BRICS-Staaten

B. ist ein Sammelbegriff für eine Gruppe von 5 ökonomisch (und politisch) aufstrebenden Staaten und Wachstumsmärkten (engl. »emerging powers«); der Begriff ist gebildet aus den Anfangsbuchstaben der Länder Brasilien, Russland, Indien, China und (seit 2010) Südafrika. Die Abkürzung BRIC (zunächst ohne S) wurde 2001 von Jim O’Neill, Chefvolkswirt der Investmentbank Goldman Sachs, geprägt, um die (ökonomische) Machtverschiebung von den westlichen Industrieländern (sog. G-7-Staaten) hin zu den wirtschaftlich boomenden Schwellenländern (v. a. China) zu beschreiben. Die Bezeichnung B. für die Gruppe kommt also von außen, erst später versuchen sie sich selbst als Gruppe zu etablieren. Zusammen vereinigen die B. ca. 40 % der Weltbevölkerung. 2011 ist der Handel zwischen ihnen um 28 % auf 230 Mrd. US-$ gestiegen. Seit den 1990er-Jahren ist der Anteil der B. am globalen Bruttoinlandsprodukt auf ein Viertel gestiegen (Stand: 2011). Experten des Internationalen Währungsfonds (IWF) gehen davon aus, dass die B. bis 2015 die Wirtschaftsmacht der EU überholen werden. Die 5 Schwellenländer (insbesondere China) sind im Besitz eines großen Teils der internationalen Währungsreserven. Seit 2009 finden jährliche Gipfeltreffen auf höchster politischer Ebene statt. Die Staaten unterscheiden sich – im Gegensatz zu den G-7-Staaten – in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht (Indien als Demokratie auf der einen Seite und China, Russland als autoritäre Regime auf der anderen); auch unterschiedliche strategische Interessen der B. haben bisherige Versuche, ihr politisches und wirtschaftliches Gewicht in der internationalen Politik zur Geltung zu bringen und mehr Mitsprache in den internationalen Organisationen (z. B. Weltbank, Internationaler Währungsfonds IWF) einzufordern, bislang scheitern lassen. Vor allem die Sorge vor einer Dominanz Chinas und die mangelnde Geschlossenheit der Gruppe verhinderten vorerst eine stärkere politische Rolle der B.: Indien z. B. ist als Demokratie und freie Marktwirtschaft ein wichtiger Partner der USA, China als nicht demokratisches System und wirtschaftliche Großmacht gilt potenziell als Konkurrent der USA. Auf dem Gipfeltreffen im März 2012 in Delhi haben die B. v. a. auf Betreiben Chinas erste Pläne zur Errichtung einer eigenen Entwicklungsbank vorgelegt; diese Institution soll wie die Weltbank Projekte in Entwicklungs- und Schwellenländern finanzieren. Die anderen 4 B. fürchten eine politische und wirtschaftliche Hegemonie Chinas und unterstützten das Projekt zunächst nur zögerlich. Experten sehen aufgrund der mangelnden Geschlossenheit der B. in diesen und anderen Fragen die politischen Perspektiven skeptisch. Die EU und ihre Mitgliedstaaten unterhalten zu den B. individuelle oder multilaterale Beziehungen (etwa im Rahmen von strategischen Partnerschaften und Kooperationsabkommen). Ökonomen haben inzwischen weitere Abkürzungen geprägt, mit denen sie neue Zukunftsmärkte zusammenfassen, z. B. MINT (Abk. für Mexiko, Indonesien, Nigeria und Türkei).

Literatur:S. Keukeleire u. a.: The EU Foreign Policy Towards the BRICS and Other Emerging Powers: Objectives and Powers, Studie des Europäischen Parlaments, Brüssel/Straßburg 2011.

Literatur:FAS vom 26.8.2012, S. 40; NZZ vom 30.3.2012.

Siehe auch:
Strategische Partnerschaften der EU

Quelle: Martin Große Hüttmann/Hans-Georg Wehling (Hg.): Das Europalexikon, 2., aktual. Aufl. Bonn: Dietz 2013. Autor des Artikels: M. Große Hüttmann




 

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