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Bundesregierung

1. Exekutive und Internationalisierung

Die Bundesregierung (Br) ist das zentrale Exekutiv- und Koordinierungsorgan des Landes, sie ist für das Gesamtinteresse Ds nach innen und außen verantwortlich. Nach dem → Grundgesetz steht sie im Zentrum der Macht, der → Bundespräsident hat weitgehend repräsentative Funktionen. Für alles, was Bundesbehörden tun oder unterlassen, trägt die Br. jederzeit die Verantwortung gegenüber → Bundestag und Öffentlichkeit. Allerdings ist der Handlungsraum der Br. wegen des föderalistischen Systems, der rechtlichen Überprüfbarkeit jedes Verwaltungsaktes und der starken Stellung des → Bundesverfassungsgerichts eingeschränkter als etwa in Frankreich oder Großbritannien.

Größe und Reichweite der Regierungsaufgaben haben über die Jahrzehnte immer mehr zugenommen. Sie umfassen die Führung und Kontrolle des Verwaltungsapparates des Bundes sowie die Verfügung über die umfangreichen Finanzmittel und ihren Einsatz im Sinne politischer Konzeptionen, sowohl in Hinsicht auf die Sicherung des Bestehenden als auch auf die Planung und Durchführung von Veränderungen. Die dadurch entstandene Konzentration der Entscheidungen bei der Br. ist durch neue Kontrollinstrumente auch innerhalb des bürokratischen Apparates ausgeglichen worden, u. a. durch den Wehrbeauftragten und die Datenschutzbeauftragten (→ Datenschutz).

Mit der Vertiefung der Europäischen Union verliert die Br. schrittweise eigenständige Entscheidungsmöglichkeiten (→ Europapolitik). Andererseits gewinnt sie aber als Mitglied des Europäischen Ministerrates Entscheidungskompetenzen hinzu, zum Teil auch auf Kosten der Länder. Alle Ministerien und Sachbereiche sind inzwischen von der Europäisierung intensiv betroffen und arbeiten sowohl im europäischen Raum wie im deutschen Föderalismus (→ Bundesstaat) mit den entsprechenden Fachleuten der anderen Ebenen zusammen. Dabei überlagert der europäische Entscheidungsprozess den deutschen, immer mehr Vorgänge werden in Brüssel vorentschieden. Das führt zu einer Konzentration der Entscheidungen bei der Br. und besonders bei der Kanzlerin, mit dem Effekt, dass der Bundestag folgen muss, wenn er nicht eine Regierungskrise riskieren will. Dies liegt in der Linie der "Kanzlerdemokratie", die seit Adenauer für D charakteristisch ist.

In gleicher Richtung wirkt die zunehmende internationale Verflechtung in Bezug auf Wirtschaft, Umwelt und Sicherheit, insbesondere die Zunahme des internationalen Austausches. Viele Handlungsbereiche werden immer stärker durch internationale Behörden und Organisationen reguliert, die die autonomen Handlungsmöglichkeiten der Br. ebenfalls einschränken, ihre kooperativen Möglichkeiten aber erweitern (VN, NATO, WTO, G7, G20 u. a.). Mit vielen relevanten Partnerländern, u. a. Frankreich, Italien, Großbritannien, Russland, Polen, Israel und China, gibt es regelmäßige Konsultationen, wodurch ebenfalls ein Prozess der Informalisierung der → Außenpolitik durch regelmäßige persönliche Kontakte vorangetrieben wird.

Damit steht die Br. in neuer Weise an der Schnittstelle zwischen Außen- und Innenpolitik. Weniger denn je kann sie die internationalen Kontakte monopolisieren, andererseits erwachsen ihr in Bezug auf die internationale Regulierung ständig neue Aufgaben, die sowohl Risiken bergen wie Möglichkeiten innenpolitischer Profilierung bieten. In allen wesentlichen Fragen, von der Friedenserhaltung oder -erzwingung über die Wirtschaftspolitik bis zur Sicherung der Renten angesichts der demographischen Lücke erwartet die Öffentlichkeit Führung von der Br. Dies gilt auch im internationalen Feld, das mit einer unübersehbaren Fülle von Mitspielern besetzt ist, u. a. neuen transnationalen pressure groups unterschiedlicher Art, von der europäischen Automobilindustrie bis zu Greenpeace und Amnesty International.

