Datenreport 2018

14.11.2018 | Von:
Kristina Kott

Armutsgefährdung

Die Messung der Armutsgefährdung in der europäischen Sozialberichterstattung orientiert sich an einer relativen Definition von Armut. Sie folgt damit einem Ratsbeschluss der Europäischen Union von 1984 über gezielte Maßnahmen zur Bekämpfung der Armut auf Gemeinschaftsebene. Danach gelten Personen als "verarmt", "wenn sie über so geringe (materielle, kulturelle und soziale) Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedstaat, in dem sie leben, als Minimum annehmbar ist". Ausgehend von dieser Sichtweise gilt in EU-SILC eine Person als armutsgefährdet, wenn ihr Nettoäquivalenzeinkommen weniger als 60 % des nationalen Medianeinkommens beträgt.

Bei einem Medianeinkommen von 21.275 Euro im Jahr 2016 lag der Schwellenwert für die Armutsgefährdung bei 12.765 Euro (60 % vom Medianeinkommen). Umgerechnet auf das monatliche Einkommen bedeutet dies, dass in Deutschland im Jahr 2016 eine Person als armutsgefährdet galt, wenn ihr Nettoäquivalenzeinkommen weniger als 1.064 Euro im Monat betrug; 2015 lag dieser Schwellenwert bei 1.033 Euro im Monat.

Im Jahr 2016 lag das Nettoäquivalenzeinkommen für 16,5 % der Bevölkerung in Deutschland unter dem Schwellenwert. Das ist ein ganz leichter Rückgang im Vergleich zum Jahr 2015 (16,7 %). Zuvor war der Anteil der von relativer Armut bedrohten Bevölkerung seit dem Jahr 2008 (15,2 %) bis zum Jahr 2014 (16,7 %) stetig angestiegen.
Ausgewählte Indikatoren zur Messung von Armut und materieller Entbehrung — in ProzentAusgewählte Indikatoren zur Messung von Armut und materieller Entbehrung — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Für Personen unter 18 Jahren lag die Armutsgefährdungsquote im Jahr 2016 bei 15,4 % und damit etwas geringer als für die Bevölkerung insgesamt. Im Jahr 2016 waren 14,3 % der Kinder unter sechs Jahren armutsgefährdet. Für Kinder im Alter von sechs bis elf Jahren lag dieser Anteil bei 14,1 %. Kinder und Jugendliche von 12 bis 17 Jahren waren mit 17,9 % überdurchschnittlich armutsgefährdet.
Schwellenwert für Armutsgefährdung und ArmutsgefährdungsquoteSchwellenwert für Armutsgefährdung und Armutsgefährdungsquote Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Bezogen auf die unterschiedlichen Haushaltstypen zeigt sich für das Jahr 2016, dass die Alleinlebenden mit 32,9 % weit überdurchschnittlich von Armut bedroht waren. Mit 32,6 % lag dieser Anteil in Haushalten von Alleinerziehenden nur wenig darunter. Insgesamt betrachtet hatten Personen in Haushalten ohne Kind mit 18,7 % eine höhere Armutsgefährdungsquote als Personen in Haushalten mit Kind(ern) (13,5 %).

Insgesamt war die Armutsgefährdungsquote von Frauen 2016 mit 17,8 % höher als die von Männern (15,2 %). Und zwar waren Frauen in allen Altersgruppen von einer höheren Armutsgefährdung betroffen als Männer.

Der Erwerbsstatus von Personen wird in der EU-SILC-Erhebung im Rahmen einer Selbsteinschätzung erfragt. Dort geben die Personen an, welcher Erwerbsstatus beziehungsweise welche Lebenssituation derzeit auf sie zutrifft. Die Analyse nach dem Merkmal "Erwerbsstatus" von Personen über 18 Jahren zeigt, dass von den erwerbstätigen Personen nur 9,5 % in Haushalten lebten, in denen die Personen als armutsgefährdet galten. Bei den arbeitslosen Personen waren es dagegen 70,5 %. Von den Personen im Ruhestand lebten 18,0 % in Haushalten, in denen die Personen als armutsgefährdet galten.

Da bei dieser Betrachtung der Erwerbsstatus der anderen Erwachsenen und somit potenziell erwerbsfähigen Haushaltsmitglieder unberücksichtigt bleibt, ist es sinnvoll, zusätzlich die Arbeitsmarktbeteiligung beziehungsweise Erwerbsintensität (work intensity) des gesamten Haushalts einzubeziehen.

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Info 6

Erwerbsintensität (work intensity)

Die Erwerbsintensität ist ein Haushaltsmerkmal, bei dem jedes Haushaltsmitglied zwischen 18 und 59 Jahren als potenziell erwerbsfähig betrachtet wird. Die Ergebnisse sollen sich nur auf Haushalte beziehen, in denen Personen wohnen, die sich noch in der Erwerbsphase befinden. Reine Rentnerhaushalte sind bei dieser Analyse ausgeschlossen beziehungsweise werden hier nicht berücksichtigt. Ein Haushalt erzielt bei der Erwerbsintensität 100 %, wenn alle erwerbsfähigen Haushaltsmitglieder auch vollzeiterwerbstätig sind. Ist dagegen keines der potenziell erwerbsfähigen Haushaltsmitglieder im Haushalt erwerbstätig, beträgt die Erwerbsintensität in diesem Haushalt 0 %. Auf diese Weise wird einem Zweipersonenhaushalt mit zwei Vollzeit erwerbstätigen Personen eine Erwerbsintensität von 100 % zugewiesen, während ein Zweipersonenhaushalt mit einer Vollzeit erwerbstätigen Person und einer nicht erwerbstätigen, aber erwerbsfähigen Person eine Erwerbsintensität von insgesamt 50 % erhält. Arbeitet in einem Zweipersonenhaushalt die einzige erwerbstätige Person nur die Hälfte der Arbeitszeit, so sinkt die Erwerbsintensität für diesen Haushalt auf 25 %.
Danach hatten Personen aus Haushalten mit einer sehr geringen Erwerbsintensität (weniger als 20 %) ein Armutsgefährdungsrisiko von 66,8 %. Lag die Arbeitsmarktbeteiligung des Haushalts insgesamt höher, aber noch unter 45 % (geringe Erwerbsbeteiligung), so war das Armutsgefährdungsrisiko der Personen etwas mehr als halb so hoch (36,9 %) im Vergleich zu den Personen in Haushalten mit sehr geringer Erwerbsbeteiligung. Wie erwartet wiesen Personen aus Haushalten mit einer Erwerbsintensität von mindestens 85 % das geringste Armutsgefährdungsrisiko auf (5,5 %). Je höher also die Arbeitsmarktbeteiligung der potenziell erwerbsfähigen Haushaltsmitglieder und damit des Haushalts insgesamt ist, desto geringer ist folglich auch das Armutsgefährdungsrisiko der Personen in diesen Haushalten.

Neben dem Erwerbsstatus werden die Personen auch zu ihrem erreichten Bildungsabschluss befragt. Mit Blick auf das Armutsgefährdungsrisiko waren 9,3 % der Personen mit einem hohen Bildungsstand, 16,1 % der Personen mit einem mittleren Bildungsstand und 29,4 % der Personen mit einem niedrigen Bildungsstand armutsgefährdet.


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