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Auslandsdeutsche

1. Begriff und Geschichte



D. war über Jahrhunderte ein wichtiges Auswanderungsland, im 19. Jh. wanderten allein 8 Mio. Deutsche in die USA aus. In der Nachkriegszeit erreichte die Auswanderung noch einmal einen Höhepunkt und noch 1980 waren die Deutschen die zweitgrößte Gruppe der im Ausland Geborenen in den USA. 51 Mio. US-Amerikaner bezeichnen "German" als ihre Hauptabstammung, sie sind mit 17 % die größte Abstammungsgruppe in den USA. Die meisten dieser Auswanderer haben sich assimiliert, die reiche deutsche kulturelle Landschaft mit deutschsprachigen Zeitungen, Schulen, Kirchen und Vereinen ist während des Ersten Weltkriegs untergegangen.

Im Unterschied zu dieser assimilativen Entwicklung blieben Sprache und Kultur der Auswanderungsgruppen in Ost- und Südosteuropa weitgehend erhalten. Sie verstanden sich – bei aller Loyalität zu den jeweiligen Ländern – als Siebenbürger Sachsen, Banater Schwaben, Deutschböhmen oder wie die Stadt Danzig als Teil des Königreichs Polen. Einige Gruppen waren aus religiösen Gründen ausgewandert, etwa die Mennoniten und Baptisten in Russland. Seit der Gründung des Deutschen Reiches 1871 wurden die Deutschsprachigen im Ausland vielfach als "Auslandsdeutsche" (Ad) im Unterschied zu "Reichsdeutschen" bezeichnet. Die Entstehung ethnisch definierter neuer Nationalstaaten nach dem ersten Weltkrieg auf Grund der Selbstbestimmungsidee Wilsons machte viele frühere Staatsangehörige Deutschlands und Österreich-Ungarns zu Minderheiten, sie wurden nun als "Rumäniendeutsche", "Baltendeutsche", "Sudetendeutsche", "Karpatendeutsche" etc. bezeichnet. Die nationalsozialistische Umsiedlungs- und Ausrottungspolitik, Flucht und Vertreibung am Ende des Zweiten Weltkriegs und die Deportationspolitik Stalins vernichteten die traditionellen Strukturen dieser Minderheiten und zerstörten die Bindungen an ihre Umwelt. Unter der kommunistischen Herrschaft 1945-1989 wurden die deutschen Minderheiten diskriminiert. Als der Ostblock zerfiel, reisten sie als "Aussiedler" bzw. "Spätaussiedler" mehrheitlich nach D. aus. Während das Schicksal der Ad. in der Weimarer Republik einen prominenten Platz im deutschen politischen Diskurs einnahm, interessiert sich die deutsche Öffentlichkeit heute wenig für die Deutschsprachigen im Ausland. Die → Bundesregierung verfolgt keine expansive Sprach- und Kulturpolitik. Der spezielle Aussiedlerstatus ist 1990-2005 schrittweise abgeschafft worden. Heute unterliegen die Russlanddeutschen demselben harten Visumsregime wie die übrigen Staatsangehörigen Russlands, Kasachstans und der übrigen Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Wenn der Begriff "Ad." heute gebraucht wird, sind damit meist die deutschen Staatsangehörigen im Ausland gemeint.

2. Historische Auswanderung und traditionelle Minderheiten



Die "Stiftung Verbundenheit mit den Deutschen im Ausland" schätzt die "Zahl der Deutschen in Ost-, Mittel-, und Südeuropa, in den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion, im westlichen Europa, auf dem nordamerikanischen Kontinent, in Mittel- und Südamerika, sowie in Australien, die sich zu ihrer deutschen Herkunft, Sprache und Kultur bekennen sowie noch emotionale Bindungen zu ihrer alten Heimat oder der Heimat ihrer Vorfahren besitzen auf 13 Millionen", 5,4 Mio. davon in Nordamerika. Damit werden sehr unterschiedliche Tatbestände beschrieben. In den klassischen Einwanderungsländern USA, Kanada und Australien setzen sich die Assimilierungsprozesse fort, vor allem intergenerational. Ein Ergebnis ist der Rückgang der Zahl der Deutschsprechenden, die für 2010 mit 1,4 Mio. berechnet wurde. Hinzu kommen Dialektsprecher, die meist traditionellen religiösen Gruppen wie den Hutterern oder den Pennsylvania Dutch angehören. Die Zahl der in D. geborenen Bewohner der USA sank von 2000 bis 2009 entsprechend von 1.174.000 auf 882.000.

