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Datenreport 2018

14.11.2018 | Von:
Roland Habich, Mareike Bünning

Soziale Lagen in Deutschland

Im Folgenden wird ein übergreifendes Bild der Sozialstruktur der Bundesrepublik präsentiert, das auf die Konzepte der sozialen Lagen und der subjektiven Schichteinstufung zurückgreift. Für die Unterscheidung von sozialen Lagen wird die erwachsene Bevölkerung in unter und über 60-Jährige sowie nach ihrer Stellung zum und im Erwerbsleben aufgegliedert. Daraus ergeben sich insgesamt 18 soziale Lagen von Erwerbstätigen und Nichterwerbstätigen, die zunächst für Männer und Frauen getrennt dargestellt werden. Im Blickpunkt dieses Kapitels steht die Sozialstruktur im Jahr 2016 in West- und Ostdeutschland. Durch den Vergleich mit dem Jahr 1990 beziehungsweise 1991 können zudem die Richtung des sozialen Wandels insgesamt sowie insbesondere die sozialstrukturellen Veränderungen in Ostdeutschland in der Zeit seit der deutschen Vereinigung betrachtet werden. Dabei richtet sich das Interesse vor allem darauf, inwieweit soziale Lagen einerseits mit objektiven Lebensbedingungen einhergehen und andererseits mit subjektiven Wahrnehmungen und Bewertungen verbunden sind.
Soziale Lagen in Ost- und Westdeutschland 2016 — in ProzentSoziale Lagen in Ost- und Westdeutschland 2016 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Die massiven Umwälzungen, die nach 1990 auf dem ostdeutschen Arbeitsmarkt stattfanden, brachten weitreichende Konsequenzen für die Sozialstruktur mit sich. Während sich die DDR als vollbeschäftigte Arbeitsgesellschaft charakterisieren ließ, folgten für einen erheblichen Teil der ehemals Erwerbstätigen im Verlauf der gesellschaftlichen Transformation nach der deutschen Vereinigung ungewollte Lebensphasen in Arbeitslosigkeit, Vorruhestand und Hausfrauenrolle. Im Zeitverlauf näherten sich die Beschäftigungsstrukturen in Ostdeutschland denen in Westdeutschland an.

Die Sozialstruktur Westdeutschlands veränderte sich im Vergleich dazu seit 1990 nur leicht. Die einzige Ausnahme stellt die gestiegene Beteiligung von Frauen am Erwerbsleben dar: Der Anteil der Hausfrauen ging seit 1990 um zwei Drittel zurück. Parallel dazu stieg der Anteil von Frauen in qualifizierten und hoch qualifizierten Angestelltenpositionen deutlich an. Die Hausfrauenrolle ist aber auch heute noch in Westdeutschland wesentlich weiter verbreitet als in Ostdeutschland.
Soziale Lagen in Ost- und Westdeutschland 1990 / 1991 und 2016 — in ProzentSoziale Lagen in Ost- und Westdeutschland 1990 / 1991 und 2016 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

In Westdeutschland sowie bei ostdeutschen Frauen dominieren unter den Erwerbstätigen die Angestellten und Beamten. Während die alte Bundesrepublik bereits über einen längeren Zeitraum als eine "Angestelltengesellschaft" bezeichnet wurde, hat sich die ausgeprägte "Facharbeitergesellschaft" der damaligen DDR mittlerweile weitgehend aufgelöst, wenngleich bei den Männern Facharbeiterpositionen immer noch stärker und Angestelltenpositionen weniger verbreitet sind als in Westdeutschland.

Ein Zeitvergleich (1990/1991 bis 2016) verdeutlicht die Unterschiede zwischen den vielfältigen Umbrüchen während der Transformation in Ostdeutschland und der eher kontinuierlichen Entwicklung im Westen Deutschlands. Insbesondere der etwas höhere Bestand an Arbeitslosen sowie die vergleichsweise hohen Anteile der Rentnerinnen und Rentner sind als Folge des Arbeitsplatzabbaus im Osten Deutschlands weiterhin sichtbar.

Je nach sozialer Lage bieten sich unterschiedliche Chancen zur Lebensgestaltung. Die Ungleichheit in den objektiven Lebensbedingungen, die sich aus der Zugehörigkeit zu den hier unterschiedenen sozialen Lagen ergibt, äußert sich unter anderem in Einkommensunterschieden, im allgemeinen Lebensstandard – zum Beispiel gemessen am Wohneigentum – sowie in der Bewertung der eigenen wirtschaftlichen Lage. Dabei zeigt sich, dass mit einer höheren Position in der hierarchischen Gesellschaftsstruktur erwartungsgemäß auch eine vorteilhaftere materielle Situation verbunden ist. Hoch qualifizierte oder leitende Angestellte und Beamte sowie Selbstständige befanden sich überdurchschnittlich oft im oberen Segment der Einkommensverteilung, während die Zugehörigkeit zu Arbeiterpositionen eher mit einem mittleren oder niedrigen Einkommen verbunden war. Vergleicht man die finanzielle Situation in Ost- und Westdeutschland, zeigt sich, dass Ostdeutsche in nahezu allen sozialen Lagen gegenüber Westdeutschen deutlich schlechter gestellt waren. Lediglich einfache Angestellte und Beamte in Ostdeutschland waren finanziell besser gestellt als in Westdeutschland. Bei Facharbeitern und qualifizierten Angestellten und Beamten gab es nur geringe Unterschiede zwischen den beiden Landesteilen.
Indikatoren der objektiven Lebensbedingungen in Ost- und Westdeutschland nach sozialen Lagen 2016 — in ProzentIndikatoren der objektiven Lebensbedingungen in Ost- und Westdeutschland nach sozialen Lagen 2016 — in Prozent Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Wohneigentum verdeutlicht als relevanter Indikator für den allgemeinen Lebensstandard, dass mit den differenzierten sozialen Lagen auch Unterschiede in den Möglichkeiten der Ressourcenverwendung einhergehen: In Ost- und Westdeutschland fanden sich unterdurchschnittliche Eigentümerquoten vor allem bei wenig qualifizierten Arbeitern, Arbeitslosen und Nichterwerbstätigen, in Westdeutschland auch bei einfachen Angestellten und Beamten.