Die öffentlichen Aufgaben und Zuständigkeiten haben sich in der modernen, international verflochtenen Welt ausgedehnt. Statt von natürlichen Gegebenheiten hängen sie immer stärker von politisch-ökonomischen Entscheidungen und deren Folgen ab. In modernen Demokratien greifen daher die Staatsorgane zur Sicherung von Effektivität, Kontrolle oder Loyalität in immer neue Lebensgebiete ein, in D resultierte daraus eine Staatsquote von 46 % im Jahr 2006. Äußeres Anzeichen für diese Entwicklung ist die Bildung immer neuer Ministerien gewesen. Zu den "klassischen" Ressorts (Außen, Innen, Krieg/Verteidigung, Justiz und Finanzen) trat schon im Ersten Weltkrieg das Wirtschaftsministerium hinzu, in der Weimarer Republik folgten Landwirtschafts-, Arbeits- und Verkehrsministerium (→ Verkehrspolitik). Den Rückstand Ds in der Forschung nach dem Zweiten Weltkrieg suchte die BRD zunächst mit einem "Atomministerium" zu begegnen, aus dem später das Ministerium für Forschung und Technologie wurde. Dem "Bildungsnotstand" sollte 1970 das Ministerium für Bildung und Wissenschaft abhelfen. Auf die Umweltproblematik wurde nach der Katastrophe von Tschernobyl 1986 mit einem Umweltministerium reagiert, das zunächst auch den Begriff "Reaktorsicherheit" im Namen trug. Auch die Schwerpunkte Familie, Frauen, Jugend und Senioren wurden von verschiedenen Regierungen politisch besonders akzentuiert und in der Namensgebung von Ministerien berücksichtigt (→ Familienpolitik).

Für die Erhöhung der Zahl der Ministerien waren auch Gesichtspunkte der Öffentlichkeitswirksamkeit und der Berücksichtigung unterschiedlicher → Parteien, Strömungen und Regionen maßgebend. Neben den Ministern gibt es seit 1966 Parlamentarische Staatssekretäre, deren Zahl ebenfalls immer weiter erhöht wurde, obwohl ihre Aufgabenbereiche oft nicht klar von denen der beamteten Staatssekretäre abgegrenzt werden konnten. 1990 wurde mit 18 Ministerien ein Höchststand erreicht. Nach öffentlicher Kritik wurde die Zahl der Ministerien 1994 von 18 auf 16 zurückgenommen, Ende 1997 wurde die Post privatisiert und das Postministerium aufgelöst. 2012 gab es 14 Ministerien.

Andererseits wuchs die Zahl der Parlamentarischen Staatssekretäre, 2012 waren es 30. Besonders deutlich ist die zahlenmäßige Vergrößerung des Führungspersonals im Bundeskanzleramt, das zur Zeit Adenauers nur von einem Staatssekretär verwaltet wurde. 2012 waren dort drei Staatsminister an-gesiedelt, zudem ist der Chef des Bundeskanzleramtes Bundesminister für besondere Aufgaben. 10 % der → Abgeordneten der Regierungsparteien waren Minister oder parlamentarische Staatssekretäre, die Verflechtung zwischen der Regierung und ihrer parlamentarischen Mehrheit ist damit weit geringer als in Großbritannien, wo jeweils ein Drittel der Abgeordneten der Mehrheitspartei Regierungsämter übernimmt. Da die Position der Bundeskanzlerin politisch eng mit ihrer Rolle als Parteivorsitzende zusammenhängt, verfügt seit 2005 der Vizekanzler ebenfalls über einen besonderen Arbeitsstab zur Koordinierung der Arbeit der Minister seiner Partei. Dieser Stab wurde im Außenministerium angesiedelt und 2011 ins Wirtschaftsministerium verlegt.

In den → Bundesländern sind über die Jahre ähnliche Ausweitungen bei den Spitzenämtern erfolgt, besonders die Größe der bayerischen Staatskanzlei fällt auf. Seit 1994 ist diese Entwicklung im → Saarland und in → Rheinland-Pfalz korrigiert worden. Auch in → Bremen, → Berlin und → Nordrhein-Westfallen wurden Einschnitte vorgenommen, 1999 reduzierte HB seinen Senat weiter auf sieben Mitglieder.

2. Funktionsweise



Die Funktionsweise der Br. lässt sich nach Art. 65 GG in drei Prinzipien fassen: 1. das Ressortprinzip, d. h. die verantwortliche Führung der einzelnen Ministerien durch ihre Minister, 2. das Kabinettsprinzip, d. h. die Debatte und Abstimmung aller Minister unter dem Vorsitz der → Bundeskanzlerin über Angelegenheiten von allgemeiner Bedeutung einschließlich aller Gesetzentwürfe und 3. die Richtlinienkompetenz der Bundeskanzlerin. Diese drei Prinzipien überschneiden sich und können in unterschiedlichen Regierungsstilen akzentuiert werden.

