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Bildungspolitik/Bildungswesen

1. Die Voraussetzungen bis 1990



Schon in der frühen Nachkriegszeit fielen in den drei westlichen Besatzungszonen und der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) entgegengesetzte bildungspolitische Entscheidungen sowohl über die politischen Grundlagen als auch über die Strukturen des Bildungswesens (Bw). Die 1946 im Westen gegründeten Länder knüpften – auch als Reaktion auf den nationalsozialistischen Einheitsstaat – an die Verhältnisse im Deutschen Reich vor 1933 an. Die föderalistische Ordnung, die ihren inhaltlichen Kern gerade in der "Kulturhoheit" der Länder hatte, wurde somit auch im Bonner → Grundgesetz (1949) verankert. Damit wurde die Folge eines historischen "Zufalls" zum Verfassungsprinzip: die Kulturhoheit der Länder war zustande gekommen, als im Moment der Konstituierung und Ausdifferenzierung der europäischen Bildungssysteme im 19. Jh. D. nur aus souveränen Teilstaaten ohne gesamtstaatlichen Rahmen bestand. Ein Minimum an Einheitlichkeit in der Bildungspolitik (Bp) der Länder sollte durch die bereits 1948 ins Leben gerufene "Ständige Konferenz der Kultusminister" auf Konsensbasis erreicht werden.

In der SBZ dagegen setzte die politische Führung auch im Bw. von Anfang an auf zentrale Steuerung. Der zentralistische Charakter der Bp. verstärkte sich in der Folgezeit einerseits durch den seit 1948/49 offen proklamierten und auch praktisch durchgesetzten Monopolanspruch der aus der Sowjetunion übernommenen marxistisch-leninistischen Parteiideologie in allen Fragen von Bildung, Erziehung und Wissenschaft, andererseits durch die in dieser Ideologie angelegten Verknüpfung der Bp. mit der zentralen staatlichen Wirtschaftsplanung.

Hinsichtlich der strukturellen Gliederung des Schulwesens kam es in den Ländern der BRD zunächst zu einer weitgehenden Wiederherstellung eines dreigliedrigen weiterführenden Schulwesens. Dagegen wurde in der SBZ/ → DDR von Anfang an die Idee der Einheitsschule zum leitenden Prinzip der Schulpolitik. Über mehrere Zwischenschritte wurde dort 1965 das "einheitliche sozialistische Bildungssystem" (vom Kindergarten bis zum Hochschulwesen) gesetzlich fixiert. Seinen Kern bildete die zehnklassige allgemeinbildende polytechnische Oberschule, an die sich die zweijährige Erweiterte Oberschule als Abiturstufe anschloss. Einen anderen Weg zum Abitur bildeten die dreijährigen Abiturklassen in den Einrichtungen der Berufsbildung, die zusammen mit der Facharbeiterqualifikation auch die Hochschulreife vermittelten (simultane Doppelqualifikation). Die Mehrheit eines Altersjahrgangs ging jedoch nach der 10. Klasse (Abschluss der Pflichtschule) in eine meist zweijährige Lehrlingsausbildung, eine betriebsgestützte Ausbildung in der deutschen Tradition. Die Diskussion um das möglicherweise Bewahrenswerte aus diesen Strukturen bestimmte nach 1990 die Schulreformdebatte im vereinigten D. mit.

Seit Mitte der 1960er Jahre kam in der BRD eine durch Untersuchungen zur Bildungsökonomie und Bildungsplanung inspirierte Bildungsreformdebatte in Gang. Nach diesen Untersuchungen sei in D. gemessen an der Zahl der Hochschulzugangsberechtigten ein "Bildungsdefizit" zu befürchten. Mit Hilfe eines bedeutenden Konsultativgremiums, des Deutschen Bildungsrats (1965-1975), und mit Unterstützung der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (BLK, seit 1970), die die KMK bei länderübergreifenden Aufgaben unterstützen sollte, sollte eine umfassende Reform des weiterführenden Schulwesens vorbereitet werden. Die strukturellen Reformentwürfe mit dem Ziel einer horizontal gestuften gemeinsamen Sekundarstufe I für alle Schüler scheiterten jedoch am parteipolitischen Dissens. Es kam nur zu kleinen Reformschritten, die eine gemeinsame Tendenz zeigten: die einer Expansion der weiterführenden Bildungswege vor allem des Gymnasiums zulasten der gerade aufgewerteten Hauptschule. Als Relikt der Strukturreformdebatte wurde daneben lediglich die Gesamtschule als vierte Schulform neben dem dreigliedrigen Sekundarschulwesen eingeführt, was der Gesamtschulidee als Schule aller die Grundlage nahm. Daneben konnte nur über die Reform der Gymnasialen Oberstufe nach dem Leitprinzip der Schwerpunktbildung durch Wahldifferenzierung Konsens erzielt werden.

