Deutschlandforschung

Deutschlandforschung (Df) lässt sich als multidisziplinärer und komparativer Zugriff auf D und damit als Variante der area studies beschreiben. Damit wird für ein weites Verständnis des Begriffs plädiert, der im globalen Fokus auf Deutschland- und Europastudien zielt. Die Df. durchlief dank methodischer Innovationen und Veränderungen des Objekts D mehrere Entwicklungsstadien, die als Emanzipation von der Politikberatung zu interpretieren sind. Verbindlicher Kern bleibt über diese Transformationen hinweg das Bemühen um eine "integrierende Betrachtung" (Anweiler u. a. 1990) disparater Sachverhalte und die Erfahrung von Differenz in D: anfangs im Kontext von deutscher Teilung und deutscher Frage, dann im Transformationsprozess des vereinten Lands ab 1990, nun im vergleichenden europäischen Horizont. Die Internationalisierung der Df mit Forschungszentren auf drei Kontinenten belegt die Fruchtbarkeit des interdisziplinären Ansatzes im Sinne einer "ganzen Df." (Bleek 1999).

Df im engeren Sinne konzentrierte sich lange auf die mit der deutschen Teilung und Vereinigung verbundenen Probleme von Deutschlandpolitik und deutscher Frage sowie die Entwicklung der → DDR als totalitäres System sowjetischen Typs. Ab 1950 erwachsen aus der kritischen Analyse von z. T. durch Erfahrungen in der DDR sensibilisierten Sozial- und Politikwissenschaftlern, verknüpfte die DDR-Forschung bald Experten vieler Disziplinen. Oft politiknahe Institutionen (Forschungsbeirat für Fragen der Wiedervereinigung Deutschlands; Gesamtdeutsches Institut) untersuchten, um einer baldigen Wiedervereinigung zuzuarbeiten, die gewaltsame Veränderung aller Lebensbereiche in der DDR und die Machtgrundlagen der SED-Diktatur.

Die Zäsur von 1961 erforderte neue theoretische Ansätze und eine Schärfung des methodischen Bewusstseins. Quellen wie Flüchtlingsbefragungen fielen weg, die interdisziplinäre Verschränkung wurde durch gegenseitige Erhellung von Sachverhalten (Nutzung literarisch- publizistischer Materialien für soziale Sachverhalte bzw. Veränderung von Einstellungen) befördert. Die dominante Richtung der sozial- und politikwissenschaftlichen Df. versuchte nun, die Entwicklung in der DDR an ihren selbst gesetzten Maßstäben zu messen und zu beschreiben. Diese "kritisch-immanente Methode" (P.-Chr. Ludz) stand im Horizont der internationalen Entspannung und der Annahme industriegesellschaftlicher Systemkonvergenz. Man registrierte Strukturveränderungen und Teilerfolge der DDR, blendete aber die diktatorische Machtausübung der SED (u. a. durch den Staatssicherheitsdienst) partiell aus.

Brandts neue Ostpolitik gab Impulse für den Systemvergleich von DDR und BRD (Materialien zur Lage der Nation, ab 1971; DDR-Handbuch, 1975, 1985) und trug zur Funktionalisierung durch Politikberatung und politische Bildung wie zur methodischen und politischen Ausdifferenzierung der Df bei. Die "Gesellschaft für Deutschlandforschung" (1978 ff.) plädierte für eine kritischere Bewertung der DDR und betonte das Ziel der nationalen Einheit, das auch in Teilen der Politik infrage gestellt wurde. Erweitert wurde das Spektrum durch Diskussionen um die "deutsche Identität" und die "Bundesrepublikforschung".

Nach der allseits unerwarteten Vereinigung infolge der Friedlichen Revolution resultierte die methodisch-politische Divergenz in Kontroversen um das angebliche prognostische Versagen und die unkritische Bewertung der DDR, etwa ihrer Wirtschaftskraft. Zugleich erwachte nun in den Fachdisziplinen ein neues Interesse an Themen der Df. durch die zeithistorische Aufarbeitung der SED-Diktatur und die Untersuchung der Transformationsprozesse in Ostdeutschland. Zu dieser Frage entwickelte sich ab 2005, getragen von einem Netzwerk ostdeutscher Forschungsinstitute, als jüngste Variante der Df. die "Ostdeutschlandforschung". Hier wie in anderen Feldern der historisch-politischen Aufarbeitung und der Transformationsforschung wird der Wert interdisziplinärer Kooperation neu betont. Sie findet auch im Fachorgan "Deutschland Archiv" (seit 2011 im Internet zugänglich) ihren Ausdruck.

Dies wird ebenso bei der Internationalisierung der Df. als ihrer wichtigsten Entwicklungsrichtung erkennbar. Die Arbeit vieler seit 1990 im Ausland geschaffener Forschungszentren in der Ausbildung von Deutschland- und Europaexperten ist vom integrierenden Blick geprägt. 18 vom DAAD geförderte Institute in den USA (6) und Kanada (2), in Bulgarien, China, Frankreich, Großbritannien, Israel (2), Japan, den Niederlanden, Polen und Russland arbeiten in einer "Konferenz der Zentren für Deutschland- und Europastudien" zusammen (nächste Sitzung 2012 in Peking). Gerade weil, zumal im angloamerikanischen Bereich, der Erfolg der German Studies den Rückgang philologischer Interessen (und des Fachs Germanistik) anzeigt, fordert dieser internationale Trend die Df. in D selbst heraus: zur Verbindung von Df. mit Deutschland- und Europastudien zu einer D im europäischen Kontext erfassenden praxisorientierten "Landeswissenschaft" (W. Schmitz). Die Arbeit der beiden 1989 gegründeten Institute für Df. in Bochum und HB trägt dieser Aufgabe in differenzierter Form Rechnung.

Literatur



Anweiler, Oskar u. a. 1990: Vergleich von Bildung und Erziehung in der Bundesrepublik Deutschland und in der Deutschen Demokratischen Republik. Materialien zur Lage der Nation. Hrsg. vom Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen. Köln.

Bleek, Wilhelm 1999: Deutschlandforschung, in: Weidenfeld, Werner/Korte, Karl-Rudolf (Hrsg.): Handbuch zur deutschen Einheit, 1949-1989-1999. Neuausgabe. Frankfurt a. M./New York.

Hüttmann, Jens 2008: DDR-Geschichte und ihre Forscher. Akteure und Konjunkturen der bundesdeutschen DDR-Forschung. Berlin.

Probst, Lothar/Schmitz, Walter (Hrsg.) 2002: German Studies – zwischen Kultur- und Sozialwissenschaften. Dresden.

Stierstorfer, Klaus (Hrsg.) 2003: Deutschlandbilder im Spiegel anderer Nationen. Literatur, Presse, Film, Funk, Fernsehen. Reinbek.


Quelle: Andersen, Uwe/Wichard Woyke (Hg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 7., aktual. Aufl. Heidelberg: Springer VS 2013. Autor des Artikels: Frank Hoffmann




 

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