Jeder Minister leitet sein Ministerium. Dabei assistieren ihm die parlamentarischen und beamteten Staatssekretäre. Während der Minister kein Spezialist in seinem Ressort sein muss und in der Regel einer Regierungsfraktion entstammt, sind die obersten Beamten Spezialisten. Die Parlamentarischen Staatssekretäre sind gleichzeitig Abgeordnete. Im Bundeskanzleramt und im Außenministerium tragen sie den Titel Staatsminister.

Eine Hauptaufgabe der Ministerien ist die Vorbereitung von Gesetzen. Auch wenn der Bundestag Gesetzesinitiativen ergreift, werden die fachlichen Aspekte im Allgemeinen in den Ministerien erarbeitet, die nach der Geschäftsordnung der Br. dazu im Vorfeld Kontakte zu den entsprechenden Spitzenverbänden aufnehmen. Dies ist nur ein Aspekt der Interessenbeziehung und auch Interessenfärbung von Ministerien oder einzelnen Abteilungen und Unterabteilungen. Damit ergibt sich neben der verbandlichen Einflussnahme auch inside lobbying, d. h. die Vertretung von Eigeninteressen und Bereichsinteressen innerhalb der Bürokratie. Da die → Bundesländer nach dem GG die meisten Verwaltungsbereiche in eigener Zuständigkeit ausführen, verfügen nur wenige Bundesministerien über einen breiten administrativen Unterbau. Die größte Bundesverwaltung ist mit der → Bundeswehr verbunden. Quantitativ sind außerdem die Bundespolizei und die Finanz- und Zollverwaltung des Bundes zu nennen. Das Auswärtige Amt verfügt über einen umfangreichen diplomatischen Dienst. Neben diesen Großbehörden sind der Br. weitere 102 Oberste Bundesbehörden und andere Organisationen unterstellt, unter anderem das → Statistische Bundesamt, die → Bundesagentur für Arbeit, die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung, der Bundesdisziplinarhof, das Bundesarchiv und der Bundesbeauftragte für Stasi-Unterlagen.

Innerhalb der Ministerien gilt das hierarchische Prinzip der Weisung durch den Vorgesetzten: Der Minister kann seine Abteilungsleiter anweisen, dieser die Unterabteilungsleiter und diese schließlich die Referenten für die einzelnen Sachgebiete, die wieder mehrere Mitarbeiter haben können. Durch die Abgrenzung der Sachgebiete wird die Zuständigkeit jeder einzelnen Untergruppierung geklärt, gleichzeitig ergibt sich damit auch die Verantwortlichkeit der Beamten. Scheint einem Beamten eine Weisung sachlich falsch zu sein, so kann er remonstrieren und die Entscheidung des Vorgesetzten seines Vorgesetzten einholen. Werden seine Bedenken nicht berücksichtigt, so hat er die Entscheidung auszuführen. In der Praxis stellen sich Sachverstand der Beamten und politische Führung jedoch "als eine Art fortlaufender, wenn auch unausgesprochener Dialog dar", in dem beide Seiten aufeinander reagieren (Mayntz 1978: 194).
Gegenüber dem Parlament und der Br. trägt der Minister die Verantwortung für seinen Geschäftsbereich. Nach außen hin haben alle Beamten den Standpunkt des Ministers zu vertreten. Während die Beamten grundsätzlich unkündbare Fachleute sind, gilt für das eigentliche Führungspersonal, insbesondere die Staatssekretäre, die Pressesprecher und die persönlichen Referenten, der Status des "politischen Beamten", der jederzeit in den "einstweiligen Ruhestand" versetzt werden kann. Von dieser Möglichkeit wird meist Gebrauch gemacht, wenn die Parteizugehörigkeit des Ministers wechselt, zuweilen aber auch bei andersartigen Meinungsverschiedenheiten.

