Datenreport 2018

14.11.2018 | Von:
Thomas Lampert, Benjamin Kuntz, Jens Hoebel, Stephan Müters, Lars Eric Kroll; Robert Koch-Institut

Migration und Gesundheit

Menschen mit Migrationshintergrund stellen eine überaus heterogene Gruppe dar. Sie unterscheiden sich unter anderem in Bezug auf Herkunftsland, Migrationserfahrung, Aufenthaltsdauer und soziale Integration (siehe Kapitel 7.3). Wenn nach Besonderheiten der gesundheitlichen Situation von Migrantinnen und Migranten gefragt wird, sind auch psychosoziale Belastungen, die sich aus der Migrationserfahrung und Schwierigkeiten der sozialen Integration ergeben, zu berücksichtigen. Außerdem spielen kulturelle Unterschiede im Gesundheits- und Krankheitsverständnis sowie die Verbreitung von Erkrankungen und Risikofaktoren im jeweiligen Herkunftsland eine Rolle.

Vergleichende Aussagen zum Krankenstand von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund sind anhand der Daten des Mikrozensus 2013 möglich. Im Alter bis 44 Jahre gaben Personen mit Migrationshintergrund etwas seltener als die übrige Bevölkerung an, in den letzten vier Wochen krank oder unfallverletzt gewesen zu sein. Bei den 45- bis 64-Jährigen sowie den 65-Jährigen und Älteren waren Männer und Frauen mit Migrationshintergrund hingegen etwas häufiger von einer Krankheit oder Unfallverletzung betroffen als die Vergleichsgruppen ohne Migrationshintergrund.
Kranke und Unfallverletzte nach Migrationshintergrund 2013 — in ProzentKranke und Unfallverletzte nach Migrationshintergrund 2013 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

In einigen Bereichen treten erst bei einer nach Herkunftsland differenzierten Betrachtung gesundheitliche Unterschiede zutage. So berichteten türkischstämmige Migrantinnen und Migranten deutlich häufiger als Personen ohne Migrationshintergrund oder Migrantinnen und Migranten aus anderen Herkunftsländern von körperlichen Schmerzen in den letzten vier Wochen. Dies zeigt sich insbesondere mit Blick auf türkischstämmige Frauen in der zweiten Lebenshälfte. Nach Kontrolle für die unterschiedliche Altersstruktur hatten türkischstämmige Männer und Frauen ein gegenüber Personen ohne Migrationshintergrund 2,9- beziehungsweise 2,2-fach erhöhtes Risiko, von körperlichen Schmerzen betroffen zu sein. Bei Migrantinnen und Migranten aus anderen Herkunftsländern war hingegen kein erhöhtes Risiko für das Auftreten körperlicher Schmerzen festzustellen.
Starke körperliche Schmerzen in den letzten vier Wochen ("immer" oder "oft") nach Migrationshintergrund 2016 — in ProzentStarke körperliche Schmerzen in den letzten vier Wochen ("immer" oder "oft") nach Migrationshintergrund 2016 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Unterschiede zwischen Personen mit und ohne Migrationshintergrund lassen sich auch bei verhaltensbedingten Gesundheitsrisiken beobachten. Dabei zeigt sich, dass Migrantinnen und Migranten häufiger adipös sind. Allerdings treten diese Unterschiede erst ab einem Alter von 45 Jahren und insbesondere bei Frauen zutage.
Adipositas (BMI ≥ 30) nach Migrationshintergrund 2013 - in ProzentAdipositas (BMI ≥ 30) nach Migrationshintergrund 2013 - in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Beim Rauchverhalten von Migrantinnen und Migranten bestehen ebenfalls ausgeprägte, aber geschlechtsspezifische Unterschiede zur Bevölkerung ohne Migrationshintergrund. Der Anteil aktueller Raucher lag bei Männern mit Migrationshintergrund in fast allen Altersgruppen über dem der Männer ohne Migrationshintergrund (insgesamt 33 % gegenüber 28 %). Bei Migrantinnen war der Anteil dagegen insgesamt etwas niedriger als bei Frauen ohne Migrationshintergrund (19 % gegenüber 20 %).

Menschen mit Migrationshintergrund sind eine zunehmend an Bedeutung gewinnende Nutzergruppe des medizinischen und pflegerischen Versorgungssystems. Dabei unterscheiden sie sich in ihrem Inanspruchnahmeverhalten und in ihren Bedürfnissen von der Mehrheitsbevölkerung ohne Migrationshintergrund. Die vorliegenden Studien zeigen, dass Migrantinnen und Migranten in bestimmten Situationen häufiger Rettungsstellen als Hausärzte aufsuchen, seltener Vorsorgeleistungen in Anspruch nehmen und im Fall eines in der Familie aufgetretenen Pflegefalls seltener auf ambulante Pflegedienste zurückgreifen. Außerdem ist festzustellen, dass Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit seltener Maßnahmen der medizinischen Rehabilitation in Anspruch nehmen sowie einen geringeren Rehabilitationserfolg und höhere Frühverentungsquoten aufweisen. Darüber hinaus stellt die in den letzten Jahren verstärkte Zuwanderung von Schutzsuchenden die bestehenden Strukturen der gesundheitlichen Versorgung vor große Herausforderungen.


Lexika-Suche

Zahlen und Fakten

Die soziale Situation in Deutschland

Wie sind die sozialen Aufgaben in Deutschland verteilt? Und für welche Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft müssen Lösungen gefunden werden? Das Online-Angebot hilft dabei, die soziale Situation in Deutschland besser einschätzen und beurteilen zu können.

Mehr lesen

Zahlen und Fakten

Globalisierung

Kaum ein Thema wird so intensiv und kontrovers diskutiert wie die Globalisierung. "Zahlen und Fakten" liefert Grafiken, Texte und Tabellen zu einem der wichtigsten und vielschichtigsten Prozesse der Gegenwart.

Mehr lesen