Die ungleichen materiellen Verhältnisse, die mit diesen sozialen Lagen verbunden sind, spiegeln sich auch in der subjektiven Beurteilung der eigenen wirtschaftlichen Situation wider. Während Personen in privilegierten sozialen Lagen ihre wirtschaftliche Situation vorwiegend als "sehr gut" oder "gut" bewerteten, fiel die Bewertung bei Personen in schlechteren sozialen Lagen erwartungsgemäß weniger günstig aus.

Die subjektive Beurteilung des eigenen Anteils am allgemeinen Lebensstandard als gerecht (beziehungsweise ungerecht) variiert ebenfalls nach sozialer Lage. Es zeigt sich, dass vor allem Arbeitslose, aber auch Personen in einfachen Arbeiter- oder Angestelltenpositionen sowie Facharbeiter und Meister in Ostdeutschland seltener als andere einen gerechten Anteil am gesellschaftlichen Wohlstand zu erhalten glaubten. Nur 32 % der Arbeitslosen in Westdeutschland und 21 % in Ostdeutschland betrachteten ihren Anteil am Lebensstandard als gerecht. Grundsätzlich sahen Ostdeutsche über fast alle Lagen hinweg ihren Lebensstandard im Vergleich zu Westdeutschen seltener als gerecht an.
Indikatoren der subjektiven Wohlfahrt in Ost- und Westdeutschland nach sozialen Lagen 2016Indikatoren der subjektiven Wohlfahrt in Ost- und Westdeutschland nach sozialen Lagen 2016 Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Die einzelnen sozialen Lagen repräsentieren auch unterschiedliche soziale Positionen in der subjektiv wahrgenommenen vertikalen Gliederung der Gesellschaft, wie an der Selbsteinstufung auf der "Oben-Unten-Skala" (1 bis 10) abzulesen ist. Am höchsten ordneten sich erwartungsgemäß leitende und höhere Angestellte und Beamte sowie Selbstständige ein, aber auch diejenigen, die in ihrem zurückliegenden Erwerbsleben eine solche Position ausgeübt hatten (Rentner) oder den Aufstieg in eine entsprechende Position für die Zukunft erwarten (noch in Ausbildung). Ganz unten ordneten sich dagegen einfache Angestellte, (ehemalige) un- und angelernte Arbeiter sowie Arbeitslose, Nichterwerbstätige und Personen im Vorruhestand ein. Die Differenz zwischen den sozialen Lagen mit der höchsten und niedrigsten Einstufung betrug zwei Skalenpunkte in Ostdeutschland und sogar fast drei Skalenpunkte in Westdeutschland. Ostdeutsche stuften sich zudem in nahezu allen sozialen Lagen niedriger ein als Westdeutsche.

Die allgemeine Lebenszufriedenheit ist das bilanzierende Maß der Bewertung aller Lebensumstände. Hier wird noch deutlicher als bei der wahrgenommenen sozialen Position in der gesellschaftlichen Hierarchie, dass mit den verschiedenen sozialen Lagen auch ein unterschiedlich hohes Niveau an Lebensqualität verbunden ist. Auch hier betrug die Differenz zwischen den sozialen Lagen mit der höchsten und niedrigsten Einstufung gut zwei Skalenpunkte in Ostdeutschland und gut drei Skalenpunkte in Westdeutschland. Zudem ist auch hier darauf hinzuweisen, dass die ostdeutsche Bevölkerung im Jahr 2016 immer noch in nahezu allen sozialen Lagen über ein geringeres subjektives Wohlbefinden verfügte.

Auch bezüglich der Erwartungen an zukünftige Entwicklungen zeigen sich deutliche Unterschiede nach sozialer Position. Insbesondere einfache Arbeiter und Arbeitslose – in Ostdeutschland auch einfache Angestellte, Facharbeiter und Meister – blickten pessimistisch in die Zukunft. Sie waren zu großen Teilen der Ansicht, so wie die Zukunft aussehe, könne man es kaum noch verantworten, Kinder auf die Welt zu bringen. Personen in höheren Angestelltenpositionen sowie Studierende und Auszubildende teilten diese Ansicht hingegen eher selten. Zudem war Zukunftspessimismus in Ostdeutschland über nahezu alle sozialen Lagen hinweg weiter verbreitet als in Westdeutschland. Nur Studierende und Auszubildende im Osten schätzten die Zukunft optimistischer ein als im Westen.


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