Aus Größe und Aufgabenbereich ergibt sich die unterschiedliche Wichtigkeit der Ministerien. Am meisten im Blickpunkt der Öffentlichkeit steht das Außenministerium, das seit 1966 immer vom Vorsitzenden oder einem Repräsentanten des zweitstärksten Koalitionspartners besetzt worden ist. Außenminister wie Brandt, Scheel, Genscher, Fischer und Steinmeier erreichten hohes Ansehen und politisches Gewicht, nur Guido Westerwelle konnte sein Prestige nicht im Außenamt mehren, da er innenpolitisch konfrontativ polarisierte. Nach der Verfassung haben das Innen-, Justiz- und Finanzministerium im Entscheidungsprozess besondere formale Rechte.

Insbesondere das Innen- und das Verkehrsministerium verfolgen die Ausführung der Bundesgesetze durch die Länder und bemühen sich um Koordinierung. Zur Abstimmung zwischen den Ministerien bestehen 2002 fünf Kabinettsausschüsse: der Bundessicherheitsrat aus Verteidigungs-, Außen-, Innen-, Justiz-, Finanz- und Entwicklungsminister und dem Chef des Bundeskanzleramtes, der Kabinettsausschuss Neue Länder, der Kabinettsausschuss für den Jahreswirtschaftsbericht, der Kabinettsausschuss für Zukunftstechnologie und der Kabinettsausschuss für Umwelt und Gesundheit.

Gesetzentwürfe der Br., zwischen Ministerien strittige Entscheidungen und andere wichtige Vorgänge werden vom Bundeskabinett behandelt. Es tagt wöchentlich unter Vorsitz der Bundeskanzlerin. Es berät vertraulich und legt durch Abstimmung die Linie der Br. fest, an die dann alle Minister gebunden sind. Die Positionen der Minister werden stark von Ressortzuständigkeiten und Parteiloyalitäten geprägt.

3. Verantwortlichkeiten und Konflikte

Schwerwiegende Konflikte hängen im Allgemeinen mit Parteigegensätzen oder mit Richtungskämpfen innerhalb einer Partei zusammen. Beispielsweise kritisierte 1950 der damalige Innenminister Heinemann (CDU), dass Bundeskanzler Adenauer, ohne das Kabinett zu informieren, den Westmächten die Aufstellung deutscher Streitkräfte angeboten hatte. Dahinter stand seine grundsätzliche Ablehnung einer deutschen Wiederaufrüstung kurz nach dem Krieg und seine Befürchtung, sie werde eine Wiedervereinigung (→ innere Einheit) auf lange Zeit unmöglich machen. Als das Kabinett mehrheitlich den Bundeskanzler unterstützte, trat Heinemann von seinem Amt zurück, verließ später die → CDU und gründete eine eigene Partei, die Gesamtdeutsche Volkspartei, die sich hauptsächlich gegen die Wiederbewaffnung wandte.

Der freiwillige Rücktritt aus politischer Überzeugung ist Ausnahme geblieben. Im Allgemeinen hängen Minister an ihrem Amt, das Ansehen und Einfluss eröffnet und das man nicht so leicht zurückgewinnt (auch hier ist Heinemann eine Ausnahme: Er wurde 1966 für die SPD Justizminister und 1969 → Bundespräsident). Ein ungewöhnlicher Fall von Verweigerung politischer Verantwortung war 1983/84 der des damaligen Verteidigungsministers Wörner, der gegen General Kießling ungerechtfertigte Beschuldigungen erhob, selbst mit einem zweifelhaften Belastungszeugen sprach und schließlich eine Ehrenerklärung für den General abgeben musste. Bundeskanzler Kohl beließ ihn im Kabinett, er war politisch aber sehr geschwächt und kein Widerpart mehr für den Bundeskanzler. Einen sehr honorigen Rücktritt nahm dagegen 1993 Innenminister Seiters wegen der Bad-Kleinen-Affäre, für die er nur die allgemeine politische Verantwortung trug. Ungewöhnlich waren der abrupte Rücktritt von Finanzminister Lafontaine 1999, der ohne jede öffentliche Begründung erfolgte, und die Entlassung von Verteidigungsminister Scharping acht Wochen vor der Bundestagwahl 2002.

1962 traten die Minister der → FDP aus der Koalitionsregierung mit der → CDU/ → CSU zurück, um ihre Missbilligung des Vorgehens von Verteidigungsminister Strauß gegen den "Spiegel" zum Ausdruck zu bringen. Ihr Rücktritt löste eine Regierungskrise aus und führte schließlich zum Ausscheiden von Strauß aus der Regierung. Als die FDP-Minister 1966 erneut zurücktraten, um gegen Steuererhöhungen und die unklare Politik Bundeskanzler Erhards zu protestieren, bildete die CDU/CSU mit der → SPD eine neue Koalitionsregierung. Aus diesen Ausnahmefällen werden die Spielregeln von → Koalitionen ersichtlich: Ein einzelner Minister hat wenig Chancen, sich gegen den Kanzler und seine Kollegen durchzusetzen, wenn er nicht eine → Fraktion oder einen Parteiflügel hinter sich hat, von dem die Regierungsmehrheit im Parlament abhängt. Die Meinung aller Minister einer Koalitionspartei hat mehr Gewicht als die von einigen Ministern verschiedener → Parteien, denn sie birgt die Gefahr einer Regierungskrise.