In Lateinamerika sind die assimilativen Tendenzen weniger stark, aber ebenfalls wirksam. Die größte Auswanderungsgruppe findet sich im Süden Brasiliens. Argentinien und Chile sind ebenfalls wichtige Auswanderungsländer für Deutsche gewesen, während sich in Paraguay und Mexiko kleinere Gruppen mit einer ausgeprägten religiösen Identität finden, die an der deutschen Sprache festhalten.

In Ostmitteleuropa und den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion gab es traditionell ein herkunftsbezogenes Nationalitätenverständnis. In der Sowjetunion wurde die "Nationalität" sogar in den Pässen registriert. Von daher wird weithin an den ererbten Zugehörigkeiten festgehalten, auch wenn die deutschen Minderheitengruppen nach dem Abschluss der großen Auswandererwelle nach D. 1987-2005 geschrumpft sind und im täglichen Leben überwiegend die jeweilige Landessprache verwendet wird. Das deutsche Innenministerium schätzt die Zahl der Deutschen in 23 Staaten Ostmittel- und Osteuropas und Zentralasiens insgesamt auf 1,4 Mio.

Die 300.000 Angehörigen der deutschen Minderheit in Polen haben seit 1990 neben der polnischen überwiegend auch die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten, soweit sie ihnen nach deutschem Recht auf Grund ihrer Abstammung von deutschen Staatsangehörigen in den ehemals deutschen Gebieten östlich der Oder-Neiße-Linie zustand. Für die Deutschstämmigen in den anderen Ländern gilt dies nicht. Sie sind Staatsangehörige des jeweiligen Landes und können sich den in diesen Ländern bestehenden zivilgesellschaftlichen Organisationen der Deutschen anschließen, unter anderem in Russland, Kasachstan, der Ukraine, Kirgisistan, Usbekistan, Polen, Tschechien, der Slowakei, Kroatien und Ungarn. Die deutsche Regierung fördert in Abstimmung mit diesen Organisationen und den jeweiligen Regierungen Bildungs- und Sozialprojekte, die nicht nur den deutschen Minderheiten, sondern der gesamten Bevölkerung der jeweiligen Gebiete zugute kommen sollen. Der Umfang dieser Förderung ist in den letzten Jahren stark reduziert worden, insbesondere werden keine Infrastrukturprojekte mehr finanziert. Mit Polen, Rumänien und vier weiteren Staaten bestehen bilaterale Regierungskommissionen für die Angelegenheiten der jeweiligen deutschen Minderheit.

Die deutsche Minderheit in Polen genießt nach dem deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrag besonderen Schutz. In Oberschlesien sind einzelne Dörfer zweisprachig, die deutsche Minderheit ist mit einem Abgeordneten im polnischen Parlament vertreten. In Rumänien leben noch etwa 50.000 Deutsche, sie haben Minderheitenrechte und eigene Schulen. In den autonomen deutschen Landkreisen Russlands sind die Deutschen nach der Ausreisewelle der neunziger Jahre nicht mehr in der Mehrheit. Es ist nicht gelungen, die deutsche autonome Wolga-Republik wiederherzustellen, in der sich bis zu den Deportationen Stalins das Zentrum der deutschen kulturellen Aktivitäten in Russland befand.

Die Minderheitenrechte auf beiden Seiten der deutsch-dänischen Grenze werden seit der Bonn-Kopenhagener Erklärung von 1955 geschützt, der "Bund deutscher Nordschleswiger" vertritt 15.000 Menschen. Dagegen ist die Deutsche Gemeinschaft in Ostbelgien ein territorial abgegrenzter Gliedstaat Belgiens mit deutscher Sprache, die Gleichberechtigung entstand aufgrund innerbelgischer Entwicklungen ohne deutschen Einfluss. In Frankreich ist Französisch einzige Nationalsprache und Minderheitensprachen genießen keinerlei rechtlichen Status. Die deutsche Sprache wird im Elsass und in Lothringen immer weniger genutzt. Das deutschsprachige Südtirol hat eine weitgehende Autonomie und unterhält besondere Beziehungen zu Österreich.

