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Datenreport 2018

14.11.2018 | Von:
Reinhard Pollak

Ausmaß von sozialen Auf- und Abstiegen

Um Auf- und Abstiege zu untersuchen, ist es erforderlich, die einzelnen Klassenpositionen in einer Rangfolge anzuordnen. Die vorteilhafteste Klassenlage erfahren diejenigen, die eine Position in der oberen Dienstklasse einnehmen. Etwas weniger gut, aber immer noch mit vielen Vorteilen ausgestattet (zum Beispiel Arbeitsplatzsicherheit, Einkommen, Karriereaussichten) sind Positionen in der unteren Dienstklasse. Am unteren Ende der Klassenhierarchie befinden sich ungelernte Arbeiter- beziehungsweise Angestelltenpositionen. In solchen Positionen sind die Menschen eher schlecht gegen Arbeitsplatzverlust abgesichert und es werden ihnen kaum Karrieremöglichkeiten geboten. Die verbleibenden Klassenlagen (qualifizierte Büroberufe, Selbstständige mit bis zu 49 Mitarbeitern, Landwirtinnen und Landwirte sowie Facharbeiterinnen und Facharbeiter) lassen sich nur sehr schwer in eine Rangfolge bringen. Sie werden daher in einer großen – recht heterogenen – Gruppe zusammengefasst, die in der Mitte der Klassenverteilung angesiedelt ist. Diese Klassenlagen sind weniger vorteilhaft als Positionen in der unteren Dienstklasse, aber vorteilhafter als ungelernte Arbeiter- und Angestelltenpositionen. Es werden daher insgesamt vier verschiedene Hierarchiestufen unterschieden: obere Dienstklasse, untere Dienstklasse, eine heterogene Gruppe mit mittleren Klassenpositionen und die Klasse der ungelernten Arbeiter- und Angestelltenpositionen.

Die jeweils oberste Zeile in Tabelle 3 beschreibt das Ausmaß der Gesamtmobilität, das heißt, wie groß der Anteil der Personen ist, die eine andere Position einnehmen als ihre Väter. Es fällt auf, dass Töchter aufgrund spezifischer Berufspräferenzen und Erwerbsmöglichkeiten im Vergleich zu ihren Vätern generell eine höhere Gesamtmobilität aufweisen als Söhne. In Westdeutschland blieben die Gesamtmobilitätsraten im Zeitvergleich weitgehend konstant, in Ostdeutschland stiegen sie bei Frauen im Vergleich zu den 1990er-Jahren leicht an. Bei Frauen waren die Gesamtmobilitätsraten in Ost und West gleich hoch. Bei den Männern waren sie in Ostdeutschland deutlich niedriger als in Westdeutschland (zuletzt 61 % im Vergleich zu 67 %). Teilt man die Gesamtrate auf in vertikale Mobilität (Auf- und Abstiege) und in horizontale Mobilität (Mobilität auf der gleichen Hierarchieebene, zum Beispiel von Facharbeitern zu qualifizierten Büroberufen), so zeigen sich jedoch Unterschiede über die Zeit. Bei den westdeutschen Männern stieg der Anteil an vertikaler Mobilität in den letzten 40 Jahren etwas (von 51 % auf 55 %), während die horizontale Mobilität um 3 Prozentpunkte abnahm. Somit erhöhte sich das Verhältnis zwischen diesen beiden Größen von 3,3 auf 4,6 zugunsten der vertikalen Mobilität. Das heißt, vertikale Mobilität kommt heute mehr als viermal so häufig vor wie horizontale Mobilität. In Ostdeutschland gibt es bei den Männern weniger vertikale und weniger horizontale Mobilität. Das Verhältnis zwischen den beiden Größen schwankt und war im aktuellen Jahrzehnt etwas höher als in Westdeutschland (gut fünfmal so viel vertikale wie horizontale Mobilität).
Gesamtmobilität, vertikale und horizontale Mobilität, Auf- und Abstiegsraten 1976 – 2016Gesamtmobilität, vertikale und horizontale Mobilität, Auf- und Abstiegsraten 1976 – 2016 Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Bei den ostdeutschen Frauen ist die Zunahme der Gesamtmobilität auf die Zunahme horizontaler Mobilität zurückzuführen. Nicht nur bei der Gesamtmobilität, auch bei dem Ausmaß von vertikaler und horizontaler Mobilität gibt es praktisch keine Unterschiede zwischen ost- und westdeutschen Frauen. Ostdeutsche Frauen waren allerdings in beiden Teilbereichen deutlich mobiler als ostdeutsche Männer. Die Zunahme der horizontalen Mobilität in Ostdeutschland hat ihre Ursachen vor allem in dem Schrumpfen der Facharbeiterpositionen. Töchter von ostdeutschen Facharbeitern nehmen heute verstärkt Positionen in qualifizierten Büroberufen ein, die Söhne machen sich selbstständig oder tendieren auch zu qualifizierten Büroberufen. Bei westdeutschen Frauen nahm in den vergangenen Jahrzehnten die vertikale Mobilität etwas zu (von 59 % auf 61 %), während die horizontale Mobilität zuletzt bei 17 % lag.