Im Allgemeinen versuchen die Parteiführungen, kritische Punkte schon vor der offiziellen Kabinettsberatung abzuklären, entweder in informellen Gesprächen oder in einem besonderen Koalitionsausschuss. Zudem werden seit 1961 schriftliche Koalitionsabkommen vereinbart, die eine Leitlinie für die Koalition sein sollen. Es hat sich eingebürgert, dass die personelle Besetzung von Ministerien dem Koalitionspartner überlassen bleibt, während die Kanzlerin die Minister ihrer eigenen Partei bestimmt.

Entscheidend für das Funktionieren einer Koalition und überhaupt die Arbeitsweise einer Regierung sind Position und Geschick der Bundeskanzlerin und ihres Amtes. Das → Grundgesetz gibt ihr beträchtliche Möglichkeiten. Sie schlägt dem Bundespräsidenten die Minister vor und ist auch für ihre Ablösung maßgebend. Kanzler Kohl hat diese Kompetenz mehrmals genutzt, um Minister von außen hereinzuholen, die zunächst keine parlamentarische Basis hatten (Süßmuth, Töpfer, Scholz, Lehr, Wallmann, Kanther). Vier dieser Berufenen haben sich durchgesetzt, zwei traten bald wieder zurück. Bundeskanzler Schröder hat 1998 schon als Kanzlerkandidat je einen externen Kandidaten für das Wirtschafts- und das Arbeitsministerium und für die Kultur benannt. Damit wollte er Öffnung demonstrieren und seine Wählerbasis verbreitern. Der Bundestag kann nur die Kanzlerin, nicht einen einzelnen Minister stürzen.

Im Bundeskanzleramt besitzt die Kanzlerin ein Informations- und Koordinationszentrum für die gesamte Br. Das Amt hat für jedes Bundesministerium Spiegelreferate, die die Politik der Ministerien verfolgen und koordinieren. Wenig entwickelt sind seine Fähigkeiten und Ressourcen strategischer Führung. Außerdem ist dem Bundeskanzleramt direkt das Amt für Presse- und Informationswesen unterstellt, dessen umfangreiche Geldmittel bis 1966 unkontrolliert für die Regierungspolitik genutzt worden sind, bis hin zur Bezahlung von Journalisten, die negativ über die → Opposition schrieben.

Die Bundeskanzlerin, die im Allgemeinen auch Vorsitzende der größten Regierungspartei ist, kann sich gegen einen Minister aus der eigenen Partei ohne viel Anhang eher durchsetzen als gegen einen Repräsentanten eines Flügels oder wichtigen Landesverbandes. Die Kanzlerin wird sogar bestrebt sein, führende Politiker im Kabinett zu behalten, damit sie nicht innerhalb der eigenen Partei eine Oppositionsrolle übernehmen. Kaum wirksam ist die Richtlinienkompetenz gegenüber dem Vorsitzenden einer starken Koalitionsfraktion, die aus der Koalition ausscheiden und mit der Opposition zusammen eine neue Br. bilden könnte. Gegen einen Minister der Koalitionspartei wird sich die Bundeskanzlerin nur durchsetzen können, wenn es ihr entweder gelingt, andere Minister oder die Parlamentsfraktion von ihrer Position zu überzeugen oder Zugeständnisse auf anderen Gebieten zu machen. Andernfalls muss sie es entweder auf eine Kraftprobe ankommen lassen oder den Streitpunkt "ausklammern" und ungelöst lassen. Eine starke Stellung hat die Kanzlerin, wenn Minister uneins sind. Sie kann die Stellung eines Schiedsrichters anstreben und Meinungsverschiedenheiten in der Koalition für sich ausnutzen. Über die Leitung und die Vorbereitung der Kabinettssitzungen kann sie den Gang der Beratungen beeinflussen. Die Überschneidung der drei Strukturprinzipien der Br. gibt den politischen Fähigkeiten der beteiligten Politiker hinreichend freien Raum.

