matching

Das statistische Matching wird hier als Methode eingesetzt, um kinderlose und nicht kinderlose Frauen und Männer mit denselben soziodemografischen Merkmalen vergleichen zu können. Damit soll der Einfluss dieser Merkmale auf die Netzwerkstruktur und auf Ausprägungen subjektiver Befindlichkeiten ausgeblendet werden. Bleiben Unterschiede zwischen Eltern und Kinderlosen nach dem Matching bestehen, so lassen sich diese direkt auf das Fehlen von Kindern zurückführen. Verschwinden die Unterschiede hingegen nach dem Matching, sind sie nicht auf das Fehlen von Kindern an sich zurückzuführen, sondern auf die unterschiedliche soziodemografische Zusammensetzung der beiden Gruppen.

Das Matching wurde für sechs Gruppen vorgenommen: jeweils Frauen und Männer mit niedrigem / mittlerem / höherem Bildungsniveau. Die für das Matching angewendeten Merkmale sind Partnerstatus und Alter.

Anhand des Matchings konnten 957 kinderlose Frauen und Männer mit 957 nicht kinderlosen Frauen und Männern gleicher Bildungsniveaus, ähnlichen Alters und ähnlichen Partnerschaftsstatus verglichen werden.

Die Unterschiede in der Netzwerkgröße und -struktur sind auch nach dem Matching bei Frauen und bei Männern vorhanden. Das heißt, soziodemografische Differenzierungen haben hier keinen Einfluss, sondern Kinderlosigkeit prägt die Bildung von Netzwerken bis ins Alter. Kinderlose agieren in anderen persönlichen Netzwerken als Personen mit Kindern. Es ist nicht die Frage, ob kinderlose Personen fehlende familiale Netzwerke und intergenerationale Beziehungen im Alter durch andere Kontakte ersetzen. Vielmehr gestalten sie ihre Netzwerke im Lebensverlauf anders und auch so, dass notwendige Hilfestrukturen im Alter zur Verfügung stehen.

Das bestätigen weitere Analysen mit DEAS-Daten zu der Frage, welche Personen mit Ratschlägen für wichtige persönliche Entscheidungen, für emotionale Aufmunterung und für Hilfen bei Arbeiten im Haushalt zur Verfügung stünden.

Gut die Hälfte der kinderlosen Frauen und Männer würde den Partner beziehungsweise die Partnerin um Rat bei wichtigen persönlichen Entscheidungen bitten. Fast genauso viele würden sich Rat bei Freundinnen und Freunden oder Bekannten sowie bei ferneren Verwandten holen. Mütter und Väter würden sich zu 70 % bis 80 % an den Partner beziehungsweise an die Partnerin wenden, was nicht verwundert, da Eltern häufiger in einer Partnerschaft leben als Kinderlose. Auch Kinder sind für ihre Eltern – insbesondere für Mütter – wichtige Ansprechpartner. An Freundinnen und Freunde, Bekannte und fernere Verwandte würden sich Eltern hingegen seltener wenden als Kinderlose. Der Anteil der Personen, die niemanden um Rat fragen könnten, lag bei Kinderlosen mit 9 % (Frauen) und 13 % (Männer) etwas höher als bei Eltern (6 % beziehungsweise 10 %).
Unterstützungspotenzial für Ratschläge bei wichtigen persönlichen Entscheidungen — in ProzentUnterstützungspotenzial für Ratschläge bei wichtigen persönlichen Entscheidungen — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Ist emotionale Zuwendung erwünscht, finden sich ähnliche Strukturen. Wenn Trost oder Aufmunterung gebraucht werden, könnten sich kinderlose Frauen und Männer häufiger an Freunde oder fernere Verwandte wenden als Eltern. Beispielsweise würden 62 % der kinderlosen Frauen Trost und Aufmunterung bei Freunden oder Bekannten suchen, während das nur bei 45 % der Mütter infrage käme. Die Partner spielen auch hier für Frauen und Männer mit Kindern eine herausragende Rolle. Besonders häufig würden Väter emotionale Zuwendung bei ihrer Partnerin suchen (85 %). Kinderlose Männer gaben am häufigsten an, keine Person für emotionale Zuwendung zu finden (18 %), Mütter am seltensten (7 %).
Unterstützungspotenzial für Trost und Aufmunterung — in ProzentUnterstützungspotenzial für Trost und Aufmunterung — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Geht es um eher praktische Hilfen im Haushalt wie beim Saubermachen, bei kleineren Reparaturen oder beim Einkaufen durch nicht im eigenen Haushalt lebende Personen, waren Freunde und Bekannte für alle Gruppen besonders hilfreich. Das von Kindern fehlende Potenzial fanden Kinderlose vor allem bei nicht näher bezeichneten anderen Personen und bei ferneren Verwandten.
Unterstützung für Hilfen bei Arbeiten im Haushalt durch haushaltsfremde Personen — in ProzentUnterstützung für Hilfen bei Arbeiten im Haushalt durch haushaltsfremde Personen — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Waren Personen gesundheitlich so eingeschränkt, dass sie regelmäßig Hilfe und Pflege benötigten, bekamen sie diese (mit Ausnahme der kinderlosen Männer) in erster Linie durch ihre Partnerin oder ihren Partner. Werden Kinder und Partner beziehungsweise Partnerin als Ressource ausgeblendet, standen bei kinderlosen Personen in sehr viel größerem Ausmaß fernere Verwandte und Freunde zur Verfügung als bei Eltern. Auffällig ist auch, dass kinderlose Frauen von Freunden und von anderen Personen gleichermaßen Unterstützung erhielten, kinderlose Männer dagegen am häufigsten von ferneren Verwandten.
Unterstützung bei regelmäßigem Hilfe- und Pflegebedarf wegen gesundheitlichen Beeinträchtigungen — in ProzentUnterstützung bei regelmäßigem Hilfe- und Pflegebedarf wegen gesundheitlichen Beeinträchtigungen — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Insgesamt zeigen diese Ergebnisse, dass kinderlose Frauen und Männer im Alter für praktische Hilfen und für emotionalen Beistand häufiger auf den weiteren Verwandtschaftskreis sowie auf Freunde, Bekannte und nicht näher benannte sonstige Personen zurückgreifen. Ein Mangel an Unterstützung ist für diese Personen größtenteils nicht sichtbar. Die empirische Literatur zeigt darüber hinaus, dass Kinderlose bei akutem Hilfebedarf auch stärker Angebote professioneller Dienste nutzen.


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