Die komplizierten bildungspolitischen Kompetenzaufteilungen im "dualen System" der Berufsbildung mit seinem komplementären Nebeneinander von (vorwiegend) betrieblichen und schulischen Elementen machten diesen Bereich nach der Verabschiedung des Berufsbildungsgesetzes (1969) als Rahmen der betriebsgestützten beruflichen Bildung relativ resistent gegenüber gesamtstaatlichen bildungspolitischen Interventionen (die letzte Novellierung des Gesetzes erfolgte 2005). So wurde das Berufsbildungsgesetz von 1969 schon vor dem formellen Vollzug der deutschen Einheit auf dem Gebiet der noch bestehenden DDR schon im Sommer 1990 in Kraft gesetzt.

2. Die Herstellung der Einheit Deutschlands und das Bildungswesen in den neuen Bundesländern



Die bildungspolitischen Entscheidungsprozesse auf dem Weg zur deutschen Einheit hatten als zentrale Prämisse die Übernahme des Bildungsföderalismus. Im Einigungsvertrag wurde in dieser Logik darauf verwiesen, dass die Umgestaltung des Bw.s im Beitrittsgebiet Angelegenheit der neuen Länder sei, diese aber in der Umgestaltung an die geltenden Beschlüsse der KMK und insbesondere an das sog. "Hamburger Abkommen" gebunden seien. Dieses Abkommen legte die Organisationsstruktur des Schulwesens fest, darunter auch die Festschreibung der Schulabschlüsse als Hauptschul- und Realschulabschluss sowie als Abitur. Damit war der Reformspielraum der neuen Länder von vornherein eingeschränkt: die Dreigliedrigkeit musste mindestens auf dem Gebiet der Abschlüsse bewahrt werden. Die südostdeutschen Bundesländer → Sachsen, → Sachsen-Anhalt und → Thüringen nutzten den verbleibenden Freiraum, um neben dem Gymnasium einen einzigen nicht-gymnasialen Schultyp je unterschiedlicher Denomination zu schaffen, der Haupt- und Realschulzweig zusammenfasste und folglich beide Abschlüsse anbot. → Brandenburg verankerte anstelle der Hauptschule die Gesamtschule neben Gymnasium und Realschule als Hauptpfeiler des dreigliedrigen Schulsystems. Nur → Mecklenburg-Vorpommern führte zunächst die traditionelle Dreigliedrigkeit ein, integrierte aber unter dem Druck des demographischen Tiefs ebenfalls Haupt- und Realschule zur Regionalschule.

Schon bald nach der Konstituierung der neuen Länder erfolgte auch die Neustrukturierung der Hochschulen. Beim Aufbau der Schul- und Hochschulverwaltungen wurde auf Beratungshilfe aus den alten → Bundesländern zurückgegriffen. Aber auch der Neuaufbau der ideologisch belasteten Fakultäten vor allem im sozialwissenschaftlichen Bereich geschah mit Hilfe von Gründungsdekanen aus den alten Bundesländern. Die Einführung von Fachhochschulen bedeutete eine strukturelle Neuerung für das Hochschulwesen auf dem Gebiet der früheren DDR. Die Neustrukturierung der Schul- und Hochschullandschaft in den neuen Bundesländern verlief zwar nicht konfliktfrei, aber insgesamt konnte die Transformation der ostdeutschen Bildungslandschaft in formaler Hinsicht in relativ kurzer Zeit abgeschlossen werden. Dennoch stellen sich bis heute auch spezifische Probleme. Während im Hochschulbereich 21 Jahre nach dem Vollzug der politischen Einheit eine deutliche Ost-West-Durchmischung des Personals zu verzeichnen ist (wobei auch die jüngere Generation von DDR-Wissenschaftlern schon signifikant vertreten ist), wurden im Schulbereich größtenteils die im alten System ausgebildeten Lehrer für die neuen Strukturen übernommen. Gleichzeitig erfolgten infolge der demographischen Verwerfungen Einstellungen neu ausgebildeter Lehrer nur zögerlich. So entstanden mancherorts Friktionen in der Umsetzung der neuen Strukturen und Inhalte, da die Umgestaltung mit dem alten und zwischenzeitlich auch überalterten Lehrkörper vorgenommen werden musste.


Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 7., aktual. Aufl. Heidelberg: Springer VS 2013. Autor des Artikels: Wolfgang Hörner




 

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