Seit 1961 ist es üblich, dass die Vorsitzenden der Koalitionsfraktionen von Zeit zu Zeit an Kabinettssitzungen teilnehmen. Dies ist Ausdruck der engen Verschränkung und Koordination zwischen der Br. und den sie tragenden Fraktionen, die gegenseitig voneinander abhängig sind, weitgehend eine Handlungseinheit bilden und auch von der Öffentlichkeit als solche wahrgenommen werden. Darüber hinaus finden vielfältige informelle Kommunikationsprozesse innerhalb der Br. und ihrer Mehrheit sowie mit Verbänden, Unternehmen, Medien etc. statt, die der Vorbereitung und Absicherung von Entscheidungen dienen.

4. Berlin und Bonn

Nach langen und heftigen Auseinandersetzungen beschloss der Bundestag am 20.6.1991, den "Kernbereich der Regierungsfunktionen" in BE anzusiedeln, während "insbesondere die Bereiche, die mehr verwaltenden Charakter haben, ihren Sitz in Bonn behalten". Das Kanzleramt mit dem Presse- und Informationsamt ist in BE situiert, ebenso die Hauptsitze des Außen-, Innen-, Finanz-, Justiz-, Wirtschafts-, Arbeits-, Familien- und Bauministeriums. Dagegen blieben die Hauptsitze der übrigen Ministerien, darunter Verteidigungs- und Umweltministerium, in Bonn, ebenso viele Abteilungen der in BE arbeitenden Ministerien. Bonn bekam insgesamt 65 % der Arbeitsplätze zugesprochen.

Bei den Entscheidungsprozessen hatten die Eigeninteressen der Beamtenschaft starkes Gewicht, während Effektivitäts- und Reformüberlegungen vernachlässigt wurden (Müller 1994: 618). Damit ist das ungewöhnliche Experiment eines geteilten Regierungssitzes eingeleitet worden. Der von vielen Beobachtern erwartete "Rutschbahneffekt" von Bonn nach BE ist bisher nicht eingetreten. Allerdings residieren alle Minister hauptsächlich in BE, wo die Kontakte zwischen Regierung, Parlament, Medien, Verbänden, Botschaften und Landesvertretungen konzentriert sind.

Literatur

Busse, Volker/Hofmann, Hans 52010: Bundeskanzleramt und Bundesregierung. Aufgaben, Organisation, Arbeitsweise. Heidelberg.

Der Bundesminister des Innern, Arbeitsstab Berlin/Bonn 1992: Bericht der Bundesregierung zur Umsetzung des Beschlusses des Deutschen Bundestages vom 20. Juni 1991 zur Vollendung der Einheit Deutschlands. Bonn.

Florak, Martin/Grunden, Timo 2011: Regierungszentralen. Organisation, Steuerung und Politikformulierung zwischen Formalität und Informalität. Wiesbaden.

Holzapfel, Andreas 2011: Kürschners Handbuch der Bundesregierung: 17. Wahlperiode. Darmstadt.

Helms, Ludger 2005: Regierungsorganisation und politische Führung in Deutschland. Wiesbaden.

Kempf, Udo/Merz, Hans-Georg (Hrsg.) 2001: Kanzler und Minister 1949-1998. Biographisches Lexikon der deutschen Bundesregierung. Wiesbaden.

Kempf, Udo/Merz, Hans-Georg (Hrsg.) 2008: Kanzler und Minister 1998-2005. Biographisches Lexikon der deutschen Bundesregierung. Wiesbaden.

Korte, Karl-Rudolf/Fröhlich, Manuel 2004: Politik und Regieren in Deutschland. Strukturen, Prozesse, Entscheidungen. München.

Mayntz, Renate 1978: Soziologie der öffentlichen Verwaltung. Heidelberg/Karlsruhe.

Niclauß, Karlheinz 1988: Kanzlerdemokratie. Bonner Regierungspraxis von Konrad Adenauer bis Helmut Kohl. Stuttgart.

Rudzio, Wolfgang 2005: Informelles Regieren: Zum Koalitionsmanagement in deutschen und österreichischen Koalitionsregierungen. Wiesbaden.

Schmidt, Manfred G./Zohlnhöfer, Reimut 2006: Regieren in der Bundesrepublik Deutschland: Innen- und Außenpolitik. Wiesbaden.

Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 7., aktual. Aufl. Heidelberg: Springer VS 2013. Autor des Artikels: Dietrich Thränhardt


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