3. Globalisierung und Expatriates



Mit der Globalisierung der Wirtschaft und des Lebens und insbesondere der innereuropäischen Öffnung in den letzten Jahrzehnten sind neue Formen der Migration entstanden: Firmen entsenden Spezialisten ins Ausland, Arbeitskräfte suchen Berufschancen, Rentner lassen sich in Spanien oder neuerdings in der Türkei nieder, Heiratsmigration findet in beide Richtungen statt, Studenten gehen zeitweise ins Ausland, Professoren unterrichten an ausländischen Universitäten. In der Öffentlichkeit wird die Zuwanderung nach D. stark thematisiert, die gleichzeitig stattfindenden Auswanderungsprozesse werden dagegen kaum beachtet. Es gibt auch keine deutschen Statistiken dazu. In der englischsprachigen Welt werden diese neuen Migranten, die tendenziell wohlhabend sind und überwiegend die Bindung an ihr Land nicht aufgeben, als expatriates bezeichnet. Die fortdauernde Bindung an Deutschland wird auch dadurch deutlich, dass nur wenige dieser neuen Ad. sich einbürgern lassen. 2010 waren es in der Schweiz 3.742 und in den USA 4.001. Die Statistiken europäischer OECD-Länder weisen 1,2 Mio. Deutsche im Ausland aus. Dabei sind die Doppelstaatsbürger nicht eingerechnet. Darüber hinaus dürfte es gerade in EU-Ländern auch viele Deutsche geben, die im Aufenthaltsland nicht registriert sind.

Deutsche Staatsangehörige im europäischen Ausland 2009
(in Tausend)
Schweiz270 (2011)Niederlande68
Spanien196Belgien38
Österreich138Schweden28
Großbritannien121Dänemark21
Frankreich93Ungarn19
Türkei (2011)70Luxemburg12
Quelle: OECD, International Migration Outlook, 2011, nach Statistiken der Aufnahmeländer.

Die Vereinten Nationen geben für das Jahr 2005 drei Mio. deutsche expatriates an, die zweitgrößte Gruppe von im Ausland lebenden Menschen aus einem entwickelten Land nach den Briten. Geht man von der Zahl der durch die deutschen Auslandsvertretungen ausgestellten Pässe mit zehnjähriger Gültigkeit aus (2009 244.635; 2010 218.448), so kommt man auf eine ähnliche Größenordnung. Es ist zu erwarten, dass mit der zunehmenden internationalen Verflechtung immer mehr Deutsche im Ausland leben werden. 2010 waren die Schweiz (12.044 mehr deutsche Auswanderer als Einwanderer) und Österreich (4.302) die wichtigsten Netto-Auswanderungsländer, die Migration in die USA ist zurückgegangen, Spanien weist einen Rückwanderungsüberschuss auf.

Zugleich gibt es immer mehr Doppel- oder Mehrfach-Staatsangehörige, die nach der deutschen Statistik als Deutsche, nach der der jeweils anderen Länder als deren Staatsangehörige gezählt werden. Eine Quelle dieser Entwicklung sind die zahlreichen internationalen Familien, deren Kinder nach dem Recht der beteiligten Staaten beide oder mehrere Staatsangehörigkeiten erben. Im Verhältnis zu den EU-Staaten und zur Schweiz hat D. 2007 prinzipiell den Weg zu mehrfacher Staatsangehörigkeit geöffnet. Auch die mehrfache Staatsangehörigkeit qua Geburt wie in den USA oder durch Vergabe ohne Antrag nach drei Jahren Aufenthalt wie in Israel wird toleriert. In Israel zählt die deutsche Botschaft 60.000 deutsche Staatsbürger, überwiegend Doppelstaatler. Insofern gibt es wie in der Vergangenheit wieder mehr Menschen mit mehreren Zugehörigkeiten und Loyalitäten, die die Verbindungen zu anderen Nationen stärken und die Kommunikation mit ihnen intensivieren. Seit 1987 haben die Ad. das Wahlrecht zum → Bundestag und zum Europäischen Parlament, ohne Rücksicht auf ihre eventuellen weiteren Staatsangehörigkeiten. Bei der Bundestagswahl 2009 haben 65.731 Ad. ihr Wahlrecht ausgeübt, 51.845 davon in Europa und allein 18.328 in der Schweiz.



Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 7., aktual. Aufl. Heidelberg: Springer VS 2013. Autor des Artikels: Dietrich Thränhardt




 

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