Die jeweils unteren Hälften der Teiltabellen zeigen an, ob es sich bei den vertikalen Bewegungen um Auf- oder Abstiege im Klassengefüge handelt. Der zunehmende Anteil an vertikaler Mobilität für westdeutsche Männer resultiert sowohl aus einer leichten Zunahme von Aufstiegen als auch aus einer leichten Zunahme der Abstiege, wobei sich der Trend bei den Abstiegen im aktuellen Jahrzehnt nicht fortsetzte. Es gibt im heutigen Jahrzehnt nach wie vor noch gut doppelt so viele Aufstiege wie Abstiege (Verhältnis 2,2 zu 1), jedoch ist dieses Verhältnis in den vergangenen 40 Jahren für westdeutsche Männer geringfügig ungünstiger geworden. Bei westdeutschen Frauen ist ein durchweg positiver Trend zu beobachten. Den Frauen gelingt es heute häufiger als früher, eine bessere Klassenposition einzunehmen als ihre Väter. Während in den 1970er-Jahren nur 26 % der westdeutschen Frauen eine bessere Klassenposition hatten als ihre Väter, stieg dieser Anteil bis heute auf 33 %. Gleichzeitig sank die Häufigkeit von Abstiegen deutlich von 33 % auf 27 %. Für westdeutsche Frauen waren in den 1970er-Jahren Abstiege im Klassengefüge häufiger als Aufstiege. Dies hat sich über die Zeit jedoch nachhaltig geändert; heute kommen Aufstiege etwas häufiger vor als Abstiege. Setzt man die Auf- und Abstiege ins Verhältnis zueinander, so veränderte sich dieses Verhältnis von 0,8 auf 1,2. Frauen im Westen näherten sich bei der Zahl der Aufstiege allmählich den Männern an. Die deutlich häufigeren Abstiege lassen sie jedoch den Männern gegenüber noch etwas benachteiligt erscheinen. Der Trend deutet für Westdeutschland jedoch auf eine weitere Angleichung hin.

Für Ostdeutschland ist der Befund weniger vorteilhaft. Während im Nachwendejahrzehnt knapp jeder dritte Sohn eine bessere Klassenposition erreichte als sein Vater, gelang dies im aktuellen Jahrzehnt nur noch rund jedem vierten Sohn (26 %). Gleichzeitig nahmen Abstiege deutlich zu. In den 1990er-Jahren nahm nur jeder fünfte Sohn (20 %) eine schlechtere Position ein als sein Vater. Zuletzt betraf das jeden vierten Sohn (25 %). Auf- und Abstiege kommen mittlerweile im Osten praktisch gleich häufig vor, der Quotient zwischen Auf- und Abstiegen sank von 1,5 im ersten Jahrzehnt auf 1,1 im letzten Jahrzehnt. Die deutlichen Unterschiede resultieren allerdings vor allem aus den Veränderungen zwischen dem ersten und zweiten Jahrzehnt nach der Vereinigung. Der negative Trend schwächte sich im jüngsten Jahrzehnt zumindest ab.

Bei den ostdeutschen Frauen ging die Entwicklung im ersten Jahrzehnt des Jahrtausends in die gleiche Richtung wie bei ostdeutschen Männern. Jedoch hat sich hier der negative Trend nahezu gedreht. Jede dritte Frau in Ostdeutschland hatte zuletzt eine höhere Klassenposition als ihr Vater (bei ostdeutschen Männern war es nur jeder Vierte). Das Ausmaß der Abstiege ist bei beiden Geschlechtern im Osten ähnlich (28 % für Frauen, 26 % für Männer). Das Verhältnis zwischen sozialen Auf- und Abstiegen bei ostdeutschen Frauen ist wie bei den Männern nahezu ausgeglichen (zuletzt 1,2 zu 1).

Sowohl in Ostdeutschland als auch in Westdeutschland gibt es somit etwas mehr Aufstiege als Abstiege. Bei westdeutschen Männern gibt es gar mehr als doppelt so viele Aufstiege wie Abstiege. Deutschland ist folglich nach wie vor eine Aufstiegsgesellschaft. Es deutet sich auf der vorliegenden Datengrundlage auch kein Trend an, der einen gegenteiligen Befund nahelegen würde. Zwar haben bei ost- und westdeutschen Männern die Anteile an Abstiegen zugenommen. Sie werden aber von den positiven Entwicklungen bei den Aufstiegen mehr als kompensiert. Der negative Trend, der sich bis Ende des letzten Jahrzehnts abgezeichnet hat, setzt sich in beiden Landesteilen nicht fort.


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